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Medienarchiv

DB-Nummer: 329
10.20379/dbaud-0329

"Die Blechtrommel" von Günter Grass - Gespräch mit Hans Werner-Richter : Rückblick und historische erste Aufnahme von einer Lesung aus der "Blechtrommel"

Historische Aufnahme der Lesung von Günter Grass aus der "Blechtrommel" einen Tag nach der Tagung der Gruppe 47 in Großholzleute im Jahr 1958, bei der Günter Grass den Preis der Gruppe für sein Manuskript gewinnt; dies gilt als Geburtststunde der "Blechtrommel", auch wenn der Roman erst zur Buchmesse 1959 erscheint; die "Blechtrommel" sorgt dabei sogleich für Aufsehen: Der Bremer Senat verhindert die Vergabe des Bremer Literaturpreises 1960 an Günter Grass. Hans Werner Richter erinnert sich im Gespräch mit Leonhard Reinisch an die Tagung in Großholzleute: es sei eine "furiose" Tagung gewesen, nicht nur wegen Günter Grass; zum ersten Mal seien sehr viele Frauen anwesend gewesen; Grass habe schon seit drei Jahren erfolglos in der Gruppe 47 gelesen, immer aus einem Theaterstück; Richter sei überrascht gewesen, dass Grass aus einem Roman hatte lesen wollen; nach den ersten gelesenen Sätze habe Grass die volle Aufmerksamkeit der Anwesenden, ca. 80 Leute, genossen; das erste Romankapitel, das Grass gelesen habe, habe einen "ungeheueren Effekt" gehabt; die Zuhörer hätten mehr hören wollen, daraufhin habe Grass weitergelesen; das weitere Kapitel sei aber "viel schwächer" gewesen; man sei dennoch so begeistert gewesen, dass man Richter gedrängt habe, den Preis der Gruppe zu vergeben; Richter habe jedoch kein Geld gehabt und hätte den Preis auch ohne Geld verliehen; schließlich habe Siegfried Unseld 500 DM als Preisgeld zur Verfüfung gestellt; davon seien andere anwesende Lektoren angeregt worden, mit ihren Verlagen Kontakt aufzunehmen und weiteres Geld zur Verfügung zu stellen; Grass habe derweil an der Theke gestanden und sich bei jeder Geldzusagen "wieder einen genehmigt"; schließlich seien 5000 DM zusammengekommen, für die damalige Zeit sehr viel Geld; die Euphorie dieser Preisvergabe sei sehr schnell nach außen gedrungen; auf der Buchmesse im folgenden Jahr habe man nur von der "Blechtrommel" gesprochen und schon sei Grass berühmt gewesen. Reinisch: Im gleichen Jahr sind die "Mutmaßungen über Jakob" von Uwe Johnson erschienen, das Buch sei aber nicht so erfolgreich wie "Die Blechtrommel" gewesen, die sogleich 7 Verleger im Ausland gefunden hat. Richter: Zwei Jahre später sie Grass weltberühmt gewesen... Reinisch: "Die Blechtrommel" ist der einzige große deutsche Romanerfolg in den USA gewesen; es habe sich eine neue deutsche Literatur durchgesetzt; vorher habe man Thomas Mann als End- und Höhepunkt der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts gesehen; Richter: stimmt zu; mit Grass sei der Duchbruch in der Welt gekommen; viele Autoren der Gruppe 47 seien schon vorher zu Ansehen in Deutschland gekommen (Ingeborg Bachmann, Ilse Aichinger, Paul Celan); mit Grass habe die deutsche Literatur dann wieder Weltgeltung erlangt; dies sei auch ein wenig Richters Absicht gewesen; Reinisch: Kritiker haben seinerzeit "Die Blechtrommel" mit Döblins "Berlin Alexanderplatz" verlgichen; der Vergleich erschließe sich jedoch nicht für Reinisch, "Die Blechtrommel" enthalte viel Autobiographisches; Richter: glaubt nicht, dass Döblin - wie Grass es behauptet - Grass' "Lehrer" gewesen sei; es bestünden große Unterschiede zwischen Grass und Döblin; Grass habe seine eigene Sprache, eine "barocke" Sprache, die etwas Neues gewesen sei; Grass "neue Freundin" [Ute] habe Grass dann noch musikalische Dinge beigebracht; Reinisch: Grass schreibe nicht nur mit Phantasie, sondern auch mit Präzision; was macht "Die Blechtrommel" so besonderes abgesehen von den kontroversen Kritiken und Debatten, die das Buch ausgelöst hat? Richter: in erster Linie das Erzähltalent; Grass als "großer Erzähler" schreibe in einer "urdeutschen, barocken Sprache"; die Angriffe auf die "frivolen Stellen" seien heute undenkbar; Reinisch: hat Grass bei der Aufnahme der "Blechtrommel" damals darum gebeten, auf einen Satz zu verzichten, der "unnötig viel Diskussion" hätte auslösen können; Grass habe auch gewusst, dass die Zeit noch nicht reif genug für bestimmte Dinge gewesen sei; Richter: Marcel Reich-Ranicki sei ein "ausgesprochener Grass-Fan", reibe sich aber immer an Grass; in jedem Buch gelinge Grass auch etwas nicht; Beispiel: Schluss der "Blechtrommel" - das letzte Drittel hätte Grass weglassen können; Reinisch: stimmt zu: auf die "Düsseldorfer Jahre" hätte man verzichten können; der Weg von Oskar von Danzig über Düsseldorf nach Paris sei auch "ein Stück Autobiographie"; Richter: auch andere Autoren wie Hemingway oder Faulkner seien sehr autobiographische Schriftsteller; jeder Prosa-Schriftsteller verarbeite seine Biographie; Reinisch: Die Verfilmung durch Volker Schlöndorff sei eine wirksame Verkürzung, die den Menschen den Zugang erleichtere; viele hätten wohl erst das Buch gelesen, nachdem sie den Film gesehen hätten; die Auszeichnungen für den Film (Oscar, Goldene Palme) gehörten zu den Nachwirkungen des Romans. _________ Historische Aufnahme der Lesung von 1958, vgl. auch DB AUD 299



