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Medienarchiv

DB-Nummer: 199
10.20379/dbaud-0199

Die sozialdemokratische Wählerinitiative - Gespräch mit Günter Grass

Frage: Für wen stehen Grass und die 1969 gegründete Wählerinitiative? Grass: nach "Restauration unter Adenauer" und Zerfall der Adenauer-Regierung als Übergangsphase Große Koalition; Notwendigkeit von Reform-Kräften in der Regierung; nach Wahl Gustav Heinemanns zum Bundespräsidenten habe sich die Chance auf eine sozialliberale Koalition gezeigt; die Wählerschicht in der Mitte sei jedoch für die Sozialdemokraten kaum erreichbar gewesen; daher hat Grass mit Freunden und Studenten zusammen die sozialdemokratische Wählerinitiative aufgebaut; Vorgeschichte dazu: Grass hat 1965 ohne Absprache mit der SPD seine erste Wahlkampfreise gemacht, organisiert vom sozialdemokratischen Stundentenbund und liberalen Studentenbund ("Vorwegnahme der sozialliberalen Koalition"); Grass hat in seinen Reden damals die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze gefordert, zur Reform des Paragraphen 218 aufgerufen; bei einer Landtagswahl in Schleswig-Holstein hätten sich dann Siegfried Lenz, Eberhard Jäckel und Grass selbst die Idee zu einer Wählerinitiative gehabt; dies sei sehr neu und erfolgreich gewesen; Gründung von ca. 40 Initiativen im Bundesgebiet, meist in sogenannten "schwarzen" Wahlkreisen; bis zum Wahltag habe sich die Zahl der Initiativen auf 60 oder 70 vergrößert; bei dem knappen Ergebnis der Wahl von 1969 hätte dieses Engagement viel Einfluss gehabt Frage: Verhältnis der SPD zu den Wählerinitiativen? Grass: abwartende Haltung; junge Politiker, die mit der Wählerinitiative groß geworden sind; einige von diesen hätten später den Anschluss an die Wählerinitiativen verloren Frage: Willy Brandt als Leitfigur für Grass und die Wählerinitiative? Grass: stake Prägung der sozialliberalen Koalition vor und nach 1969 durch Willy Brandt; das Programm sei jedoch von der Partei mitgetragen worden: neue Deutschland- und Ostpolitik, Entwicklungspolitik (Erhard Eppler), innere Reformen; die Wahl 1972 nach dem missglückten Misstrauensvotum habe dann eine zu große Personalisierung auf Willy Brandt zur Folge gehabt; der Slogan "Bürger für Brandt" sei in der Wählerinitiative entstanden und habe dem Klima entsprochen; viele haben die 1969 begonnene Reformarbeit fortsetzen wollen; dadurch größter Wahlerfolg der Sozialdemokraten; mit der Mehrheit der sozialliberalen Koalition hätte man jedoch schneller und effektiver arbeiten können; daher hat Grass u.a. in einer "Panorama"-Sendung Kritik an der SPD geäußert (vgl. DB VID 691 "Worte an Willy"); nach Äußerung dieser Kritik Begegnung mit Guillaume im Vorzimmer von Willy Brandt; nach Brandts Rücktritt, der durch Guillaume mit herbeigeführt worden sei, sei es für die Wählerinitiative schwieriger geworden; unter Helmut Schmidt sei u.a. durch einen Irrtum von Brandt der Radikalenerlassen aufgekommen; dies habe das Klima in der Bundesrepublik bis zum heutigen Tag vergiftet; Auflösungen und teilweise Fortführungen der Initiativen bei den "Grünen"; Menschen wie Erhard Eppler hätten genau die Dinge vorhergesagt, für die die SPD später unter Helmut Schmidt und heute zu zahlen habe Frage: Prägung der Wählerinitiativen mehr durch Emotion und Gefühl als durch Verstand? Grass: Aufkommen neuer Begriffe ("Lebensqualität", "mehr Demokratie wagen") und neuer Ton im Umgang mit der deutschen Vergangenheit; Brandts Reise nach Wahrschau 1970; Brandt habe belastende Probleme souverän angepackt; ein "Dilletant wie Herr Kohl" zerstöre das gewonnenen Vertrauen zu Polen wieder; Grass spreche hier wie auch Siegfried Lenz als einer, der seine Heimat verloren habe und der sich der Gründe dafür bewusst sei; der Hilter-Stalin-Pakt habe Polen verändert und zum Verlust der polnischen Ostprovinzen geführt; eines der Hauptverdienste von Brandt sei nach den "Verschleierungen und Verschleppungen" der 1950er Jahre ein Heranführen der deutschen Politik an die Realität Frage: Vorschlag Golo Manns, dass Grass Regierender Bürgermeister von Berlin werden solle; hat sich Grass selbst schon die Frage gestellt, ein politisches Amt übernehmen zu wollen? Grass: Vorschläge von Außen habe es immer wieder gegeben; ein Amt hätte Grass nicht gereizt, ein Auftrag im Bereich Entwicklungshilfe unter Minister Eppler hingegen schon; an diesem Bereich der Politik sei er immer interessiert gewesen; der Gegensatz zwischen Wettrüsten und Verelendung der Dritten Welt (vgl. Brandts Nord-Süd-Berich) sei ihm schon immer deutlich gewesen; zu einem Arbeitsangebot in diesem Bereich sei es aber nie gekommen Frage: Verselbstständigung der Wählerinitativen? Grass: dies ist Grass' Absicht gewesen; nach mehreren Jahren politischer Arbeit sei der Wunsch nach Arbeit an einem epischen Stoff aufgekommen; dann Beginn der Arbeit am "Butt"; Konzentration auf Grass' Person wäre zudem für die Wählerinitiativen nicht gut gewesen; daher habe er sich nach der Wahl 1972 in einer "knappen Rede" verabschiedet Frage: Veränderungen im Bewusstsein der Wählerinitiativen nach 1969 und 1972? Grass: Bewusstsein für eine kritische Haltung sei aufgekommen; in der Ära Schmidt sei für Wählerinitiativen kein Platz mehr gewesen; Voraussetzung für neue Wählerinitiativen: Aufbruchs-Klima im demokratischen Sinn; dafür Voraussetzung: Einhalten des Godesberger Programms der SPD; besonders der ökologische Bereich müsse in das Programm aufgenommen und umgesetzt werden; dies könne auch den Wähler bewegen, mehr als nur seine Stimme abzugeben Frage: Einfluss der Wählerinitiative Ende der 60er / Anfang der 70er Jahre? Grass: sozialliberale Koalition sei ohne Wählerinitiative nicht möglich gewesen; auch die Studentenproteste hätten ein Wechsel-Klima mit vorbereitet; längerfristige Wirkungen auf die SPD kann Grass schlecht beurteilen <Schnitt 2 min vor Ende, danach offenbar anderes Interview zur Macht der Verlagswelt, Verhältnis von Verlag und Autor und Engagement für Hans Joachim Schädlich>



