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Medienarchiv

DB-Nummer: 194
10.20379/dbaud-0194

Grass contra Kaniuk : Deutsch-israelischer Gedankenaustausch nach dem Ende des Golfkrieges

Während des Golf-Krieges 1991 besucht der israelische Schriftsteller und Friedensaktivist Yoram Kaniuk Deutschland, um sich einem öffentlichen Gespräch mit seinem Kollegen Günter Grass zu stellen. Israel sah sich damals von irakischen Raketen bedroht, deren Bewaffnung mit aus Deutschland geliefertem Gas vermutet werden musste. Kaniuk ist über die anti-israelische Linke in Deutschland erschüttert. In einem Aufsatz für die ZEIT schreibt er: »Meine Stimme habe ich gegen das Verhalten der sogenannten Linken, des fortschrittlichen Lagers, der deutschen Friedensbewegung, der Intellektuellen erhoben.« Grass reagiert gereizt auf die Frage, wo er war, als jüdische Demonstranten vor den Toren deutscher Chemiekonzerne standen. Gas habe Israel verändert, deutsches Gas, und zwar vollständig. Der Gesprächsfaden zwischen Kaniuk und Grass riss buchstäblich. Grass verwies im Folgenden immer wieder auf die Palästinenser und stellt auf das Problem »Blut für Öl«. Kaniuk erinnert sich später: »nach etwa zwanzig Minuten also kam der Junge zum Vorschein, der einst der Hitlerjugend angehört, jener junge Mann, der tieffliegende amerikanische Flugzeuge beschossen hatte; die Blechtrommel verwandelte sich in jemand anderen, in eine Stahltrommel vielleicht. Zum Schluss fiel alles ab und wurde vom Winde verweht, wir blieben dort nackt, ich war mein Großvater, er sein Großvater, der Deutsche gegen den Juden.« Kaniuk resigniert, stellt verzeifelt fest, dass »kein deutsch-jüdischer Dialog das Problem zu lösen vermag; er vermag nicht zu erklären, warum Grass, ein wichtiger Schriftsteller, ein Geistesmensch, sich plötzlich in seinen Großvater verwandelte und mich bekämpfte, wie man mich einst neben Wotans Eichen bekämpft hatte.« Rund 600 Gäste sitzen beim Streit zwischen Grass und Kaniuk im Publikum, sie applaudieren dem deutschen Dichter, der nach dreieinhalb Stunden den Saal als Sieger verläßt. Moshe Zuckermann attestiert seinen Deutschen in »Zweierlei Holocaust«, recht gehandelt zu haben, denn Kaniuk »beging die Reise, um ein individuell Neurotisches aufs Kollektive zu projizieren, eine persönliche Idiosynkrasie öffentlich auszutragen - unverzeilich ist an Kaniuks Einstellung sein grober, dabei bedachter Missbrauch des Holocaust-Andenkens. Es ist die heteronome Instrumentalisierung von Auschwitz.«



Urtitel:
Grass contra Kaniuk - Deutsch-israelischer Gedankenaustausch nach dem Ende des Golfkrieges
Anfang/Ende:
(Anmoderation) Diese Regierung muss…von Gerhard Rein. (Abmoderation)
Genre/Inhalt:
Politik
Präsentation:
Feature
Historischer Kontext:

