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DB-Nummer: 26
10.20379/dbaud-0026

Literaturkritik heute - Selbstherrlichkeit, Schaukämpfe, Triumph des Sekundären : Gespräch mit Günter Grass

In der Dankrede für den Preis der Akademie der Künste hat sich Grass kritisch mit der Literaturkritik heute geäußert, hat von der Hybris des Sekundären gesprochen. Die Kritik habe sich von den Werken und Autoren abgelöste. Grass selbst wurde vorgeworfen, er ärgere sich bloß über die negative Kritik der letzten Jahre. Dem widerspricht Grass kategorisch. Er meint den ganzen Kulturbetrieb, dass etwa die Theaterinszenierung wichtiger wird als das Stück, dass bei Musikaufführungen der Name des Dirigenten, etwa Karajan, groß geschrieben werde, der des Komponisten, Beethoven, klein. Dies geht bis in den politischen Bereich hinein. Man setzt sich nicht mehr an den Forderungen der Gegenwart, etwa der missglückten deutschen Einheit, sondern setzt sich mit Sekundärmaterial auseinander, die Dokumente der Stasi sind wichtig im derzeitigen Wahlkampf. Das Sekundäre spielt sich als das Primäre auf. Das auch in der Literaturkritik, die das Buch nur als Anlass nimmt, um sich selbst zu feiern. Herder hat daran erinnert, was Literaturkritik eigentlich sein müsste, sie muss beim Autor, beim Ursprung, beim Werk ansetzen. Das Original wird überdeckt oder zum Stichwortgeber degradiert. In einer kurzen Rede wird natürlich auch von Polemik gebraucht gemacht, Ausnahmen gibt es also, etwa Joachim Kaiser oder Vormweeg. Sie kennen ihre eigenen Grenzen und kommen zu nützlichen, dem Leser behilflichen Texten. Auch in den Rundfunkanstalten, in Hannover, Radio Bremen, Norddeutscher Rundfunk. Das sind Oasen, der Trend geht hin zum Sekundären. Auch in Sachen Kultur bedienen wir uns aus dem Second-Hand-Shop. Nützliche Kritik für den Autor gab und gibt es auch, das Gespräch mit Kollegen, damals war es die Gruppe 47. Eine andere Form ist der Leserbrief, der ohne Intention geschrieben wird, Grass entsinnt sich Rückmeldungen zu Zeiten von "Der Butt". Als Autoren wissen wir sehr wenig vom Buch, der sich im Moment der Veröffentlichung vom Autor lösen. Der Leser ist der Koproduzent. Das Buch ist tot, wenn es nicht vom Leser reanimiert wird. Germanisten, die an der einzigen richtigen Interpretation hängen, mögen sagen, dass viele falsche Lesarten zustande kommen, aber das ist egal. So kann sich Grass zwar nicht erinnern, wie er mit 15 Jahren erstmals Dostojewski gelsen hat, aber es hat ihm damals etwas gegeben. 50 Jahre später kommt beim gleichen Buch ein ganz anderes Leseerlebnis zustande. Der Kritiker muss mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln versuchen, zu dem Autor hinzuführen, ihn an seinen Intentionen messen, an seinem Kontext. Ziemlich früh gab es bereits in Deutschland den Widerspruch in der Konstruktion der Kritik. Einerseits gab es Kritiker wie Herder und Lichtenstein, andererseits den selbstherrlichen Schlegel, der die Kritik als eigene Kunstform betrieb und diese Hybris mit in Gang gesetzt. Theodor Fontane, der selber ein bescheidener Kritiker war, hat geschrieben, alle Rezensionen seiner Bücher seien von Verbrechern geschrieben (außer die von Brahm oder Schlender). Ein Buch ist ein ästhetisches Produkt und befolgt oder bricht ein Regelwerk. Wenn ein Kritiker darauf reagiert, sollte er sich in dieser Ästhetik bewegen. O-Ton Grass: "Wir erleben, dass ein Großkritiker ein Buch einfach ablehnt, weil es im Norden Schwedens spielt und er sich nicht vorstellen kann, dass in einer solchen Region Literatur entstehen kann, oder weil das Buch weniger als 200 Seiten oder mehr als 200 Seiten hat. Lauter Äußerlichkeiten, die als kritische Maßstäbe leider Schule gemacht haben, wie auch der Satz: "Der Kritiker hat sich gelangweilt" und überhaupt nicht mehr hinterfragt wird, ob es vielleicht an ihm liegen könnte. Lichtenberg: "Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen und es klingt hohl, muss es nicht unbedingt am Buch liegen." Das sei einigen, auch den Großkritikern ins Stammbuch geschrieben." In Notzeiten musste Grass nur ins Ausland blicken oder hinfahren, um zu erleben, dass nicht nur Einzelwerke in den Blick genommen wurden, sondern das Gesamtwerk, auch von Kollegen wie Salman Rushdie oder John Irving, die sich zu Grass geäußert haben. Selbst dort wo es kritisch ist, etwa bei John Updike, geht es allein vom vorliegenden Buch aus. In England wurde früher nach angelsächsischer Tradition gefragt: Wo ist der Plot. Das hat inwischen nachgelassen. Auch in Skandinavien ist der angelsächsischen Schule gefolgt. In Kritiken dieser Schule findet sich zum Beginn der Rezension fast immer eine straffe Inhaltsangabe. Es soll eine Dienstleistung sein an den Zeitungsleser, der sich über den unübersichtlichen Buchmarkt informieren kann. Es wird die Intention des Autors erforscht und das Resultat daran gemessen. Das Bemühen um ein objektives Urteil ist da, wenn es subjektiv wird, wird dies deutlich gemacht. Grass will nicht, dass Literaturkritik nur noch in der Ablieferung von Inhaltsangaben besteht. Aber die Substanz der meisten Kritiker reicht einfach nicht zur Selbstfeier aus. Der Chor der Kritiker in der Gruppe 47 war beeinflussend für Grass, die einander widersprechenden Meinungen, in denen nicht nur Joachim Kaiser stegreif eloquent gesprochen hat, auch Martin Walser war da und Peter Rühmkorf und auch Grass selbst, wenn es um andere Autoren ging. Hieraus ließen sich Erfahrungen ableiten. Es gibt sicher Hochzeiten der Literatur, etwa die Sechziger Jahre und die Siebziger Jahre, nicht nur in Deutschland und auch in anderen Kunstrichtungen. Dann gibt es andere Zeiten, in denen eine Generation etwa ihr Thema nicht wahrnimmt, etwa 1968. Das wenige, das daraus entstanden ist, drei Romane von Delius, sind von der Kritik in den Boden gestampft worden. Dies mussten viele Autoren erfahren. Die Missachtung vor dieser Arbeitsleistung ist empörend. Köpf, Gerold Späth, Gerd Hoffmann sind oder waren großartige Erzähler, die nicht wahrgenommen wurden. Sowie etwas von Köpf kommt, sind die eingespurten Maßstäbe gültig, nicht das neue Buch. Grass vermisst heute etwas im Bereich der Lyrik. Das liegt daran, dass die neue Ich-Befindlichkeit schon seit den Achtziger Jahren zu einer Form von Lyrik geführt hat, die an das Gräserbewispern von Autoren der Fünfziger Jahre erinnert. Der Schmerz einer Ingeborg Bachmann ist nicht zu hören, die Schärfe und Bissigkeit eines Hans Magnus Enzensberger, nicht zu vergleichen mit dem lammfrommen von heute, die Lust am zuweilen verqueren Reim eines Peter Rühmkorf, der reimen kann - all das ist im Bereich der Lyrik nicht mehr in dem Maß mehr zu hören. Theobaldi oder auch Kolbe, das wird immer leiser, soweit ich es vernehme. Alles versinkt in Ich-Bezogenheit. Es herrscht eine Art Überdruss bei der heutigen Kritik vor. Grass wundert, warum sich diese Menschen mit einem solchen Missbehagen nicht einen anderen Beruf wählen. Dieses Missbehagen wird an den Autoren ausgelassen. Dies führt zu dem nörgelnden, neidischen Ton. Kein Autor kann dafür, wenn die Kritiker missglückte Autoren sind.



