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DB-Nummer: 239
10.20379/dbaud-0239

Schriftstellerkongress in Ost-Berlin (tel.) : Auf Einladung von Stephan Hermlin diskutieren im Hotel "Stadt Berlin" Literaten über "Frieden in Europa"

Schulz, Klaus; Bussiek, Hendrik

In der DDR-Hauptstadt findet der Schriftstellerkongress statt. Im Vorfeld war viel von eingeladenen und unerwünschten Gästen zu hören. Es ist eine lebhafte und faire Diskussion, die Hendrik Bussig in Originaltönen vorstellt. Zuerst wurde lange diskutiert, ohne dass das Thema "Polen" angesprochen wurde. Dies tat schließlich Stefan Heym: "Wir reden von der Erhaltung des Friedens und lassen aus, dass ein paar Kilometer entfernt die Lunte schon brennt." Alle besitzen genug Phantasie, so dass Heym das Szenarium nicht schildern muss. Heym hofft zu Gott, dass es sich nicht in ein atomares Szenarium umwandelt. Man darf sich von den Ereignissen nicht erschlagen lassen, sie aber auch nicht einfach abschalten. Es habe bereits einmal ein Krieg in Polen begonnen. Es gebe keine gerechten Kriege, somit auch keine gerechten Atomwaffen. Interventionskriege gingen ja ebenfalls nicht mehr nur von einer Seite aus. Etwa hundert Schriftsteller und Wissenschaftler tagen und sprechen sehr offen. Von vielen wird jedoch so getan, als läge das Friedensrezept im Osten: "Breschnew wird's schon richten", weswegen Günter Grass irgendwann der Kragen platzte (ab 03:55): "Ich gehe davon aus, dass die hier Versammelten in gewissem Sinne freiberuflich sich hier zu Wort melden. Wenn wir hier diese große Gefahr beim Namen nennen, dann sollte uns wohl deutlich geworden sein, dass diese Gefahr nicht mehr einseitig zu bemessen ist. Meine Angst konzentriert sich nicht auf die Pershing-Raketen. Ich habe auch vor SS 20-Raketen Angst. Wir sind nicht nur da zum zählen von Fliegenbeinen, sondern um zur Kenntnis zu nehmen, dass beiden Großmächten etwas aus dem Ruder geraten ist. Es darf nicht einseitig Schuld bemessen werden. Während der Zeit der Entspannung ist etwa von russischer Seite eine Vielzahl an Raketenlagern errichtet worden". Diese Stellungnahme wollte Hermann Kant nicht unkommentiert lassen. Es sei immer von 'Wettrüsten' die Rede, was zwei Parteien impliziere. Immer wieder kam die Sprache auf das Moratorium, das von Breschniew vorgeschlagen worden ist, der Stopp neuer Atomwaffenaufstellung während der Zeit der Verhandlung. Kant forderte auf, das gegenseitige Gefühl der Bedrohung anzuerkennen. Die Regierung, so die Meinung viele Schriftsteller, muss zu einer wahren Friedenspolitik durch Abrüstung gebracht werden, was mit der Sprache beginne. Dieter Lattmann etwa schlug vor, das Wort 'Krieg' zu ersetzen durch das Wort 'Völkermord', um somit die Dinge beim Namen zu nennen. Robert Jungk warnte die Künstler davor, die Sprache der Politik anzunehmen. Vielmehr sollten die Autoren die Visionen des Friedens erkunden. Eine solche Vision trug auch der Initiator des Treffens, Stephan Hermlin, vor: "Die Losung "Frieden schaffen ohne Waffen", die sich großer Teile der Jugend bemächtigt hat, hat in sich das Wesen großer Utopie, besitzt also einen realen Kern. Obwohl es abwegig erscheint, dass Abrüstung sich anders vollziehen könne als gleichzeitig und gleichgewichtig, ist das Verlangen vieler nach einseitiger Abrüstung stärker geworden und kann nicht einfach beiseite geschoben werden." Hermlin zitierte aus einen neuentdeckten Brief Lenins an einen deutschen Pazifisten. Der Militarismus werde verschwinden, sobald eine der Mächte als erste einseitig abrüste und die andere folge. Es sind Kameras bei der Tagung vor Ort, aber es wird wohl in beiden Teilen Deutschlands einseitig berichtet werden. Nach den polnischen Ereignissen ist auch eine konkrete Angst vorhanden, das Wort Angst wird neben dem Wort Vertrauen inflationär gebraucht. Hier hat die Angst zu Aktivität geführt. Die Schriftsteller bilden sich nicht ein, die Welt aus den Angeln heben zu können. Jurek Becker sagte: "Wir, die Schriftsteller, können die Menschen aufhetzen, gegen Krieg und Rüstung zu kämpfen". Neben Jurek Becker waren auch weitere Autoren in Ostberlin, die aus der DDR ausgereist sind, etwa Thomas Brasch, der sehr harsch geredet hat. Warum die Begnung von der DDR gestattet wurde, ist immer noch etwas verwunderlich, offensichtlich wird sie von Erich Honecker protegiert. Christa Wolf sieht darin, dass das Unmögliche möglich gemacht werden kann. Die Tagesordnung ist sehr diszipliniert und der Dialog kommt tatsächlich zustande. Man liest nicht ab, sondern argumentiert.



