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Medienarchiv

DB-Nummer: 54
10.20379/dbaud-0054

Ich bin ein Zeit-Genosse : Gespräch mit Günter Grass über Deutschtümelei, Kulturprotzerei und seine Versöhnung mit Bremen

(Ab 00:04) Grass: Das ist eine lügnerische Behauptung. Ich bin schon beim Rechtsanwalt gewesen. Es gibt Augenzeugenberichte, die nachweisen, dass der SPIEGEL hier Lügen verbreitet. (Ab 00:20) Frage: Wie konnte es hierzu kommen? Haben Sie irgendeine Veranlassung für diese Handlungsweise des Nachrichtenmagazins gegeben? (Ab 00:25) Grass: Da müssen Sie den SPIEGEL fragen. Es gibt eine Tendenz, auch im STERN, die hier wieder zum Ausdruck kommt. Es ist ein Jammer um dieses Verdienstvolle Magazin. (Ab 01:03) Frage: Der SPIEGEL schreibt, Sie hätten in Danzig den Wunsch nach Übersetzungen schroff zurückgewiesen. (Ab 01:10) Grass: Das war nicht der Fall. Ich habe auf Wunsch der Germanisten aus zwei Büchern gelesen, dem Butt und der Rättin. Da sie nicht übersetzt sind, aus der deutschen Fassung. Es kamen aber neben den Germanisten noch andere. Es war angekündigt, dass sofort diskutiert würde, was anders geplant war. Nach der vierzigminütigen Lesung wurde dann diskutiert mit Übersetzern natürlich. Mir Deutschtümelei vorzuwerfen, ist ein Stück Rufmord. Ich bin deutscher Schriftsteller mit Geschichtsbewusstsein. Aber ich trete gegen jede Form des Nationalismus an, übrigens auch gegen den anderer Nationen. (Ab 02:30) Frage: Als Sie in Ihrer Heimatstadt Danzig ankamen, hatten Sie da ein gutes Gefühl? (Ab 02:37) Grass: Ich habe Verwandte dort. Da reißt der Faden nicht ab. Über dem ganzen Land Polen liegt natürlich eine melancholische Stimmung. Die Lage ist fatal. Es war nicht vorauszuahnen, dass ausgerechnet die Lenin-Werft geschlossen werden sollte. Die Gewerkschaft wird enger zusammenrücken. (Ab 04:04) Frage: Noch ist Polen nicht verloren, auch Ihrer Meinung nach? (Ab 04:07) Grass: Natürlich nicht. Weil die Polen aus ihrer Geschichte heraus einen Widerstandswillen haben. Die Polen haben eine Stärke, unter Druck sich ihre besondere Freiheit zu erhalten. Das ist meines Wissens auch in den schlimmsten Zeiten so gewesen, die Polen haben sich nie das Recht auf eine eigene Meinung nehmen lassen. (Ab 05:10) Frage: Wie steht es mit Ihren Bücher in Polen, Herr Grass? (Ab 05:12) Grass: Bis die Blechtrommel herauskam, musste erst eine Untergrundversion herauskommen, es gab eine Übersetzung von Katz und Maus. Ich habe meinen Übersetzer in Polen getroffen, der sagte, dass nächstes Jahr Hundejahre erscheinen soll. (Bis 05:41) MERKWÜRDIGE PAUSE Teil 2: (Ab 05:48) Grass: Es gab mal ein Seminar, zu dem ich wegen eines fehlenden Visum nicht kommen konnte. Da hieß ein Referat: Welche Lücke füllen die Bücher von Günter Grass in Polen aus? Es gab Danksagungen, dass ich Chronist nicht nur des untergegangenen, sondern besonders im Butt auch des Danzig von heute bin. Beschrieben wird der Streik. Das hätte ein polnischer Autor zwar schreiben, aber nicht veröffentlichen können. Obwohl dieser Roman nicht auf polnisch erschienen ist, so ist er doch dieser Teil des Buches weithin bekannt. (Ab 07:29) Frage: In einer Rede vor der Akademie der Künste haben Sie die heutige Kulturhektik kritisiert. Was meinen Sie damit? (Ab 07:44) Grass: Ich habe es eine Ablenkkultur genannt. Die sozialen Verhältnisse werden nicht wahrgenommen und verdeckt. Die Künstler, die das tragen, machen das nicht absichtsvoll. Aber es ist eine Überfütterung mit großformatigen Veranstaltungen, die inflationär ist. Kultur wird nur noch konsumiert. Wie das Holsteinfestival. Großproduktionen verdecken regionale Kulturschaffende. Keinesfalls sollen Gelder gekürzt werden, ganz im Gegenteil. Aber die Missstände müssen von der Kultur deutlich gemacht werden. (Ab 10:20) Frage: Sie waren nun in Bremen. Sind Sie mit dieser Stadt nun ausgesöhnt? (Ab 10:26) Grass: Ich war nie von Bremen verletzt. Als junger Autor hat mich die törichte Handlungsweise des Bremer Senats eher belustigt. Ich bin da rasch drüber hinweggekommen. Habe es immer in meine Biographie hereingeschrieben: Von der Jury verliehen, vom Senat abgelehnt. Die Stadt habe ich nie gemieden. Ich war oft da bei Lesungen und im Wahlkampf. Ich war nie Verquer mit den Bürgern der Stadt. Deswegen sehe ich auch die Veranstaltung unabhängig davon. Der Direktor der Kunsthalle hat mich eingeladen und ich bin froh und stolz, dass die Calcutta-Blätter Bestandteil hiervon sind. Das Publikum war ebenfalls sehr geduldig, obwohl ich ihnen viel zugemutet habe. (Ab 12:04) Frage: Was wäre gewesen, wenn die zuständige Senatorin Ihnen heute gegenübergetreten wäre. Hätten Sie ihr die Hand gegeben? (Ab 12:14) Grass: Aber selbstverständlich. Ich hätte Sie gefragt, ob sich ihre Einstellung zum Buch verändert hat. Es hätte sicherlich ein interessantes Gespräch gegeben.



