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Medienarchiv

DB-Nummer: 358
10.20379/dbaud-0358

Aufgeklärte Melancholie : Werkstattgespräche mit Günter Grass

Viel ist über ihn geschrieben worden, oft hat er sich in Interviews geäußert, seine Positionen - politische wie literarische - scheint man zu kennen. Mit dem Hörfunkjournalisten Harro Zimmermann hat Günter Grass sich erstmals auf eine Interviewfolge von insgesamt vierzehn Stunden Dauer eingelassen. Ein Werkstattgespräch, in das Privates ebenso einfloß wie Politisches, das Alltagsgeschäft wie die Anekdote. Oskar als Aufklärer, der Butt als Kunstfigur und die Fürsorglichkeit Hoftallers, die Realität der Märchen, das Korsett der Chronologie und das Bekenntnis zum Gegenständlichen - Günter Grass erzählt facettenreich wie nie zuvor vom prosaischen Handwerk und von der Lust am literarischen Spiel. Über Schreiben nach 1945 "Wenn ein Autor in den fünfziger Jahren, meiner Generation, anfängt zu schreiben, dann ist er von vornherein jemand, der in jungen Jahren schon mehrmals gebrochen wurde, dessen politisch-ideologisch vorgewärmte, vorgeformte Welt spätestens 45 zerbrach oder frühestens - bei mir oder bei anderen hat es Jahre gebraucht, um die letzten Reste davon abzuschütteln, eine Auseinandersetzung damit. Also musste das auch in den Schreibprozess hinein, musste diese Gebrochenheit zum Stilmittel werden. Und etwas ganz Wichtiges alle drei Bücher betreffend - "Blechtrommel", "Katz und Maus" wie "Hundejahre" - ist natürlich der Umgang mit etwas Verlorenem, absolut Verlorenem, aus politischen Gründen Verlorenen." Über Jugendprotest 66/67 "1966 kommen die ersten, in Berlin, Antivietnam-Proteste. 67 steigert sich das dann, also dort entwickeln sich diese Streitgespräche und diese Bewegungen zu allererst und das greift dann um sich und hatte voll und ganz Berechtigung, doch schon nach kurzer Zeit ging es nicht mehr um gesellschaftliche Veränderungen, sondern in der Stillage eines Seminar-Marxismus um eine Revolution, für die jegliche Gundlage fehlte - und das in einem Deutsch vorgetragen, das außer einem Teil der Studenten niemand verstand. Auch hier wieder die Hochmutsgeste den Arbeitern gegenüber, die von jungen Menschen, die auch erst seit jüngster Zeit sich politisch engagierten, aufgeklärt werden sollten. Und das stieß natürlich auf Widerstand." Über die Zeit nach der Rättin "Ich fing an die "Rättin" zu schreiben, d.h. die Geschichte der freiwilligen Selbstzerstörung des Menschengeschlechts auf vielfältige Art und Weise. Es ist nicht nur die atomare Vernichtung, die nach wie vor gegeben ist, es ist auch die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen im ganzen ökologischen Bereich, auch das ist ein ungehemmt fortschreitender Prozeß. Ich bin jemand, der das nicht vom Tisch aus machen kann, ich muß hinfahren, ich muss das sehen und bin dann mit meiner Frau Ute insbesondere nach Asien gereist: Japan, China, Indonesien, Thailand, Indien. Und bin dann bei einer ersten Reise, die ich noch alleine machte, bin ich zwar in Indien in verschiedenen Stationen herumgekommen, war aber nur drei Tage lang in Calcutta - das war Mitte der siebziger Jahre und mir fiel schreckhaft auf: in dieser Stadt überfüllt mit Flüchtlingen, weite Slumgebiete, dennoch eine ungeheure Vitalität in der Stadt auf, daß eigentlich dieses Calcutta der Ort ist, in dem die Problematik von reichem Westen und Norden und armem Süden zusammenkommt. Und anfangs war nicht zu schreiben, das war nicht möglich, die Wirklichkeit war nicht in Worte zu fassen; und dann hat mir meine andere Möglichkeit, das Zeichnen, geholfen. Ich habe mich zeichnend dieser Wirklichkeit genähert, skizzierend, bis dann auch wieder Worte kamen und so ist dann aus diesen alltäglichen Abfällen, Tagebucheintragungen, Skizzen, der erste Entwurf eines grossen ausholenden Calcutta-Gedichtes, dieses merkwürdige Buch entstanden, "Zunge zeigen", in dem sich Prosa, Lyrik und Zeichnung einander die Hand reichen. Es geht ineinander über, das eine zitiert das andere, in Wechselbeziehung zu sich und macht auch deutlich, wie fremd wir auch wirklich, was ich vorher gewußt hatte, bleiben." Über die Treuhand als kriminelle Vereinigung "Indem ich die Tätigkeit der "Treuhand" von ihren Anfängen her beschreibe, indem ich diese Besitznahme des Ostens durch den Westen von den Anfängen her darstelle und erzählend wiedergebe, ist die katastrophale bis in die nächste Generation hineinreichende Schädigung des Einheitsprozesses vorweggenommen. Man möge bitte heute mit Abstand prüfen, das was ich dort über die "Treuhand" geschrieben habe - ich fürchte, dass diese kriminelle Vereinigung namens "Treuhand" mehr Schaden angerichtet hat, als ich geahnt habe und ahnend aufgeschrieben habe, als das Ganze anfing."



