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DB-Nummer: 320
10.20379/dbaud-0320

Die Plebejer proben den Aufstand - Diskussion über das Theaterstück von Günter Grass

Klaus Wagenbach umreißt kurz die Ausgangssituation und das Thema des Stücks "Die Plebejer proben den Aufstand" und stellt die Diskussionsteilnehmer vor. An der Diskussion beteiligt: Baumgart, Reinhard (freier Kritiker, Konferenzschaltung nach München); Hamm, Peter (freier Kritiker, Mitarbeiter des BR); Wiegenstein, Roland (freier kritiker, Mitarbeiter des WDR); Hildebrandt, Dieter (Mitarbeiter der FAZ, freier Kritiker); Wagenbach, Klaus (Diskussionsleiter) Baumgart: Die erste Resonanz im Berliner Schillertheater sei zwiespältig gewesen, was jedoch auf ein spontanes Gegeneinander-Opponieren der Zuschauer-Gruppen zurückzuführen sei. Die ersten Kritiken seien dagegen nicht mehr zwiespältig, sondern "vielspältig". Man scheine sich darin einig zu sein, dass die Aufführung schlechter gewesen seien als das Stück und darüber, dass das "Stück schlechter [ist], als der Einfall, der ihm zugrunde liegt". Baumgart hat genau daran seine Zweifel und blickt zurück: Zwei Jahre zuvor habe Grass seinen Einfall zum ersten Mal in einer Rede über Shakespeare vorgestellt, und habe dann entdeckt, von Shakespeare ausgehend, dass Brecht eine "Coriolanus"-Beabeitung am Schiffbauerdamm-Theater probte. Schon die Exposition bei Grass zeige daraufhin, dass ein "sozialistisch uminterpretierter Shakespeare" in dem Stück präsent sein soll. Die Exposition kostet, so Baumgart, "dem Stück fast das Leben, noch ehe es überhaupt angefangen hat". Die zweite These von Grass sei damals gewesen: Der Chef des Theaters ist eine ungetrübte Theaternatur. Dies hält Baumgart für Brecht nicht passend, findet die Brechtfigut im Ganzen unstimmig. Baumgart fragt, ob es glücklich war von Grass, auf Brecht loszugehen, wo doch eine "Tötungshemmung" gegenüber der großen Figur im Stück spürbar ist. Baumgart findet, dass Grass "an seinem ersten Einfall zu sehr festgeklebt" ist. Hamm: Eine "historische Wahrheit" sollte nur "umfunktioniert" werden, wenn man damit einer "höheren Wahrheit" dient. Das könne man bei Grass aber nicht sagen. Die historischen Tatsachen sprächen eklatant dagegen, dass Brecht sich am 17. Juni als ungetrübte Theaternatur verhalten hat. Grass wisse durchaus, was am 17. Juni wirklich gewesen sei: Die Proben zu einem andere Stück habe Brecht abgesagt und mit dem Ensemble über die politischen Ereignisse diskutiert und drei Briefe geschrieben (an Ulbricht, Grotewohl und an den sowjetischen Botschafter Semionov). Brecht sei daraufhin zum Archiv des Deutschlandsenders fahren, um dort ein Programm zusammenzustellen aus Kampfliedern der 20er Jahre. An der Ausstrahlung dieses Programms sei Brecht aber gehindert worden. Den "revolutionären Elan" habe Brecht unterstützen und "in eine bestimmte Bahn" lenken wollen. Hamm stimmt Baumgart zu: Warum nimmt Grass sich Brecht vor, der sich am 17. Juni nicht als Ästhet verhalten hat, warum nimmt er nicht eine "wie immer geartete kommunistische Theaternatur"? Hildebrandt: Grass habe nicht "irgendeinen Theaterleiter" auf die Bühne stellen wollen und sähe den "Chef" nicht als Ästheten. Hildebrandt hält es für Missverständnis, das dadurch entstehe, dass man Brechtsches Theater mit dem konventionellen Theater gleichsetze. Für Grass seien die Errungenschaften Brechts wichtig gewesen, und die Umsetzung der Brecht-Figur sei ihm weitgehend gelungen. Hildebrandt nennt ein Beispiel aus dem Anfang des Stücks, das zeigt, dass die Brecht-Figur die politisch-historische Situation einsieht. Auch die Formulierung "Westagenten" zeige, dass die Brecht-Figur kein Ästhet sei, sondern verstehe, wie die Machtverhältnisse aussähen und wie für den Aufstand ein (Teil-)Erfolg zu erreichen sei. Wiegenstein: Peter Hamms These von der "höheren Wahrheit" ist Wiegenstein zu allgemein. Der Theaterautor habe, wenn er sich mit historischen Figuren abgibt, nur die eine Verpflichtung, nämlich die Figuren "zu ihrer theatralischen Wahrheit kommen zu lassen". Die Frage sei, ob Grass dies mit den "Plebejern" gelungen sei. Die Frage, was Brecht an jenem Tag wirklich getan habe, sei dann "relativ belanglos". Wenn es eine Theaterfigur gäbe, die "aus sich selber lebt", dann sei der Rückschluss auf die Realität nicht mehr zulässig. Wiegenstein hat jedoch seine Zweifel, dass Grass ein "Chef von Theatersgnaden" gelungen sei, und nennt verschiedene Beispiele. Dagegen sehe er zwei Szenen, in denen der Aufstand "theatralisch leibhaftig" werde. Für eine der "wichtigen und großen Szenen des Stücks" hält Wiegenstein die Aussage Podullas: "Jetzt wissen wir, wie man einen Panzer auf die Bühne bringt". Wiegenstein möchte nicht alle Mängel auf die Aufführung schieben; viele der literarischen Einfalle ließen sich auf der Theaterbühne einfach nicht versinnbildlichen. Wagenbach: Wenn man ein Stück über einen Arbeiteraufstand schreibe, müsse man "das Unglaubhafte von vornerherein hinnehmen". Von vorneherein sei "die Verlangsamung" eines solchen Aufstandes darzustellen, nicht dessen "Geschwindigkeit". Baumgart und Hamm haben die These aufgestellt, dass in dem Stück eine "ungetrübte Theaternatur" dargestellt sei. Wagenbach stimmt aber dem Widerspruch von Hildebrandt zu und erläutert seine Gegenposition zu Hamm und Baumgart. Wagenbach kommt auf die These zurück, der Autor habe eine "Tötungshemmung am Ende des Stücks gegenüber dem dargestellten Chef". Baumgart: Grass gehe am Anfang auf den Chef "sehr energisch und polemisch" los und werde am Ende dagegen "sentimental". Als politisch engagierter Intellektueller sehe Grass sich in der dargestellten Figur "zu wenig mit", nehme einfach immer nur Abstand. Der "Verbrüderung" am Ende könne man "nicht mehr glauben". Baumgart kommt zurück auf die "Theaternatur": Diese sei zwar ursprünglich "im Konzept" gewesen, aber hinterher "nicht aufgegangen". Der von Grass gezeigte Brecht sei keine "Theaternatur" mehr. Als konstruktive Kritik fingiert Baumgart: "Was wäre passiert, wenn Brecht […] angesteckt vom Aufstand plötzlich eine Art von Feldzugsplan für diesen Aufstand entwerfen würde". Einem solchen Brecht würde Baumgart auf dem Theater "mit Vergnügen zuschauen" und stimmt Wiegenstein in der These zu, dass die entscheidende Frage sei: "Ist das auf der Bühne spielbar?". Und dabei habe sich nun gezeigt, dass dies "schwer, kaum oder gar nicht spielbar" sei. Hildebrandt: Das Verhältnis Grass-Brecht in dem Stück sieht Hildebrandt grundsätzlich anders als Baumgart. Es herrsche "durchweg eine intellektuelle Symphatie für diese Figur". Die Einbrüche von Sentimentalität charakteriseren Brecht möglicherweise korrekt. Der Schluss des Stücks, der Ausbruch "in eine Zeitkritik des Besserwissens" sei "ein bißchen billig vielleicht", aber eine Grasssche "Versöhungsaktion" sei nicht zu erkennen. Mehrere kurze Einwürfe der Diskutierenden. (Diskutant unklar) Das Stück stehe im "Schatten eines Vaters, von dem man sich emanzipieren muss". Das Verhältnis von Grass zu seinem Helden sei eben geprägt von der "Ambivalenz, zwischen Tötungsabsicht [...] und zähneknirschender Anerkennung". Es sei kein Zufall, wenn ein Autor nach Brecht als Theaterautor in dessen Schatten stehe, Grass sei hier nicht der einzige, dies sei bei Max Frisch genauso. Dass diese Strömung mitgespielt habe, sei evident. Die Tötungshemmung hänge damit zusammen, dass Grass "gar nicht Partei ergreifen kann" für die Aufständigen oder den Chef. Die Diskrepanz zwischen gelesenem und gespieltem stück zeige deutlich, dass die "Plebejer" weit mehr ein Lesedrama seien als ein Bühnenstück. Viele Details seien nicht inszenierbar, "ohne dass sie fragwürdig würden". Wagenbach: Mit den Inszenierungsproblemen stehe das Stück in einer gewissen deutschen Tradition. Wagenbach sieht einen "Widerspruch zwischen der mehrmals zitierten Tötungshemmung" und dem Vorschlag Baumgarts, als Chef einen beliebigen Theaterleiter zu nehmen. Baumgart: Die Grasssche Brecht-Figur gäbe die "Typisierungen", die Verallgemeinerung auf Intellektuelle und Schriftsteller nicht her. (Wagenbach stimmt kurz zu). Grass setze bei jedem Zuschauer voraus, dass er in dem Chef Brecht erkenne, zugleich verneine aber der Autor die Übereinstimmung mit Brecht. Wagenbach: Im ersten Akt würden bereits Hinweise auf Brecht gegeben: auf die frühen Stücke... Baumgart: "...ja, alles Bildungszitate..."