Yaran Kaniuk und Günter Grass im öffentlichen Gespräch über aktuelle Probleme nach Beendigung des Golfkrieges und über die Sorge um den Frieden im Nahen Osten. Zweierlei Holocaust? Zweierlei Erinnerung? Zu Neuerscheinungen über Probleme von Gedächtnisdiskursen Zunächst zwei Szenen, die erste im März 1991: Der Golfkrieg war gerade erst beendet worden, da erschien in Israel ein Artikel des israelischen Schriftstellers Yoram Kaniuk. In diesem charakterisiert er seinen Deutschland-Besuch kurz zuvor und sein vom Fernsehen übertragenes Podiumsgespräch mit Günter Grass als „eine Konfrontation zwischen dem Juden und dem Deutschen": „Ich war mein Großvater, er sein Großvater, der Deutsche gegen den Juden". Vor dem Hintergrund der Debatte um die militärischen Lieferungen deutscher Kriegsindustrie an den Irak wurde Grass, der Auschwitz als „Schamschwelle" für jedes politische Handeln Deutschlands anmahnte, Adressat des Satzes, „die Deutschen" hätten „den Juden Auschwitz nie verziehen". Die zweite Szene spielt in den Kulissen der „Goldhagen-Debatte": Am 4. September 1996 fand eine vom Historischen Forschungszentrum der Friedrich-Ebert-Stiftung und der Deutsch-Israelischen Gesellschaft ausgerichtete Veranstaltung zur Goldhagen-Kontroverse in Bonn statt. Der Korrespondent der Tageszeitung Yediot Aharanot, Raul Teitelbaum, rief in die prominent besetzte Runde (u.a. Fachhistoriker wie Hans Mommsen und Jane Caplan, der Journalist Frank Schirrmacher, Ignatz Bubis und der Bundestagsabgeordnete Freimut Duve), er habe, entgegen der fast einhelligen Ablehnung des Buches durch die Redner, die These Goldhagens immer banal gefunden, sie sei für ihn selbstverständlich: „Die Tatsache, daß man in Deutschland über diese These so heftig diskutiert, ruft in mir schlimme Gedanken wach." Er habe, so Teitelbaum weiter, in der Diskussion mehr über die deutsche Gesellschaft gelernt als über den Holocaust. Der Vortrag von Hans Mommsen spiegele den apologetischen Zugang zu den Ereignissen wider, die zum Holocaust geführt haben. Einige Historiker in Deutschland seien schlicht „tief beleidigt" über und „neidisch" auf das Buch. „Das ist nicht wahr", ruft Mommsen zurück. Und als ein weiterer Diskussionsteilnehmer den Faden Teitelbaums aufnimmt und empört feststellt: „Ja, Herr Mommsen, wir ersticken im Moment im historischen Detail, wenn wir den historischen Ursachen nachgehen", schreit der Angesprochene: „Das ist unhaltbar!" Mißverständnisse oder gewollte Polarisierung? Normale Deutungskontroversen oder „Gedenkpolitik"? Geteiltes Erkenntnisinteresse oder „zweierlei Holocaust"? Moshe Zuckermann geht in seinem so betitelten Buch (in welchem die oben erwähnten Beispiele genau nachzulesen sind) von der zutreffenden Erkenntnis aus, daß in den diversen Debatten die „Anhäufung des bislang Beigetragenen" eine Art von Verdinglichung erfahren habe, daß es schwierig sei, über das bereits in dritter oder vierter Ableitung Vorgebrachte zu reflektieren. Sein Ansatz zielt auf die den Streitfällen inhärente Dynamik, auf die Grenzen der Auseinandersetzung und die Ambivalenz der Streitdiskurse (S. 123 f.). Er versucht, verschiedene ideologische Ausformungen der Holocaust-Rezeption in den politischen Kulturen Israels und Deutschlands zu zeigen und darüber hinaus auch die komplementäre Wechselwirkung im Diskurs zwischen den beiden Ländern: An welchen Stellen äußern sich instrumentalisierende Gebrauchsweisen des