Urtitel:
Aufgeklärte Melancholie - Werkstattgespräche mit Günter Grass
Anfang/Ende:
Track 1: Herr Grass, 40 Jahre…hätten, mein Gott. Track 2: Herr Grass, zu…in "Hundejahre" niedergeschlagen. Track 3: Herr Grass, 1966…Aufklärungskonzept nicht finden. Track 4: Ein weites Feld…zum hugenottischen Frankreich. Track 5: Herr Grass, es gibt…weiß ich nicht.
Genre/Inhalt:
Biographie
Präsentation:
Gespräch
Historischer Kontext:

Harro Zimmermann: Zwei Bilder aus der jüngsten deutschen Vergangenheit mögen sich bei manchem einstellen, wenn von Günter Grass die Rede ist. Ein sogenannter Großkritiker zerreißt mit inquisitorischem Zerstörungswahn vor den Augen einer fassungslosen Kulturöffentlichkeit das Buch 'Ein weites Feld'. Und der Autor Grass bekennt in der Frankfurter Paulskirche seine persönliche Scham angesichts des fremdenfeindlich gewordenen Standorts Deutschland. Beide Ereignisse bezeugen etwas von jenem irritierenden Widerspruchsnimbus, der den Schriftsteller Grass am Ende dieses Jahrhunderts umgibt. Er ist der einzige deutsche Dichter, der uneingeschränkte internationale Hochachtung besitzt. Und zugleich gilt er im eigenen Land, bei bestimmten Fraktionen des Geschmacksurteilsbetriebs, als notorischer Störenfried, dem eine zutiefst beargwöhnte Wortführerschaft attestiert wird. Wo Literaturkritik aber als politisches Meinungsverdikt fungiert, kann ein solchermaßen inkriminierter Geist als Wortkünstler kaum noch zur Geltung kommen. Ganz anders reagieren dagegen die Millionen von Grass-Lesern in Deutschland und in aller Welt. Wie (er-)kenntnisreich analysiert und debattiert die internationale Grass-Forschung dieses Werk. Wie anteilnehmend und konstruktiv stellt sich aber auch das Gros der bundesdeutschen Literaturkritik dar, wenn man einmal – was viel zu selten geschieht – in die Breiten- und Tiefenschichten der zeitgenössischen Grass-Rezeption blickt. Ein Werk und eine Wirkungeschichte wie die des Günter Grass sollten von Zeit neu ausgemessen werden, damit sie unter den wuchernden Deutungszugriffen einer offenbar mit sich selbst überforderten Literaturkritik nicht noch unkenntlicher werden. Erinnern wir uns also genau. Hintersinnige Aufklärung Mit dem Erzähl-Artefakt namens Oskar Matzerath hat 1959 alles begonnen. Eine verzwergte Gestalt, unzulänglich in ihrer Menschlichkeit, ein krummes Holz, ja eine Art verrutschtes Möglichkeitswesen wird zum Autor filigraner Romangespinste über höchst unsicherem Grund. Jener verwachsene Held der 'Blechtrommel', Sohn des Danziger Kolonialwarenhändlers Matzerath und Zeuge der ganz alltäglichen Nazifizierung (ost)deutscher Lebensprovinzialität bis ins bundesrepublikanische Nachkriegs-Biedermeier hinein, kann in jener Welt der monströsen Ideologeme nicht einmal seine eigene Identität aufklären. Oskar, der Blechtrommel-Künstler, ist offenbar von so unförmiger Erscheinungsweise und so schrillem Widerspruchswesen wie die ihn umgebende Banalität des Bösen. Denn von nicht minder gnomisiertem Wuchs stellt sich auch die Wirklichkeit rund um jenes deutsch- und vielstämmige Danzig dar: borniert, egoistisch, lasziv, erlebens- und autoritätssüchtig. Das reüssierende Nazitum ist eine Welt der spießigen Normalität, des wohllöblichen Eigeninteresses. Schonungslos wird sie von diesem vor lauter Teilnahme erkalteten Oskar in ihren Wonnen der Gewöhnlichkeit observiert und in grotesken Erzählbildern ausgelegt. Doch nur der scheint all dies in seiner Ungeheuerlichkeit so punktgenau erleben und so dissonantisch erzählen