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Medienarchiv

DB-Nummer: 322
10.20379/dbaud-0322

Vom Stillstand im Fortschritt : Variationen zu Albrecht Dürers Kupferstich "Melencolia I"

Grass, Günter

Lesung: "Aus dem Tagebuch einer Schnecke - Vom Stillstand im Fortschritt - Variationen zu Albrecht Dürers Kupferstich "Melencolia I""; Kürzungen und Einfügungen gegenüber Buchtext; 1972 veröffentlicht Grass "Aus dem Tagebuch einer Schnecke". Vor allem der Dürerstich und die Melancholie-Problematik bewahren den Autor davor, einem historisch kurzsichtigen SPD-Reformismus zu verfallen; für diesen bestünde um so eher Anlaß, als der Wahlkampf 1969, der das politisch-zeitgenössische Gerüst des Tagebuchs liefert, mit dem Machtwechsel in Bonn endet. Doch hat das Buch ein doppeltes Ende, eben den Sieg Willy Brandts und die Rede "Vom Stillstand im Fortschritt. Variationen zu Albrecht Dürers Kupferstich 'Melencolia I'", zu der Grass mitten im Wahlkampf eingeladen wird und die er 1971 zur Nürnberger 500-Jahr-Feier des Dürer-Geburtstags dann hält. Die Dürer-Auseinandersetzung wird durch die Untersuchungen von Panofsky/Saxl u.a. wie durch die 1969 erschienene Studie Melancholie und Gesellschaft von Wolf Lepenies bestimmt. Durch letzteren gewinnt die Grass'sche Dürer-Auslegung soziologische Akzente, vor allem hinsichtlich des Zusammenhangs von Utopie und Melancholie und der kritisch-häretischen Seiten des melancholischen Temperaments. Grass befreit die Melancholie aus der individualpsychologischen Sichtweise. Durch viele eingeflochtene Erzählungen, etwa die des Hermann Ott, der während des Faschismus mehrere Jahre in einem Keller haust, Schnecken züchtet und eine politisch signifikante Kreuzfigur von Melencolia und Hieronymus im Gehäus bildet, entfaltet er den Gedanken, daß Melancholie auf zwei Ebenen unverzichtbar sei. Wie in systemgeschlossenen Utopie-Entwürfen das verordnete Glück mit Melancholieverbot einherging (so bereits Lepenies), so zeigt sich heute (gegenüber den Glückszwängen in den westlichen Industriegesellschaften und realsozialistischen Ländern) die kritische Funktion der Melancholie immer dort, wo ihre insistierende, vielleicht auch verstockte Trauer den Schein befriedeten Daseins durchkreuzt. Melancholie weckt 'Zweifel' (wie Hermann Ott in seinem Kellerkokon genannt wird) und treibt kritische Reflexion hervor. Melancholie, so Grass, unterläuft, selbst noch in der erlittenen Sprachlosigkeit der Opfer, jeden Totalitarismus. Und zum anderen bietet die Melencolia I eine Rezeptionsfigur an, die in der Geschichte ihrer Wirkung bewußtlos immer schon funktionierte: nämlich den jeweiligen Zeitgenossen für ihre Bildphantasie Möglichkeiten zu 'Variationen' anzubieten, die auf der Ebene der Erkenntnis wie des politischen Bewußtseins folgenreich sind. In Kenntnis der wissenschaftlichen Forschung, ja, durch diese noch bestärkt, wendet Grass dieses rezeptionsgeschichtliche Faktum ins Bewußte und entwickelt daraus ein Verfahren der ikonographischen Variation. So streut er unter die wissenschaftlichen Instrumente, welche bei der ersten Mondlandung 1969 von den Astronauten im Mondstaub postiert werden, die Gerätschaften des Dürerstichs: der Zweifel am Wissenkönnen, in der Stunde der entstehenden Neuzeit bei Dürer zum Bild geworden, mischt sich, am Ende der 'heroischen' Epoche des wissenschaftlich-technischen Zeitalters, als Kritik der rationalistischen Hybris unter die angemaßten Attitüden prometheischer Größe. Oder Grass schneidet den weiblichen Genius gewissermaßen aus dem Bild aus und implantiert ihn einer Fertigungsstraße in einer Fabrik, Setzt ihn in die öden Szenerien des Massentourismus oder der Vorstädte, entdeckt den Engel in der Studentenbewegung oder montiert ihn ins Foto Rosa Luxemburgs: all dies mögen kunsthistorische Sakrilege sein, und machen doch etwas klar. Die Melencolia I ist selbst ein Blatt, das keine Totalität zum Ziel hat, sondern in der Heterogenität seiner Zeichen - modern gesprochen - dem Verfahren der Montage folgt. Die darin gestaltete "docta ignorantia" cusanischer Prägung enthält die Endlichkeit jeder Wahrheitsgestalt und lädt damit ein, dieses Blatt weiterzuphantasieren. So auch ist in der Wirkungsgeschichte verfahren worden, wenn jeweils auch im Vermeinen, die Wahrheit des Stichs zu formulieren. Das Montageprinzip von Grass im Melencolia-Vortrag wie in der Erzählstruktur des gesamten Tagebuchs - zieht die ästhetischen Konsequenzen dieser Wirkungsgeschichte. Es gibt nichts als die Variationen und Fragmente, als welche sich vor einem wirkungsgeschichtlichen Bewußtsein die Einzeldeutungen darstellen. Wir sind frei, unsere Phantasien dem Blatt einzubilden oder dieses zum Muster neuer Phantasieproduktionen zu nutzen. Und keine Wahrheit? Nein, aber doch den Gang der Schnecke, den Schneckengang geschichtlichen Fortschritts. Wie es in der Wirkungsgeschichte Momente kristallisierender Verdichtung gibt - wie die Panofsky/Saxl-Studie -, die den Gang weiterer Deutungen unhintergehbar mitbestimmen, so auch in der Geschichte. Für Grass ist der Machtwechsel 1969 ein solcher Moment im Schneckengang der Geschichte. Nichts ist damit als 'endgültiges Gut' gewonnen: wie es nach Panofsky/Saxl faschistische Melencolia-Deutungen gab, so nach 1969 Rückfälle hinter den erreichten Stand demokratischer Entwicklung. Die melancholische Haltung, die Grass aus der Melencolia I lernt, ist das Innehalten im geschichtlichen Gang - "Stillstand im Fortschritt" -, eben weil die geschichtliche Stunde sich über sich selbst täuscht: in der Euphorie so sehr wie in der jede Aussicht versperrenden Depression. Melancholie ist für Grass das innehaltende Eingedenken der Zwiespältigkeit des Fortschritts, in dem es keine Triumphe gibt, das Nicht-Vergessen der Opfer und der eigenen Schuld, das Anerkennen der Langsamkeit, manchmal auch das sich kokonierende Warten im Abseits (wie bei Hermann Ott), oft sprachloses Leiden, das viel später erst Ausdruck finden wird, oder notwendiger Zweifel am Schein des gewonnenen Augenblicks. Grass löst die Melancholie von ihren Emblem-Tieren, der dämonischen Fledermaus und dem mageren Hund; er stellt aber die Geschichte, die der melancholischen Verzögerung in ihren utopischen Impulsen bedarf, um nicht unmenschlich zu werden, auch nicht unter das revolutionäre Emblem des unermüdlich im Verborgenen wühlenden, 'konspirativen' Maulwurfs oder unter die narzißtische Grandiosität des machtvollen Adlers, sondern ins Bild der Schnecke. "Sie kriecht, verkriecht sich, kriecht mit ihrem. Muskelfuß weiter und zeichnet in geschichtliche Landschaft, über Urkunden und Grenzen, zwischen Baustellen und Ruinen, durch zugige Lehrgebäude, abseits schöngelegener Theorien, seitlich Rückzügen und vorbei an versandeten Revolutionen ihre rasch trockene Gleitspur." (S. 8/9)



