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Medienarchiv

DB-Nummer: 83
10.20379/dbaud-0083

Von Beruf Handwerker : Ein Werkstattbericht

Grass, Günter

Grass schildert in einer Rede seinen Werdegang als Schriftsteller und bildender Künstler, geht die einzelnen Werke durch und beschreibt jeweils das Verhältnis, in dem das Schreiben und das Zeichnen, Radieren, Aquarellieren und Modellieren während des Entstehungsprozesses stand. Er schildert einzelne Arbeitstechniken (vor allem bei der Radierung) und die Motive, die ihn dazu brachten, die eine oder andere Methode des bildkünstlerischen Ausdrucks zu wählen. Inhalt: •(Ab 00:01) Eine spanische Journalistin konfrontierte Grass mit einem Zitat des Nobelpreisträgers Saramago: Er versteht sich als Dichter wie ein Handwerker. Er schreibt seine Bücher, wie jemand anderes seine Stühle macht. Insofern es sich auch um fliegende Stühle handeln kann, akzeptiert Grass den Vergleich. Erwarten Sie keinen akademischen Festvortrag, sondern einen Einblick in das Schreiben und Zeichnen. •(Ab 01:12) Die erste Werkstatt befand sich in Danzig-Langfuhr, in einer 2-Zimmer-Wohnung. Kein Kinderzimmer, sondern gemeinsam mit der Schwester eine Nische unter dem Fensterbrett. Dort befanden sich Bücher, Aquarellfarben, Knete, Zeichenblock. Entsetzte seine Eltern mit dem Wunsch, Künstler werden zu wollen, wenngleich auch nicht Schriftsteller. Diesen Wunsch rettete Grass über die Kriegsgefangenschaft. Der Weg führte direkt zur geschlossenen Kunstakademie in Düsseldorf. Deshalb erst eine Ausbildung zum Steinmetz und Steinbildhauer. Danach Aufnahme in die Akademie, 1953 dann zu Hartung nach Berlin. In dieser Zeit erste Gedichte, epigonal. •(Ab 04:00) Die Generation von Grass kam dumm und töricht aus der Zeit des Nationalsozialismus heraus. Verblendet, mit Wissenslücken behaftet. Alles musste man sich selber beibringen. Aber in die Ausbildungszeit fällt die Veröffentlichung des ersten Gedichtbandes „Die Vorzüge der Windhühner“. Hier bereits Zeichnungen mit der englischen Zeichenfeder, nicht als Illustration, sondern als Fortsetzung der Gedichte. Dieses Wechseln des Handwerkes ist im Anschluss zur Regel geworden. Im Gleisdreieck sind Zeichnungen mit Fettkohle, die malerischer in der Wirkung sind. •(Ab 05:41) In diese produktive Phase hinein kommt der Aufenthalt in Paris, wo der erste Roman entstehen soll, „Die Blechtrommel“. Die Romanarbeit fraß alles auf, nur das Zeichnen blieb. So entstand eine Fülle an Zeichnungen zur Blechtrommel, die kaum mehr erhalten sind. Eine frühe Fassung der Blechtrommel ist, die Urtrommel, sind neben einigen Zeichnungen gefunden worden. •(Ab 07:13) Nach der Blechtrommel entstanden in relativ kurzer Zeit die „Hundejahre“ und „Katz und Maus“. Auch hier blieb es bei der zeichnerischen Begleitung. Zu den Hundejahren entstanden Nonnenzeichnungen mit schwarzer Tusche. Ansammlung von vielen Nonnen unter dem Titel „eucharistischer Kongress“. Dieser Arbeitsprozess „Wechsel der Disziplinen und des Materials“ setzte sich fort bis 1972. Dann ging Grass über zur Radierung. •(Ab 08:29) Erklärungen der Bilder und der Bildinhalte sind von Grass nicht zu erwarten. Erklärung nur durch eine Anekdote von Picasso (Meister, was steht hinter diesem Bild? Die Wand). •(Ab 09:18) Die Technik der Radierung: Material sind Zink- oder Kupferplatten. Technik der Ätzradierung. Durch Strich oder Punkt wird Kupfer freigelegt. Säurebad. Kaltnadelradierung ist die zweite Technik, diesmal ohne Ätzvorgang. Hier wird in die Platte hineingeritzt. •(Ab 12:06) Parallel zu den Zeichnungen hat es Grass immer wieder gefallen, zu den Büchern auch den Umschlag zu entwerfen. Die ersten sind getuscht, mit Farbe ausgestattet, örtlich betäubt hat einen aquarellierten Umschlag. Vom Butt bis zur Rättin sind es Radierungen, die als Buchumschlag verwendet werden. •(Ab 12:58) In diese Zeit fällt auch die erste Reflexion über das Wechselspiel zwischen das Schreiben und Zeichnen. Die Möglichkeit einer Metapher auf ihre Stichhaltigkeit zu überprüfen. Oft zeigt sich dann, dass die Metapher verrückt ist. •(Ab 13:50) Anfang der 80er bis 83 Schreibpause. Überdenken der Bedingungen des Schreibens. Rückbesinnung auf die Arbeit des Bildhauers. Nicht mit Stein, sondern mit Töpferton. In der letzten Phase begann ein Roman Schatten zu werfen, der als Die Rättin erschienen ist. Die ersten Seiten sind gebrannte Manuskriptblätter. Bei einem Besuch des damaligen Verlegers fragte er, was das werde: der nächste Roman. Ich bin davon abgekommen, auf Papier zu schreiben. Es werden etwa 500 Seiten in Terrakotta sein. Ihm brach der Schweiß aus. Nach relativ kurzer Zeit bin ich wieder zum Papier zurückgekehrt. Auf Anfänge der Schrift zurückgekommen. •(Ab 16:22) Anfang der 90er entstanden Unkenrufe und Ein weites Feld, zu denen Zeichnungen entstanden. Altmodisches Schreiben. Erst Handschrift, dann tippen mit der Olivetti. Raum und Zeit, in den Erzählfluss Zeichnungen einzustreuen. Insbesondere in Ein weites Feld. Schattenbildhaftes Nebeneinanderstehen. Großformatige Kohlezeichnungen zu Ein weites Feld. •(Ab 18:24) Ein weites Feld lag vor und es setzte ein, was sich in Deutschland Literaturkritik nennt. Dann ins Gebüsch mit dem Aquarellkasten. Bedürfnis mit Gedichten wieder knapp zu werden. Kurze Gedichte in Aquarell hinein, ein neuer Gattungsbegriff: Aquadichte. Fundsachen für Nichtleser. •(Ab 20:33) Haftung an das Gegenständliche ist bestimmend für die Arbeit von Anfang an. So auch bei dem letzten Buch: „Mein Jahrhundert“. Zu jedem Jahr dieser persönlichen Bilanz eine Kurzgeschichte. Mit Bildmotiven wurde das Erzählmotiv gefunden, Festlegung auf etwas emblematisches. Das Autoren-Ich aufgespalten. Geschichte in Geschichten erzählt. Nicht aus der Sicht der Großen, Handelnden, sondern derer, denen Geschichte widerfährt.