zu können, dem jede Empathie und Zivilität von Kindesbeinen an, geradezu klinisch entzogen worden ist. Mit der Skepsis einer hintersinnigen Aufklärung ist die Ikone des verkrüppelten Fortschritts aufgeladen, die in der 'Blechtrommel' als rückwärts und vorwärts reflektierende Erzählsonde der komplizierten und doch so vertrauten Wirklichkeit des Nazi-Irrsinns angelegt wurde, welche nach 1945 hinter Mythisierungen und Entschuldungsritualen der Deutschen zu verschwinden drohte. Die 'Blechtrommel' betrieb daher keinen Kahlschlag, keine Beschwörung des Guten, Wahren und Schönen im Zeichen deutscher Neuklassik, sondern bot ätzend, grotesk, wenn nicht zynisch herauspräpariertes Diskursmaterial an als Erfahrungsgebot für die frustrierten Objekte eines fehlgeschlagenen Re-education-Großversuchs. In den damaligen Seelenlandschaften der raunenden Heideggerei oder des Bennschen Sentiments ästhetischer Erlesenheit konnte nur der Roman dieses kaschubischen Provokateurs so unnachahmlich den schrillen Chor des nationalen Entsetzens wie Entzückens zum Tönen bringen. Enzensberger sollte rechtbehalten: die Deutschen und ihre Kritiker hatten an diesem berühmten »Brocken« Literatur lange zu »würgen«. Deutsche Schuld Verdrängtes, Umgelogenes, ideologisch Vernebeltes wieder sichtbar machen – einzig darauf hatte Oskar die entstellende Kraft seiner Wahrnehmungs- und Erfindungspräzision ausgerichtet. In den folgenden Büchern 'Katz und Maus' (1961) und 'Hundejahre' (1963) wird Erzählen abermals zum Erkenntnis-Experimental-Verfahren. Wiederum geht es um jenes monströse Geschichtskaleidoskop deutscher National-, Rassen- und Kriegshysterie, sowie deren Spätwirkungen, also um die Vergangenheitsbewältigungsrituale, die Aufbau- und Normalisierungsallüren des bundesrepublikanischen Neo-Biedermeier. Wieder greifen Alltags- und Künstlerproblematiken ineinander und wabert der Nazi-Wahn in den Gewohnheiten des 'normalen' Lebens, abermals treibt es die Menschen blind oder heuchlerisch in Schuld- und Ideologieverstrickungen. Ein in diskursive Spannung versetztes Erzählkollektiv tritt an, um dieses Historienpanorama der Opfer, der Zeugen und der Täter detailliert, je nach Blickwinkel und unter ständiger Ergänzung, Korrektur und Konterkarierung durch rivalisierende Perspektiven zu vergegenwärtigen. Wahrheit, wenn überhaupt erreichbar, ist in 'Katz und Maus' und in den 'Hundejahren' nur im Geist des Konjunktivischen, der unaufhebbaren Paradoxien, der erprobenden Wahrheitsfiktion zu haben. Denn Vergangenheitsbewältigung drohte in diesem Nachkriegs-Deutschland zur bloßen Projektionsanstrengung zu verkommen, weshalb sie sich umso eher mit neuerlichen krausen Ideologien aufludt, mit Marktwirtschaftslosungen oder mit sozialistischen Restutopien. Vor allem aber reichten in diese schein-renovierte, also heillose Welt der Bundesrepublik Deutschland Derivate rassistischer (Hunde-)Mythologien von ehedem unerkannt herüber. Günter Grass ist zu Beginn der sechziger Jahre, als Autor der 'Danziger Trilogie' längst weltberühmt, zum wichtigsten literarischen Warner vor Nazi-Verklärung und Neo-Restauration geworden. Mehr und mehr tritt die aktuelle Zeitkritik in sein künstlerisches Blickfeld. Energie des Zweifels Schon der Roman 'Örtlich betäubt' (1969) zeigt Grass auf der Höhe seines (partei-)politischen Kampfes für eine humanitär-sozialistische deutsche Republik. Sein Engagement für die SPD und für Willy Brandt machen damals immer wieder Schlagzeilen. In 'Örtlich betäubt' wird die