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Medienarchiv

DB-Nummer: 111
10.20379/dbaud-0111

Kongreß des Verbandes Deutscher Schriftsteller - Wahl des Bundsvorsitzenden Hans-Peter Bleuel : (mit O-Ton Grass)

Deisinger, Helmut

Kongress des Deutschen Schriftstellerverbandes in Saarbrücken; Grund v.a.: Rücktritt des Vorstandes im November des vergangenen Jahres; neuer Vorstand: Hans Peter Bleuel, Erich Loest, Gerd von Patschenski Bericht vom Kongress des Schriftstellerverbandes: Konflikte zwischen Engelmann-Befürwortern und Gegnern; Verschärfung der Debatte durch zwei Interviews im "Kürbiskern": Erwin Ferlemann (Begriff "Fünfte Kolonne"); Grass fordert Wiedergutmachung des Schadens, der seinem polnischen Kollegen durch Engelmanns Telegramm entstanden sei; Hintergrund: Wiederzulassung des polnischen Schriftstellerverbandes O-Ton Jürgen Lodemann: Appell an Solidarität der Schriftstellerkollegen; dabei kurze Anspielung auf "Aus dem Tagebuch einer Schnecke" O-Ton Bernd Engelmann: Hilfe für Verfolgte nach Dringlichkeit O-Ton Grass: skandalisiert das Telegramm weiter und plädiert für Notwendigkeit des Rücktritts des Vorstands; man müsse die polnischen Kollgen fragen, welche Art der Hilfe man ihnen geben könne; das Telegramm habe Schaden angerichtet; Ziel der polnischen Schriftsteller sei die Wiedererrichtung des alten Schriftstellerverbandes; Telegramm sei vieldeutiger Text im Sinne der polnsichen Machthaber; Vorstand habe das Telegramm auch auf Drängen nicht zurückgezogen O-Ton Hans Christoph Buch: Wahrheit vs. Propaganda / Ideologie; Problem des Beifalls von der falschen Seite O-Ton Johano Strasser: wendet sich gegen die DKP-Mitglieder im Verband O-Ton Gerd von Patschenski: erinnert u.a. an Anfang der 60er Jahre: Diffamierungen für Befürworter der Entspannungspolitik; Patschenski liegt wie Bleuel auf der Engelmann-Linie O-Ton Erich Loest: geflohene DDR-Schriftsteller sollten in der BRD ein Netz finden, das sie auffängt; Verwendung des Karl-May-Fonds für den Schriftstellerverband O-Ton Hans Christian Kirsch: zu Ausgang und Ablauf des Kongresses und zum neuen Vorstand



Urtitel:
Kulturspiegel (darin: Kongreß des Verbandes deutscher Schriftsteller - Wahl des Bundesvorsitzenden Hans-Peter Bleuel
Anfang/Ende:
(Anmoderation, Trailer) Südwestfunk Mainz, Landesstudio…besorgte Inge Bingenheimer. (Trailer, Abmoderation)
Genre/Inhalt:
--
Präsentation:
Diskussion
Historischer Kontext:

