Logo der Günter Grass Stiftung Bremen

Webdatenbank

Medienarchiv

DB-Nummer: 172
10.20379/dbaud-0172

Der Schriftsteller: Günter Grass - Gespräch auf der Frankfurter Buchmesse (mit Musikzuspielen)

Gespräch mit Günter Grass auf der Frankfurter Buchmesse nach Veröffentlichung des Romans "Ein weites Feld", der von Marcel Reich-Ranicki im Nachrichtenmagazin "DER SPIEGEL" und in der Fernsehsendung "Das literarische Quartett" verrissen wurde. Track 1: (Ab 04:08) Günter Grass äußert sich zur Aussage von John Irving, der Grass als wichtigsten lebenden Schriftsteller bezeichnet hat und der wie auch Salman Rushdie aus der Schule von Grass kommt und von Grass als Freund bezeichnet wird. Über die eigenen Bücher reden Grass und Irving wie Handwerker, wie Grass es schon mit Uwe Johnson und Max Frisch getan hat. Über Marcel Reich-Ranicki, den Westentaschen-Lukacs, will Grass nicht mehr weiter sprechen, da er nicht lernfähig sei. Allein schuldig ist jedoch nicht er, sondern auch der SPIEGEL, der das Titelbild (das Zerreissen des Buches) zu verantworten hat, sowie die Stichwortgeber wie Karasek. (Ab 08:29) Musikeinspielung: Coverversion von "Everybody's Talking" und "Kind Of Magic" von Queen, dazwischen Verkehrsdurchsagen. (Ab 15:28) Die persönliche Beziehung zu Reich-Ranicki ist nie zu stark gewesen, doch bislang hat Grass ihn geschätzt. Man muss nicht die Bücherverbrennung als Vergleich heranziehen. Der außer Kontrolle geratene Großkritiker ist vom niveaulosen Nachrichtenmagazin missbraucht worden. Der Hinrichtungsversuch ist allerdings gescheitert, sowohl Grass als auch das Buch haben es überlebt. Der überwiegende Teil der Kritik ist positiv gewesen, besonders in den neuen Bundesländern, was nur nicht wahrgenommen wird. Obwohl die Mauer weg ist, lebt man in Deutschland mit dem Rücken zueinander. Nach einer öffentlichen Lesung ist Grass gelobt worden, weil er sich in die Situation der Ostdeutschen hineinversetzen konnte. Das ist für Schriftsteller im Verständnis von Grass eine Selbstverständlichkeit. Der Autor muss der Opfer gedenken, wie Grass es etwa in "Die Blechtrommel" oder "Der Butt" getan hat. Geschichte wird von den Siegern geschrieben, Literatur muss aus der Perspektive der Verlierer berichten. (Ab 20:29) Musikeinspielung: "Faithful" und unbekanntes Lied, dazwischen Teaser für den SDR 3-Club sowie Verkehrsdurchsagen. (Ab 29:45) Der Grundgedanke zu "Ein weites Feld" entstand vor neun Jahren, blieb aber abstrakt, hatte mit Fontane zu tun. Erst mit dem Gedanken, die Politik hineinzubringen, die Deutsche Einheit vor dem Hintergrund der verhängnissvollen ersten deutschen Einheit mit der Vorgeschichte, verbunden mit dem Wunsch, einen Berlin-Roman zu schreiben. Form und Inhalt sind verstrickt, der Stil wechselt mit dem Thema. Nur eines bleibt, ein erster Satz muss gefunden werden, die Erzählposition. So auch bei diesem Roman. Die erste Niederschrift, immer am Stehpult, erfolgt handschriftlich, mit Zeichnungen durchsetzt, die zweite Version ebenfalls stehend an der Schreibmaschine. Die weiteren Fassungen sind der Versuch, die Spontaneität der ersten mit der Perfektion der zweiten zu verbinden. Bei diesem Werk musste verdeckt recherchiert werden, weil nach einem ersten Besuch bei der Treuhand sofort Fragen kamen. Der Stoff drohte zerredet zu werden, bevor zwanzig Seiten geschrieben worden sind. Der Germanist Dieter Stolz ist als verdeckter Ermittler aufgetreten. (Ab 34:29) Musikeinspielung, zwei Songs. (Ab 42:06) Ute Grass hat Grass gehindert, die Kritik zu lesen und die Fernsehsendung zu sehen, um ihn zu beschützen. Das habe ohnehin nichts mit dem Buch zu tun, sondern mit persönlichen Sachen. Stattdessen hat Grass in Dänemark aquarelliert. Von Schriftstellerkollegen und Lesern kamen sofort Reaktionen, die Solidarität gezeigt haben. Den Autoren muss erlaubt sein, den Lesern etwas zuzumuten. Lesen ist keine Wegwerfware, sondern Arbeit, das Buch lebt nur durch die Belebung durch den Leser. Fernsehen bedient nur. Die Bilder löschen einander, das Buch macht aktiv. Wenn die Literatur das aufgibt, ist sie verloren. Die Breite der Solidarität hat Grass überrascht. (Ab 46:34) Musik: Michael Jackson: Man In The Mirror. (Ab 50:50) Werbung (Ab 55:40) Nachrichten (Ab 01:00:48) Musik (Ab 01:04:40) Es gab eine heftige politische Debatte wegen einer Passage aus "Ein weites Feld", die Ermordung des ersten Treuhandchefs Detlev Carsten Rohwedder. Wer so etwas Menschenverachtendes ins Leben ruft, solle sich wegen aufkommenden Terrorismus nicht wundern. Grass lehnt die Gewalt selbstverständlich ab, aber fragt sich, woher dieser Hass kommt. Der Anschlag auf Rudi Dutschke ist ohne die Hasskampagne der Springer-Presse nicht verständlich. Bis heute wird nicht über die Ermordung des Treuhand-Chefs gesprochen. Im Buch gibt es keine Tatsachenbehauptung, die Ursachen und die Folgen dieses Anschlages sind jedoch tabuisiert. Finanzminister Theo Weigel nennt das Buch "einfältig", SPIEGEL-Herausgeber Rudolf Augstein sagt "Naivität pur". Grass als Verfassungspatriot sieht in Weigel einen Verfassungsfeind, der nicht einmal das Urteil des Bundesgerichtshofs ernst nimmt, was die Kreuze in den Schulen betrifft. Grass ist im Sinne von Habermas ein