Zahnbehandlung des vordem anarchistischen, nunmehr aber »vernünftigen« Studienrats Starusch zur Bewußtseinsgeschichte eines inmitten der Studentenrevolte stehenden, sich dabei seiner eigenen enragierten Nazi-Jugend erinnernden Intellektuellen. Studentischer Radikalismus von 1968 und die Problematik der Nazi-Verführung von Jugendlichen im Dritten Reich sollen im Für und Wider ineinander gespiegelt werden. Doch wird die geschichtliche Reflexion nicht belehrend eingesetzt, sondern als diskursive Analyse 'unvernünftiger' Fanatismen vor dem Horizont 'aufgeklärter' Zeitläufte in der Schwebe gehalten. Allerdings beschreibt der Roman eine Bewußtseinsgeschichte, die längst mit der Penetration alles Geistigen durch das Mediale, mit Prozessen der technischen Inszenierung und Virtualisierung zu rechnen hat. Filmisches Erzählen, Spielen mit Grenzverschiebungen von Realitäts- und Medialwahrnehmung, mit verselbständigten Symbolrepräsentanzen, die alles Gegenwärtige in Medienmaterie aufzulösen scheinen, bilden die erzählerischen Gegenstrategien eines Romans, der seinen Problemhorizont vor dem Geltungsverfall in diffuser Öffentlichkeit bewahren will. Das Grass'sche Erzählwerk unterbreitet am Ende der sechziger Jahre ein differenziertes Gesprächsangebot, das in gewitzter Form für »Fleiß, Zweifel, Vernunft, Dazulernen, Zögern, mehrmaligen Neubeginn, kaum merkliche Verbesserungen, einkalkulierte Fehlentwicklungen, Evolution Schritt für Schritt« werben will. Praktische Vernunft, reflektiert im erzählerischen Diskurs – Grass möchte sie in Dienst nehmen für eine erfahrungsoffene und demokratisch inspirierte Aufklärung im deutschen CDU-Staat. Im 'Tagebuch einer Schnecke' (1972) wird in akribische Beobachtungen, Notate, Apercus, Denkbilder, Szenerien und schweifende Reflexionen über das historisch-politische Wahlkampf-Deutschland zwischen 1965 und 1969 eine ebenso trennscharfe wie launige Apologie des 'vernünftigen' Zweifels eingewoben, die damals schon ihresgleichen suchte. Den erhofften »Prozeß des Mündigwerdens« der 'revolutionär' erregten Bundesrepublik in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren reflektiert dieses »Sudelbuch« als mehrschichtiges Zeit-und Deutungs-Spiel, in dem Polit-Szenerien, Geschichtsbilder des Danziger Judentums, autobiographische Notate sowie philosophische, sozialkritische und ästhetische (Roman-)Reflexionen ineinander greifen. »Stillstand im Fortschritt« ist das Stichwort dieser Weltbetrachtungen zum Studentenprotest in post-restaurativen, aber neuerlich ideologisierten Zeiten. Nicht das schlechteste Zuversichtsmittel angesichts solchen Beharrungsvermögens der bundesrepubikanischen Verhältnisse sind Melancholie und Zweifel, die Grass mit Montaignescher, Lichtenbergscher und Schopenhauerscher Verve gleichermaßen aufgeladen sieht. Wie das 'Tagebuch einer Schnecke' stellen sodann auch die 'Kopfgeburten oder Die Deutschen sterben aus' (1982) zeitkritische Themen im Geist aufgeklärter Konjunktivität und (Be-)Streitbarkeit zur Debatte. Urmütterträume Grassens großer Roman 'Der Butt' (1977) hatte schon einige Jahre zuvor in seinen mehrere Jahrtausende umspannenden Fiktionswelten auseinandergelegt, wie eine Rationalitätsgeschichte der Zivilisation in den Maßverhältnissen der kreatürlichen Evolution von Menschen auszusehen hätte. Wider allen abstrakten politischen Utopismus, so lautete die Devise des SPD-Trommlers Grass schon damals. Die politische Kultur Nachkriegsdeutschland sollte keinen hegelianisierenden Luftgespinsten