Logo der Günter Grass Stiftung Bremen

Webdatenbank

Medienarchiv

DB-Nummer: 236
10.20379/dbaud-0236

Über Nicaragua - Interview mit Günter Grass

Für eine verstärkte Entwicklungshilfe an Nicaragua hat sich Johano Strasser (Mitglieder der SPD-Grundwertekommision) stark gemacht. Strasser hat gemeinsam mit Günter Grass und dem Fernsehjournalisten Franz Alt und Hermann Schulz vom Peter-Hammer-Verlag das Land bereist, eingeladen von Ernesto Cardenal und Sergio Ramírez. Vor allem im Agrarbereich, so Strasser, könnten mit wenigen Mitteln zusätzliche Ressourcen erschlossen werden. Drei Jahre nach dem Sturz von Diktator Anastasio Somoza stehe das Land wirtschaftlich schlecht da. Politisch sieht die Lage ebenfalls nicht rosig aus, von Hundoras aus gibt es militärische Aktionen, von Seiten der USA ebenfalls Druck. In Washington betrachtet man die Gegnerschaft zur sandinistischen Politik als obligatorisch. Peter B. Schumann führte ein Gespräch mit Günter Grass über Nicaragua: Zuerst erläutert Grass seine Sichtweise der saninistischen Revolution, die ein neues Modell für eine Revolution ist, weil es eine Volksbewegung ist, die nicht in den Marxismus-Leninismus einzuordnen ist. Die Bevölkerung scheint nicht vergessen zu haben, was Somoza getan hat, was seine Nachfolger tun würde, und dass die Mehrheit der Bevölkerung, die zumeist in Slums lebt, von der Revolution profitiert. Man darf nicht von einem Land in wenigen Jahren Leistungen erwarten, die im Westen selbst nicht erbracht sind. In bestimmten Dingen gab es in Deutschland Rückschritte, Einschränkung demokratischer Rechte in Reaktion etwa auf den Terrorismus. Die Autoren, die Nicaragua bereist haben, griffen auch in ihre eigene Tasche, wollen als Projekt in der Größenordnung von 40.000 Mark eine Schmiedestätte finanzieren, die ausbilden soll und Landwirtschaftgeräte herstellen soll, die sonst importiert werden müssten. Grass hatte etwas Angst vor der großen Anzahl an Literaten an der politischen Macht in Nicaragua, da er Dilletantismus befürchtete. Dies war jedoch nicht der Fall, die Poeten war sehr sachkundig, gehen pragmatisch die täglichen Probleme an. Die Schriftstellerei äußert sich nur nebenbei. Die Stellung der Schriftsteller ist jedoch dort auch eine andere, von der Bevölkerung wird diese Profession als etwas Großes angesehen, als ein Ehrentitel. Da könnten die Deutschen vielleicht eine Scheibe abschneiden, wo es eher ein Schimpfwort ist.



Urtitel:
Interview mit Günter Grass
Anfang/Ende:
(Anmoderation) Für eine verstärkte…Schmeißfliegen zum Beispiel.
Genre/Inhalt:
Politik
Präsentation:
Interview
Historischer Kontext:

