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Medienarchiv

DB-Nummer: 434
10.20379/dbaud-0434

Fundsachen für Nichtleser - Autorenlesung

Grass, Günter

"Im Garten der Wörter". Eine Rezension von Harro Zimmermann Über kahlgeschorenen Feldern und unter leergefegtem Himmel möchte der Dichter sein Sprachwerk wie einen Drachen ins unübersichtliche emporsteigen lassen: 'Mal sehen,/ob etwas Neues/über den Horizont kriecht'. Von weither muss kommen, wer einen Blick für das überraschend nahe, aber auch für das unvorhergesehene, sich eben erst ankündigende gewinnen will. Poesie ist ein solcher Luft-Geist des Erkundens und Begreifens, der Wort-Welt-Exploration, ihres symbiotischen Durchatmens. Gleich Federn in sanfter Schwebe gehalten, unberechenbar und im taumelnden Bewegungsspiel, können Gedichte – so hofft ihr Urheber – wenigstens für Momente 'der Erde Schwerkraft' widerlegen. Gern wie eh und je nimmt Günter Grass Weichbilder der eigenen Poetologie ins Stoffgestöber seiner lyrischen Werkstattarbeiten auf. Dieser verfremdete, sich immer neu erprobende Blick aufs eingeübte Verfahren gehört dazu, wenn die eigene Produktivität herausgefordert werden soll, wenn der Autor sich selbst 'neu vermessen' möchte, um Phantasie- und Themenpotentiale freizuarbeiten. Wie immer sind Laboranstrengungen besonders nach den großen epischen 'Geröllwanderungen' vonnöten, das zeigt dieses Buch in seinen besonderen Genredurchmischungen. Skulpturieren, Zeichnen, Malen neuerlich im farbschwimmenden Aquarell, das Begreifen, Wiegen und Wenden der Stoffe mit Hand und Zunge, ja die Rückversicherung des Autors in den Sinn(en)materialien des Alltags, sind allemal in die Wort-Bild-Arbeit hineingenommene Rekreationskräfte der Grass'schen Literatur. Wie immer wird die 'geschriebene Metapher' zeichnerisch überprüft, während umgekehrt das kunstbildnerische Materialstudium die gestische Kraft und Farbigkeit des poetischen Duktus präzisieren und bestärken soll. Bei all dem ist ein besonnen lächelnder, ein unsentimental gerührter und zeit-schürfend nachdenklicher, aber auch ein ironischer, manchmal grinsend höhnischer, bis grotesk sarkastischer Sprachwerker an der Arbeit. Gibt es wenigstens eine Spur von Alterstrübnis in diesen Zeichnergedichten und Dichterzeichnungen? Vor solchen Anwandlungen (dritter!) schreckt die kraftsprühende Muse des Günter Grass immer noch sprachbehende zurück. Einen Sack Nüsse wünscht sich der siebzigjährige als Begräbnisbeigabe. Sollen ihn die (tintenklecksenden?) Nachkommen auch fernerhin mit dem 'angesaugten' Gebiß aus seiner Gruft noch krachen hören: 'Er ist das,/immer noch er'. Grass bleibt ein Problem all jener, die ihm 'nachkleckern' werden, das weiß dieser Dichter, denn 'Schreiben färbt ab'. Reichliches Nachleben ist ihm schon deshalb gewiss, weil die Signaturen der Literatur überdauernder sind als ihre geist-spendende Körperlichkeit es jemals versprechen könnte. Triumph auch über alle nach-dichtelnden Kritiker! Dieser staunenswerten (Sinnen-)Welt beiwohnen will Günter Grass noch etliche Jahre, möglichst ohne Verbote und mit Pfeife. Freilich hat das Herz schon einmal Sorgen gemacht, an Schläuchen wie sein Garten lag der Dichter, doch die Coronarien ließen sich glücklich weiten. Auch das gehört zum pneumatischen Universum jenes ursprunghaft Lebendigen, zur Poesie des 'Naturtheaters', in dem wir alle unser Leben tagtäglich und scheinbar unbemerkt verspielt sehen. Altersmühsal, wenn sie denn zum Thema wird in diesen Gedichten, ist selbst-ironisch gebrochen, von beteuernder Wahrnehmungs- und Schreiblust konterkariert. Hinfälligkeit ist schließlich nur ein possierliches Thema, wenn die springende (intellektuelle) Kreativität sich auf dem Papier als ungebrochen erweist. Und deren darf Grass sicher sein; auch wenn er nicht mehr so ausgiebig reisen kann, oder wenn der erotische