Urtitel:
Schriftstellerkongress in Ost-Berlin
Anfang/Ende:
In der DDR-Hauptstadt…sondern man argumentiert.
Genre/Inhalt:
Politik
Präsentation:
Feature
Schlagworte:

Person:
Hermlin Stefan; Kant Hermann; Biermann Wolf; Engelmann Bernt; Wolf Christa; Amery Carl; Fühmann Franz; Härtling Peter; Rinser Luise; Heym Stefan; Lattmann Dieter; Jungk Robert; Becker Jurek; Brasch Thomas; Breschnew Leonid Iljitsch; Havemann Rudolf; Neutsch Erik; Strittmatter Erwin; Lenin Vladimir; Honecker Erich
Sach:
Debatte; Schriftsteller; Intellektuelle; Krieg; Kalter Krieg; Lenin-Werft; Friedenspolitik; Sprache; Utopie; Berichterstattung; Berliner Begegnung zur Friedensförderung; Diskussion; Frieden; Wettrüsten; Aufrüstung; Abrüstung; Ost; West; Die aktuelle Kamera; Schriftstellerkongress; Polen; Interventionskrieg; Pershing-Raketen; SS20-Raketen; Moratorium; Frieden schaffen ohne Waffen; Militarismus
Geo:
Deutschland; Polen; Ost-Berlin; Brandenburger Tor; Hotel "Stadt Berlin"
Zeit:
Kalter Krieg
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
14.12.1981
Aufnahmeort:
Berlin
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Mono
Anmerkung Qualität:
Zum Teil nicht optimal. Telefonqualität mit Zuspielern ( enthält Summen).
Original:

Originallänge:
00:13:10
Kopie:

Länge der Kopie:
00:14:03
Tonträger:
DAT
Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Herkunft:

Sender / Institution:
Sender Freies Berlin (SFB)
Sendereihe:
Journal in 3
Archivnummer:
804311
Produktionsnummer:
26/11184
Teilnehmende:

Person:
Schulz, Klaus (Autor(in))
Person:
Bussiek, Hendrik (Autor(in))
Person:
Grass, Günter (Beitragende(r))
Person:
Kant, Hermann (Beitragende(r))
Person:
Hermlin, Stefan (Beitragende(r))
Person:
Heym, Stefan (Beitragende(r))

Zitieren

Zitierform:

Schulz, Klaus / Bussiek, Hendrik: Schriftstellerkongress in Ost-Berlin. Berlin .

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