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DB-Nummer: 274
10.20379/dbaud-0274

Die Gruppe 47 in Princeton (mit Lyrik-Lesung von Grass) : Dokumentation der 28. Tagung der Gruppe 47

Track 1: • (Ab 00:00) Moderation: Über Tagungen der Gruppe 47 zu berichten, wird immer schwieriger. Der Werkstattcharakter, die Abgeschlossenheit, keine objektive Berichterstattung möglich. Die mündliche Sofortkritik ist einigen Texten gegenüber unbrauchbar. Jürgen Beckers Text besticht durch Diskontinuität und lässt sich kaum auditiv verfolgen. Das 3. Programm ist als Gast zugelassen worden und durfte mitschneiden. Es galt jedoch das Gebot der Diskretion. Das hat technische Mängel zur Folge. Im letzten Jahr hatte es Missverständnisse gegeben. • (Ab 03:10) Ein Blick auf die Umstände: Die Einladung zur Tagung kam von Professor Lange, des Interesse bisher der deutschen Literatur des 18. Jahrhunderts. Stipendien wurden den Autoren gewährt. Amerikanische Autoren erschienen nicht. Selbst ein kurzer Besuch New Yorks macht klar, dass die deutsche Perspektive international bedeutungslos ist. Hundert Literaten also, die Organisation war vorbildlich. Amerikanische Öffentlichkeit blieb kühl, höfliche Zurückhaltung. Tagungsort war auf dem Campus. Hildegard Hamm-Brücher war als Gast anwesend. • (Ab 05:48) Sehr viel von dem, was dort gelesen und gesagt wurde, war bereits bekannt. Die Kritik konnte mit den sogenannten Pop-Art-Einflüssen nicht umgehen. Peter Bichsel, Reinhard Lettau, Günter Herburger können schreiben. Günter Grass möchte immer, dass eine Geschichte erzählt wird, selbst wenn dies der Autor nicht beabsichtigt hat. Marcel Reich-Ranicki ist ein Kritiker, der einen Text nach der verarbeiteten Realität absucht. Vielleicht gibt es gar keinen literarischen Grund mehr für das Fortbestehen der Gruppe 47. Sie hat in den letzten Jahren keinen Autor gepriesen, der noch keinen Verlag hatte. Peter Bichsel war ein Geheimtipp, die vorgelesenen Seiten hatte zumindest schon sein Lektor gesehen. Es gibt wohl einen politischen Grund. Einmal im Jahr versammeln sich Autoren, Verleger, Journalisten. Ein Teilnehmer sagte, die politische Dimension der Gruppe 47 würde überschätzt, solange es jedoch keine Opposition in Deutschland gebe, seien solche Gruppen wünschenswert, wie immer sie auch heißen mögen. Wenn es um das Einstehen für Demokratie ging, war die Gruppe 47 oder einige ihrer Vertreter auf jeden Fall zur Stelle, das kann auch kein Robert Neumann wegdiskutieren. • (Ab 08:06) Zur Sache: In den folgenden Stunden bringen wir Ausschnitte aus sieben Lesungen und Diskussionen. Insgesamt lasen dreißig Autoren. Es begann weniger glücklich mit Szenen aus einem Stück von Walter Jens: Die rote Rosa. Eine Art Revisionsprozess über die Mörder von Rosa Luxemburg. Die Sprache blieb rhetorisch. Erich Fried las dann Gedichte. Gerd Fuchs las eine Erzählung „Plädoyer des Angeklagten“. Erster Höhepunkt war die Lesung des Münchener Arztes Ernst Augustin. „Der Kopf“ war vor einigen Jahren ein Erfolg. Diesmal die Geschichte eines fettleibigen Jungen, der mit gleichaltrigen Kindern Arzt spielt. • (Ab 09:36) Lesung von Ernst Augustin: Kapitel aus „Kindheit des Professors“ • (Ab 26:03) Zwischenmoderation. Eröffnung der Diskussion zur Lesung. • (Ab 26:11) Walter Höllerer: Sehr gekonnt. Gesamte Tonart der Erzählung wird richtig durchgehalten, eine medizinische Zeremonie, parodistisch. Durchschossen mit richtig sitzenden Metaphern. Mit Gefahr der Breite und manchmal etwas des Platten. Insgesamt sehr gut vorgelesene Prosa. • (28:02) Moderation: Zusammenfassung anderer Standpunkte von anderen Diskutanten, Günter Herburger konstatiert Comic-Sprache, Heinz von Cramer widerspricht. Joachim Kaiser hat eine Endzeitvision gesehen. Erzählperspektive. Hans Mayer fasst die Diskussion zusammen, häufig in Absetzung der nicht aufgezeichneten Position von Günter