Furor, jene 'ersten Triebe' ab März, an kreatürlicher Farbe verloren, aber an imaginativer Lust um so stärker gewonnen haben. Schließlich bleibt Literatur die so unergründliche wie tröstende Verheißung dessen, was 'von Sinnen ins Auge' fällt, also immer auch reichliche Genugtuung für alles entgangene in der amourösen Welt. Genau deshalb auch ist Grass kein Apologet der blick-zerstreuenden Seh-Wirklichkeiten sub specie eternitatis. Der Bildkünstler in ihm verschreibt sich nirgendwo einer poetisch nur zu evozierenden Visualität, sondern bleibt mit Überzeugung jener kraftvoll rhythmisierenden Sinn-Metzerei, einer aus dem akribischen Anschauen gewonnenen Gestalt formenden Spracharbeit verfallen. Nur deshalb atmen die Wortspaltungen und 'Lügen' dieses Dichters so viel durchscheinend authentische Wirklichkeit, weil in ihrer stilistischen Trefflichkeit ihr Zutreffen sich figuriert, weil sie – abgeschaut und 'spiegelverkehrt' erfunden – ihren Welt deutenden Charakter freundlich nachvollziehbar verrätselt haben. (Bild-)Lyrik für eine Nichtleserschaft – wenn sie je denkbar erscheint, so kann man ihr als programmatischem Bekenntnis des Günter Grass die Berechtigung und Ernsthaftigkeit keinesfalls aberkennen. Ad hominem spricht dieser Autor im gereiften Alter von siebzig nun mit aquarell-verblümter Drastik. Solche Spätzeit inspiriert ganz natürlich die Erinnerungen an die eigene Jugend im Kaschubischen, an Fontanes Neuruppin und ans geschundene Deutschland-Ost, an die Toten und an die nachgeborenen Kleinen, überhaupt an den 'Vielfraß, die Zeit', dem man schreibend zu widerstehen habe, aber mit unverkennbarer Inbrunst nach wie vor an die verfeindeten oder beargwöhnten Intellektuellen zu eigenen Lebzeiten: 'Vorsorglich/sollte man eine Schubkarre/im Haus haben./Plötzlich kommt ein altbekannter Feind/auf Besuch,/fällt tot um; wohin dann mit ihm?' Kein mildes und segnendes Alterswort über die allzumal strauchelnden, keine vanitas-Beschwörung, sondern scharfe Sottisen eines im Duft von Blumenmeeren wandelnden 'Gärtners' sind zu gewärtigen: 'Meine beweglichen Freunde/die mir vormals weit links voraus waren,/weichen nun rückläufig/und scharf von rechts kommend aus;/ob sie mir demnächst/von oben herab/und frei schwebend/begegnen werden?' Ein überdimensionales Fragezeichen, wie ein durchgrauter Regenbogen über nebeliger Landschaft – so lässt der Bildkünstler Grass diesem intellektuellen Verdikt das graphische Anathema auf den Fuß folgen. Unversöhnlich ist die Widerspruch gegenüber den (zeit-)geistigen Antipoden; die pflanzenduftenden Werkstatt-Idyllen des Buches werden in solch kritisch zupackenden Mementos harschen Anspannungen ausgesetzt. Vollends und abermals stehen natürlich die Grass-Verächter am Pranger: 'Meine Kritiker/wissen nicht, wie man das macht:/Zaubern auf weißem Papier./Meister, dürfen wir/über die Schwelle treten?/Doch selbst als Lehrlinge/taugen sie wenig/und bleiben traurig/ohne Begriff'. Aber mag sich dieses 'verletzliche Ich' auch hinterm 'mannshohen Kaktus' verbergen wollen: seine Naturbeseelung ist eine des Atemholens, der Kraftschöpfung, der aus dem Genuß der Sinnenfülle des unübersehbaren im endlichen, 'abseits von den Buchstaben', neue Energien fürs wort-bewehrte Widerspiel mit dem bloß gegebenen zufließen. Natura loquitur – womöglich ist dieser klarköpfige Günter Grass, wenn nicht einer mit viel Eigensinn durchwirkten barocken Sprachalchemie, so doch den Herderschen Wort-Schöpfungs-Mythologemen, näher als man glauben sollte. Mit schöner Emphase zeigt er sich hier nämlich eher als karg und doch dankbar seelen-begüterter Interpret der Schöpfung, denn als Kostgänger knapp bemessener und eitler Zeitläufte. Dieser siebzigjährige Grass imaginiert, als Maler und Schreiber, der Welten Lauf im Elementaren und Leiblichen, im Endlichen und Genüßlichen, das von aller Zeit-Qual