Verfassungspatriot. Augstein ist ein liebenswerter Narr, den Grass verehrt, doch er soll selber lesen. Sein eigenes Organ agiert unter seinem Niveau als bloßes Konkurrenzprodukt zu "FOCUS". Die Geschichte der Bundesrepublik ist verbunden mit dem Kontrollorgan "Der Spiegel", doch das ist verkommen. Sie leben von den Lücken der Gauck-Behörde. Das ist auch für die Person Rudolf Augstein betrüblich. (Ab 01:09:47) Musik; zwei Songs. (Ab 01:16:30) Fünf Jahre Einheit sind diese Woche im Bundestag gefeiert worden. Die Regierungsparteien scheinen zufrieden zu sein. Die Opposition und die Betroffenen kamen im Fernsehen nicht zu Wort. Die Beschädigungen und die Fehler treten offen zutage. Wenn eine demokratische Gesellschaft nicht in der Lage ist, erkannte Fehler zu revidieren, dann erinnert Grass das an die letzten Tage der DDR. Der Kardinalfehler bei der Einigung war, dass die Existenz der DDR-Bewohner in ihrer Geschichte nicht wahrgenommen wurde. Nichts aus ihrer Lebenserfahrung durften sie einbringen. Die vorläufige Verfassung der alten Bundesrepublik hat zwingend vorgeschrieben, dass dem deutschen Volk bei erfolgter Einigung eine neue Verfassung vorgelegt werden müsse. Dies ist nicht geschehen. Das ist die Grundlage all dessen, was später geschehen ist. Professor Wolfgang Ullmann hat einen diskutablen Entwurf für eine neue Verfassung vorgelegt, in dem viel aus dem Grundgesetz übernommen war. Das ist in Bonn nie zur Kenntnis genommen worden. Grass hat die DDR das Schnäppchen bezeichnet. Den Profit haben wenige eingestrichen, bezahlen müssen die Steuerzahlen die Schulden, die Weigel gemacht hat, noch die nächsten Jahrzehnte. Die Treuhand ist nicht zu kontrollieren, selbst der Untersuchungsausschuss des Bundestages kam nicht an die entscheidenden Akten heran. Mögliche Konkurrenz ist vom Westen aus präventiv ausgeschaltet worden. Ludwig Erhard ist im Vergleich zu diesem Vorgehen ein Linksradikaler gewesen. Als dieser nach der Währungsreform merkte, dass einige Konzerne gefährdet waren, diese verstaatlicht, bis sie sich selbst tragen konnten. Dies hätte man mit den Produktionsstätten der DDR auch machen können. Man hat es nicht gemacht. (Ab 01:21:35) Musik, zwei Songs. (Ab 01:29:29) Deutschland sei härter und ungastlicher geworden, so Grass. Er hängt an das Land, an die Sprache und die Geschichte. Manchmal aber braucht er Abstand, so dass er manchmal ins Ausland geht, wo man ihm mehr Respekt entgegenbringt. In der Bundesrepublik gibt es etwa 4000 Menschen, die hinter Schloss und Riegel leben, obwohl sie nichts getan haben, weil sie Abschiebehäftlinge sind. Die nächste Radiosendung sollte von so einem Abschiebegefängnis gemacht werden. Aus der SPD ausgetreten ist Grass damals wegen der Asylpolitik ausgetreten, das Juwel des Asylparagraphen, das aus der Verfassung herausgebrochen worden ist. Trotzdem bleibt Grass ein sozialer Demokrat. Gleich Altbundeskanzler Helmut Schmidt empfindet Grass den Zustand der SPD als jammervoll. Zwischen Personen wie Willy Brandt, Helmut Schmidt und Herbert Wehner gab es so große Gegensätze wie zwischen den Enkeln heute, aber sie hatten eine eiserne Disziplin, wenn es um die Sache ging. Rudolf Scharping hält Grass nicht für eine Fehlbesetzung, weil er noch am ehesten von sich absehen kann. Grass' eigenes Engagement fing an, als er 1961 aus Frankreich zurückkam und Willy Brandt zur Zeit des Mauerbaus vom "allerchristlichsten" deutschen Kanzler Konrad Adenauer in der berüchtigten Regensburger Rede wegen seiner Exilszeit als "Herr Frahm" und wegen seiner unehelichen Herkunft diffamiert wurde. Das war die Triebkraft für das eigene Engagement. Die Politiker müssen sich auf das konzentrieren, was wichtig ist, die Einheit, die Aufgabe in Europa, die Wohnungsnot, die Aushöhlung der Verfassung. Die persönlichen Tänze vor dem Spiegel müssen eingegrenzt werden. (Ab 01:35:15) Musik: Elvis Presley: In The Ghetto; The Monkees: I'm A Believer Track 2: (Ab 02:51) Wiederholung der letzen Minuten des Vorgängertracks. (Ab 13:52) Grass ist wegen der Asylpolitik der SPD aus der Partei 1993 ausgetreten. Es gibt aber einen enormen Reformstau. Nur eine Konstellation ist in der Lage, den abzuarbeiten: Rot-Grün. Schwarz-Grün hat derzeit keine Perspektive, da Menschen wie Heiner Geißler nicht Wortführer sind. In der SPD ist es schwer genug, obwohl es dort Menschen wie Eppler und Oskar Lafontaine gegeben hat, die schon jahrelang grüne Positionen vertreten haben. Helmut Schmidt war damals der Gründer der SPD, weil er diese Positionen in der SPD nicht zugelassen hat. Wolfgang Schäuble mag taktische Überlegungen in der Schublade haben, aber die Substanz reicht nach Ansicht von Grass nicht aus. Die Politiker sind auch arme Hunde, die immer kritisiert werden. Bewältigen müssen sie mit einem langsamen Apparat schwerwiegende Probleme. Wirtschaftliche Macht regiert in das Parlament herein, was das demokratische System in Frage stellt. In nächster Zeit wird Grass verstärkt Malen, wie immer nach Veröffentlichung eines Buches. Zur Zeit sind es Aquarelle. Wenn dann wieder die notwendige Ruhe eingekehrt ist, dann kommt vielleicht auch wieder etwas Schriftliches. (Ab 18:29) Musik: The Beatles: Lady Madonna. (Ab 20:40) Abmoderation