Urtitel:
Die sozialdemokratische Wählerinitiative - Interview mit Günter Grass
Anfang/Ende:
Aus dem Tagebuch…ein Schädlich-Kapitel lesen.
Genre/Inhalt:
Politik
Präsentation:
Gespräch
Historischer Kontext:

"Die Räume sind düster und trist", findet die Süddeutsche Zeitung: "Der Blick geht auf Hinterhöfe und einen verwilderten Garten." Das Büro im Zentrum Bonns wird zur Heimat der "Sozialdemokratischen Wählerinitiative". Prominentestes Mitglied: Der Schriftsteller Günter Grass, der schon 1965 für die "Es Pe De", wie er die Partei schreibt, in den Wahlkampf zog. Am 24. März 1969 stellen sich die intellektuellen Wahlkämpfer in Bonn vor. Neben Grass sind auch die Professoren Kurt Sontheimer und Eberhard Jäckel dabei. Ein halbes Jahr lang wird Bonn zur Heimat des Schriftstellers Günter Grass. Von hier aus startet er seine drei Wahlkampf-Reisen mit rund 60 Auftritten, vor allem in CDU-Hochburgen. Der engagierte Autor ist mit Brandt, Schiller und Ehmke persönlich befreundet und wirbt für den Machtwechsel als "Stoffwechsel der Demokratie". Die Größen der Union bekommen bei Grass ihr Fett weg, die ganz harten Töne vermeidet er aber, anders als im vorherigen Wahlkampf. Bei den Bundestagswahlen im September gelingt der Machtwechsel. Wie viel die Wählerinitiative dazu beigetragen hat, bleibt Spekulation.

Schlagworte:

Person:
Adenauer Konrad; Heinemann Gustav; Lenz Siegfried; Jäckel Eberhard; Brandt Willy; Barzel Rainer; Guillaume Günter; Schmidt Helmut; Kohl Helmut; Mann Golo; Lafontaine Oskar; Schädlich Hans-Joachim; Steffen Jochen
Werke:
Aus dem Tagebuch einer Schnecke; Der Butt
Sach:
Wahlkampf; SPD; Wählerinitiative; Koalition; Wahlkampfreise; Studentenbund
Geo:
Bonn; Schleswig-Holstein; Polen; Sowjetunion; DDR; Berlin
Zeit:
1950er Jahre; 1960er Jahre; 1970er Jahre
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
08.11.1985
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Mono
Anmerkung Qualität:
Zeitweise Hintergrundrauschen und -geräusche
Original:

Originallänge:
00:23:55
Kopie:

Länge der Kopie:
00:25:39
Tonträger:
DAT
Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Herkunft:

Sender / Institution:
Südwestrundfunk (SWR/SDR: Stuttgart)
Sendereihe:
Zeitzeugen
Archivnummer:
6015105
Teilnehmende:

Person:
Jaedicke, Ralf (Interviewpartner)
Person:
Krause-Burger, Sibylle (Redaktion)
Person:
Grass, Günter (Beitragende(r))

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Zitierform:

Die sozialdemokratische Wählerinitiative - Interview mit Günter Grass.

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