Holocaust-Gedenkens? Wie materialisieren sich öffentliche Vereinnahmungen? Am Anfang steht folgerichtig die Erkenntnis eines geradezu inflationären Gebrauches des Terminus „Holocaust", eine „längst enttabuisierte Alltagsrhetorik" und „Zerschwätzung des Begriffs" (S. 174) in Israel und Deutschland, bei gleichzeitig forcierter Betonung seiner Einzigartigkeit und einer geradezu monopolisierten Vereinnahmung von allen Seiten. Diese Instrumentalisierung hat verschiedene Namen und verschiedene Motivationen, kann in partikularisierender Verengung und in universalisierender Enthistorisierung (S. 175) des Themas auftreten. Zuckermann fragt zurecht, worin sich denn nun eigentlich das „Auschwitz" von Grass von dem Kaniuks unterscheide? Kaniuk, so der Autor, vertrat eine aktualisierende Sicht auf Auschwitz, das in Form irakischer Giftgasdrohungen „beinahe in das abgedunkelte Zimmer" der Gegenwart Israels eingedrungen sei. Grass dagegen verteidigte seinen historisch-pädagogischen Blick auf das Vernichtungslager als Auftrag, als Verpflichtung im ethischen Sinne, aber dennoch als eine Art „Botschaft" aus der Vergangenheit. Auch die Polarisierungen in der Goldhagen-Debatte, hier anhand der Auseinandersetzung zwischen Teitelbaum und Mommsen, zeigte dieses Grunddilemma eines adäquaten Sprechens über den Holocaust: „Wenn Geschichtsschreibung Distanz erfordert, die Protagonisten ihres Gegenstands sich jedoch gegen eine solche Distanz vehement wehren", dann wird die Gegenüberstellung von Emotion und Distanz zum Paradigma der Konfrontation zwischen dem jüdischen Holocaust-Überlebenden und seinem vermeintlichen Widersacher, dem „unbefangen" forschenden deutschen Historiker. Diese Art von Debatten erweisen sich, so zeigt es Zuckermann auf, als eine „gut eingespielte Rollenverteilung: „der" Jude steht „dem" Deutschen gegenüber, beide Protagonisten einer manichäisch aufgefaßten Szenerie, archaisierend in der Ausrichtung, vom Individuellen absehend, das Ritual einer vermeintlichen „Begegnung" (die unter solchen Voraussetzungen natürlich nicht stattfinden kann) zelebrierend" (S. 139). Der Autor gehört zu den „angry young man" der israelischen Historiographie. Wie Benny Morris, Avi Shlaim, Ilan Pappe, Moshe Zimmermann und Tom Segev unterzieht auch Zuckermann die Gründermythen Israels einer kritischen Revision. Die eigene Arbeit beschreibt diese jüngere Historikergeneration als Ausdruck einer „postzionistischen Phase", so Zuckermann in einem Interview mit der Berliner taz. Geboren 1949 in Tel Aviv, lebte er zwischen 1960 und 1970 in Frankfurt am Main, absolvierte sein Studium in Israel (Soziologie, Politologie und Geschichte) an der Universität Tel Aviv, wo er über deutsche Geschichte promovierte und seit 1990 lehrt. Sein Buch Shoa in the Sealed Room. The „Holocaust" in Israeli Press during the Gulf War erschien 1993 auf hebräisch. Damals äußerte er sich skeptisch über eine deutsche Übertragung, weil seine Israel-Kritik in der Bundesrepublik auf „Bedürfnisse" stoßen könnte, „die nicht sehr aufklärerisch sind". Die Thesen dieser Studie sind in dem vorliegenden Buch nun endlich auch in Deutschland nachzulesen. Seine Kritik an den vielfältigen Instrumentalisierungen des Holocaust wiederum zu instrumentalisieren wäre aber in der Tat Ausdruck einer äußerst ungenauen Lektüre. Das Buch erweist sich nämlich als sensibel auch noch dort, wo es mit Kritik nicht spart, weil Zuckermanns ruhiger, sachlicher (die