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DB-Nummer: 444
10.20379/dbaud-0444

Anmerkungen zu Alfred Döblin - Begrüßung zur Verleihung des Alfred-Döblin-Preises 1997 an Ingomar von Kieseritzky und Michael Wildenhain

Grass, Günter

Berliner Zeitung, 28.04.1997, Seite 32, von Jörg Plath Wo bleibt die Ehre der Kritik? Werkstattlesungen zum Alfred-Döblin-Preis im Literarischen Kolloquium. Ein Eklat ist eine schöne Sache, in der Wirklichkeit ebenso wie auf den Brettern, die den Literaturbetrieb bedeuten. Der vorgesehene, also ein wenig langweilige, Ablauf wird unterbrochen, die Routine erhält Kratzer, die wie ein Versprechen funkeln, und mancher Routinier bekommt einen roten Kopf. Daß es dann trotz größeren Einsatzes aller dabei, das heißt beim alten, bleibt, zeigt das ganze Ausmaß der Krise. In der Krise ist, das zeigten die Werkstattlesungen zum Alfred-Döblin-Preis, die Institution des trauten Zwiegesprächs zwischen Autoren, Verlegern, Lektoren, Literaturagenten und Kritikern. Den alle zwei Jahre verliehenen Preis hatte Günter Grass mit den Tantiemen des "Butt" 1978 gestiftet. Bereits am Donnerstag abend waren den Preisträgern Ingomar von Kieseritzky und Michael Wildenhain in der Akademie der Künste je 14 000 DM überreicht worden. An den zwei folgenden Tagen lasen 12 Autoren, darunter 5 Debütanten, im Literarischen Kolloquium aus unveröffentlichten Werken. Das ist ein Wettbewerb, für den keine Preise vorgesehen sind. Doch die von Grass gewünschte Atmosphäre der Gruppe 47 stellte sich nicht ein. Der Preisstifter blieb der einzige Schriftsteller, der sich an der Kritik beteiligte; die übrigen Teilnehmer, anfangs auch die Juroren Brigitte Burmeister, Elfriede Czurda und Helmut Böttiger, hielten es mit mundfauler Freundlichkeit. Es kam schließlich zum Eklat, weil es auch an der "Ehre der Kritik" (so in anderem Zusammenhang Uwe Wittstock vom S. Fischer Verlag) mangelte. Zunächst wärmte man sich nur zu gern an den Obsessionen Josef Winklers. Der Österreicher malte ein blut- und schmerzensreiches Breughel-Bild voller Knochensud und Teufelsohren, eine katholische gothic tale, die so virtuos wie routiniert mit Schockeffekten arbeitete und Augen Gottes noch auf der Suppe kreisen ließ. Lob fanden auch Jan Faktors kunstvoll gedrechselte Ankündigungen eines zu schreibenden Romans (Böttiger: Prenzlauer-Berg-Szene). Vor allem aber freute man sich über Kathrin Schmidts "Lagebericht aus der Besucherritze des Jahrhunderts in der Übersetzung eines fliegenden Hundes". Die Lyrikerin, derzeit Bezirksschreiberin von Hellersorf, läßt ihre Erzählerin in mehreren menschlichen Wirten in der Sowjetunion und in der DDR leben, dann gebären und eigenmächtig wieder schrumpfen. 350 Seiten soll der an Irmtraud Morgners Phantastik erinnernde Roman einmal umfassen - "zu wenig", protestierte Grass. Niemand schien sich den milden Tag von schwachen Texten verderben lassen zu wollen, bis Katharina Raabe (Rowohlt Berlin Verlag) verärgert fragte, warum nur die Jury Barbara Jakob eingeladen habe. Die Debütantin hatte der Anrufung von "St. James" (Joyce) ungerührt Sätze folgen lassen, in denen der männliche Blick den Gürtelbund der Erzählerin "wie einst Cäsar den Rubikon" überschritt. Die Jury senkte die Köpfe; nachher war zu hören, daß Ludwig Fels und Ralf Rothmann