Urtitel:
Eva Christina Zeller: Alltag individuell betrachtet: Von Beruf Handwerker - Günter Grass: Ein Werkstattbericht
Anfang/Ende:
Meine Damen und Herren…danke Ihnen vielmals. (BEIFALL)
Genre/Inhalt:
Kultur
Präsentation:
Rede
Schlagworte:

Person:
Pankok Otto; Hartung Karl; Saramago José; Markes Sepp; Radik John
Werke:
Die Blechtrommel; Die Vorzüge der Windhühner; Gleisdreieck; Katz und Maus; Hundejahre; örtlich betäubt; Der Butt; Die Rättin; Ein weites Feld; Unkenrufe; Fundsachen für Nichtleser; Mein Jahrhundert
Sach:
Schreiben und Zeichnen; Lyrik; Ausbildung; Radierung; Buchumschlag; Terrakotten; Aquadichte; Aquarelle
Geo:
Danzig; Düsseldorf; Berlin
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
16.07.1999
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Mono
Original:

Originallänge:
00:23:45
Kopie:

Länge der Kopie:
00:23:35
Tonträger:
DAT
Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Herkunft:

Sender / Institution:
Südwestrundfunk (SWF)
Sendereihe:
Eckpunkt
Archivnummer:
0185143
Teilnehmende:

Person:
Zeller, Eva Christina (Redaktion)
Person:
Grass, Günter (Autor(in))
Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))

Zitieren

Zitierform:

Grass, Günter: Eva Christina Zeller: Alltag individuell betrachtet: Von Beruf Handwerker - Günter Grass: Ein Werkstattbericht.

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