Positionen ausführlich zitierender) Beitrag gerade nicht auf deutliche Worte und einen dezidierten eigenen Standpunkt verzichtet. Zweierlei Holocaust ist ein Beitrag zu den Schwierigkeiten von „Erinnerungsdiskursen" und beweist exemplarisch, wie fruchtbar es ist, diese zu problematisieren, ohne sie dabei als lediglich sekundären Balast zu disqualifizieren. Das Buch ist von den Überlegungen Adornos und Benjamins inspiriert, bezieht seine Stärke aber gerade dadurch, daß es sich einer noch viel zu selten anzutreffenden (Dan Diners Arbeiten einmal ausgenommen) „zweifachen" Perspektive verdankt, die zugleich auf Deutschland wie auf Israel zu schauen imstande ist. Der Autor beeindruckt durch seine ganz unaufgeregte Methode, die ebenfalls „zweierlei" vereint: die Klarheit der Argumentation, der eigenen Sprache und Wertungen und die Fruchtbarkeit des Ansatzes, vom Karussel der Interpretationen auszugehen, die Deutungen zu deuten und somit zum Ereignis zurückzukehren. Zuckermann macht anhand von in Deutschland nur selten diskutierten Beispielen und vor allem im Hinblick auf die innerisraelische Diskussion hierzulande meist unbekannten Problemstellungen eine ganz andere Doppelbödigkeit des Themas einsichtig. Er charaktersiert die Shoah als „dichotomes Paradigma menschlicher Existenz" (S. 34), als ein extrem polarisierendes Symbol für das Grundverhältnis von Mördern und Gemordeten, Verbrechern und ihren Opfern. Aber er konstatiert deshalb durchaus nicht nur ein in Deutschland und Israel komplementäres Gedenken, welches er dann sozusagen mit den Argumenten der jeweils anderen Seite kommentiert, sondern einen dem Ereignis „Holocaust" inhärenten Widerspruch. Dieser führt in beiden Gesellschaften zu unterschiedlichen Tabus und Divergenzen, affektiven Tabubrüchen und stets gefährdeten Konsensversuchen, die (hier wie dort) niemals ohne Konsequenzen für das Verständnis des Ereignisses selbst zu haben sind. Das Buch von Jeffrey Herf verzichtet zwar auf den bei Zuckermann hervorzuhebenden Ansatz, über das Erinnern und seine Dynamiken selbst nachzudenken, obwohl der Titel das nahelegen könnte, dafür besticht es in anderer Hinsicht. Zweierlei Erinnerung (noch genauer im amerik. Orig.: Divided Memory) geht der Grundfrage nach, warum und auf welche Art deutsche Politiker nach dem Krieg angesichts der breiten Unterstützung, welche der Nationalsozialismus erfahren hatte, das Thema der Judenvernichtung überhaupt zur Sprache brachten. Herf interessiert sich hierbei besonders für die sich herausbildenden „Bruchlinien der geteilten Erinnerung" (S. 10) zwischen den beiden entstehenden deutschen Teilstaaten und ihrer je eigenen Logik. Seine leitende Überlegung ist das Verhältnis von Erinnerung, Demokratisierung und Diktatur. Das Buch ist übersichtlich aufgebaut, hat seinen Schwerpunkt in der Darstellung der kommunistischen und ostdeutschen Entwicklung der Diskussionen und ihrer Wandlung, ist gut zu lesen und mit dem Mut geschrieben, Linien auch über mehrere Jahrzehnte hinweg zu ziehen. Seinen Höhepunkt hat es in der bislang nahezu unbekannten Geschichte Paul Merkers, dessen Exilgeschichte in Mexiko und seiner dort entwickelten und in die Staatsgründung der DDR hineingetragenen Überzeugung, die Besonderheit des jüdischen Schicksals zum Thema zu machen. Allerdings ist Merker damit gescheitert, die Entschädigung der jüdischen Opfer wurde keine Politik der SED, und Merker selbst mußte nicht nur