Urtitel:
Große Romane des 20. Jahrhunderts: Günter Grass: Die Blechtrommel - Leonhard Reinisch im Gespräch mit Hans-Werner Richter
Anfang/Ende:
(Anmoderation) Die Blechtrommel gehört…und Phönixgarde hieß.
Genre/Inhalt:
Literatur
Präsentation:
Gespräch
Historischer Kontext:

"Das älteste verzeichnete Dokument im Grass-Medienarchiv, das Grass-Literatur vom Autor selbst vorgetragen wiedergibt, ist eine Lesung der ersten beiden Kapitel der „Blechtrommel“ bei der Tagung der Gruppe 47 im Jahr 1958, genauer gesagt einen Tag nach der Vergabe des Preises der Gruppe an Günter Grass, am 4. November 1958. Von der Tagung bzw. der Grassschen Lesung dort existiert keine Aufnahme. Der frischgekürte Preisträger liest aber beim Bayerischen Rundfunk die Kapitel „Der weite Rock“ und „Unter dem Floß“ ein weiteres Mal, und beide Kapitel werden am selben Tag ausgestrahlt." (Florian Reinartz: Das digitale Medienarchiv der Günter Grass Stiftung Bremen. Einordnung - Bestände - Aufbau. Verlag Karl Maria Laufen: Oberhausen 2010, S. 96)

Aufnahme:

Aufnahmedatum:
15.03.1988
Aufnahmeort:
Studio 11, BR
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Mono
Original:

Originallänge:
00:53:10
Kopie:

Länge der Kopie:
00:53:17
Tonträger:
CD
Datenformat Sichtung:
mp3
Herkunft:

Sender / Institution:
Bayerischer Rundfunk (BR)
Sendereihe:
Grosse Romane des 20. Jahrhunderts
Archivnummer:
88/21325-26
Produktionsnummer:
128499/Pr.87557/1-2
Teilnehmende:

Person:
Reinisch, Leonhard (Interviewpartner)
Person:
Reinisch, Leonhard (Redaktion)
Person:
Richter, Hans-Werner (Beitragende(r))
Person:
Grass, Günter (Beitragende(r))
Person:
Fried, Erich (Beitragende(r))
Person:
von Cramer, Heinz (Beitragende(r))

Zitieren

Zitierform:

Große Romane des 20. Jahrhunderts: Günter Grass: Die Blechtrommel - Leonhard Reinisch im Gespräch mit Hans-Werner Richter. Studio 11, BR .

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Nutzung und Vervielfältigung:
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