Grass. • (Ab 28:23) Hans Mayer: Erzählperspektive spielt hier eine wichtige Rolle. Gelungen, was bei anderen Lesungen oft beanstandet wurde. Ich sehe es nicht wie Grass, dass dies eine reine Kunstprosa ist. Hier wird eine Rolle gespielt, die konsequent durchgeführt wird. Die Distanzierung ist mit meisterhaften Tricks allerdings auch meisterhaft gegeben. Eine kommentierte Kindergeschichte. • (Ab 31:23) Moderation: Nach Ernst Augustin las die Lyrikerin Helga M. Novak Gedichte, die sehr gelobt wurden. Dann las Jürgen Becker ein Prosastück. • (Ab 31:55) Jürgen Becker: „Nun schreibe aber auch“ • (Ab 41:30) Moderation: Walter Jens’ und Hans Mayers Äußerungen sollen für die Gesamtkritik stehen. • (Ab 41:40) Walter Jens: Das war einer der schlechtesten Texte von Jürgen Becker, er ist misslungen. Das Strukturprinzip erkennt man nicht, es ist vages Assoziieren, beliebige Montage. Das hat der Autor wohl gespürt. Ihm ist das ja früher glänzend geglückt, etwa in den Kölner Collagen. Wenn von Reich-Ranicki heute morgen gesagt wurde: Fried, das würde ich nicht drucken, dann möchte ich das von diesem Text auch sagen. • (Ab 44:11) Hans Mayer: Dies ist wirklich ein misslungener Text von Jürgen Becker. Dass er die Distanz zur Kölner Welt geben will, wird früh offensichtlich, die Feldertheorie kommt zum Tragen. Das Gestalten der Felder wird immer mitbearbeitet, aber wurde hier nicht vorgelesen. So wie es dasteht hat Jens recht, das waren aneinandergereihte Zitate, was leicht zu machen ist. Er hätte noch andere Felder mitlesen sollen. • (Ab 46:51) Moderation: Marcel Reich-Ranicki meinte dann, solch einen Text könnten hunderte von Leuten produzieren, innerhalb von zwei Stunden. Ihm wurde höflich bedeutet, das gehe zu weit. Kritik des Moderators an der Position von Günter Grass, denn wo steht geschrieben, dass ein Text, der die Oberfläche der römischen Gesellschaft reproduziert, sich vom Ressentiment des deutschen Italienreisenden distanzieren muss, wir Grass es fordert. Ohne die Erfahrung der Pop-Art ist der Text von Becker nicht denkbar. • (Ab 48:11) Nach Jürgen Becker setzte sich Günter Grass auf den Stuhl und las Gedichte. • (Ab 48:15) Günter Grass: Bei Tisch. Kleines Fest. Nach der Aktion. Gemüsetest. Doppelportrait (Der Fotografin Renate Höllerer gewidmet). • (Ab 55:48) März • (Ab 57:42) König Lear • (Ab 59:26) Moderation: Einige Kritiker begeistert: Mit wütender Leidenschaft wird hier gesammelt, wundervolle Gedichte, kein Sprachnebel. Dann geben Walter Höllerer und Hans Mayer ihre Voten ab. • (Ab 59:44) Walter Höllerer: Es geht hier noch mehr als früher etwas Durchdachtes durch die Gedichte hindurch. Schlüssel ist jeweils der Schluss, gerade bei den beiden besten Gedichten, März und King Lear. Perspektivische Überblendungen mit geringem Aufwand. Kein Geraschel von Metaphern und Überzogenheiten. Die Bilder und das Gedacht stimmen überein. Bei Kleines Fest ist es am wenigsten gelungen, dass die vielen Einzelheiten am Schluss zusammengefasst worden sind. • (Ab 01:02:52) Hans Mayer: Was mich an den Gedichten besonders freut, ist die Vielfalt der Formen, die sehr starke Verarbeitung von literarischen Traditionen. Trotzdem stört es nicht den typischen Grass-Ton. März ist angelegt nach den Regeln der Rhetorik. Beginn mit einer Schmährede, die in eine Liebeserklärung umschlägt. Bei König Lear wird die Form des Portraits gewählt, ähnlich Benn. Gemüsetest ist in seiner Art ebenfalls ein erstaunliches Gedicht. Vieles scheint mühelos gelungen, was bei Fried heute morgen nicht funktioniert hat. Jedes sprachliche Element ist aus dem Alltag entnommen. Trotzdem ist ein reibungsloses Gebilde mit Progression entstanden. Die Form des Reims ist sehr interessant, wohl entstanden aus der Beschäftigung mit Shakespeare. Meilenweit entfernt von einer Masche. Traditionen werden aufgenommen und wieder fruchtbar gemacht. (A. Weyer)