aus dem Politbüro ausscheiden, sondern auch mehrere Jahre und unter brutalen Verhörmethoden im Gefängnis zubringen. Die Darstellung der deutsch-deutschen Vergangenheitspolitik ist durch Herfs distanzierten Blick, seine genaue (und an ein amerikanisches Publikum gerichtete) Sprache und seine nüchterne Herangehensweise auch eine Art Einführung in die Problemstellung und schon deshalb zu empfehlen. Manchmal aber überschätzt der Verfasser seine hochgegriffene Ausgangsthese vom Verhältnis von Demokratie und Erinnerung und unterschätzt damit zugleich seine eigenen Befunde. Denn auch wenn seine Überlegung, daß „eine ehrliche Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit untrennbar mit der Entwicklung der Demokratie in Deutschland verbunden war" (S. 461) symphatisch ist und Belege hierfür auch reichlich vorhanden sein mögen, ist doch das Spezifische an einer Rekapitulation der deutsch-deutschen Bewältigungs-Thematik nach der Vereinigung im Jahre 1989/90 gerade die andere Einsicht: daß nämlich im Westteil Deutschlands der Adenauer-Ära „Integration" vor „Gerechtigkeit" rangierte und der erste Bundeskanzler „einen Handel mit den belasteten Deutschen" abschloß und daß diese „Vergangenheitspolitik" funktionierte! „Er hielt sich in bezug auf die NS-Vergangenheit zurück, und sie akzeptierten die neue Demokratie (…)" (S. 460), so Herf selber. Im Falle der westdeutschen 50er Jahre ließe sich also getrost das Umgekehrte behaupten, gerade im Hinblick auf die damit verbundene und im Rückblick empörende Marginalisierung der Opfer. Die Demokratisierung war Ergebnis eines in sehr engen und festgelegten Grenzen verbannten Diskurses über die nationalsozialistische Judenvernichtung. Und für die Wahrnehmung der jüdischen Opfer durch die kommunistische Seite zeigt der Verfasser zwar, wie intentional, ja brutal die Erinnerung an den Holocaust von der moskautreuen SED verdrängt wurde und wie einebnend die offizielle Selbstbezeichnung „Antifaschismus" wurde. Aber das Besondere des vorliegenden Buches scheint mir auch hier zu sein, wie differenziert und wie überzeugt sich in der Vorgeschichte der Staatsgründung und bis Anfang der 50er Jahre eben ein (wenn auch marginales) spezifisch kommunistisches Erinnerungsnarrativ an die Juden gehalten hatte. Gerade Paul Merker, der als „Zentralfigur in den großen Kontroversen über die jüdische Frage in der Geschichte des deutschen Kommunismus des 20. Jahrhunderts" charakterisiert wird und der seine orthodox-kommunistischen Ansichten gar nicht revidieren mußte, um Fragen der Wiedergutmachung und Entschädigung für die jüdische Opfergruppe einzufordern, und Leo Zuckermann, der im Zuge der „antikosmopolitischen Säuberungen" der DDR das Land verlassen mußte, werden von Herf aus dem Kontext ihrer besonderen Exilsituation vor 1945 dargestellt. Während also im Westen die Entwicklung der Demokratie zumindest zeitweise ohne Erinnerung auskam, gab es im Osten, wenn auch nur kurz, Erinnerung ohne Demokratie. Meines Erachtens zeigt Jeffrey Herf selbst diese beiden Zusammenhänge differenziert auf und regt damit ein Nachdenken über die verpaßten Chancen und die paradoxen Effekte der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit an. Die Stärken des Buches liegen in zwei Aspekten, die ich zuletzt noch einmal herausstellen möchte: Herf macht deutlich, wie grundlegend sich die erste Generation der politischen Interpreten des Holocaust, seien sie liberal