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Medienarchiv

DB-Nummer: 426
10.20379/dbaud-0426

Berlin und Berlin - Deutschland und Deutschland : Ein Gespräch zwischen Günter Grass und Stefan Heym

Möglichkeiten der Wiedervereinigung beider deutscher Staaten. Die nationale Frage ist weiterhin offen. Heym: "Nicht die Staaten sind zusammengerückt, wohl aber die Menschen in ihnen" / Notwendigkeit der Verbesserung des Verhältnisses beider deutscher Staaten zueinander / Gemeinsamkeiten beider Staaten liegen in der Kultur und Literatur / Es ist wichtig, das große Mißtrauen beider Staaten abzubauen / Kritik am Sozialismus: Umweltverschmutzung und Waldsterben auch und besonders in der DDR. Kritik an der Politik in der Bundesrepublik: Korruption (Flick-Affaire). Das führt zur Verachtung der Demokratie / Verelending der Dritten Welt / Notwendigkeit der Verständigung zwischen den beiden Großmächten.



Urtitel:
Berlin und Berlin: Deutschland und Deutschland - Ein Gespräch zwischen Günter Grass und Stefan Heym
Anfang/Ende:
Als ich hierher…recht schönen Dank. (BEIFALL, ATMO)
Genre/Inhalt:
Politik
Präsentation:
Diskussion
Historischer Kontext:

