Logo der Günter Grass Stiftung Bremen

Webdatenbank

Medienarchiv

DB-Nummer: 64
10.20379/dbaud-0064

Verleihung des Friedensnobelpreises an Willy Brandt : Günter Grass im Gespräch mit Alois Rummel

Grass erinnert an Carl von Ossietzky, den letzten deutschen Friedensnobelpreisträger (1935), der selbst nach 1945 in Deutschland unbekannt blieb. Die Verleihung (an Brandt) ginge über die Person Brandt hinaus und richte sich an die ganze Nation (Bundesrepublik und DDR). Grass warnt vor Vergrößerung der Distanz zwischen der Partei "in ihren Niederungen" und Brandt durch den Preis, hofft dass Partei in das neue internationale Format hineinwachse. In der Parteienauseinandersetzung plädiert Grass für "sachgerechte, harte Auseinandersetzung", ohne Unterstellungen und Verleumdungen, wie sie von Teilen der CDU/CSU praktiziert würden.



Urtitel:
Gespräch mit Günter Grass
Anfang/Ende:
Herr Grass, die…etwas Langweiliges anhängt.
Genre/Inhalt:
Politik
Präsentation:
Gespräch
Historischer Kontext:

Verleihung des Friedensnobelpreises an Willy Brandt 1971 Am 20. Oktober 1971 debattiert der Deutschen Bundestag über den Haushalt 1972. Überraschend wird die Sitzung durch den Bundestagspräsidenten unterbrochen. Kai-Uwe von Hassel teilt dem Hohen Haus mit, daß soeben ein Telegramm mit einer Nachricht des Nobel-Komitees eingetroffen sei. Darin werde mitgeteilt, daß Bundeskanzler Willy Brandt der Friedensnobelpreis des Jahres 1971 verliehen werden soll. Die Abgeordneten des Bundestages - einschließlich der Opposition - ehren Willy Brandt durch stehende Ovation. In der Begründung des Nobel-Komitees heißt es: "Bundeskanzler Willy Brandt hat als Chef der westdeutschen Regierung und im Namen des deutschen Volkes die Hand zu einer Versöhnungspolitik zwischen alten Feindländern ausgestreckt. Er hat im Geiste des guten Willens einen hervorragenden Einsatz geleistet, um Voraussetzungen für den Frieden in Europa zu schaffen." Brandt ist nach Gustav Stresemann (1926), Ludwig Quidde (1927) und Carl von Ossietzky (1935) der vierte Deutsche, dem diese bedeutende Auszeichnung zuteil wird. Willy Brandt bekommt den Friedensnobelpreis am 10. Dezember 1971 in Oslo verliehen. "Die Ehre der Preisverleihung", führt Brandt in seiner Dankesrede aus, "kann gewiß nur als eine Ermutigung meines politischen Strebens verstanden werden, nicht als ein abschließendes Urteil (...), und ich darf hinzufügen, wieviel es mir bedeutet, daß auf meine Arbeit 'im Namen des deutschen Volkes' abgehoben wurde. Daß es mir also vergönnt war, nach den unauslöschlichen Schrecken der Vergangenheit den Namen meines Landes und den Willen zum Frieden in Übereinstimmung gebracht zu sehen." Willy Brandt's Acceptance Speech, on the occasion of the award of the Nobel Peace Prize in Oslo, December 10, 1971 Die hohe Ehre der Preisverleihung kann gewiss nur als eine Ermutigung meines politischen Strebens verstanden werden, nicht als ein abschliessendes Urteil. Ich nehme diese Auszeichnung an im Gefühl der Verbundenheit mit allen, an welcher Stelle auch immer, die sich mit der ihnen gegebenen Kraft bemühen, ein Europa des Friedens zu organisieren und europäische Solidarität für den Weltfrieden einzusetzen. Es wird für mich morgen nicht leicht sein, meine Rede vom machbaren Frieden in Europa zu halten, während in anderen Teilen der Welt Krieg geführt wird und die Gefahr weiterer militärischer Konflikte gegeben ist. Niemand kann das, wovon heute mir gegenüber die Rede ist, allein vollbringen. So nehme ich den Friedens-Nobelpreis 1971 mit dem Ausdruck bewegten Dankes zugleich im Namen derer entgegen, die mir helfen und geholfen haben. Ich verstehe diese Stunde auch so, dass wir uns denen nahefühlen, die ihrer Überzeugung wegen Opfer bringen und doch nicht aufhören, für Frieden und Gerechtigkeit zu kämpfen. Sie werden es richtig auffassen, wenn ich sage, wie sehr mich in diesen Tagen und Wochen gefreut hat, dass viele – nicht nur in meinem Land – dies als etwas begreifen, was sie alle mit angeht. Und wenn ich dies hinzufügen darf: Wieviel es mir bedeutet, dass auf meine Arbeit „im Namen des deutschen Volkes” abgehoben wurde. Dass es mir also vergönnt war, nach den unauslöschlichen Schrecken der Vergangenheit den Namen meines Landes und den Willen zum Frieden in Übereinstimmung gebracht zu sehen. In diesen Wochen habe ich viele Briefe bekommen, aus allen Teilen der Welt. Von Staatschefs und von Schulkindern. Von glücklichen und von geplagten Menschen. Von einer Verwandten Anne Franks, aus Gefängnissen. Unter den ersten Briefen war der einer Dame, die es nicht leicht gehabt hat. Sie erinnerte mich an die Geschichte vom Indianerjungen, der den Vater fragt, als sie aus dem Kino kommen: Do we never win? Ja, es ist nicht verwunderlich, dass viele noch heute so fragen. Ich bilde mir nicht ein, für sie gewonnen zu haben. Ich sage nur: Der junge Mann, der seinerzeit verfolgt, nach Norwegen verschlagen aud ausgebürgert wurde, der spricht heute hier nicht nur allgemein für den europäischen Frieden, sondern auch ganz besonders für diejenigen, denen die Vergangenheit hartes Lehrgeld abverlangt hat. Alfred Nobel, an dessen Todestag wir hier versammelt sind, hat gesagt, es gebe nichts auf der Welt, was man nicht missverstehen oder missbrauchen könne. Sein Vermächtnis sollte dem Missbrauch und auch dem Missverständnis entzogen sein. Verbrüderung der Völker ist trotzdem eine Formel, die uns grasusam darauf hinweist, dass auch Kain und Abel Brüder waren. Dies gilt es bei aller Zuversicht in Erinnerung zu behalten. Aber Abbau der Spannungen, Zusammenarbeit der Völker, Reduzierung der Truppen und Kontrolle der Rüstungen, Partnerschaft mit den bisher Benachteiligten, gemeinsamer Schutz gegen die Gefahr des gemeinsamen Untergangs – das muss möglich sein, daran müssen wir arbeiten. Wir sind hier in Fridtjof Nansens Land. Seine Hilfe für Kriegsgefangene, Flüchtlinge, Hungernde bleibt ein grossartiges Beispiel. Auch im übertragenen Sinne gilt seine Mahnung: „Beeilt Euch zu handeln, ehe es zu spät ist zu bereuen.” Als er daran ging, sein Testament zu machen, soll Alfred Nobel einmal gesagt haben, einem homme d'action würde er nichts hinterlassen, denn dieser würde dadurch in Versuchung kommen, mit dem Arbeiten aufzuhören. Dagegen möchte er „gern Träumern helfen, die es schwer haben, sich im Leben durchzusetzen”. Nun, mir steht kein Urteil darüber zu, ob das Nobel-Komitee die richtige Wahl getroffen hat. Man muss nur wissen: Politisches Träumen kann ich mir kaum noch leisten, und mit der Arbeit möchte ich noch nicht aufhören. Der Friedens-Nobelpreis ist die höchste, aber auch die am meisten verpflichtende Ehrung, die einem Mann in politischer Verantwortung zuteil werden kann. Ich bedanke mich aufrichtig und will alles tun, um in meiner weiteren Arbeit dem nahezukommen, was viele von mir erwarten. From Les Prix Nobel en 1971, Editor Wilhelm Odelberg, [Nobel Foundation], Stockholm, 1972

Schlagworte:

Person:
Brandt Willy; Strauß Franz-Josef; Wehner Herbert; Barzel Rainer; Ossietzky Carl von
Sach:
CDU; CSU; SPD; Friedensnobelpreis; Ostpolitik; Linksintellektuelle; Vergangenheitsbewältigung; Politikstil
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
03.11.1971
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Mono
Anmerkung Qualität:
etwas knistrig; Autogeräusche (2:10), Schnitt (3:40); Bandproblem ? (5:20)
Original:

Originallänge:
00:14:30
Analog/Digital:
reformatted digital
Kopie:

Länge der Kopie:
00:05:43
Tonträger:
DAT
Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Herkunft:

Sender / Institution:
Südwestrundfunk (SWF)
Archivnummer:
5953659-001
Teilnehmende:

Person:
Rummel, Alois (Interviewpartner)
Person:
Grass, Günter (Beitragende(r))

Zitieren

Zitierform:

Gespräch mit Günter Grass.

Rechte

Nutzung und Vervielfältigung:
Alle Rechte vorbehalten

Export