zum Opfer fallen. Dieser emphatisch humanen Perspektive vor allem war das riesenhafte Erzählunternehmen vom Butt verpflichtet. Was dem zufolge einst im mythischen Liebes-Leib der freundlich-übermächtigen Urmutter Aua als geschichtslose Sättigungswonne des Mannes begann, wurde irgendwann radikal durch einen »aufklärenden Blitz entmystifiziert«. Kaum aufgeklärt, suchte der Mann dereinst ein Wort für »Vater« und »vernünftiges Vaterrecht«, begann er auszubrechen aus der umhegten Welt des Matriarchats, wurde er rastlos, begann er zu denken und zu planen, fiel ihm das Prinzip der Arbeitsteilung ein. So schwach das »Vernünftlein«, jene »Funzel Vernunft« auch leuchten mochte, der Mann griff nun hyperaktiv ins Geschichtsmächtige ein, wobei seine »Großtätigkeit« aller Natur zuwider bald schon zur Monstrosität umschlug. Nicht weniger beabsichtigte Grassens inkommensurables Romanwerk als eine Gegen-Geschichte wider alle utopischen Endzeiterwartungen und jede Herrscher- und Siegerbetrachtung, die historische Erfahrung zu verfügbaren Formeln verdünnen gedachte. 'Der Butt' erzählt vom körperdampfenden Leibes-, Liebes- und Geschlechterkampf, von einem sinnenstarken und interessenbestimmten Ernährungs, Macht- und Ideologieprozeß mit ebenso unergründlicher Vergangenheitstiefe wie unwägbarer Zukunftsaussicht. Die kreative Kraft der mündlichen Märchen-Überlieferung, ihre Eigenschaft, jedesmal anders erzählt werden zu können, die Märchen als Seismographen und als »Doppelboden« aller Wirklichkeit, ihre wortwirkende Phantasie, mit der sie die »Schranke Vernunft überhüpfen« können – all dies macht jene alten Volkspoesien für Grass keineswegs zu Trägern glücklich-wunderbarer Gegenwelten, sondern zu Instrumenten der Skepsis und der Kritik, der ironischen bis satirischen Korrektur falscher Geschichtsbilder. In den Märchenphantasmagorien des 'Butt' wird Aufklärung daher nicht ad absurdum geführt, sondern ihrer selbst ansichtig. Beredte Anti-Utopie Der Roman 'Die Rättin' (1986), dieser »Versuch, das beschädigte Projekt der Aufklärung erzählend fortzuschreiben«, fiel dagegen in eine Zeit, in der deutsche Dichter schon wieder, wie Grass formulierte, als »Seher« auftraten, in der die »Moderne von gestern irritiert« schwieg, und die Postmoderne sich »in aller Unverbindlichkeit alles und das Gegenteil all dessen« erlauben wollte. Die 'Rättin' ist, inmitten von NATO-Nachrüstung und Atomwahn, von globaler Öko-Katastrophe und Dritte-Welt-Ausbeutung, der Roman der Endzeit-Warnung, ein episches Menetekel der unaufhaltsamen Selbsterzerstörung alles Menschlichen vor dem Horizont aufgeklärter, technologischer Hyper-Rationalität. Die Welt, die der Roman vorausgreifend im Zustand ihres endzeitlichen Desasters schilderte, lebte nur noch von »Aufgüssen ausgelaugter Ideen«, abstrakte und naturfeindliche Rationalitäten hatten sich zu einem unentrinnbaren Verblendungszusammenhang verdichtet. Von Grund auf unfähig war diese Globalgesellschaft, »wenn nicht aus neuen, dann aus alten Wunschwörtern, die Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit hätten heißen können, ein wenig späte Erkenntnis zu saugen«. Was wunder, wenn nun eine »aufgeklärte«, weil natur-anpassungsfähige Spezies menschlicher Furcht- und Ekelprojektionen auf den Plan tritt und als höchst reales Überlebenskollektiv die Zukunft der Welt bestimmte: die Ratten. Unaufhaltsam wächst sich eine jener phantasmagorischen Schreckensgeburten der Vernunft, ein »böses Traumgetier«, im Roman zur manifesten, in