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DB-Nummer: 332
10.20379/dbaud-0332

Mein Jahrhundert - Gespräch mit Günter Grass

Vorrede Zimmermann: Grass' Metier, sein Interesse für Geschichte, hat ihre Ursprünge in den Wirren der Kriegs- und Nachkriegszeit, die bei dem 17/18jährigen ein unferiges Weltbild hinterlassen hatten. Von den Nazis verführt und noch 1944 als Flackhelfer rekrutiert erlebte er ein Jahr später den "Schock von Auschwitz". "Vor einem nationalen Inferno" steht Grass nur als "desillusionierter junger Mann" und wird zu einem, der "weiterfragt". Schon Grass' frühe schriftstellerische Arbeiten haben Geschichte als "Reflexionszentrum", wie das in der "Danziger Trilogie" dargestellte "groteske Panorama der Nazi-Ära im Deutschen Osten" zeigt. Grass'atmosphärische Beschreibungen und seine "Beobachtungsschärfe" haben schon damals "seines gleichen gesucht". Als "Grasssches Prinzip" gilt seither, die Geschichte zu begreifen. Auch am Ende des 20.Jahrhunderts ist Grass diesem Programm treu geblieben: Sein neuestes Buch, "Mein Jahrhundert", enthält 100 Geschichten über 100 Jahre und ist "der Versuch, Geschichte anders erlebbar zu machen, als es die Historiographie tut, anders, als wir es gewohnt sind". Wie kommt Grass auf ein so ungewöhnliches Projekt? Grass (am Telefon): Der Gedanke an ein solches Buch habe ihn schon lange beschäftigt,er habe jedoch nach einer Erzählposition gesucht. Die Suche danach habe sich zerschlagen - ein einziger Erzähler hätte dieses Stoff-Volumen nicht bewältigen können. So sei es zu der Idee gekommen, die Erzählerposition "aufzusplittern", gleichsam die Schauplätze, die Themen und die Sprache der Erzähler. Damit habe er "schräg entgegen gesetzt zur offiziellen Geschichtsschreibung" erzählen wollen, d.h. Geschichte "aus der Sicht der Betroffenen, der Opfer wie der Täter" darzustellen. Zimmermann: "Geschichte von unten" zu zeigen entspricht dem Diktum von Günter Grass, dass ein Schriftsteller seinen Mitmenschen zum Wort verhilft. Lesung aus "Mein Jahrhundert", Kapitel "1919" (komplett), gelesen von Günter Grass "Das sind doch Kriegsjewinnler...feige von hinten..." Zimmermann: "Geschichte, das möchte Grass sinnfällig werden lassen, kann im Bewusstsein der kleinen Leute manchmal mehr Authentizität bewahren, als in den hochoffiziellen Chroniken der Sieger". Welche Materialen bringt Grass in "Mein Jahrhundert zum Sprechen? Grass (am Telefon): Die Geschichten über das Aufkommen des Charleston (Tanz), die Einführung des Grammophon, die Enticklung von Rundfunk und Fernsehen überdeckten zwar nicht die Großereignisse der Geschichte, aber diese Großereignisse blieben sekundär. Dabei habe sich eine neue Form der Kurzerzählung, der "short-story" entwickelt. Der Leser oder Zuhörer könne sich mit hilfe dieser Geschichten daran erinnern, was früher gewesen ist bzw. sogar vor seiner Geburt sich ereignet hat. Die Absicht des Buches sei,sich über das Erzählen die Geschichte eines ganzen Jahrhunderts zu vergegenwärtigen. Die Aktzentsetzungen seien jeweils abhängig vom Alter des Lesers. Zimmermann: "Menschen porträriert Grass in ihren Nöten, damals wie heute". Die Personen und Zeitschichten werden in "Mein Jahrhundert" vergleichbar. Das Buch beginnt mit dem Boxeraufstand von 1900, gibt Einblicke in das Endspiel der deutschen Fußballmeisterschaft von 1903, das erste Sechstagerennen von 1909, die Einweihung des Volkerschlachtdenkmals von 1913, den Stellungskrieg im Jahr 1916, uvm. Wie gelingt es Grass, die deutsche politische Schicksalswende von 1933 für heutige Leser nachvollziehbar zu machen? Lesung aus "Mein Jahrhundert", Kapitel "1933" gelesen von Günter Grass "Die Nachricht von...eine andere Geschichte" Zimmermann: "Das Friedensjahr 1945 wird in der Kontinuität des Kriegsgeschehens wahrgenommen"; das Kamaradschaftstreffen ehemaliger deutscher Kriegsberichterstatter auf Sylt wird aus der Perspektive von 1967 erzählt. Die Zeithorizonte vermelzen oft spannungsreich miteinander, Entwicklungen, Ursachen und Folgen können so aus Distanz beurteilt werden. Grass (am Telefon) Das Kapitel "1985" präsentiere beispielhaft Dinge, die von der Geschichtsschreibung vernachlässigt worden seien. Grass habe, aus seiner politischen Sicht, Gegenstimmung zu Wort kommen lassen wollen und nennt als Beispiel das Kapitel 1970, dem als "Gegenstimme" die Parole "Brandt an die Wand" zugrunde liegt. Zimmermann: Eine der eindrucksvollsten Geschichten des Buches ist Willy Brandt gewidmet ("1970"): Lesung aus "Mein Jahrhunder", Kapitel "1970", gelesen von Günter Grass "Niemals nimmt mir...auf die Knie." Zimmermann: Fazit / Abmoderation



Urtitel:
Mein Jahrhundert - Günter Grass im Gespräch und Lesungen aus seinem neuen Buch
Anfang/Ende:
(Anmoderation) Geschichte war immer…selber zu erfahren. (Abmoderation)
Genre/Inhalt:
Erzählung
Präsentation:
Gespräch
Schlagworte:

Werke:
Die Blechtrommel; Katz und Maus; Hundejahre; Mein Jahrhundert
Sach:
Zweiter Weltkrieg; Nationalsozialismus; Geschichte; Dolchstoß-Legende; Weimarer Republik; Geschichtsschreibung; Machtergreifung; Auschwitz; Drittes Reich; Flackhelfer; Short-story
Zeit:
20. Jahrhundert
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
24.06.1999
Datum Erstsendung:
25.06.1999
Aufnahmeort:
Bremen: RB (Gefälligkeit)
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Mono
Original:

Originallänge:
00:28:35
Kopie:

Länge der Kopie:
00:28:38
Tonträger:
CD
Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Herkunft:

Sender / Institution:
Radio Bremen (RB)
Sendereihe:
Fragen unserer Zeit
Archivnummer:
9922050
Teilnehmende:

Person:
Zimmermann, Harro (Interviewpartner)
Person:
Laemmle, Peter (Redaktion)
Person:
Grass, Günter (Beitragende(r))

Zitieren

Zitierform:

Mein Jahrhundert - Günter Grass im Gespräch und Lesungen aus seinem neuen Buch. Bremen: RB (Gefälligkeit) .

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