Urtitel:
Der Schriftsteller: Günter Grass
Anfang/Ende:
Track 1: (Musik, Anmoderation, anfangs unverständlich)…paar Leute heute…zumindest eingegrenzt werden. (Musik) Track 2: (Musik, (Anmoderation, anfangs unverständlich) ...ein paar Leute…und Michel Ried (Abmoderation, Musik, bricht ab)
Genre/Inhalt:
Literatur
Präsentation:
Gespräch
Historischer Kontext:

Veröffentlichung von "Ein weites Feld"

Schlagworte:

Werke:
Ein weites Feld; Die Blechtrommel; Der Butt
Sach:
Kritik; Buchmesse; Der Spiegel; Geschichtsschreibung; Wiedervereinigung; Treuhand; Fontane-Archiv; Schreiben; Lesen; Fernsehen; Terrorismus; CSU; Währungsreform; Gauck-Behörde; Asyl; Zeichnen; Lobbyismus; Malerei; Aquarelle; Das literarische Quartett; sozialistischer Realismus; Verfassungspatriotismus; Bücherverbrennung; Recherche; Perspektive; Erzählperspektive; Schreibprozess; Der erste Satz; Solidarität; Berlin-Roman; Kruzifix-Urteil; Bundesgerichtshof; Haushalt; Verstaatlichung; Verfassungsbruch; Schnäppchen; Konkurrenz; Volkswagen; FOCUS; Abschiebehaft; Asylparagraph; Regensburger Rede; Schreibmaschine; Stehpult; Mauerbau; Diffamierung; Rot-Grün; Parlamentarische Demokratie
Geo:
Halle; Frankfurt am Main; Bitterfeld; Eisenhüttenstadt
Zeit:
.
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
14.10.1995
Sprachen:
deutsch
Anmerkung Qualität:
z.T. laute Hintergrundgeräusche während des Gesprächs
Original:

Originallänge:
01:51:11
Original-Tonträger:
DAT
Kopie:

Länge der Kopie:
02:03:53
Tonträger:
CD
Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Herkunft:

Sender / Institution:
Südwestrundfunk (SWR/SDR: Stuttgart)
Sendereihe:
Leute
Archivnummer:
6901494
Teilnehmende:

Person:
Heim, Wolfgang (Interviewpartner)
Person:
Heim, Wolfgang (Redaktion)
Person:
Siller, Stefan (Redaktion)
Person:
Grass, Günter (Beitragende(r))

Zitieren

Zitierform:

Der Schriftsteller: Günter Grass.

Rechte

Nutzung und Vervielfältigung:
Alle Rechte vorbehalten

Export