Tagung des Verbandes deutscher Schriftsteller (VS) in Saarbrücken vor 20 Jahren. Von Jens Brüning \\grass1\H-drive$\Audio\DB 0111 Kongress des Verbandes Deutscher Schriftsteller Wahl des Bundsvorsitzenden Hans Peter Bleuel.mp3 Schriftsteller zu sein: das ist nur in Ausnahmefällen eine lukrative Tätigkeit. Die meisten Schriftsteller haben Mühe, mit ihren Veröffentlichungen genug Geld zu verdienen. Umso wichtiger ist für sie eine Form gewerkschaftlicher Interessenvertretung. Dazu gibt es den Verband deutscher Schriftsteller - kurz: VS. Der VS ist heute ein Verband innerhalb der Gewerkschaft ver.di, aber die Macht des Verbandes ist nicht mehr besonders groß. Das hat nicht zuletzt etwas mit einem Ereignis vor 20 Jahren zu tun - mit einer denkwürdigen VS-Tagung in Saarbrücken Anfang Mai 1984 und der damaligen Vorstandswahl. Die Stasi der DDR führte dabei im Hintergrund Regie, und das Ansehen des Verbandes wurde nachhaltig beschädigt. Jürgen Fuchs hat ja die Meinung vertreten, es habe ein Drehbuch der Staatssicherheit für diesen Kongress gegeben. So erinnert sich Hannes Schwenger, 1984 stellvertretender Vorsitzender im Landesbezirk Berlin des Verbandes deutscher Schriftsteller in der Industriegewerkschaft Druck und Papier, kurz: VS. Das lässt sich so aus den Akten nicht belegen, wobei man sagen muss, dass nur wenige Akten über diese Vorgänge vorhanden sind, und die aussagekräftigste Unterlage ist dieses Gesprächsprotokoll von Gerd Henniger, dem Sekretär des Ostberliner Schriftstellerverbandes, der dieses Gespräch über die Kandidatur von Ingeborg Drewitz protokolliert hat, und am Rande dieses Gespräches hat dann Bernt Engelmann auch Einschätzungen seiner Gegner im Verband gegeben, ich zum Beispiel oder Hans Christoph Buch, wir seien professionelle kalte Krieger, wie er meinte. Der erwähnte Kongress stand am Ende einer längeren Entwicklung, die 1977 mit der Wahl des antikapitalistisch und antifaschistisch orientierten Sachbuchautors Bernt Engelmann zum Bundesvorsitzenden des VS begann. Es ging - wie immer, wenn Schriftsteller sich mit gesellschaftspolitischen Themen beschäftigen - ums Ganze, in diesem speziellen Fall um den Weltfrieden. Man muss das heute erklären: 1984 gehörte es zum Alltag, dass gegen die Aufrüstung in Ost und West demonstriert wurde. Der Schriftsteller Heinrich Böll beispielsweise saß ganz vorn in den Menschenketten, mit denen gegen die Aufstellung von Atomsprengköpfen auf deutschem Boden protestiert wurde. Das war die eine Seite. Andererseits trafen sich Verbandsfunktionäre der beiden deutschen Schriftstellerverbände aus der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik mindestens einmal im Jahr zu Gesprächen über Frieden und Abrüstung. Viele aus der DDR freiwillig oder unfreiwillig übergesiedelte Autorinnen und Autoren nahmen Anstoß an Engelmanns "Samtpfötchen-Diplomatie" gegenüber DDR-Offiziellen. Sie fanden es unerträglich, dass ihr Verbandsvorsitzender (West) mit ihrem verhassten alten Verbandsvorsitzenden (Ost), Hermann Kant, unter einer Decke zu stecken schien. Sie traten scharenweise und unter Hinterlassung umfangreicher Protestschreiben aus dem Verband aus. Engelmann musste sein Amt aufgeben, als er ein Protesttelegramm an die Militärregierung Jaruzelski in Polen eigenmächtig änderte und entschärfte. Am 2. April 1984 stand die Wahl seines Nachfolgers auf der Tagesordnung der Bundesdelegiertenkonferenz des VS in Saarbrücken. Einzige Kandidatin war die Berliner Schriftstellerin Ingeborg Drewitz. In Berlin, das muss erwähnt werden, saßen diejenigen, die Bernt Engelmann zum Rücktritt gezwungen hatten. Hans Christoph Buch war einer von ihnen. Wir sind ja - wir, das heißt Grass, Böll, Hannes Schwenger, auch ich selber - diejenigen, die vor vielen Jahren für Entspannung eingetreten sind, für die Anerkennung der DDR. Das war richtig, da stehen wir heute noch zu. Genauso haben wir jetzt die Pflicht, all die Vorgänge zur Sprache zu bringen, die durch die Maschen der großen Politik durchfallen, die nicht vorkommen in den Abmachungen der Regierungen. Und dazu gehört eben, dass Schriftsteller in Polen, auch in der DDR zensiert, verfolgt, unterdrückt werden. Wir werden da kein Blatt vor den Mund nehmen und uns nicht nach Propagandagesichtspunkten richten, sondern allein nach der Wahrheit. In einer Tonbandaufzeichnung, die am Vorabend der VS-Wahl auf einer Diskussionsveranstaltung abgespielt wurde, beschwerte sich der polnische Autor und Diplomat Wladislaw Bartoschewski über Engelmanns Telegramm an Jaruzelski, mit dem er den kritischen Schriftstellern in Polen in den Rücken fiel, und Günter Grass merkte zu den Vorwürfen aus Polen an: Sie warten darauf, dass wir dieses unsägliche beschämende Telegramm zurücknehmen und zu einer Haltung zurückfinden, die eines deutschen Schriftstellerverbandes würdig ist. Dem hatte sich Ingeborg Drewitz angeschlossen. Als es aber zur Wahl des Engelmann-Nachfolgers kam, gab es plötzlich einen weiteren Anwärter auf das Amt des Vorsitzenden: Die hessische Delegierte Dagmar Scherf schlug den Münchner Sachbuchautoren Hans-Peter Bleuel vor, der bis dahin der größeren Öffentlichkeit weitgehend unbekannt, aber seit Jahren Vorsitzender des Bayerischen Landesverbandes und ein guter Freund von Bernt Engelmann war. Nach einer ersten Abstimmung, die bei neun Enthaltungen remis ausging, ergab der zweite Durchgang bei elf Enthaltungen 19 Stimmen für Bleuel, 18 für Drewitz. Überraschung und Entsetzen machte sich breit. Nachdem der Publizist und Besserschmecker Gert von Paczenski und der aus Leipzig nach Osnabrück übergesiedelte Romancier Erich Loest zu Bleuels Stellvertretern gewählt worden waren, zogen die Delegierten des Landesbezirks Berlin unter lautem Protest aus. Sie betrachteten das Ergebnis der Vorstandswahlen als Fortsetzung der bisherigen Politik. Zehn Jahre später, 1994, stellte der Schriftsteller Joachim Walther, der im Auftrag der sogenannten Gauck-Behörde in den Akten geforscht hatte, fest, dass die Hauptverwaltung Aufklärung in dieser Angelegenheit engagiert gewesen war: Die Genossen Hermann Kant und Gerhard Henniger vom Schriftstellerverband der DDR waren im März 1984 nach München gefahren. Dort sprachen sie mit Bernt Engelmann und anderen "über die Lage im VS der BRD und über die Friedensaktivitäten der Verbände". Diese Gespräche dienten der Vorbereitung der VS-Wahlen auf dem Saarbrücker Kongress 1984, um eine DDR-freundliche Nachfolge Engelmanns sicherzustellen. Rege Aktivitäten von DDR-Emissären hatte es vor dem Kongress auch in den Landesbezirken gegeben. Hannes Schwenger erinnert daran: Nicht umsonst hat Dieter Lattmann nach diesem Kongress von der polnischen Teilung des Verbandes deutscher Schriftsteller gesprochen. Die Vorstandswahl des Kongresses in Saarbrücken hat auf jeden Fall die Arbeit des VS, das heißt, die gewerkschaftliche Vertretung der Autorinnen und Autoren, nachhaltig beschädigt. Dass man heute kaum noch weiß, dass es diese Interessenvertretung gibt, hängt mit dem Kongress in Saarbrücken zusammen.

