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Medienarchiv

DB-Nummer: 325
10.20379/dbaud-0325

Deutsch-deutsches Schriftstellertreffen in Ostberlin - Gespräche mit Günter Grass und Jurek Becker (Ausschnitte) : Grass und Becker ziehen Bilanz

<Ausschnitt aus einem Gespräch mit Günter Grass; setzt abrupt ein> Grass: Tagung in Berlin habe mehr in Bewegung gesetzt, als dort direkt bemerkbar gewesen sei; bereits viele Versuche, die Schriftsteller beider deutscher Staaten ins Gespräch miteinander zu bringen; viele Diskussionpartner aus den 60er Jahren seinen auch jetzt wieder dabei gewesen (Paul Wills (?), Hermann Kant); aus der Tradition der Aufklärung heraus erwiesen sich die Schriftsteller dabei als die besseren Patrioten; Bemühen um den kulturelle Zusammengehörigkeit, in anderen Bereichen dagegen strikte Trennung (Ideologie, Wirtschaft, Recht); trotz notwenidiger Gegensätze gebe es eine gesamtdeutsche Literatur; gemeisames Thema: Frieden und Friedensbewegung; zwischen 1974 und 1977 regelmäßige Treffen mit Ost-Autoren, die inzwischen größtenteils im Westen seien; Rolle der Kultur für ein neues Nationenverständnis; Frage: Aussagen Engelmanns zum Thema Nation, für die dieser gerügt worden ist? Grass: kamen diese Aussagen von Engelmann "konfus" vor; Zustimmung für die ablehnende Haltung gegen einen Nationbegriff im Sinne Bismarcks; dieser habe sich zerschlagen; dagegen sollte der Begriff der Kulturnation wiederbelebt werden; Honeckers und Schmidts Aussage, dass auf deutschem Boden kein Krieg mehr stattfinden drüfe, ist für Grass auch Ausdruck eines Kulturverständnisses; Kulturbegriff behinhalte auch die geschichtlichen Vertrickungen; Notwendigkeit der Selbstdefinition für die Deutschen; Frage: <teils unverständlich> nach einem nicht erschienenen Schriftstellerkollegen Grass: einige seien trotz Einladung nicht erschienen; Einladungen haben in der Einschätzung von Stephan Hermlin gelegen; Kritik am Verhalten von Havemann (?) auch von Erich Fried; Frage: Kontext des Schriftstellertreffens: Polen (vgl. Kontext) Grass: Thema Polen sei gleich von Beginn an aufgenommen worden durch Robert Jungk, dann später auch durch Adolf Muschg; zunächst Überlegungen, das Treffen abzusagen angesichts der Ereignisse in Polen, dann aber ein "gerade jetzt"; die Ereignisse in Polen seien reine Aggression und Ausspielen von Machtpolitik; diese unterscheide sich jedoch nicht von der Politik der USA bspw. In Chile oder Mittelamerika; Hermlin habe am Schluss der Tagung bewusst undeutlich gesagt, dass im Jahr 1981 etwas geschehen sei, dass er noch nicht einordnen könne; Frage: Fortsetzungen der Schriftstellertreffen? Anfang reicht in die 1950er Jahre zurück Grass: Gespräche müssen fortgesetzt werden unabhängig von Ort und Zeit; fraglich sei, ob Politiker die diskutierten Themen als Angebot begreifen könnten; einige Themen könnten nur von Schriftstellern so formuliert werden, da den Politikern die gesellschaftlichen Kenntnisse fehlen würden; wünschenswert wäre ein Echo aus der Politik; Frage: Schriftstellertreffen ist in den Zeitungen in der DDR kaum erwähnt worden… Grass: dies sei zu erwarten gewesen, da derartige Treffen auch von der Form her in der DDR ungewöhnlich seien; es sei Kipphardts Vorschlag gewesen, die Intervention in der Diskussion zuzulassen; diese Einsprüche hätten den Dialog insgesamt belebt; Frage: Publikation zu diesem Schriftstellerstreffen? Grass: ist für Veröffentlichung des gesamten Protokolls, aus dem sich ein interessantes Buch machen ließe; für eine Veröffentlichung in der DDR sieht Grass allerdings Schwierigkeiten; in eine mögliche Lösung will Grass sich jedoch nicht einmischen; Frage: Hermlin habe in der Diskussion einen "edlen" Eindruck gemacht und die unangenehme Frage nach Polen sehr genau beantwortet; Grass: Hermlin habe den Kern der Sache als notwendig bewertet, die Nebenerscheinungen einer solchen Bewegung aber falsch eingeschätzt; der Verdacht einer geplanten Konterrevolution treffe nicht zu, es sei eine Bewegung von unten; dies ließe sich mit Kriegsrecht und Militärgewalt nicht aufhalten; für falsch hält Grass es, wenn man die chaotischen Zustände in Polen der Gewerkschaft Solidarność anlasten würde; die Zustände gingen zurück auf eine sehr schlechte Wirtschaftspolitik, wie es sie in allen Ostblock-Staaten gebe; <Gesprächsausschnitt endet bei 22:49> Grass hat sich im Gespräch zweimal auf Jurek Becker bezogen, der mit einem DDR-Pass in West-Berlin lebt; Jurek Becker zum ostberliner Schriftstellertreffen: Becker hält es für erstaunlich, eingeladen worden zu sein, ist der Einladung aber gerne gefolgt; die Gedanken dahinter kann Becker nicht nachvollziehen; Hermlin habe eingeladen und frühzeitig erklärt, dass er das Treffen nur stattfinden lassen wird, wenn alle daran teilnehmen könnten; Becker erhofft sich von dem Treffen eine Wirkung "größer als Null"; wenn es Wirkungen gebe, dann wohl unterschiedliche Wirkungen im Osten und im Westen; in der DDR gebe es keine richtige Friedensbewegung; Becker hofft, dass das Treffen und dessen Ergebnisse Mut macht; im Westen sei das Treffen wohl nicht folgenreicht für die Friedensbewegung; die Position der Gegener der Friedensbewegung könne aber geschwächt werden.



