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Medienarchiv

DB-Nummer: 141
10.20379/dbaud-0141

Friedensnobelpreis an Willy Brandt - Interview mit Günter Grass (tel.) : Friedensnobelpreis als Würdigung der Entspannungspolitik

Stellungnahme zur Verleihung des Friedens-Nobelpreises an Willy Brandt. Frage: Beurteilung der Vergabe des Friedensnobelpreises an Willy Brandt? Grass: eindeutige Würdigung der Enspannungspolitik; diese Politik habe Brandt schon immer vertreten, nicht erst seit seiner Kanzlerschaft; diese gradlinige Linie reiche von seiner Emigrationszeit bis heute; bereits in den Schriften, die er in Skandinavien verfasst habe, habe Brandt schon während des Krieges auf die Notwendigkeit der Entspannungspolitik hingewiesen. Frage: Auszeichnung von Brandt als Journalist und Mensch? Grass: die Berufsbezeichnung habe Brandt auch publizistische Möglichkeiten gegeben; seine Vorstellungen von Entspannungspolitik habe er dadurch auch in entsprechender Form einbringen können; Grass ist in Wahrschau bei der Unterzeichnung der Verträge dabei gewesen; an dem Ort, wo früher sich früher das Warschauer Ghetto befunden hat, habe Brandt eine "Geste ohne Worte", seinen berühmten Kniefall", gefunden; es komme selten vor, dass Politiker von der Tagesordnung abwichen oder aus dem Protokoll herausfielen; es sei ein mutiges Zeichen von Brandt gewesen, das man besonders im Ausland wahrgenommen habe; in Deutschland habe im Nachhinein die Polemik eingesetzt. Frage: Zusammenhang zwischen dem letzten deutschen Friedensnobelpreisträger, Carl von Ossietzky, und Brandt? Grass: verwandte Gesinnung; Kampf gegen den Nationalsozialismus (Brandt 1933 mit 19 Jahren); die Verleihung des Preises an Brandt sei auch eine Ehrung der deutschen Emigration und des Widerstands gegen den Nationalsozialismus. Frage: Ethisch-moralische Wirkung des Friedensnobelpreises noch die gleiche wie früher? Grass: durch eine Vergabe des Friedensnobelpreises an Brandt könne dieser Preis eine Aufwertung erhalten; man habe damit einer aktuellen und umstrittenen Politik durch ein eindeutiges Votum zugestimmt; dies befreie den Friedensnobelpreis von der "Gefahr der Unverbindlichkeit". Frage: Nobelpreis als Mittel zur politischen Veränderung? Grass: stimmt dem zu; dies sei auch bei Ossietzky der Fall gewesen; damals habe man die Welt aufmerksam gemacht auf die Konzentrationslager und die Verbrechen der Nationalsozialisten, die bis dahin vom Ausland nicht ausreichend wahrgenommen worden seien. Frage: Freude über Nobelpreis für Brandt? Grass: freut sich sehr, Brandt habe den Preis verdient.



Urtitel:
Telefon-Interview mit Günter Grass zur Verleihung des Friedens-Nobelpreises an Willy Brandt
Anfang/Ende:
Herr Grass, wie…Preis verdient hat.
Genre/Inhalt:
Politik
Präsentation:
Interview
Historischer Kontext:

Brandts Amtszeit als Bundeskanzler ist verbunden mit dem Motto „Wir wollen mehr Demokratie wagen“ und mit dem Stichwort der „Neuen Ostpolitik“, die den Kalten Krieg unter der Losung „Wandel durch Annäherung“ (Egon Bahr) bzw. „Politik der kleinen Schritte“ abmildern und die Berliner Mauer durchlässiger machen sollte. Trotz gewisser anfänglicher Skepsis (Nixon, Kissinger, Pompidou) unterstützten die Westmächte diese Politik. Der weltweit beachtete Kniefall von Warschau am 7. Dezember 1970 am Mahnmal des Ghetto-Aufstandes von 1943 leitete symbolisch die Entspannungspolitik ein, die später in die Ostverträge mit Polen und der Sowjetunion mündete. Hinzu kam der Grundlagenvertrag mit der DDR. 1970 hatte er sich in Erfurt mit dem Vorsitzenden des Ministerrates der DDR Willi Stoph zunächst zum ersten deutsch-deutschen Gipfeltreffen im Erfurter Hof und dann in Kassel getroffen. Die Erfurter „Willy, Willy“-Rufe waren eindeutig auf Brandt bezogen und irritierten die DDR-Machthaber. Es folgte ein Abkommen mit der Tschechoslowakei. Für seine Ostpolitik erhielt Brandt 1971 den Friedensnobelpreis. Ostverträge im Kontext des Dokuments: -Moskauer Vertrag am 12. August 1970 -Warschauer Vertrag am 7. Dezember 1970 -Viermächteabkommen am 3. September 1971 (Inkrafttreten des Abkommens und der ergänzenden Vereinbarungen am 3. Juni 1972) -Protokoll über den Post- und Fernmeldeverkehr am 30. September 1971 (Abkommen am 30. März 1976) -Transitabkommen am 17. Dezember 1971 -Vertrag über den Reise- und Besucherverkehr am 20. Dezember 1971 -Verkehrsvertrag im Mai 1972 -Grundlagenvertrag am 21. Dezember 1972 (Inkrafttreten am 21. Juli 1973) -Prager Vertrag am 11. Dezember 1973

Schlagworte:

Person:
Ossietzky Carl von; Brandt Willy
Sach:
Nobelpreis; Friedensnobelpreis; Entspannungspolitik; Emigration; Krieg; Kniefall; Nationalsozialismus; Ostverträge
Geo:
Warschau
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
20.10.1971
Datumszusatz:
ESD unbekannt
Aufnahmeort:
Bonn
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Mono
Anmerkung Qualität:
Gelegentliches Knistern in der Telefonleitung
Original:

Originallänge:
00:04:16
Analog/Digital:
reformatted digital
Original-Tonträger:
Band
Datenformat:
nicht zutreffend
Kopie:

Länge der Kopie:
00:04:16
Tonträger:
CD
Datenformat Sichtung:
mp3
Datenformat Archiv:
WAV
Herkunft:

Sender / Institution:
Deutsche Welle (DW)
Archivnummer:
34047225000 Tontr. Verweisnr.:403754000
Produktionsnummer:
12201071028
Teilnehmende:

Person:
Ohse, Bernhard (Interviewpartner)
Person:
Grass, Günter (Beitragende(r))

Zitieren

Zitierform:

Telefon-Interview mit Günter Grass zur Verleihung des Friedens-Nobelpreises an Willy Brandt. Bonn .

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