die Einladung zur Werkstattlesung abgelehnt hatten. Wer konnte es ihnen verdenken, als Brigitte Burmeister sagte, sie bereue die Einladung? Der Eklat war da, und dann fiel schon gnädig der Vorhang über dem Autorinnenopfer. Gisela Kraft verstärkte am nächsten Tag den Eindruck eines DDR-Revivals in der gesamtdeutschen Literatur. Sie knüpfte an die Romantikerwelle in der DDR der 70er Jahre an, die Phantasie und Wahnsinn gegen Staatsrationalität gesetzt hatte. Doch im Vergleich etwa mit Detlef Opitz' barocken Ausschweifungen wirkte ihr kulinarisch-philosophisches Romantikergespräch aufgewärmt. Faszinierend dagegen Perikles Monioudis Romanauszug: Stilsicher unterkühlt erzählte der Schweizer von der Kühleisgewinnung am Anfang des Jahrhunderts - und vom Einbruch der Kühlschranktechnik in ein Vater-Sohn-Verhältnis. Anders als den einstigen Bürgern der DDR, den Österreichern oder den Schweizern schienen die westdeutschen Autoren das Schicksal entbehren zu müssen. Sie wandten sich jedenfalls entschlossen der Oberfläche und der Gegenwart zu: Jochen Beyse ließ einen Mann fernsehen und verfiel der Formlosigkeit des Mediums ("ein wenig Philosophie" wünschte sich Sibylle Cramer); Richard Wagner durchtränkte den (Liebes-)Alltag seines Erzählerflaneurs so sehr mit Lakonie, daß der Restbestand zwischen Lebensweisheit und Banalität pendelte und grenzenlos vergnügte. Mit Norbert Niemanns lustvoll ausgemalten Bildern der Vergewaltigung und der Tortur zog dann Pulp fiction ins Literarische Kolloquium ein. Der Debütant setzte sein Schockverfahren stellenweise sehr präzise ein; in seinem Jargonrausch schlage er, so Martin Hielscher (Verlag Kiepenheuer & Witsch), die Diskurse weg, die die Personen begrüben. Begraben schien zu guter Letzt auch das Autorinnenopfer, das im nachhinein recht zufällig erschien. Mindestens zwei weitere Texte hätten es nicht verdient, in dieser Runde gelesen zu werden; Manfred Niels hatte sich schon mit dem hübschen Pseudonym Carmen Cadiz völlig verausgabt. Doch die anderen Texte des zweiten Tages waren deutlich besser, mit Wittstock war ein urteilsfreudiger Lektor erschienen, und auch die Jury legte sich ins Zeug. Zu Beginn hatte sich Elfriede Czurda für den Eklat entschuldigt; sie habe sich geirrt bei der Auswahl der Autorin aus 436 Bewerbungen. So trat zu dem Wissen um mangelnde Abstimmung innerhalb der Jury das ungute Gefühl, manch besserer Kandidat sei vielleicht übersehen worden.



Urtitel:
Alfred-Döblin-Preis 1997 - Preisverleihung an Ingomar von Kieseritzky und Michael Wildenhahn
Genre/Inhalt:
--
Präsentation:
--
Schlagworte:

Person:
Döblin Alfred
Sach:
Alfred-Döblin-Preis
Zeit:
xxx
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
24.04.1997
Aufnahmeort:
Berlin: Akademie der Künste
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Mono
Original:

Originallänge:
02:30:00
Kopie:

Tonträger:
MC
Herkunft:

Sender / Institution:
Ostdeutscher Rundfunk Brandenburg (ORB)
Archivnummer:
AVM-DK32.0575/12-8721
Teilnehmende:

Person:
Grass, Günter (Autor(in))
Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))

Zitieren

Zitierform:

Grass, Günter: Alfred-Döblin-Preis 1997 - Preisverleihung an Ingomar von Kieseritzky und Michael Wildenhahn. Berlin: Akademie der Künste .

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