Befreiung sucht. Eben deshalb entwickeln seine Erkundungsbewegungen im allernächsten, die unversehens das unerhörte, wahllose Fundstücke nämlich, zu entdecken vermögen, ihre spezifischen Anstrengungen zwischen den Genres und Gattungen. Nur so, in lebendiger Phantasieproduktion, sei – wenn überhaupt – 'Glück' zu finden. Dem entspannten Auswuchern üppiger Formen und Farben, aber auch dem schraffierenden, ziselierenden, verkettenden und verknotenden, den auftragenden, das einzelne ins monströse entstellenden Malpartien, entsprechen diese operativen Idyllen, diese ausgefeilten Arbeitsblicke, diese Werkstoffproben und Sinnbildnereien im sprachlichen Gestus aufs genaueste. Fundsachen sind keine Ergebnisse der Logik irgendeines Frage- und Antwortspiels, verdanken sich keiner zielsicheren Recherche, keiner routinierten Ausreizung abgenutzten Sinnmaterials: 'Was ich suche,/bleibt unbestimmt'. Versarbeit und Malarbeit verschwimmen, durchaus nicht unkenntlich werdend, kraft ihrer wechselweise inspirativen Methodiken ineinander, um unverbrauchte Erfahrung zu gewinnen. Ist nicht das bildkünstlerische Werkzeug stets auch eines, 'das handlich einen Schatten' wirft, einen Sprachschatten nämlich? Diese fassenden, greifenden, streichelnden, die Dinge wiegenden, in Nähe und Ferne lauschenden und ausspähenden Wort-Bild-Artefakte des Günter Grass, wollen die befremdliche Nähe des vertrauten abtragen helfen, uns und unsere Lebens- und Dingwelt zur wahren Größe kleinarbeiten. Unterm eitlen Lebenspflaster liegen die Schätze ganzer humanitärer Wunschmeere verborgen. Gut barock interpretiert, macht einzig die Natur uns alle Sinnentore auf, um die endlose Weite jener faszinierenden Endlichkeit in reichhaltiger Bescheidung erfahren zu können. Gegen das 'Stehaufmännchen' namens 'Hoffnungsprinzip', gegen den vermaledeiten 'Fortschritt an sich', gegen sinnleere Losungen von Nächstenliebe wendet sich daher einer, dessen Kunstsensorium das Tiefenbeben dieses Welt-Leibs vernommen und nun eine verständige Bild-Sprache sich angeeignet hat. Grassens Wort-Spaltungen und Mal-Seismographien haben sich ohne Zweifel auch dieses Mal wieder gelohnt. Ebensowenig wie er uns jemals prätentiöse (Kunst-)Bilder dargeboten hätte, wird man auch in diesem Buch lyrische Seelenschauer und aparte Geistinterieurs finden können. Aber es ist durchaus unangemessen, dem Autor im Sinne bloßer 'Werkstattartistik' eine berechnende Neigung zu 'zitierfähigen Prägungen' nachzureden, die keine andere Funktion hätten, als möglichst rasch wieder aufs Pferd der bevorzugten Epik umzuspringen. Nein, die Reflexionsspannungen zwischen den Genres und Gattungen sind bei Grass ausnehmend originärer und produktiver Art. Diese prosodisch-operativen Miniaturen und Vers-Bild-Sondierungen, diese klug angerauhten Erfahrungs-Synergien, scheinen gleichsam in Spannung versetzte Erzählläufe zu sein, die aus sistierender Genauigkeit ihre Schnellkraft gewonnen haben. Sie müßten eigentlich, denn sie könnten im Kraftrhythmus Grass'schen Fabulierens fortrollen, aber sie werden zurückgehalten in der reflexiven Abbreviatur. Als wollten sie ihre später aufschäumende Sinn(en)-Energie in wohlbedachter Dosierung verwahren. Daher reckt des Dichters Feder immer wieder ihre scharfe Silhouette aus den narrativen Geröllmassen hervor, daher versinkt der intellegible Kopf des Günter Grass niemals im Wildwuchs all des Sicht- und Gestaltbaren. Aufreizende Fluren und kritische Wälder sind es, in denen dieser Gärtner seit je einherwandelt, die ihm eigene Orientierung hat er noch nie verloren. Jacob Grimm wusste schon in seiner 'Deutschen Mythologie' von 1835 warum: 'Noch stärkere Macht als in Kraut und Stein liegt in dem Wort, und bei allen Völkern gehen aus ihm Segen oder Fluch hervor. Es sind aber gebundene, feinerlich gefaßte Worte, wenn sie wirken, erforderlich (...)'.



