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Medienarchiv

DB-Nummer: 127
10.20379/dbaud-0127

"Der Butt" - Gespräch mit Günter Grass über seinen neuen Roman

Einführung: Seit vielen Jahren hat kein Roman mehr so viel Aufsehen erregt, wie das neue Buch von Günter Grass: "Der Butt". Nach Aussagen des Autors habe sich an diesem Verkaufserfolg auch wieder die hemmungslose Subjektivität und Maßstabslosigkeit der gegenwärtigen Literaturkritik gezeigt, die neue Maßstäbe entwickeln müsse. Das Buch ist in neun Kapitel gegliedert, in denen der Erzähler durch viertausend Jahre führt. Anhand des Märches "Von dem Fischer und seiner Frau" wird die Geschichte der Ernährung, eine Geschichte des Patriachats und der Frauen. Eine riesige Konstruktion und ein vielseitiges Buch, das insgesamt als großartig beschrieben werden darf. Für Grass selbst gibt es bislang zwei Reaktionen auf das Buch, zuerst die Berufskritik, wie sie auf den Autor zukommt, wenn ein Buch erscheint, zum zweiten die Reaktion der Leser. Diese zweite hat Grass noch nie so stark erfahren, wie diesmal. Der Leser ist zunächst einmal verblüfft und hat Schwierigkeiten, die Besonderheiten zu rezipieren, etwa die Verbindung von Lyrik und Prosa, die Zeitraffung, der freie Umgang mit der Zeit. Doch das gibt sich schnell und dann beginnt der unorthodoxe Umgang mit dem Buch. Entweder liest er es zügig durch oder er schnüffelt in dem Buch und fängt wieder von vorne an - und das Buch scheint zu einer Art Hausbuch zu werden. "Der Butt" wird von Ehepaaren oftmals wechselseitig laut vorgelesen. Es gibt eine Fülle von Kritik, die dem Autor als kritisches Echo das Buch von der Leser-Seite deutlich machen. Hier verspürt Grass die Bereitschaft, sich auf das Buch einzulassen. Hier ist es nicht so wie bei Ranicki, der ein Drittel des Platzes braucht, um erst einmal sich und der Öffentlichkeit klarzumachen, dass man schon immer in seinem Urteil über den Autor recht hatte. Behauptungen werden ohne Beweis aufgestellt, die vielschichtige Sprache diffamiert, etwa als "barock" bezeichnet, wenn sie eher humanistisch eingefärbt ist. Grass kommt noch einmal zurück auf Reich-Ranicki und alle, die früh Lukacs gelesen haben und nun trivialisieren. Grass ist an einem Plot überhaupt nicht interessiert. Seine Handlung etwa "Der Butt" sind Entwicklungen, die gegeben sind, Geschichte, Rituale, Schwangerschaft. Die klassischen Spannungsmomente nimmt Grass sogar vorweg. Wenn man die große Konstruktion erkennt, dann kann man den Roman nicht mehr episodisch oder wie Ranicki als "Nummernoper" bezeichnen, bloß weil er nicht in dessen Schemata des Sozialistischen Realismus passt. Die Auslobungen Ranickis können das nicht retten, auch bei Wolfgang Koeppen. Johnson und Walser arbeiten ebenso hart, überprüfen ihr Werkzeug, und erleben dann, mit welcher Selbstgefälligkeit sich die Kritiker die gleichen Riehmen abziehen, als sei nichts geschehen. Diese Position stellt nicht einmal sich selbst in Frage. Normalerweise darf der Autor nicht einmal auf solche Kritik reagieren, eine Meinung, die Grass mittlerweile nicht mehr teilt. Als es noch eine intakte Gruppe 47 gab, konnte man wenigstens einmal im Jahr auf Kritik wenigstens an anderen Autoren reagieren. Das hat offenbar auch der Kritik wohl getan. Nun fehlt auch dieses Instrument. Bei lobenden Kritiken bekommt Grass immer noch Prügel ausgeteilt für sein politisches Engagement, das er als Schriftsteller und Bürger im Alltag betrieb. Für diese Position steht Grass immer noch, die in dieser Form abgeschlossen ist, aber anders weiter verfolgt wird. Resignation gehört zu dieser Arbeit. Grass will sich nicht zum Klassiker machen lassen. Deutschland hat nun ein neues Ehescheidungsgesetz, das keinen Schuldnachweis mehr verlangt. Dies lässt sich leider nicht auf Autoren und ihre Kritiker anwenden. Jedes Buch wird in der FAZ von Reich-Ranicki, in der Süddeutschen Zeitung von Kaiser besprochen. Das sind Zwangsehen, die Grass gerne aufgelöst sehe, nach dem Zerrüttungsprinzip, ohne Schuldfrage. So gerne er Kaiser und Reich-Ranicki hat, kann er ihnen nicht den Gefallen tun, der aufgeklärte Konservative zu werden oder einen von Ideologie befreiten Roman des 20. Jahrhunderts zu schreiben. Andere, unverbrauchter Meinungen sollten dem Autor dann zugemutet werden. Grass wünscht sich wenigstens die Möglichkeit einer Kritik an der Kritik. Eine Reihe von Autoren werden mit den Büchern fertig gemacht, etwa bei Ranickis Kritik an Walser, die dem Autor sein politisches Verhalten zum Vorwurf macht. Hellmuth Karasek ist zu einem Schnellschreiber im SPIEGEL-Jargon heruntergekommen. Karin Struck hat vor kurzem versucht, dagegen anzugehen. Es gibt eine Vielzahl an Autoren, für die Schreiben eine existentielle Frage ist. Diese verdient eine sachgerechte Kritik. Ansporn findet sich jedoch zuweilen jenseits der Großkritik, in den kleineren Zeitungen. Die Kritik muss wieder Risiken eingehen, genau wie der Autor auch. Die Leserschaft, das in Deutschland vorhandene literarische Publikum, ist der Kritik voraus, wenngleich diese es noch nicht gemerkt hat.