Urtitel:
Diskussion über das Theaterstück "Die Plebejer proben den Aufstand" von Günter Grass
Anfang/Ende:
Track 1: Meine Damen und…schützt vor Sünde. Track 2: Guten Abend, meine…Erwin, was nun?
Genre/Inhalt:
Theater
Präsentation:
Diskussion
Schlagworte:

Person:
Shakespeare William; Brecht Bertolt; Ulbricht Walter; Büchner Georg; Frisch Max; Hax Peter; Lange Helmut
Werke:
Coriolanus; Die Plebejer proben den Aufstand
Sach:
Theater; Aufstand; Arbeiter
Zeit:
17. Juni 1953
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
25.01.1966
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Mono
Original:

Originallänge:
00:50:15
Analog/Digital:
reformatted digital
Kopie:

Länge der Kopie:
01:56:28
Tonträger:
CD
Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Herkunft:

Sender / Institution:
Bayerischer Rundfunk (BR)
Archivnummer:
65/13853-54
Produktionsnummer:
5410/Au70865/1-2
Teilnehmende:

Person:
Hamm, Peter (Redaktion)
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Baumgart, Reinhard (Vorredner(in))
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Hamm, Peter (Vorredner(in))
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Hildebrandt, Dieter (Vorredner(in))
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Wagenbach, Klaus (Vorredner(in))
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Wiegenstein, Roland (Vorredner(in))

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Diskussion über das Theaterstück "Die Plebejer proben den Aufstand" von Günter Grass.

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