Von September bis Dezember 1984 veranstaltete das Goethe-Institut in Belgien unter der Schirmherrschaft des belgischen Königs mehrere Veranstaltungen unter dem Stichwort "Berlin". Im Palast der Schönen Künste trafen sich die beiden Schriftsteller Günter Grass aus West-Berlin und Stefan Heym aus Ost-Berlin zu einem Gespräch. Diskussionsleiter war der Direktor des belgischen Fernsehens Karel Hemmerechts Nachfolgegespräch nach der Deutschen Einheit: Nachdenken über Deutschland Stefan Heym und Günter Grass im Gespräch befragt von Karel Hemmerechts (auf Einladung des Goethe-Instituts in Brüssel, Januar 1993) Hemmerechts: Günter Grass und Stefan Heym, vor sieben Jahren hatten Sie sich das ganz anders vorgestellt. Sie bejahten damals die "Deutsche Kulturnation", "aber", sagten Sie, "um Gottes Willen keinen neuen deutschen Einheitsstaat, weil nicht nur die Deutschen, sondern auch die Nachbarn wenige gute Erfahrungen mit dem deutschen Einheitsstaat von Bismarcks oder von Hitlers Gnaden gemacht haben". Es ist also ganz anders gekommen. Damals schrieb eine andere Brüsseler Zeitung, eine flämische Zeitung: "Wenn zwei Vertreter dieser beiden deutschen Staaten ein solches Gespräch in Brüssel führen, dann stimmt irgendetwas nicht. Jetzt sind Sie wieder in Brüssel, Gott sei Dank, deswegen sind wir sehr froh, aber ein solches Gespräch wäre durchaus auf deutschem Boden möglich. Trotzdem sind Sie noch nicht zufrieden. Warum, Stefan Heym, meckern Sie noch immer? Heym: Vor sieben Jahren hieß dieses Programm: "Nachdenken über Deutschland". Wir haben jahrelang nachgedacht. Und dann, als gehandelt wurde, stellte sich heraus, daß wir vielleicht nicht genügend und nicht in der richtigen Richtung nachgedacht hatten. Denn als ich damals, am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz stand, vor einem Publikum von etwa 750 000 bis 1 Million Menschen, das erstreckte sich ganz weit, so weit das Auge sehen konnte, und als dieser Kontakt da war mit diesen vielen, vielen Menschen, und als sie bei dem Wort "Demokratie", das heißt: die Herrschaft des Volkes, bereit waren, mitzugehen und loszugehen, war keine Konzeption da, die die Teilnehmer an dieser Veranstaltung und überhaupt irgendwelche Gruppen den Menschen hätten geben können. Plötzlich war das alte Regime kollabiert, zusammengebrochen, nicht mehr da. Und was an dessen Stelle zu setzen war, wußten wir nicht. Es gab keine organisierte Gruppe, es war nicht wie in der Tschechoslowakei, wo es eine Charta '77 gegeben hatte. Es gab außer ein paar Pfarrern, die sich um jüngere Leute gekümmert hatten und deren politische Erfahrungen minimal waren, nichts und niemanden, der hätte die Macht übernehmen können. Das war das Schlimme. Und als dann fünf Tage später aufgrund irgendwelcher Entwicklungen, auf die ich jetzt hier nicht eingehen kann, die Mauer plötzlich zusammenbrach, erhob sich plötzlich der Ruf, der anders war als der Ruf damals auf dem Alexanderplatz. Auf dem Alexanderplatz hatten diese 750 000 gerufen: "Wir sind das Volk". Jetzt auf einmal tauchten Rufe auf "Wir sind ein Volk". Das war ein großer Unterschied. Sie erinnern sich an "Ein Volk, ein Reich, ein Führer". Und so kam es, daß innerhalb ganz kurzer Zeit aus einer Wende oder einer Revolution, die hätte zu einem wirklich demokratischen, ostdeutschen Staat führen können, eine Einheit zustande kam, deren Vor- und Nachteile wir heute vielleicht besinnlich und von Belgien aus betrachten können. Hemmerechts: Und Sie, Günter Grass, sind auch nicht zufrieden? Grass: Also bei mir ist es mit der Besinnlichkeit nicht gut bestellt. Wenn ich es auf einen Satz bringen will, auf die Frage:"Ist die deutsche Einheit geglückt?", kann ich sagen, in geschäftlicher Beziehung für Westdeutschland