Urtitel:
Der Butt - Heinz-Ludwig Arnold befragt Günter Grass zu seinem neuen Roman
Anfang/Ende:
(Anmoderation) Seit sehr vielen Jahren…mehr ernst genommen.
Genre/Inhalt:
Roman
Präsentation:
Gespräch
Historischer Kontext:

Veröffentlichung von "Der Butt"

Schlagworte:

Person:
Reich-Ranicki Marcel; Woyke Amanda; Kaiser Joachim; Walser Martin; Sieburg Friedrich; Karasek Hellmuth; Struck Karin; Lukacs Georg; Rusch Margarethe; Grimm Brüder
Werke:
Der Butt; Vom Fischer un syne Frau
Sach:
Literaturkritik; SPD; Märchen; Lyrik; Prosa; Zeit; Lesung; Geschichte; Schwangerschaft; Spannung; sozialistischer Realismus; Gruppe 47; Politisches Engagement; Frankfurter Allgemeine Zeitung; Süddeutsche Zeitung; Der Spiegel; Zürcher Weltwoche; Feminismus; Geschichte der Ernährung; Geschlechterkampf; lautes Lesen; Hausbuch; Neue Zürcher Zeitung; Klassiker; Leserreaktion; Rituale; Vorgegebenes; Plot; Nummernoper; Novellensammlung; Großkritik
Zeit:
Barock; Steinzeit
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
28.09.1977
Datum Erstsendung:
05.10.1977
Aufnahmeort:
Hannover
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Mono
Original:

Originallänge:
00:28:20
Kopie:

Länge der Kopie:
00:28:56
Tonträger:
DAT
Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Herkunft:

Sender / Institution:
Deutsche Welle (DW)
Sendereihe:
Bibliothek
Archivnummer:
W204555
Produktionsnummer:
HW204555
Teilnehmende:

Person:
Arnold, Heinz Ludwig (Interviewpartner)
Person:
Paffenholz, Alfred (Redaktion)
Person:
Grass, Günter (Beitragende(r))

Zitieren

Zitierform:

Der Butt - Heinz-Ludwig Arnold befragt Günter Grass zu seinem neuen Roman. Hannover .

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