Logo der Günter Grass Stiftung Bremen

Webdatenbank

Medienarchiv

DB-Nummer: 179
10.20379/dbaud-0179

Gedenktag zum 40. Jahrestag des Kriegsendes : Reden, Veranstaltungen und Interviews zum 40. Jahrestag der deutschen Kapitulation

Sendung zur Erinnerung an das Kriegsende. Der 8. Mai 1945 wurde und wird sehr unterschiedlich empfunden. Für die Nationalsozialisten und deren Gefolgsleute war es ein Tag der Niederlage und der totale Zusammenbruch - für die Hitler-Gegner ein Sieg (Ausschnitt aus einer Radioübertragung in Moskau zum Kriegsende im Mai 1945). 1985 spricht Bundespräsident Weizsäcker von einem "Tag der Befreiung": "Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Niemand wird um dieser Befreiung willen vergessen, welche schweren Leiden für viele Menschen mit dem 8. Mai überhaupt erst begannen und danach folgten. Aber wir dürfen nicht im Ende des Krieges die Ursache für Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen. (Applaus) Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Kriege führte. Wir dürfen den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 trennen." (Applaus) Bemerkenswert auch Weizsäckers Ausführungen zum Thema "Schuld": "Es gab viele Formen, das Gewissen ablenken zu lassen, nicht zuständig zu sein, wegzuschauen, zu schweigen. Als dann am Ende des Krieges die ganze unsagbare Wahrheit des Holocaust herauskam, beriefen sich allzu viele von uns darauf, nichts gewußt oder auch nur geahnt zu haben. Schuld oder Unschuld eines ganzen Volkes gibt es nicht. Schuld ist, wie Unschuld, nicht kollektiv, sondern persönlich. Es gibt entdeckte und verborgen gebliebene Schuld von Menschen. Es gibt Schuld, die sich Menschen eingestanden oder abgeleugnet haben. Jeder, der die Zeit mit vollem Bewußtsein erlebt hat, frage sich heute im Stillen selbst nach seiner Verstrickung. Der ganz überwiegende Teil unserer heutigen Bevölkerung war zur damaligen Zeit entweder im Kindesalter, oder noch gar nicht geboren. Sie können nicht eine eigene Schuld bekennen für Taten, die sie gar nicht begangen haben. Kein fühlender Mensch erwartet von ihnen, ein Büßerhemd zu tragen, nur weil sie Deutsche sind. Aber die Vorfahren haben ihnen eine schwere Erbschaft hinterlassen. Wir alle, ob schuldig oder nicht, ob alt oder jung, müssen die Vergangenheit annehmen. Wir alle sind von ihren Folgen betroffen und für sie in Haftung genommen. Es geht nicht darum, Vergangenheit zu bewältigen. Das kann man gar nicht. Sie läßt sich ja nicht nachträglich ändern oder ungeschehen machen. Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren." Dann sprach der Bundespräsident über mögliche Lehren: "Wir haben wahrlich keinen Grund zu Überheblichkeit und Selbstgerechtigkeit. Aber wir dürfen uns der Entwicklung dieser vierzig Jahre dankbar erinnern, wenn wir das eigene historische Gedächtnis als Leitlinie für unser Verhalten in der Gegenwart und für die ungelösten Aufgaben, die auf uns warten, nutzen. - Wenn wir uns daran erinnern, daß Geisteskranke im Dritten Reich getötet wurden, werden wir die Zuwendung zu psychisch kranken Bürgern als unsere eigene Aufgabe verstehen. - Wenn wir uns erinnern, wie rassisch, religiös und politisch Verfolgte, die vom sicheren Tod bedroht waren, oft vor geschlossenen Grenzen anderer Staaten standen, werden wir vor denen, die heute wirklich verfolgt sind und bei uns Schutz suchen, die Tür nicht verschließen. - Wenn wir uns der Verfolgung des freien Geistes während der Diktatur besinnen, werden wir die Freiheit jedes Gedankens und jeder Kritik schützen, so sehr sie sich auch gegen uns selbst richten mag. - Wer über die Verhältnisse im Nahen Osten urteilt der möge an das Schicksal denken, das Deutsche den jüdischen Mitmenschen bereiteten, und das die Gründung des Staates Israel unter Bedingungen auslöste, die noch heute die Menschen in dieser Region belasten und gefährden. - Wenn wir daran denken, was unsere östlichen Nachbarn im Kriege erleiden mußten, werden wir besser verstehen, daß der Ausgleich, die Entspannung und die friedliche Nachbarschaft mit diesen Ländern zentrale Aufgabe der deutschen Außenpolitik bleiben. Der Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion Michail Gorbatschow hat verlautbart, es ginge der sowjetischen Führung beim 40. Jahrestag des Kriegsendes nicht darum, antideutsche Gefühle zu schüren. Die Sowjetunion trete für Freundschaft zwischen den Völkern ein. Gerade wenn wir Fragen auch an sowjetische Beiträge zur Verständigung zwischen Ost und West und zur Achtung von Menschenrechten in allen Teilen Europas haben, gerade dann sollten wir dieses Zeichen aus Moskau nicht überhören. Wir wollen Freundschaft mit den Völkern der Sowjetunion." Eine vielbeachtete Rede. In der DDR ist die Situation einfacher, da befreite die Rote Armee von Hitler-Deutschland. Hieraus resultieren Vorstellungen, die Bürger der DDR hätten bereits vor Kriegsende auf Seiten der Alliierten gekämpft. Es gibt vor allem in Ostberlin zahlreiche Ausstellungen und andere kulturelle Veranstaltungen. Gleiches gilt für Westberlin (Ausschnitte aus Lesungen mit verschiedenen Texten und Musik). Ein Sprung in der Zeit zurück: Ausschnitt aus der Rede von Thomas Mann in der BBC, zwei Tage nach der Kapitulation (10.05.1945), über "die Stunde wo der Drache zur Strecke gebracht ist, das wüste und krankhafte Ungeheuer, Nationalsozialismus genannt, verröchelt und Deutschland von dem Fluch wenigstens befreit ist, das Land Hitlers zu heißen. Wenn es sich selbst hätte befreien können,früher, als noch Zeit dazu war, oder ... Auch andere Schriftsteller haben sich Gedanken gemacht, etwa Günter Grass bereits vor drei Tagen in Berlin. Bereits zuvor hat es ein Interview gegeben. Die Jahre nach dem Krieg waren dem Ausverkauf gewidmet. In beiden Staaten ist den Deutschen das Ausmaß der Vorkommnisse bei Kriegsende nicht bewusst. Beide Staaten haben sich zu den Siegern gemogelt. Auch in der Akademie wurden im Nachkriegszeit Kämpfe ausgetragen, etwa zwischen gegenstandsbezogener und abstrakter Kunst. Auch im Osten gab es eine Flucht in den Sozialistischen Realismus. In der "Blechtrommel" ist die Reaktion des Autors auf den Krieg geschehen.