schon. Das andere ist total mißglückt. Es ist in einem Maße mißglückt, wie ich es trotz meiner Vorwarnungen nicht geahnt hätte. Hemmerechts: Sie waren doch der "Schwarzseher der Nation." Grass: Vor einem Jahr noch. Heute sagt das keiner mehr. Es ist wirklich dieses miserable Kunststück vollbracht worden, das geteilte Land nach dem Wegfall der Mauer - die Teilung in der Beziehung vorbei - ist es auf miserable Art und Weise gelungen, die Deutschen abermals zu teilen. Heute sind sie sozial geteilt, in Deutsche erster und zweiter Klasse. Es ist von westdeutscher Seite in Ermangelung eines gestaltenden politischen Gedankens nur die D-Mark ins Spiel gebracht worden, mit dem Ergebnis, daß dort nach der zu früh vollzogenen Währungsunion alles, was ohnehin angeschlagen war an Wirtschaft, total zusammenbrach und nun ein Kolonialsystem dem ganzen übergestülpt ist. Das hat zu Folgen geführt, die noch gar nicht abzusehen sind: wie weit das in den einzelnen Privatbereich hineingeht, bei Menschen z.B. der älteren Generation, die nie Demokratie erlebt haben, die aus der Nazi-Zeit ohne Übergangsphase in eine nächste Ideologie hineinkamen - Leute meiner Generation, damals bei Kriegsende etwa 16, 17 Jahre alt, die wechselten vom Braunhemd ins Blauhemd hinein, und die erleben nun, daß ihre Ideologielehrer, die ihnen den Kapitalismus immer als etwas ganz böses, abscheuliches, den Menschen verachtendes dargestellt haben, und die das nicht geglaubt haben, in der Schlußphase zumindest, nun sehen, daß dieser westdeutsche Kapitalismus Methoden anwendet, die er in Westdeutschland nicht anwenden dürfte, weil er dort, sei es durch die Sozialdemokraten, sei es durch die Gewerkschaften, gehindert wäre. Aber dort, in den neuen Bundesländern, tobt sich ein Kapitalismus aus, der nur noch zu vergleichen ist mit dem Manchester-Liberalismus des 19. Jahrhunderts. Hemmerechts: ...in Reinkultur... Grass: Ja, und so wird auf eine teuflische Art und Weise die Propaganda des SED-Regimes bestätigt. Blamabler hätte es nicht passieren können, häßlicher hätte es nicht passieren können, aber die Tendenz nach rechts hin, wenn von den Politikern ein Vakuum gelassen wird, ist in Deutschland immer groß gewesen. Und die Geschichte hat uns gezeigt, daß ein gelassenes Vakuum, auch im nationalen Bereich, wenn die Linke es nicht versteht - das sage ich gegen meine eigene Partei, gegen die Sozialdemokraten - wenn sie es nicht verstehen, das nationale Vakuum mit vernunftbestimmten Dingen zu bestimmen, wird es von rechts aufgefüllt. Ich habe das vor sieben Jahren gesagt und es bestätigt sich auf eine Art und Weise, wo das Rechthaben wirklich keinen Spaß bereitet. Hemmerechts: Damals haben Sie auch festgehalten, daß Kurt Schumacher deswegen immer versucht hat, dieses Vakuum nicht der Rechten zu überlassen. Aber eines will mir nicht einleuchten. Ich sehe noch immer diese Bilder in der Zeitung: Günter Grass in Spandau, mit dem Spandauer Volksblatt war das, als Trommler für die SPD. Grass: Das war gegen die Springer-Presse, die die Presse in Westberlin völlig in der Hand hatte. Hemmerechts: Sie haben damals getrommelt für die SPD, Sie waren für Willy Brandt. Wie ist es zu erklären, daß diese SPD es nicht fertig bringt, diese Tendenzen zu neutralisieren? Das ist doch eine große Partei, ist doch keine Splitterpartei, ist doch eine Partei mit einer großen Vergangenheit, mit einer beachtlichen Ahnenreihe. Das leuchtet mir nicht ein. Grass: Das ist eine Frage, die ich mir auch stelle, auf die ich auch keine schlüssige Antwort weiß. Es stellt sich nur heraus, daß nach dem Weggang der älteren Generation - ich nenne mal Erler, Heinemann, Brandt ist zwar noch da.. Hemmerechts: ... Ehmke ... Grass: ... ach, Ehmke, das ist meine