Im Frühsommer 1982 reist Johano Strasser zusammen mit Günter Grass und Fernsehmoderator Franz Alt auf Einladung des nicaraguanischen Kulturministers Ernesto Cardenal für politische Gespräche nach Nicaragua. Nicaragua gewann Ende der 1970er Jahre in Deutschland eine im europäischen Vergleich bemerkenswerte Popularität. Die heterogene Solidaritätsbewegung wies eine Vielfalt von Gruppen auf, über 15000 Deutsche bereisten während der Revolutionsregierung (1979-1990) das Land und engagierten sich in den unterschiedlichsten Projekten. 1983 wurde der Arzt Tonio Pflaum, 1986 der Gewerkschaftler Berndt Koberstein von den antisandinistischen Contras in Nicaragua ermordet. Die Gründe für die Attraktivität Nicaraguas müssen auch in der deutschen Diskussion über Neutralismus, Pazifismus und Anti-Nuklearismus gesehen werden: Nicaragua erschien als Land, dessen autonomer Entwicklungsweg durch den Koloss im Norden eingeengt wurde, eine Parallele zur Situation in der Bundesrepublik, wo zu Beginn der 1980er Jahre die Stationierung neuer Atomwaffen und Raketen bevorstand, drängte sich auf. Vor diesem Hintergrund erklärt sich möglicherweise auch die in der Rückschau eigenartige Konstellation von Friedenstaube und Maschinengewehr, die sich in nicht wenigen der zahlreichen Publikationen finden lässt. Sie äußerte sich auch in der Kontroverse über deutsche Wehrdienstverweigerer, die in Nicaragua mit der Waffe in der Hand für die Verteidigung der Revolution eintraten. Besondere Faszination ging von der Verbindung von "Christentum und Revolution" aus; der Priester Ernesto Cardenal, der 1980 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten hatte, war bis 1987 Kultusminister in der Sandinistischen Regierung und begrüßte nicht wenige Solidaritätsarbeiter persönlich am Flughafen. Die hohe Bedeutung, die Nicaragua in der deutschen Innenpolitik der 1980er Jahre gewann, lässt darauf schließen, dass es auch um die Erfüllung eigener Utopien ging. Die Solidarität mit Nicaragua und später mit der Befreiungsbewegung in El Salvador bedeutete eine Absage an die traditionelle Machtpolitik einer Weltgesellschaft, als deren Opfer sich die Friedensbewegung selbst empfand. Darüber hinaus ermöglichte sie es der mittlerweile in der Opposition stehenden SPD, sich vor der eigenen Jugendorganisation ein kritisches und antiimperialistisches Profil zu geben. Mittelamerika wurde so zu einem Spielfeld für eine verdeckte Konfrontation mit den USA. Es kam aber auch zu Kontroversen innerhalb der Sozialistischen Internationale (SI), da einige lateinamerikanische Politiker den Vorwurf äußerten, die SPD würde für fremde Länder etwas propagieren, was sie im eigenen Lande spätestens mit dem Godesberger Programm von 1959 abgelegt habe. Diesen Einwand erhob später auch der peruanische Schriftsteller Mario Vargas Llosa gegenüber Günter Grass mit Blick auf dessen Beurteilung der Revolution in Nicaragua. Die innenpolitische Kontroverse wurde von den großen Parteien angeheizt. Heiner Geißler, Generalsekretär der CDU, verfasste das Vorwort zum Bericht "Wie frei ist Nicaragua?" Martin Kriele, als SPD-Mitglied an der Ausarbeitung der Ost-Verträge beteiligt, schrieb ein kritisches Buch zu Nicaragua und trat aus der Partei aus.

Schlagworte:

Person:
Strasser Johano; Lenin; Somoza Anastasio; Borge Tomás; Sandino César Augusto; Cardenal Ernesto; Ramirez Sergio; Alt Franz; Schulz Hermann
Werke:
Im Hinterhof. Bericht über eine Reise nach Nicaragua
Sach:
Politik; Engagement; Kultur; Revolution; Kommunismus; Sozialismus; Terrorismus; Schriftsteller; Kulturrevolution; Sandinistische Revolution; Vereinigte Staaten von Amerika; Sowjetunion; Leninismus; Marxismus
Geo:
Nicaragua; Russland; Kuba; Lateinamerika
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
31.08.1982
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Mono
Original:

Originallänge:
00:08:10
Kopie:

Länge der Kopie:
00:08:12
Tonträger:
DAT
Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Herkunft:

Sender / Institution:
Sender Freies Berlin (SFB)
Sendereihe:
Journal in 3
Archivnummer:
804572
Produktionsnummer:
26/11361
Teilnehmende:

Person:
Schumann, Peter B. (Interviewpartner)
Person:
Grass, Günter (Beitragende(r))

Zitieren

Zitierform:

Interview mit Günter Grass.

Rechte

Nutzung und Vervielfältigung:
Alle Rechte vorbehalten

Export