Urtitel:
Die Gruppe 47 in Princeton
Anfang/Ende:
Track 1: (Anmoderation) Guten Abend, meine…fruchtbar gemacht werden. Track 2: (Moderation) Der Abend des…eine utopische Kraft. Track 3: (Moderation) Zum Schluss sprach…dadurch unnatürlich werden. Track 4: (Moderation) Es lasen noch…gleichermaßen schmerzlich vermisst. (Abmoderation)
Genre/Inhalt:
Literaturkritik
Präsentation:
Lesung
Historischer Kontext:

28. Tagung der Gruppe 47 in Princeton

Schlagworte:

Person:
Höllerer Walter; Mayer Hans; Reich-Ranicki Marcel; Becker Jürgen; Augustin Ernst; Kortner Fritz; Hamm-Brücher Hildegard; Lettau Reinhard; Bichsel Peter; Neuman Robert
Werke:
März; König Lear; Bei Tisch; Kleines Fest; Nach der Aktion; Gemüsetest; Doppelportrait
Sach:
Gruppe 47; Lesung; Kritik
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
05.05.1966
Aufnahmeort:
Princeton (USA)
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Mono
Anmerkung Qualität:
häufige Verzerrungen
Original:

Originallänge:
03:17:29
Kopie:

Länge der Kopie:
03:17:48
Tonträger:
CD
Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Herkunft:

Sender / Institution:
Sender Freies Berlin (SFB)
Archivnummer:
902714
Produktionsnummer:
8/699
Teilnehmende:

Person:
Weber, ... (Redaktion)
Person:
Krüger, Hanspeter (Vorredner(in))
Person:
Mayer, Hans (Beitragende(r))
Person:
Augustin, Ernst (Beitragende(r))
Person:
Jens, Walter (Beitragende(r))
Person:
Becker, Jürgen (Beitragende(r))
Person:
Bichsel, Peter (Beitragende(r))
Person:
Lettau, Reinhard (Beitragende(r))
Person:
Handke, Peter (Beitragende(r))
Person:
Herburger, Günter (Beitragende(r))
Person:
Grass, Günter (Beitragende(r))
Person:
Höllerer, Walter (Beitragende(r))
Person:
Mayer, Hans (Beitragende(r))
Person:
Jens, Walter (Beitragende(r))
Person:
Weiss, Peter (Beitragende(r))
Person:
Kaiser, Joachim (Beitragende(r))
Person:
Reich-Ranicki, Marcel (Beitragende(r))
Person:
Enzensberger, Hans Magnus (Beitragende(r))

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Zitierform:

Die Gruppe 47 in Princeton. Princeton (USA) .

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