Generation, die können Sie vergessen ... also das ist nichts ... aber Wehner auch - zwar die Generation da ist, die jünger ist als ich und die Brandt die "Enkel-Generation" genannt hat, da sind viele begabte und smarte und auch aufrechte und gute Leute drunter, aber die, würden die in ein Interview hineingeraten, dann sagen die immer auf die Frage "was bedeutet Ihnen die Politik?" dann sagen sie, also Lafontaine sagt "also ich könnte auch Weinhändler werden", oder Engholm sagt "ich könnte auch eine Kunstgalerie aufmachen", was sehr sympathisch ist. Seeler hätte gesagt: "mein Schicksal ist Politik, ich will und bin und muß Politiker bleiben". Die sind auf einerseits sympathische Art und Weise - wahrscheinlich erleben Sie das in Belgien auch - sagen sie "naja, ach Gott, solange es gut geht, mache ich Politik und sonst gehe ich in die Wirtschaft oder gehe sonst wohin", aber diesen Spaak hier in Belgien, diesen Typ des Politikers gibt es nicht mehr. Das kann man der jungen Generation nicht generell vorwerfen, weil sie eine ganz andere Generationserfahrung haben. Hemmerechts: Sind das Pragmatiker? Grass: Ja, Pragmatiker war Wehner auch in seinem Sinne, aber sie haben nicht dieses Stehvermögen, sie haben nicht diese Leidenschaft, die dazugehört, so wie wir aus Leidenschaft Schriftsteller sind. Gut, ich koche ganz gut, aber ich käme nie auf die Idee, auch Koch zu sein. Ich bin besser als Schriftsteller. Und die jonglieren immer dauernd so rum und reden sich aus der Situation heraus und das ist wahrscheinlich mit ein Grund, um nochmal auf ihre Frage zu kommen, warum sie diese große Chance, die uns Deutschen geboten war vor zwei Jahren, nicht wahrgenommen haben, warum sie hinter ihren eigenen Möglichkeiten zurückgeblieben sind. Es waren ja die Sozialdemokraten, die gegen die CDU Helsinki als Konferenz durchgesetzt haben. Nur durch Helsinki, das sagen viele Leute, die im Widerstand waren, auch in der DDR, war es möglich, so etwas gegen einen Unrechtsstaat, gegen ein geschlossenes - der berühmte dritte Korb - durchzusetzen, und sie haben, was bei den Sozialdemokraten oft vorkommt, ihre eigenen Leistungen vergessen und hatten sich völlig auf dieses "klein, klein" eingestellt und waren deshalb völlig überrascht und ratlos, als das dann geschah. Heym: Na, ich kann nicht mit Ihnen konkurrieren, was Interna, Kenntnisse über Interna der Sozialdemokratie betrifft, leider. Ich kenne da nur einige Leute. Aber eines habe ich beobachtet: daß die Sozialdemokraten in der ehemaligen DDR auf die schlimmste Weise versagt haben. Es ist doch völlig klar: die CDU hat die Steuern erhöht, wir müssen also eine zusätzliche Gebühr zahlen für die Einigung, wir, die wir geeinigt worden sind sozusagen, wir, die wir verschluckt worden sind, wir müssen noch dafür zahlen. All diese Dinge kommen zusammen und man müßte doch eigentlich folgern, daß die Leute nun zur Opposition übergehen werden, zu den Sozialdemokraten. Aber es ist nichts da. Die Leute sind phantasielos. Grass: Also ich muß Ihnen widersprechen. Da spricht aus Ihnen der alte Sozialist mit irgendwelchen nachhängenden Fäden "wer hat uns verraten: Sozialdemokraten". Heym: Ich sage das? Grass: Nein. Ich halte dieses Urteil für ungerecht. Diese Partei ist - ich weiß jetzt nicht - im Oktober oder im September ... Heym: Bitte? Grass: ... die SPD in der DDR ist im Oktober oder im September neu gegründet worden von einem kleinen Haufen, und da war auch schon wieder der Staatssicherheitsdienst drin, wie wir nachherein erfahren haben Hemmerechts: Das war Ibrahim Böhme. Grass: Ja. Und dann haben die einen wahnsinnig schwierigen Start gehabt. Erstens: Versagen der West-SPD, nicht zu erkennen, daß da was neues anfängt. Und dann standen sie ja mit einer