Urtitel:
X-mal Dürer - Eine Vortragsreihe der Stadt Nürnberg und des Bayerischen Rundfunks. 2. Günter Grass: Die Melancolia - ein deutsches Blatt
Anfang/Ende:
Als, meine Damen… kann Fortschritt ermessen.
Genre/Inhalt:
Kunst
Präsentation:
Rede
Historischer Kontext:

Günter Grass liest anlässlich des Dürer-Jahres 1971, in dem Albrecht Dürer seinen fünfhundertsten Geburtstag gefeiert hätte.

Schlagworte:

Person:
Dürer Albrecht
Werke:
Aus dem Tagebuch einer Schnecke
Sach:
Dürer-Jahr
Zeit:
Dürer-Jahr
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
23.07.1971
Aufnahmeort:
Nürnberg?
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Mono
Original:

Originallänge:
00:53:05
Kopie:

Länge der Kopie:
00:53:13
Tonträger:
CD
Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Herkunft:

Sender / Institution:
Bayerischer Rundfunk (BR)
Archivnummer:
71/21959-60
Produktionsnummer:
1234041/Ün15457/1-2
Teilnehmende:

Person:
Grass, Günter (Autor(in))
Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))

Zitieren

Zitierform:

Grass, Günter: X-mal Dürer - Eine Vortragsreihe der Stadt Nürnberg und des Bayerischen Rundfunks. 2. Günter Grass: Die Melancolia - ein deutsches Blatt. Nürnberg? .

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