Logo der Günter Grass Stiftung Bremen

Webdatenbank

Medienarchiv

DB-Nummer: 414
10.20379/dbaud-0414

Deutsche Zweistaatlichkeit? - Telefoninterview mit Günter Grass

Frage: mehr Sorgen, als die Menschen zugeben? Grass: hat das Gefühl, dass sich die Politiker gegenseitig unter Zugzwang gesetzt haben; man versuche einander mit möglichest unverbindlichen Forderungen zu übertreffen; Dinge, die eigentlich geschehen müssten, würden dabei unterbleiben Frage: Welche Dinge? Grass: die DDR habe nicht nur unter der SED leiden müssen, sondern auch die größte Kriegslast gehabt (Reparationszahlungen an Sowjetunion, Demontage von Betrieben); nachdem sich die DDR etwas Freiheit erkämpft habe, sei man in der Schuld der DDR; nun gehe es nicht mehr um Überlegungen, ob Berlin Hauptstadt werde oder dass die Wiedervereinigung nicht aufzuhalten sei, sondern dass "Lastenausgleich" gezahlt werde; in einem Zustand der Abhängigkeit könne sich die Bevölkerung der DDR nicht frei selbst bestimmen Frage: Christa Wolf behauptet, dass die Opposition nun von anderen Leuten übernommen worden sei Grass: die Montagsdemonstrationen seien von sehr unterschiedlichen Gruppen veranstaltet worden, die aber die Absicht gehabt hätten, die DDR neu zu gestalten; diese Leute seien verdrängt worden von denen, die nach Einigung gerufen hätten; wer Bedenken äußere oder sich auf die ursprünglichen Ziele berufe, werde bei den Demonstrationen nicht mehr zu Wort kommen gelassen; dies sei eine neue Form von Unduldsamkeit, die das Nachdenken verhindere; ähnliche Entwicklungen gebe es in der Bundesrepublik Frage: Unterschied zu anderen Ostblockstaaten: Aufgeben des eigenen Staates; Grass ist für Konföderation statt Einigung mit Rücksicht auf die Ängste der Nachbarn, auf die Bündnissysteme aber auch aufgrund der Gefahr des Rückfalls in nationalstaatliches Denken Grass: in der deutschen Geschichte nur relativ kurze Phase des Einheitsstaates (1870/71 bis 1945) und schlechte Erfahrungen damit; es gebe keinen Grund, diesen Fehler zu wiederholen; die Konföderation sei nicht die kleinere, sondern die bessere Lösung und würde dem Bedürfnis nach staatlicher Einheit entgegenkommen (vgl. Schweiz), sich besser in Europa integrieren als ein Einheitsstaat, vor dem die Nachbarn Befürchtungen und Ängste hätten; in einer Konföderation hätte die DDR in demokratischer Form die Möglichkeit der Selbstgestaltung; nach einer Zeit der Konföderation könne man immer noch über die Möglichkeit eines Bundesstaates nachdenken (vgl. Paulskirchen-Idee); die Könföderation ließe die Möglichkeit des Gemeinsamen und des Eigenständigen offen; eine gleiche Staatsangehörigkeit und eine gleiche Währung werde dadurch nicht verhindert



Urtitel:
Telefoninterview mit dem Schriftsteller Günter Grass über die Theorie der Zweistaatlichkeit
Anfang/Ende:
(Anmoderation) Zwei die sich…Auf Wiederhören. Wiederhören.
Genre/Inhalt:
Politik
Präsentation:
Interview
Historischer Kontext:

Deutsche Einheit 1990; erste freie Wahlen in der DDR am 18. März 1990; Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion am 20. März 1990

Schlagworte:

Person:
Wolf Christa
Sach:
SED; Einheit; Wiedervereinigung; Konföderation; Einheitsstaat; Staatsangehörigkeit; Währung; Lastenausgleich; Montagsdemonstration
Geo:
Berlin; DDR; Tschechoslowakei; Ungarn
Zeit:
1945; 1870/71
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
08.02.1990
Datum Erstsendung:
08.02.1990
Aufnahmeort:
Köln: WDR; Berlin (Grass)
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Mono
Original:

Originallänge:
00:06:13
Analog/Digital:
reformatted digital
Original-Tonträger:
Band
Kopie:

Länge der Kopie:
00:06:13
Tonträger:
CD
Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Datenformat Archiv:
WAV
Herkunft:

Sender / Institution:
Hessischer Rundfunk (HR)
Sendereihe:
Mittagsmagazin
Archivnummer:
1004995006 (5098501)
Teilnehmende:

Person:
Thoma, Dieter (Interviewpartner)
Person:
Knips, Herwig (Redaktion)
Person:
Grass, Günter (Beitragende(r))

Zitieren

Zitierform:

Telefoninterview mit dem Schriftsteller Günter Grass über die Theorie der Zweistaatlichkeit. Köln: WDR; Berlin (Grass) .

Rechte

Nutzung und Vervielfältigung:
Alle Rechte vorbehalten

Export