Bevölkerung, die eigentlich von Parteien und von dem Wort "Sozialismus" die Nase voll hatte, mit dem Wort "Sozialdemokratie" da und gleichzeitig stand das Versprechen der D-Mark da. Die ersten Befagungen liefen ja in Richtung Sozialdemokratie, dann ebbte es ab. Da hat sich in der Grundtendenz vielleicht einiges verändert, nicht viel. Es gehört nun zu der Pose des Siegers, des Kapitalismus: das östliche System, der Kommunismus ist besiegt, und damit ist alles andere auch besiegt, Sozialismus inklusive Sozialdemokraten, es gibt keinen dritten Weg mehr. Ich bestreite das. Ich bestreite das heftig. Es hat vor dem Kommunismus in Europa eine Arbeiterbewegung gegeben, die notwendig war gegen die beginnende Industrialisierung - Sie kennen das aus Ihrer eigenen belgischen Geschichte -, und wir haben soziale Verhältnisse, und die werden sich steigern und zuschärfen, im Westen und noch stärker im Osten, in denen, in einer Situation, in denen zwischen dieser Siegerpose des Kapitalismus, der den Besiegten nun auch noch den Fuß auf den Nacken setzt, eine Kraft dagegen steht. Der Kommunismus hat das nie geschafft, weil er von vornherein, ich meine von Marx her über Lenin und verstärkt über Stalin die ganze Sache nur umgebogen hat zu einem Staatskapitalismus. Aber da ist doch etwas geblieben in der gesamteuropäischen Tradition, abseits vom Kommunismus, an Sozialismus, an Sozialdemokratie als Kraft. Und innerhalb dieser Kraft verstehe ich mich, die dagegen halten könnte. Wer wollte denn diesen Kapitalismus in einem demokratischen System unter Kontrolle bringen? Ist nicht der Kapitalismus auf dem Weg, den Fehler des Kommunismus nachzuholen, sich selbst zur einzig wahren Ideologie zu erheben, sich selbst zum Dogma zu machen? Heym: Nein. Hemmerechts: Sie haben das Wort, Herr Heym. Heym: Ja, dankeschön. Hemmerechts: Danke für Ihre Geduld. Heym: Nein, er hat ja wichtige Dinge gesagt, der Grass, außerordentlich wichtige Dinge, und darum habe ich ihm auch sehr intensiv zugehört. Aber ich sehe die Praxis. Ich sehe, daß in der DDR die sozialdemokratische Partei eine sehr mindere Rolle spielt, daß sie nicht imstande ist, die Opposition, die sich jetzt entwickelt bei uns, aufzufangen und zu organisieren und in Stimmen zu verwandeln, so daß also, obwohl objektiv eine Situation existiert in den sogenannten neuen Ländern, die eigentlich die Sozialdemokraten an die Macht bringen müßte, die Wahrscheinlichkeit ist, daß die CDU doch noch einmal siegen wird und zwar aus Mangel an Kraft auf der Linken. Und nun komme ich zu einer Sache, die wirklich tragisch ist. Die ganze Linke in Europa ist jetzt zerspalten, ist jetzt kaputtgeschlagen. Sie wissen nicht, wohin. Dadurch, daß die Sowjetunion nicht mehr da ist, dadurch, daß alle diese sozialistischen Länder, die einmal eine...na, warten Sie, lassen Sie mich auch mal ausreden jetzt, ja? Grass: Aber wir wollen doch einen Dialog führen. Ich bestreite, daß die Linke kaputt ist, weil die Sowjetunion nicht mehr da ist. Die Linke ist aus eigener Ohnmacht kaputt, nicht, weil die Sowjetunion nicht mehr da ist. Heym: Aber das kommt dazu, lieber Freund. Grass: Das ist aber ein Unterschied. Heym: Es war so, daß irgendwelche linken Leute, die eigene Gedanken hatten, die sie nicht durchsetzen konnten, immer noch dachten, "aber immerhin, da drüben in Moskau sind auch noch Leute da". Diese Leute in Moskau sind nicht mehr da. Stattdessen haben wir dort eine Weltgefahr. Stattdessen haben wir dort jetzt ein paar neue Republiken, die sich zusammengetan haben, wir wissen nicht, mit welchen Zwecken, wir wissen nicht, in welche Richtung sie gehen werden, aber wir wissen eines: Die haben Atombomben und keiner ist da, der diese Atombomben noch kontrollieren wird. Und wenn