sich selbst vielfach problemgespiegelten Gewalt aus; auch dies eine Frucht der Deformierung menschlichen Wesens, zumal seines Unbewußten. Realitätsbehauptungsversuche sind alles, was der weltentrückte Erzähler in einem Wirbel von Debatten, Argumenten und Gegenargumenten, von Visionen, Bildern, Geschichten, Erinnerungen und Einbildungen noch anzustellen vermag. Seine Idee vom fortschreitenden Menschengeschlecht wird einem flirrenden medialen Reflexionsspiel ausgeliefert, in dessen Zentrum die Rättin den gewitzten aufklärungs- und zivilisationskritischen Widerpart bildet. Was mediale Insinuation ist, und was das hiervon 'wahrhaftig' unterscheidbare, kann ein solcher Erzähler nicht mehr klären. Doch nicht ein rettungslos absurdes Endspiel wird in diesem fingierten Menschheitsdesaster ausgefabelt, sondern eine ebenso schwarze wie beredte Anti-Utopie, die an den geschichtlichen Schwundformen ihrer eigenen (Denk-)Möglichkeit intellektuell immer noch zu rütteln versucht. Grassens Roman erzählt das alte Märchen als karikierende Verlustgeschichte seiner selbst, um zugleich eine groteske Denunziation moderner technokratischer Phantasielosigkeit und Vernunftzerstörung auszuspinnen. Diskurs-Infarkt Die aufklärerische Intention des Erzählers Grass geht in dem vorerst letzten Roman 'Das weite Feld' (1995) ganz auf in einem hochdifferenzierten konjunktivischen Bedeutungsspiel, das als vielschichtiges Materialfresko 'nationaler' Geschichts- und Gegenwartsverständigung inszeniert ist. Von böser Verzeichnung der hiesigen Einheitsrealität konnte nur reden, wer – wie 1995 zum Teil die hochmögende Literaturkritik unseres Landes – die vielstimmigen, in sich widerstreitenden Erzähl- und Erfahrungsfigurationen des Werkes nicht sehen wollte. Doch eine im ästhetischen Diskurs feingeschliffene Dreinrede, das subtile trial and error im Labormilieu eines so eigentümlich vernünftigen Erzähl-Geistes wollte man dem lauthalsen Einheits-Kritiker und »vaterlandslosen Gesellen« Grass offenbar nicht mehr zugute halten. Die Unwert-Schätzung des Streithahns Günter Grass in politicis ist mittlerweile zu einem verhärteten Symptom geworden; so manchem gebricht es daher längst an jedweder Unbefangenheit gegenüber dieser so filigranen wie launig-kraftvollen Schreibvirtuosität. Das hat nichts mehr zu tun mit der subjektiven Häme und Ignoranz einzelner Kritiker, sondern ist nachgerade zum professionstypischen Syndrom geworden, das regelmäßig eine bestimmte – keinesfalls nur jüngere – Fraktion bundesdeutscher Literatur- und Zeit-Geist-Verständigung an die Grenzen des Diskursinfarkts zu treiben vermag. »Er, immer noch er« knackt die Nüsse der intellegiblen Nation – diese Jahrhundert-Physiognomie. Dabei ist er doch wirklich einer der alten, dem längst die nachgereichte Stunde Null hätte schlagen müssen, der die Republik offenbar im Zustand ihrer geschichtlichen Schamhaftigkeit festhalten möchte, dessen Gesinnungsästhetik jeden Rüffel wegsteckt, der immer noch diskurs(an)stiftend zu sein droht, der einzige deutschsprachige Poet von Weltgeltung, der jedes Verdikt, das ihn zum Statthalter einer bloßen Legende vom politisierenden Literaten degradieren will, unbeschadet übersteht, ja, der das meinungs-sedierte Betriebspersonal unserer Medien-Moderne nach wie vor zu eifernden Bekenntnislagern auseinander zu treiben vermag. Was immer Günter Grass sagt oder publiziert, kommt ins Gerede, reibt sich an allerhand Common sense, provoziert Huldigungs- wie Abwehr-Rituale. Doch sobald es um