Urtitel:
Sendung zum Ende des Zweiten Weltkrieges am 08.05. 1945 (darin: "Geschenkte Freiheit" - Aus der Rede von Günter Grass zum 8. Mai 1945 vor der Akademie der Künste in Berlin und Hendrik Bussiek im Gespräch mit Günter Grass
Anfang/Ende:
(Trailer, Anmoderation) Kultur um fünf…von Bela Bartok. (Abmoderation, Musik)
Genre/Inhalt:
Politik
Präsentation:
Rede
Historischer Kontext:

Sendung zum 40. Jahrestag der Kapitulation im allgemeinen. Grass ist am Ende Sendung in einem Interview zu hören, das er im Kontext seiner Rede "Geschenkte Freiheit" gibt.

Schlagworte:

Person:
Weizsäcker Richard von; Kunert Günter; Mann Thomas; Adenauer Konrad; Cannetti Elias; Ulbricht Walter
Werke:
Geschenkte Freiheit; Freiheit nach Börsenmaß; Die Blechtrommel; Essays und Reden
Sach:
Akademie der Künste; sozialistischer Realismus; Kriegsende; Tag der Befreiung; Der Mut zu leben; Kunst; Davongekommene; Gegenstand; gegenstandslos; abstrakte Kunst
Geo:
Auschwitz; DDR; Sowjetunion; Israel
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
08.05.1985
Sprachen:
deutsch
Original:

Originallänge:
00:29:50
Kopie:

Länge der Kopie:
00:29:55
Tonträger:
DAT
Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Herkunft:

Sender / Institution:
Südwestrundfunk (SWR/SDR: Stuttgart)
Sendereihe:
Kultur heute - Kultur um Fünf
Archivnummer:
6016830-011
Teilnehmende:

Person:
Bussiek, Hendrik (Interviewpartner)
Person:
Hering, Armin (Interviewpartner)
Person:
von Weizsäcker, Richard (Beitragende(r))
Person:
Grass, Günter (Beitragende(r))

Zitieren

Zitierform:

Sendung zum Ende des Zweiten Weltkrieges am 08.05. 1945 (darin: "Geschenkte Freiheit" - Aus der Rede von Günter Grass zum 8. Mai 1945 vor der Akademie der Künste in Berlin und Hendrik Bussiek im Gespräch mit Günter Grass.

Rechte

Nutzung und Vervielfältigung:
Alle Rechte vorbehalten

Export