oder konservativ, sozialistisch, kommunistisch oder sozialdemokratisch in der Wahrnehmung der Judenvernichtung und der Deutung des Nationalsozialismus auf ihre eigenen Erlebnisse, Erfahrungen und Emotionen gestützt haben. Trotz einer immer stärker an ideologischen Bruchlinien sich aufteilenden Erinnerung zwischen Ost und West konnten Adenauer und Heuss, Schumacher und Reuter, Dahlem und Merker die jüdische Katastrophe aus einer tiefen persönlichen Beziehung zum deutsch-jüdischen Zusammenleben vor dem Machtantritt der Nationalsozialisten interpretieren. In ihren von Herf schlüssig und genau interpretierten Reden und Briefen, Artikeln und anderen Veröffentlichungen wird deutlich, daß hier „das Persönliche in der Tat politisch war" (S. 443), denn deutsche Juden waren „ihre Freunde, Verwandten, Kameraden und Kollegen gewesen." Ludwig Erhards Erinnerungen an seinen Doktorvater Ernst Oppenheimer, Reuters Erinnerungen an die Schreie im nationalsozialistischen Gefängnis, Adenauers Freundschaft mit Dannie Heinemann, die Dankbarkeit emigrierter Sozialdemokraten gegenüber dem Jüdischen Gewerkschaftsbund für ihre Rettung aus Vichy-Frankreich u.a. belegen, wie konkret zu seiner Zeit die Judenvernichtung an eigene Gefühle der Schuld und der Scham, der Dankbarkeit und der Wut gebunden waren. Zweitens erweist sich die Beschränkung auf die Protagonisten großer Politik als ausgesprochen kluger Griff und als Vorteil gegenüber dem Chaos eines vielstimmigen und schwierig zu bändigenden Chors literarischer, psychologischer, juristischer und kirchlicher „Bewältiger" der Vergangenheit. Denn hier zeigt der Verfasser, daß die nach dem Krieg sich etablierende „vielfältige Restauration" aus Traditionen gespeist wurde, die schon vor dem Nationalsozialismus miteinander im Streit gelegen hatten. Bei der KPD reichen diese Traditionsstränge von der Ausformulierung der Marx’schen Theorie bis zu Stalins Schrift über die nationale Frage und den generellen Ideologie-Verdacht, aus dessen Perspektive Juden und Kapitalisten traditionell-antisemitisch zusammengerückt werden konnten. Die SPD konnte in der von Herf mehrfach betonten positiven Rolle, die sie nach dem Krieg in der selbstkritischen Auseinandersetzung mit Vergangenheit und Drittem Reich einnahm, relativ bruchlos an ihre Politik vor 1933 und an ihre Haltung im Exil von Stockholm, New York und London anschließen. Ihre Position war, so legt der Autor überzeugend dar, objektiv die komplexeste: Absetzung vom neuen totalitären Kommunismus und Unterstützung der pragmatischen Adenauer’schen Annäherung an Israel einerseits, obwohl die linke Kritik an Adenauer manche Überschneidung aufwies; Abgrenzung vom Konservativismus andererseits, ohne jedoch einer Rhetorik der sozialistischen säkularen Teleologie zu verfallen. Die Christdemokraten hinterließen ein „zwiespältiges Vermächtnis": Obwohl die Option für den Westen und der Anschluß an dessen Werte der Individualität, der Rechtsstaatlichkeit und der Kritik am autoritären Staat zu Adenauers (wie er es selbst nannte) „vornehmsten" Leistungen gehörte und er mit dem Thema der finanziellen Wiedergutmachung an jüdische Überlebende und den jüdischen Staat wohl mehr öffentliche Unterstützung erreichte, als wenn dasselbe ein linker Politiker gefordert hätte, betont Herf dennoch die Trennung zwischen der Erinnerung und dem Imperativ der Gerechtigkeit im Hinblick auf die Verantwortlichkeit der konkreten Täter. Die