wir sehen, was in Jugoslawien geschieht, das sind ja auch Slawen, Südslawen, und wie die sich jetzt bekämpfen, wie einzelne Dörfer sich zu Republiken ernennen und auf andere Dörfer schießen, ein völliger Wahnsinn findet dort statt, und wir haben das doch auch schon im Süden der Sowjetunion vor einiger Zeit beobachtet. Sehen Sie nicht die ungeheure Gefahr, in der wir alle schweben? Und das, finde ich, ist etwas, was mich ebenso belastet wie diese Zerspaltung auf der Linken, und ich weiß gar nicht, was man dagegen tun kann. Wir können ja keine neue Doktrin aufstellen, der Grass und ich. Wir haben ja auch keine. Wir können nur sagen: Leute, paßt auf. Leute, kontrolliert, was geschieht. Leute, denkt nach. Und die Besitzverhältnisse und das, was der Kapitalismus jetzt bringt, ist nicht das Endgültige. Der bringt neue Konflikte ziemlich schlimmer Art. Und die Dinge werden sich auch wieder ändern. Aber im Augenblick ist eine Situation, in der ich nicht weiß, in welche Richtung sie gehen wird, und das belastet mich ungeheuer. Und ich möchte meine Belastung hier eigentlich mit Ihnen teilen. Und wenn wir dann miteinander reden, Sie aus dem Publikum und wir hier oben, vielleicht ist einer unter Ihnen, der mir sagen kann, wo es langgeht. Ich werde mit großer Freude zuhören und werde mir überlegen: Vielleicht hat er recht, der Mann, ich weiß es nicht, oder die Frau. Grass: Ich bin ja nun von meinem Herkommen her, jemand, der aus Danzig kommend mit einer halb deutschen, halb kaschubischen Familie, mit diesem wunderbaren Mischverhältnis, das sich nicht auf Deutschland und auch nicht auf Polen reimt, vertraut. Und ich habe mir Mühe gegeben, während des deutschen Einheitskonzertes auch die Interessen und Belange und Ängste und Hoffnungen der Nachbarn mit zu sehen. Zum Beispiel aus polnischer Sicht. Man kann sagen, daß dieser "Ruck-zuck- deutsche-Einheitsvertrag" zwangsläufig eins zur Folge hatte, daß - damals bestand noch die Volkskammer und auch der Bundestag - beide Parlamente der Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze zustimmen mußten. Das haben sie getan. Danach gab es Verträge zwischen den beiden Staaten - mit Mühe und Not und nach unsäglichen und beschämenden Schaustellungen unter anderem des Bundeskanzlers Helmut Kohl. Das ist nun geschehen, und von einer Minderheit werden diese Verträge angezweifelt, angefochten. Gut, kann man sagen, das gehört zur Demokratie. Aber ist das genug? Ich habe mit vielen polnischen Freunden gesprochen, und die Polen sind national, sehr zentral in ihrem Denken von Warschau her und haben gesagt "wir sind für die Einheit Deutschlands. Was uns Polen zusteht, steht auch den Deutschen zu". Und nun grenzen diese beiden Staaten aneinander. Vorher gab es, wenn man so will, die Pufferzone DDR. Nun grenzt ein schwaches Wirtschaftssystem, das Polens, auf lange Zeit schwaches Wirtschaftssystem, an eines der Bundesrepublik mit seiner zwar schwachen Pufferzone der ehemaligen DDR, aber immerhin von Grenze und Grenze, von Währung zu Währung aneinander. Und ich habe meine Befürchtungen, und ich glaube zu Recht, daß auf eine verzwickte Art und Weise die deutschen Begehrlichkeiten nicht aufhören werden. Man wird von der Mehrheit her sagen "die Grenzen sind anerkannt, aber wir leben ja nun in einem Europa, und die freie Marktwirtschaft ist da, warum wollen wir jetzt über Bodenbesitz und Eigentum sprechen, wenn man den Polen helfen will, und den Polen steht das Wasser bis zum Hals, da helfen nur Investitionen", und was schützt dann am Ende die Polen davor, daß die verlorenen deutschen Ostprovinzen Pommern und Schlesien als unmittelbare Grenzregionen auf dem Wirtschaftsweg aufgekauft werden. Sie in Belgien sind Nachbarn Deutschlands. Was ich mir