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Medienarchiv

DB-Nummer: 15
10.20379/dbaud-0015

Die Ermordung einer Butterblume : Günter Grass liest Alfred Döblins Erzählung

Döblin, Alfred

PEN-Autoren stellen Texte von Schriftstellern vor, die in der Zeit des Nationalsozialismus Deutschland verlassen mussten. Die Sendung ist ein Mittschnitt einer Veranstaltung des PEN-Treffens 1980 in Bremen. Günter Grass liest Alfred Döblins Erzählung "Die Ermordung einer Butterblume" Herr Michael Fischer geht an einem heißen Sommerabend spazieren, vom Immenthal nach St. Ottilien. Er schwingt ein Spazierstöckchen und bleibt damit unversehens an ein paar verschlungenen Blumen hängen. Er reißt daran herum, kommt aber nicht los. Außer sich vor Wut, stürzt er sich mit dem Stock auf die Pflanzen, haut drauf, dass Stiele und Blätter durch die Luft wirbeln. Schnaubend geht er weiter, bemüht sich, seine Fassung wiederzufinden: Es soll ihn niemand in dieser unwürdigen Erregung sehen. Doch er muss immer wieder an die Blumen denken. Er vergleicht die Hiebe mit den Ohrfeigen, die er an seine Lehrlinge im Kontor austeilt. Dann sieht er sich in seiner Phantasie selbst, wie er einer Butterblume den Kopf abschlägt. Er sieht, wie der Kopf ins Gras fällt, wie er immer tiefer fällt, bis ins Erdinnere, er sieht, wie weißes Blut aus dem Halsstumpf quillt und auf ihn zuläuft, so dass er zusehen muss, der Flut zu entkommen. Gleichzeitig findet er seine Gedanken lächerlich. Er will seine eigenwilligen Gedanken zum Gehorsam zwingen. Er bespöttelt seine Furchtsamkeit, überlegt, wie sich ein Plakat machen würde: "Mord begangen an einer erwachsenen Butterblume" Er stellt sich vor, wie der abgehauene Kopf der Blume allmählich verwest und wie die flüssigen Verwesungsprodukte auf ihn zulaufen. Ihm wird übel vor Ekel und erwägt, umzudrehen. Aber seine Füße laufen von alleine weiter, auch sie sind ungehorsam. Er zieht ein Taschenmesser hervor und überlegt, es sich ins Bein zu stoßen. Schließlich dreht er um, um die Blume zu begraben. Er stellt sich vor, dass die Blume Ellen heißt, bittet die anderen Blumen, ihm bei der Suche zu helfen, er sei Samariter und wolle ihr helfen. Schließlich wird ihm klar: Er wird die Blume nicht finden, sie ist tot, von seiner Hand ermordet. Man wird über ihn herfallen, aber er findet, es ist sein Recht, Blumen zu töten. Plötzlich merkt er, dass sich der Waldweg, auf dem er geht, verengt, als wolle ihn der Wald in eine Falle locken: Die Bäume treten zum Gericht zusammen. Fischer beginnt zu laufen, torkelt ungestüm durch Dickicht, kommt mit zerfetztem Anzug und blutender Stirn bei Dunkelheit im Dorf an. Er geht nach Hause, versteckt seine Kleider. Am nächsten Tag im Büro ist er wie versteinert, ungewohnt still. Dann wieder spricht er davon, einmal richtig aufzuräumen im Geschäft und überall, er lasse sich von niemandem auf der Nase herumtanzen. Er beginnt, Geld für die Butterblume beiseite zu legen, dann opfert er Speise und Trank für sie. Er weint um die Getötete, denkt sogar an Selbstmord. Zwischendurch aber ärgert er die Blume, betrügt sie um ihr Speiseopfer, gibt Butterblumen als Leibgericht an. Er geht wieder spazieren, gräbt eine Butterblume aus, vielleicht eine Tochter von Ellen, und stellt sich vor, er rette ihr das Leben, sühne damit seine Tat. Er pflanzt sie in einen goldenen Top, hört mit Geld- und Speiseopfern auf. Es beginnt, ihm besser zu gehen, sein Selbstbewusstsein steigt. Eines Abends erklärt Fischers Haushälterin, sie habe den Topf zerbrochen und ihn mitsamt der Blume weggeworfen. Fischer quiekt vor Glück: Er hat die Kompensationsblume los, ohne dass man ihm einen weiteren Mord anhängen kann. Er ist die ganze Butterblumensippschaft los. Er hat den Wald übertölpelt. Lachend verlässt er das Haus und verschwindet im Dunkel des Bergwaldes.



Urtitel:
Autoren lesen Exil-Schriftsteller
Anfang/Ende:
Meine Damen und Herren … Dunkel des Bergwaldes. (BEIFALL)
Genre/Inhalt:
Erzählung
Präsentation:
Lesung
Historischer Kontext:

Original: Mitschnitt einer öffentlichen Veranstaltung in der Bremer "Glocke" im Rahmen des PEN-Treffens 1980 in Bremen - PEN-Autoren lesen Texte von Schriftstellern, die während des Nationalsozialismus Deutschland verlassen mußten. Band A (39'30) Einleitung: Walter Jens Günter Grass liest Alfred Döblins Erzählung "Die Ermordung einer Butterblume" Band B (34'35) Eberhard Fechner liest Lion Feuchtwangers Erzählung "Wollstein" Manfred Franke liest Auszüge aus "Örtlichkeiten" von Jean Améry Wolfgang Bächler liest vier Gedichte von Theodor Kramer Band C (38'10) Horst Krüger liest sechs Gedichte von Mascha Kaleko Dieter Kühn liest ein Gedicht von Max Hermann-Neiße Lesung von fünf Gedichten von Else Lasker-Schüler Martin Gregor-Dellin liest ein Tagebuchblatt von Alfred Kerr Schlußwort von Walter Jens

Schlagworte:

Person:
Döblin Alfred
Geo:
Bremen (Glocke)
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
20.09.1980
Datum Erstsendung:
27.02.1981
Aufnahmeort:
Bremen: Glocke
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Mono
Original:

Originallänge:
01:52:15
Kopie:

Länge der Kopie:
00:33:26
Tonträger:
DAT
Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Herkunft:

Sender / Institution:
Radio Bremen (RB)
Archivnummer:
WO4815
Produktionsnummer:
122474
Teilnehmende:

Person:
Döblin, Alfred (Autor(in))
Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))

Zitieren

Zitierform:

Döblin, Alfred: Autoren lesen Exil-Schriftsteller. Bremen: Glocke .

Rechte

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