Erneuerung einer christlichen Abendland-Rhetorik verzichtete zudem durchaus auf die Suche nach den eigenen Traditionsanteilen, bspw. im Hinblick auf den christlichen Antisemitismus. Herf hat vollkommen recht, wenn er betont, daß das Auffallende insgesamt eher darin liegt, wie wenig alle diese Traditionslinien angesichts der Schrecken des Zweiten Weltkrieges und der Besonderheit der Judenvernichtung korrigiert wurden. Das wird einmal beiläufig erwähnt, findet aber in der Konzeption der Untersuchung keine Berücksichtigung. Ob aber, so muß gefragt werden, angesichts der Probleme, Wirklichkeit wahrzunehmen, überhaupt noch von „Erinnerung" die Rede sein kann? Die Ambiguität des Erinnerungsbegriffs ist, wie gesagt, nicht das Thema des Historikers. Aber daß manche Fragen offenbleiben, liegt nicht zuletzt auch daran, daß im Grunde nicht erkennbar wird, was mit „Erinnerung" gemeint ist außer der sozusagen öffentlichen, proklamierten Version eigener Vorstellungen, Ideologeme und gegenüber anderen Parteien und Personen abzugrenzenden Interessen. Wer eine kurze Informationshilfe für das Verhältnis von Deutschland und Israel zueinander angesichts der Belastung durch den Völkermord sucht oder auch den Fragen der je spezifischen Erinnerungskonstruktionen von Israel, der ehemaligen DDR (speziell) und Deutschlands (gesamt) in bezug auf den Holocaust nachgehen möchte, dem sei noch ein Konferenzband empfohlen, der auf eine Tagung „Deutschland, Israel und der Holocaust" im Jahre 1996 zurückgeht. Der Diskussionsstand ist hier knapp und differenziert zugänglich. Hervorgehoben sei in unserem Zusammenhang nur ein Beitrag, nämlich der von Moshe Zimmermann. In aller Kürze kann man seine Argumentation und seine provokativen Thesen vom generellen „Instrumentalisieren" der Geschichte zu Lernzwecken hier nachlesen. Der Band bietet (traditionell für die von Bernd Faulenbach u.a. betreute Reihe „Geschichte und Erwachsenenbildung") auch 30 Seiten Plenums-Diskussion: Quellen für zukünftige „Erinnerungshistoriker" … Moshe Zuckermann: Zweierlei Holocaust. Der Holocaust in den politischen Kulturen Israels und Deutschlands Göttingen: Wallstein-Verlag, 1998, 181 S., DM 38,– Jeffrey Herf: Zweierlei Erinnerung. Die NS-Vergangenheit im geteilten Deutschland Berlin: Propyläen Verlag, 1998, 557 S., DM 68,– Bernd Faulenbach, Helmuth Schütte (Hg.): Deutschland, Israel und der Holocaust. Zur Gegenwartsbedeutung der Vergangenheit Essen: Klartext-Verlag, 1998, 138 S., DM 24,80 Rezensent: Nicolas Berg (Freiburg im Breisgau) aus: Newsletter - Informationen des Fritz Bauer Instituts · Nr. 16 · Frühjahr 1999

Schlagworte:

Person:
Kaniuk Yoram
Sach:
Golfkrieg; Antisemitismus; Krieg; Öl
Geo:
Palästina
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
08.03.1991
Aufnahmeort:
Berlin (Funkhaus Nalepastraße)
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Mono
Original:

Originallänge:
00:05:40
Kopie:

Länge der Kopie:
00:06:17
Tonträger:
DAT
Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Herkunft:

Sender / Institution:
Südwestrundfunk (SWR/SDR: Stuttgart)
Sendereihe:
S+dfunk aktuell
Archivnummer:
6329021-004
Teilnehmende:

Person:
Landzettel, Marianne (Redaktion)
Person:
Grass, Günter (Beitragende(r))

Zitieren

Zitierform:

Grass contra Kaniuk - Deutsch-israelischer Gedankenaustausch nach dem Ende des Golfkrieges. Berlin (Funkhaus Nalepastraße) .

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