Urtitel:
Selbstherrlichkeit, Schaukämpfe, Triumph des Sekundären - Gespräch mit Günter Grass
Anfang/Ende:
Herr Grass, Sie…Triumph des Sekundären. (Abmoderation)
Genre/Inhalt:
Literaturkritik
Präsentation:
Gespräch
Historischer Kontext:

Vgl. Zimmermann: Günter Grass unter den Deutschen, S. 523f.

Schlagworte:

Person:
Lichtenberg Georg; Reich-Ranicki Marcel; Enzensberger Hans Magnus; Rühmkorf Peter; Karajan Herbert von; Beethoven Ludwig van; Kaiser Joachim; Herder Johann Gottfried
Werke:
Der Butt; Ein weites Feld; Über das Sekundäre aus primärer Sicht
Sach:
Preis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste; Literaturkritik; Hypris des Sekundären; Kritik; Gruppe 47
Geo:
München
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
04.09.1994
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Mono
Original:

Originallänge:
00:29:27
Kopie:

Länge der Kopie:
00:29:31
Tonträger:
DAT
Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Herkunft:

Sender / Institution:
Radio Bremen (RB)
Sendereihe:
Journal für Literatur
Archivnummer:
940904LR01
Teilnehmende:

Person:
Zimmermann, Harro (Interviewpartner)
Person:
Zimmermann, Harro (Redaktion)
Person:
Grass, Günter (Beitragende(r))

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Zitierform:

Selbstherrlichkeit, Schaukämpfe, Triumph des Sekundären - Gespräch mit Günter Grass.

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