Schlagworte:

Person:
Bleuel Hans Peter; Loest Erich; Lafontaine Oskar; Lodemann Jürgen; Engelmann Bernt; Buch Hans-Christoph; Sartre Jean-Paul; Camus Albert; Strasser Johano; Drewitz Ingeborg; Zwerenz Gerhard; Hermlin Stefan; Kirsch Hans-Christian; von Patschenski Gerd; Ferlemann Erwin; May Karl
Werke:
Aus dem Tagebuch einer Schnecke
Sach:
Schriftstellerverband; Menschenrechte; Verfolgung; Solidarnosc; Vorstand; PEN-Club
Geo:
Polen; Iran; DDR; Türkei; Rheinland-Pfalz; Berlin; Ankara; Saarbrücken; Mainz
Zeit:
1960er Jahre
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
02.04.1984
Aufnahmeort:
Saarbrücken
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Mono
Original:

Originallänge:
00:25:00
Analog/Digital:
reformatted digital
Kopie:

Länge der Kopie:
00:25:04
Tonträger:
DAT
Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Herkunft:

Sender / Institution:
Südwestrundfunk (SWR/SDR)
Sendereihe:
Kulturspiegel
Archivnummer:
7163362
Teilnehmende:

Person:
Deisinger, Helmut (Autor(in))
Person:
Grass, Günter (Beitragende(r))
Person:
Lodemann, Jürgen (Beitragende(r))
Person:
Buch, Hans-Christoph (Beitragende(r))
Person:
Paczensky, Gerd von (Beitragende(r))
Person:
Loest, Erich (Beitragende(r))
Person:
Kirsch, Hans-Christian (Beitragende(r))

Zitieren

Zitierform:

Deisinger, Helmut: Kulturspiegel (darin: Kongreß des Verbandes deutscher Schriftsteller - Wahl des Bundesvorsitzenden Hans-Peter Bleuel. Saarbrücken .

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