wünschte, ist, daß Sie nicht bei jedem Radikalismus, der in der Bundesrepublik auftaucht, gleich schreien: "der Nazismus ist wieder da". Das ist zu einfach. Heym: Nein, aber der expansive deutsche Kapitalismus, der durch den Zweiten Weltkrieg etwas zusammengestutzt wurde, der ist im vollen Maße wieder da. Grass: Davor will ich als Deutscher warnen. Heym: Und die sind vernünftig genug, die Leute, sich zu sagen, mit Waffen wäre das Falscheste. Wir haben eine große und entscheidende Geheimwaffe, und das ist die D-Mark. Mit dieser D-Mark kann man viel besser und viel eleganter erobern... Hemmerechts: ... und preiswerter ... Heym: ... und preiswerter, wie Sie sagen, das ist richtig, als man es vorher mit Waffen konnte. Und unblutig, das ist ja sehr schön, aber derselbe Effekt wird erzielt wie vorher. Nun können Sie mir sagen: das ist ja gar nichts schlechtes. Die Deutschen sind sehr gute Arbeiter und die deutschen Kapitalisten wunderbare Organisatoren, sollen sie doch, wenn sie es so gut können, den Rest von Europa organisieren und sich zunutze machen... Hemmerechts: ... und Ordnung schaffen ... Heym: ... naja, Ordnung schaffen haben Sie jetzt gesagt, aber jedenfalls die Sache übernehmen und managen. Und diese Tendenzen sehen wir natürlich. Und Sie in Belgien, Sie werden ja auch Ihre Erfahrungen damit schon gemacht haben oder noch machen, ich weiß es nicht. Wie gesagt, das sind Entwicklungen, die wir beobachten können und die wir beobachten müssen, und für Schriftsteller ist sowas eben besonders interessant, das wird Grass mir bestätigen. Hemmerechts: Also wenn Sie es für möglich halten, daß der General "D-Mark" jetzt nach Osten reiten würde, dann halten Sie auch ein Europa unter deutscher Führung durchaus für möglich? Grass: Für scheußlich. Ich will es nicht. Ich wünsche es Europa nicht. Ich wünsche, daß die Deutschen mit ihren Fähigkeiten und ihren Möglichkeiten und Unmöglichkeiten in Europa integriert werden aufgrund ihrer föderalen Struktur, aber eine Vorherrschaft in irgendwelcher Weise, auch wirtschaftlicher Weise, vor der ist nur zu warnen. Hemmerechts: Aber ich sagte: halten Sie es für möglich unter den gegebenen Umständen? Bestätigen Sie die Frage? Grass: Ja, ich halte es für möglich und ich warne davor. Hemmerechts: Und Sie? Sind Sie auch dieser Meinung, daß diese Gefahr durchaus besteht? Heym: Ja, es ist eine Gefahr, eine merkwürdige Gefahr. Hemmerechts: Daß Frankreich an den Rand gedrängt wird, England und das ... Heym: Ich glaube, daß die Deutschen in der Lage sind, wirtschaftlich und finanziell einen großen Teil von Europa, ich will es nicht "übernehmen" nennen, aber doch zu kontrollieren, und eine wichtige Rolle in all diesen Ländern zu spielen. Ob das zum Segen der Menschheit sein wird, das wage ich nicht zu sagen.

Schlagworte:

Sach:
Waldsterben; Kultur; Literatur; Sozialismus; Demokratie; Dritte Welt; Armut; Verelendung; Flick; Korruption; Umweltverschmutzung
Geo:
USA; UdSSR
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
21.11.1984
Datum Erstsendung:
06.02.1985
Aufnahmeort:
Berlin
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Mono
Original:

Originallänge:
00:58:15
Kopie:

Länge der Kopie:
00:58:48
Tonträger:
DAT
Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Herkunft:

Sender / Institution:
Saarländischer Rundfunk (SR)
Sendereihe:
Abendstudio
Archivnummer:
3240752-1-2
Produktionsnummer:
2140-028122.100-200
Teilnehmende:

Person:
Hemmerechts, Karel (Beitragende(r))
Person:
Grass, Günter (Beitragende(r))
Person:
Heym, Stefan (Beitragende(r))

Zitieren

Zitierform:

Berlin und Berlin: Deutschland und Deutschland - Ein Gespräch zwischen Günter Grass und Stefan Heym. Berlin .

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