Urtitel:
Ich bin ein Zeitgenosse - Gespräch mit dem Zeichner und Schriftsteller Günter Grass über Deutschtümelei, Kulturprotzerei und seine Versöhnung mit Bremen
Anfang/Ende:
(Setzt abrupt ein) Das ist eine lügnerische…interessantes Gespräch gegeben.
Genre/Inhalt:
Kultur
Präsentation:
Gespräch
Schlagworte:

Person:
Augstein Rudolf
Werke:
Der Butt; Die Rättin; Hundejahre; Katz und Maus; Die Blechtrommel; Calcutta-Blätter
Sach:
Wiedervereinigung; Der Spiegel; Der Stern; Übersetzung; Nationalismus; Lenin-Werft; Gewerkschaft; Solidarnosc; Akademie der Künste; Ablenkkultur; Holsteinfestival; Bremer Literaturpreis; Bremer Senat; Wahlkampf; Kunsthalle; Calcutta-Blätter; Kulturhektik
Geo:
Bremen; Danzig; Polen
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
04.11.1988
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Mono
Original:

Originallänge:
00:12:13
Kopie:

Länge der Kopie:
00:12:31
Tonträger:
DAT
Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Herkunft:

Sender / Institution:
Radio Bremen (RB)
Sendereihe:
Journal am Morgen
Archivnummer:
881104JR01
Teilnehmende:

Person:
Franke, Konrad (Interviewpartner)
Person:
Grass, Günter (Beitragende(r))

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Zitierform:

Ich bin ein Zeitgenosse - Gespräch mit dem Zeichner und Schriftsteller Günter Grass über Deutschtümelei, Kulturprotzerei und seine Versöhnung mit Bremen.

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