Urtitel:
Gespräch mit Günter Grass und Jurek Becker nach dem deutsch-deutschen Schriftstellertreffen in Ostberlin
Anfang/Ende:
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Genre/Inhalt:
Literatur
Präsentation:
Gespräch
Historischer Kontext:

Der Polnische Ausnahmezustand von 1981 bis 1983 beginnt; dieser gilt als gewalttätiger Höhepunkt der Unruhen in der Volksrepublik Polen der späten 1970er und frühen 1980er Jahre, die größtenteils vom Aufbegehren der freien Gewerkschaftsbewegung Solidarność (pln. Für Solidarität) und ihrer zahlreichen Mitglieder ausgingen, bei denen es um politische Forderungen und soziale Reformen ging.

Schlagworte:

Person:
Kant Hermann; Wolf Christa; Braun Volker; de Bruyn Günter; Hermlin Stefan; Becker Jurek; Brasch Thomas; Engelmann Bernt; Honecker Erich; Schmidt Helmut; Fried Erich; Jungk Robert; Willis Paul; Wolf Gerhard; von Bismarck Graf Otto; Havemann Florian; Kipphardt Heinrich
Sach:
Solidarnosc; Schriftstellertreffen; Friedensbewegung; Nation; Kulturnation; Kultur; Gewerkschaft; Machtpolitik
Geo:
Polen; USA; Nicaragua; Tschechoslowakei; Berlin; Chile; Mittelamerika
Zeit:
1950er Jahre; 1960er Jahre
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
18.12.1981
Datum Erstsendung:
18.12.1981
Aufnahmeort:
Studio 6
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Mono
Anmerkung Qualität:
z.T. schwer verständliche Fragen; bei 19:37 Telefon oder Türklingel
Original:

Originallänge:
00:27:00
Kopie:

Länge der Kopie:
00:26:44
Tonträger:
CD
Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Herkunft:

Sender / Institution:
Bayerischer Rundfunk (BR)
Archivnummer:
81/24575
Produktionsnummer:
128599/Pr.52952
Teilnehmende:

Person:
Offergeld, Rüdiger (Interviewpartner)
Person:
Bautz, Franz J. (Redaktion)
Person:
Becker, Jurek (Beitragende(r))
Person:
Grass, Günter (Beitragende(r))

Zitieren

Zitierform:

Gespräch mit Günter Grass und Jurek Becker nach dem deutsch-deutschen Schriftstellertreffen in Ostberlin. Studio 6 .

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