Urtitel:
Bei dieser Gelegenheit - Günter Grass liest Gedichte aus vierzig Jahren
Genre/Inhalt:
Literaturkritik
Präsentation:
--
Historischer Kontext:

Am 26. April 1998 las Günter Grass im Theater am Leibnizplatz in Bremen Gedichte aus seinem Buch "Fundsachen für Nichtleser". Günter Grass: "Fundsachen für Nichtleser" 240 Seiten, durchgehend farbig gedruckt; Fadenheftung, Lesebändchen, in Leinen gebunden. DM 78,00

Schlagworte:

Werke:
Familiärer Versuch; Farbenlehre; Seitdem die Mauer weg ist; Spargelzeit; Spiegelbild; Meine alte Olivetti; Mitten im Leben; Aus gewerkschaftlicher Sicht; Auf Nebenstraßen nach Neuruppin; Der Stein; Auf Rügen; Zur Strafe; Mein Schwamm; Seitensprung; Jeden Morgen; Überrundet; Kurze Sonntagspredigt; Vorsorglich; Meine beweglichen Freunde; Seit Jahren; Unter Verrätern; Nachtisch; Zum Abschied; Wegzehrung; Heiterer Morgen
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
26.04.1998
Datum Erstsendung:
03.05.1998
Aufnahmeort:
Bremen: Theater am Goetheplatz
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Mono
Kopie:

Tonträger:
Band
Herkunft:

Sender / Institution:
Akademie der Künste, Berlin
Archivnummer:
WO7395/II
Produktionsnummer:
389599
Teilnehmende:

Person:
Grass, Günter (Autor(in))
Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))

Zitieren

Zitierform:

Grass, Günter: Bei dieser Gelegenheit - Günter Grass liest Gedichte aus vierzig Jahren. Bremen: Theater am Goetheplatz .

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