literarische Hervorbringungen von ihm geht, hysterisiert sich zumal unsere selbstberufene Kritik immer wieder in frappierende Vor- und Fehlurteile hinein. Das ist, man muß es wiederholen, ein durchweg endogenes Syndrom. Es hat nicht in erster Linie mit der unvorgreiflichen Prominenz des Autors zu tun, sondern mit einem herabstimmenden Hoffnungsstau im sekundären Geschmacksurteilsbetrieb selber; mit der Ernüchterung darüber, daß der noch so kreativ oder futurisch drapierte Geist der neuen Republik sich – bei aller Wende-Mobilität – nur sehr eigensinnig und traditionsanfällig von jenem der alten frei zu machen vermag. Die, wenn auch leicht patinierte und gelegentlich schillernde Aufklärungstopik der Enzensberger-, Walser-, Habermas- und Grass-Generation erweist sich nicht nur als ein nach wie vor konsensfähiges, weil sozial-empathisches Verständigungsmuster dieser Republik, sie scheint noch in deren jüngster Kultur-Szenerie kommunikabler zu sein als die bunt-schimmernde polit-lifestyle-Agenda vieler nachgewachsener Moderne-Apostaten. Kann es sein, daß jenes weitgehend durchjournalisierte Gewerbe der Literaturkritik, weil es z.B. den einschlägigen Fachwissenschaften oft genug bedenkenlos den Rücken kehrt, auf seinem Symbol-Sektor der zweiten Ordnung nur zu leicht ein Opfer aller möglichen sinn-beteuernden Orientierungskrisen wird? Milieu-durchsäuerte Wahrnehmungsschwächen, Meinungskämpfe und Profilierungskrämpfe der Publizistenzunft sind nicht ohne Dauerschäden für die Geistesgegenwart dieser Kultur-Republik auf der literar-ästhetischen Diskursebene austragbar. Das könnte immer öfter, wie wir nicht erst seit dem Streit um das 'Weite Feld' wissen, zur Implosion unverzichtbarer fachlicher Kompetenz- und Urteilsstandards führen. Ohne Bedenken heben wir heute z.B. die achtenswerte Erzählintelligenz eines Ingo Schulze in den Poetenhimmel und lassen die schründig-artifizielle Geistmaterie des nurmehr im Jahrhundertbezug erschließbaren opus von Grass im Regen stehen. Intellektuelle Optionen und Erfahrungs-Widerstände, wenn sie in einem so avanciert-zeitgenössischen Literaturwerk tief gegründet und kompliziert verzweigt sind, sollen endlich unter 'kritischen' Beliebigkeitsvorbehalt gebracht werden. Es scheint ein eigentümlich deutsches Mißverständnis zu sein, das Teilen der hiesigen Kritik seit mindestens zwei Jahrzehnten die Gesprächsfähigkeit mit dem Wortkünstler Grass verstellt; nur um den unverwüstlich dreinredenden Citoyen auf Distanz halten zu können. So oft und so kunstvoll hat Günter Grass, Lichtenbergisch geist-gestimmt, seine deutschen Leserscharen zum Selbstdenken provoziert. Das literaturkritische juste milieu dagegen will zumeist nur sein eigenes heraushören und traktiert ihn mit einer oft zur Kunst-Indifferenz überschnappenden Geschmackswut, deren Kern in der unerfüllten Lust auf Götterdämmerung bestehen dürfte.

Aufnahme:

Datum Erstsendung:
28.03.1999
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Mono
Anmerkung Qualität:
Track 4 hat falsche Abspielgeschwindigkeit/Tönhöhe
Kopie:

Länge der Kopie:
04:28:35
Tonträger:
DAT
Datenformat Sichtung:
mp3
Datenformat Archiv:
WAV
Herkunft:

Sender / Institution:
Westdeutscher Rundfunk (WDR)
Archivnummer:
393385
Teilnehmende:

Person:
Zimmermann, Harro (Interviewpartner)
Person:
Grass, Günter (Beitragende(r))

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Aufgeklärte Melancholie - Werkstattgespräche mit Günter Grass.

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