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Medienarchiv

DB-Nummer: 59
10.20379/dbaud-0059

Novemberland. 13 Gedichte

Grass, Günter

Vollständige Autorenlesung, Gedichte und Kurzprosa, S. 283-297.



Urtitel:
Günter Grass: Novemberland (Autorenlesung). Der Stein muss immer bewegt werden. Ein literarischer Nachmittag für Günter Grass (1)
Anfang/Ende:
Novemberland, 13 Sonette…Weihnacht dem Novemberland.
Genre/Inhalt:
Lyrik
Präsentation:
Lesung
Historischer Kontext:

Herr Grass, mir ist ein Zitat unter die Augen gekommen: "Das Gedicht ist für mich immer noch das genaueste Instrument, mich neu kennenzulernen und mich neu zu vermessen". Warum ist gerade die Form der Lyrik für Sie die Präziseste, warum ist es nicht das autobiographische Bekenntnis, warum ist es nicht das epische Genre, warum müssen Sie Lyrik schreiben? Ja, der lyrische Vers erlaubt kein Ausweichen. Er schließt das Autobiographische ein, er nimmt den jeweiligen Zustand des Autors wahr, denn wenn der sich nicht mitteilt, stimmt der Vers nicht, kommt er gar nicht zustande, und so hat sich durch die Jahre, ja, Jahrzehnte hindurch, ohne, daß ich das zum Programm erhoben hätte, immer wieder ergeben, daß zwischen den langen Prosa-Durststrecken als Arbeitsprozeß immer wieder Gedichte standen, auch Gedichte am Anfang von Prosa-Vorgängen als Landvermessungsmarke innerhalb einer wüsten Geröllmasse von Stoff. Nun fällt ja auf, daß Sie die Sonettform wählen, also eine von der Poetologie her strenge Form, eine Renissanceform, die besonders im deutschen Barock und darüber hinaus später eine Blütezeit gehabt hat. Also gebundene Rede auf der einen Seite und auf der anderen Seite die sehr energische Selbstaussprache eines lyrischen Ichs. Wollen Sie diese Spannung ganz bewußt nutzen? Im November des vergangenen Jahres, beschäftigt oder halb beschäftigt, unschlüssig mit anderen Projekten, ist es mir sicher wie vielen anderen auch ergangen; diese deutschen Wirklichkeiten brachen auf, machten sprachlos, forderten ohnmächtig anmutenden Protest hervor, Beschwichtigungen wurden laut, Kumpaneien, und ich wollte darauf reagieren. Das Ganze war so ungestalt und amorph. Ich fühle es derzeit in Deutschland, daß eine strenge Form vonnöten war. Und die deutsche Kultur in ihren besten Momenten ist immer von auswärts beeinflußt worden. Es ist Andreas Gryphius zu verdanken, der mit Gewicht zum ersten Mal im Frühbarock Sonette geschrieben hat, die bis heute - die frühen Sonette von Gryphius - taufrisch geblieben sind und uns heute noch meinen und treffen. In unserem Jahrhundert ist es Rilke gewesen in seinem Spätwerk, der mit den "Sonetten an Orpheus" diese Strenge und auch geschlossene Form der Moderne geöffnet hat. Ich habe bis dahin nie Sonette geschrieben, aber in diesem Fall und angesichts dieser, wie gesagt, amorphen Stoffmasse konnte es eigentlich nur das Sonett sein. Die dreizehn Sonette sind im Verlauf des November bis in den Dezember hinein in Folge zu Papier gekommen und stehen nun als ein Block da. Ist es so, Herr Grass, daß Sie möglicherweise auch eine bestimmte Position des Rhetors, also des Dichters, des Sprechenden gegenüber einer großen Menge nutzen wollten? Das Sonett lädt dazu ein, oder besser gesagt, zwingt dazu, nach einem Anschlagen des Themas. Das kann Natur sein, die Herbststimmung, die Novemberstimmung, in diesen Gedichten in der ersten Strophe und einer Variation in der zweiten, in der dann folgenden sechszeiligen Doppelstrophe den gedanklichen Umschwung zu wagen, oft auch das Gegenthema zu wagen. Und in den letzten beiden Zeilen den Anfang und die gedankliche Umwandlung wieder zu fassen. Im besten Sinne verlangt jedes Sonett ein Kunststück, auch ein gedankliches. Und es macht vielleicht die Verbindung von sehr Subjektivem und dem großen Thema des öffentlichen politischen Lebens möglich und sinnfällig. Ja, das macht es möglich. Das klassische Sonett zwingt Regeln auf, die von Gryphius' Zeiten an mißachtet worden sind, zu Recht. Durch Aufrufe, Anrufe, fließende Zeilen besteht dann auch die Möglichkeit, den Reim durch den fließenden Zeilenvorgang einzubetten, so daß er nicht als Endreim zu klappern beginnt - dort, wo er klappern soll, da soll er dann auch klappern, dann kann man ihn parallel setzen.

Schlagworte:

Person:
Blüm Norbert
Werke:
Novemberland
Geo:
Moelln
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
24.01.1993
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Mono
Kopie:

Länge der Kopie:
00:13:25
Tonträger:
DAT
Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Herkunft:

Sender / Institution:
Südwestrundfunk (SWF)
Archivnummer:
348425
Produktionsnummer:
B004896117
Teilnehmende:

Person:
Grass, Günter (Autor(in))
Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))

Zitieren

Zitierform:

Grass, Günter: Günter Grass: Novemberland (Autorenlesung). Der Stein muss immer bewegt werden. Ein literarischer Nachmittag für Günter Grass (1).

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