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DB-Nummer: 22
10.20379/dbaud-0022

Der Golfkrieg - Wolf Scheller im Gespräch mit Günter Grass

Wolf Scheller im Gespräch mit Günter Grass Grass zu den Empfindungen, die er zum Golfkrieg gehabt hat: er sei entsetzt gewesen, wie durch Waffenlieferungen aus Deutschland, chemische Waffen und Trägerraketen eine tägliche Gefahr für Israel entstanden sei; hier würde sich fortsetzen, was mit Auschwitz begonnen worden sei; es gebe keine demokratisch-politische Reaktion darauf; eine Bundesregierung, die dies zu verantworten habe, müsse zurücktreten; im Inland werde dies aber wie ein Kavaliersdelikt behandelt; es gebe bußfertige Reisen nach Israel und man glaube, man könne mit Geld alles wiedergutmachen; dieser Vorgang sei beschämend; er [Grass] wolle sich aber weder in seinen Argumenten noch in Gegenargumenten der Logik des Krieges anpassen; die Konflikte im Nahen und Mittleren Osten wie auch in anderen Teilen der Welt seien durch Kriege nicht zu lösen; man müsse sich daran erinnern, wie wichtig der Krieg in Vietnam gewesen sei: dass die Freiheit in Vietnam verteidigt werden würde, sei ein Schwindel gewesen; zurückgeblieben sei - wie auch im Fall Afghanistan - ein zerstörtes Land; das Land sei vergiftet, bis heute gebe es Hungersnöte; die Konflikte würden durch Kriege verschärft werden und nicht gelöst; im Fall Irak sei absichtlich von den USA versäumt worden, das Mittel des wirtschaftlichen Boykotts zu nutzen. Scheller: Grass spricht von deutscher Schuld und von einem Rücktritt der deutschen Regierung; die Verflechungen von Wirtschaft und Politik sind aber nicht nur ein Problem der jetzigen Regierung; das Thema Waffenexport hat immer schon eine große Rolle gespielt; der Export von Waffen in Krisengebiete sei inzwischen verboten, finde aber unter der Hand trotzdem statt; was würde Grass der SPD empfehlen, wenn die SPD in der Regierung wäre, um mit diesem Problem umzugehen? Grass: Es müsse nicht nur strengere Ausfuhrbedingungen und -kontrollen geben; die Rüstungsindustrie müsse schrittweise auf zivile Güter umgstellt werden. Scheller: Unter deutschen Schriftstellern und Intellektuellen gibt es unterschiedliche Meinungen zum Irak-Krieg; Grass kann sich der Gleichsetzung Saddam Husseins mit Adolf Hitler und der bedinungslosen Eliminierung Husseins nicht anschließen. Grass: Der Vergleich sei nicht nur dumm, sondern auch gefährlich; der Vergleich verharmlose Hitler, aber auch in anderer Weise den Diktator Hussein; im Aufsatz von Hans Magnus Enzensberger würden auch das deutsche Volk von 1933 mit den Arabern als Fundamentalisten miteinander verglichen; dieser Vergleich sei unsäglich und beleidigend; die Deutschen seien hauptverantwortlich für den Ersten Weltkrieg; der Versailler Vertrag sei zu streng gewesen und habe Ressentiments gefördert; der über zweihundert Jahre währende Kolonialismus und der anschließende Neo-Kolonialismus seien mit nichts zu vergleichen; es geschehe relativ oft, dass in die Souveränität von Staaten eingegriffen werde; zu einer Reaktion wie im Falle Irak habe es aber nur kommen können, da es in dieser Region Öl gebe; es gruppiere sich offenbar eine neue Weltordnung: auf der einen Seite die Industrienationen, auf der anderen die Dritte und Vierte Welt; da die Deutschen die Waffenlieferungen mit zu verantworten hätten, seien sie nun dazu vepflichtet, Israel zu helfen; dabei die Palästinenserfrage nicht aufnehmen zu wollen, sei aber sehr gefährlich; Israel könne nur ein sicherer Staat werden, wenn man die Zukunft der Palästinenser sichere; mit der Siedlungspolitik schaffe sich Israel selbst einen Unsicherheitsfaktor; es sei falsch, dies gegenüber Israel nicht auch klar auszusprechen.



Urtitel:
Gespräch mit Günter Grass zum Golfkrieg und zur sozialen Situation in der einstigen DDR
Anfang/Ende:
(Anmoderation) Redakteur im Studio…eine gute Nacht (Abmoderation)
Genre/Inhalt:
Politik
Präsentation:
Gespräch
Historischer Kontext:

Ende des zweiten Golfkrieges

Schlagworte:

Person:
Enzensberger Hans Magnus; Bush George; Hussein Saddam; Hitler Adolf
Sach:
Golfkrieg; Waffen; Raketen; SPD; Rüstung; Kolonialismus
Geo:
Israel; Irak; Vietnam; Afghanistan; Bonn; Naher Osten; USA; Dritte Welt
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
01.02.1991
Datum Erstsendung:
24.02.1991
Aufnahmeort:
Behlendorf
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Mono
Anmerkung Qualität:
Leicht verzerrter Ton
Original:

Originallänge:
00:18:28
Analog/Digital:
reformatted digital
Original-Tonträger:
DAT
Datenformat:
nicht zutreffend
Kopie:

Länge der Kopie:
00:09:35
Tonträger:
DAT
Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Herkunft:

Sender / Institution:
Westdeutscher Rundfunk (WDR)
Sendereihe:
Themen der Zeit
Archivnummer:
1005387005
Teilnehmende:

Person:
Scheller, Wolf (Interviewpartner)
Person:
Scheller, Wolf (Redaktion)
Person:
Grass, Günter (Beitragende(r))
Person:
Kogel, Jörg-Dieter (Vorredner(in))

Zitieren

Zitierform:

Gespräch mit Günter Grass zum Golfkrieg und zur sozialen Situation in der einstigen DDR. Behlendorf .

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