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Medienarchiv

DB-Nummer: 462
10.20379/dbvid-0462

Trommler und Schnecke: Günter Grass im Gespräch

Hens, Dieter

Günter Grass mit Ulrich Wickert und Hansjürgen Rosenbauer am Fontane-Denkmal in Neuruppin; Grass lehnt es ab, sich neben die Statue Fontanes zu setzen - er schaue sich Fontane lieber von unten an und erinnert sich an seine Recherchen zu "Ein weites Feld" Ausschnitt aus "Ein weites Feld" (O-Ton Grass), WA 8 (2007), S. 576f (Beschreibung des Fontane-Denkmals) Rosenbauer: erinnert an ein Gespräch von ihm und Wickert mit Grass vor elf Jahren in Wewelsfleth (Bild des Gesprächs wird eingeblendet), in dem es um die Erstaustrahlung der "Blechtrommel"-Verfilmung in der ARD, um den Kanzler (Helmut Kohl), um atomare Nachrüstung und um den Inhalt der "Rättin" ging; während in "Die Rättin" ein Blick in die Zukunft gerichtet wird, bezieht sich "Ein weites Feld" auf die Vergangenheit und endet kurz vor der Gegenwart. Grass: hat bislang für jedes epische Werk eine ander Form und Erzählperspektive gefunden; in jedem Jahrzehnt habe er ein episches Werk vorgelegt, das seine Form entsprechend der Zeit mitgebracht hätte; die Idee zu "Ein weites Feld" habe er schon lange gehabt, es habe nur der reale Hintergrund gefehlt; durch die Protagonisten des Romans sei es möglich geworden, nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Einheit 1870/71 zum Thema zu machen; somit habe er die deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts aufgreifen und eine Verflachung durch reine Behandlung der Gegenwart verhindern können. Ausschnitt aus "Ein weites Feld" (O-Ton Grass), WA 8 (2007), S. 467; dabei Szenen von der Wiedervereinigung in Berlin Wickert: Wie war es Grass möglich, seinen Frieden mit der Deutschen Einheit zu machen? Grass: Durch die zweite Erzählschicht, die Biographie Fontanes, sei es ihm möglich geworden, über das Geschenk (der tschechischen Reformkommunisten, von Solidarnosc und von Gorbatschow) und den Umgang mit diesem Geschenk zu erzählen; die Geschichte der Deutschen Einheit werde im Nebensatz erzählt; über die Hauptfigur Fonty werde die Biographie Fontanes widergegeben; durch diese Verschränkung könne er die deutsche Geschichte ab dem Vormärz erzählen Ausschnitt aus "Ein weites Feld" (O-Ton Grass), WA 8 (2007), S. 467f; dabei Szenen von der Wiedervereinigung in Berlin Rosenbauer: Entspricht Fontys Meinung "Die Einheit war da und die Demokratie weg" der Einschätzung von Grass? Grass: insgesamt habe man sei der Einheit Einbußen erlitten; das Grundgesetz sei schwer beschädigt worden; es habe vorgeschrieben (Artikel 146), dass im Falle der Einheit eine neue Vefassung vorgelegt werden müsse, was nicht geschehen sei; die jetzige Bundesrepublik gründe auf einem Verfassungsbruch; dies sei ein "Geburtsfehler"; eine Verfassungsdebatte hätte den 16 mio. DDR-Bürgern die Möglichkeit gegeben, sich einzubringen; es sei nur der Anschlussartikel 23 benutzt worden; die demokratische Substanz sei dadurch beschädigt worden; später sei noch ein "Juwel" der Verfassung, der Asylparagraph, herausgebrochen worden; dies empfindet Grass als "schändlich"; auch das föderalistische System sei seit 1989 geschwächt worden; der Föderalsimus hätte gestärkt werden müssen im Zusammenhang mit einer neuen Verfassung. Wickert: Grass schreibt, in Deutschland herrsche das Mittelmaß… Grass: Dies stehe im Zusammenhang mit der Erzählposition, dem Erzählkollektiv "Wir vom Archiv" und den Sichtweisen der Hauptpersonen; Fonty sehe das Mittelmaß überall vertreten, das Mittelmaß werde mit der Demokratie verwechselt Rosenbauer: Grass proviziert, indem er die bemalte Mauer als Kunstwerk und die DDR als "kommode Diktatur" beschreibt... Grass: diese gehe auf eine Äußerung Fontanes in Bezug auf Preußen zurück; die DDR sei zwar eine Diktatur gewesen, aber nicht vergleichbar mit einer Diktatur der stalinistischen Zeit Ausschnitt aus "Ein weites Feld" (O-Ton Grass), WA 8 (2007), S. 294 Rosenbauer: Hat Grass, der von der Kritik hart angegangen wurde, den Eindruck vom "Comeback" eines Abgeschriebenen'? Grass: verneint; eine Reihe von Journalisten habe ihn abschreiben wollen, dies sei aber nicht gelungen. Wickert: Hatten die Angriffe mit Grass' politischen Äußerungen zu tun? Grass: in erster Linie sei dies der Fall gewesen; in den 60er und 70er Jahren seien die Angriffe eher von Links, dann eher von Rechts gekommen; man habe immer einen Anlass gefunden; im Ausland seien seine Bücher dagegen unter literarischen Gesichtspunkten beurteilt worden; in Deutschland sollten die Kritiker aufpassen, dass sie selbst nicht irgendwann abgeschrieben seien Ausschnitt aus "Ein weites Feld" (O-Ton Grass), WA 8 (2007), S. 605f (mit Auslassungen - Roman-Vorstufe?) Wickert: Bedeutung des Treuhand-Gebäudes und Beschreibung des nicht namentlich genannten Treuhand-Chefs Grass: das Gebäude stehe zentral im Roman; Wuttke ist dort durch die Zeiten hindurch tätig und kommt mit dem Treuhand-Chef, der für die "regierende Masse" die "Drecksarbeit" übernehmen muss, in ein freundschaftliches Gespräch; Grass sieht sich in allen Personen des Romans präsent und muss sich mit allen vertraut machen; der Treuhand-Chef sei natürlich nicht in den leeren Gängen des Treuhand-Gebäudes Rollschuh gelaufen, der Übergang von Fiktion und Wirklichkeit sei in dem Roman fließend. Ausschnitt aus "Ein weites Feld" (O-Ton Grass), WA 8 (2007),S. 398f (mit Auslassungen - Roman-Vorstufe?) Rosenbauer: Rolle des Zweifels in Grass' Lebensphilosophie? Grass: sieht den Zweifel als sein "Lebenselixier"; vor dem Hintergrund seiner Kindheit und Jugend im Nationalsozialismus sei der Zweifel das beste Mittel, um gegen ideologische Verführungen immun zu machen; der Zweifel sei auch ein Instrument der Äufklärung, der Grass sich literarisch und politisch verbunden sieht; immer wenn der Weg der Aufklärung verlassen werde, gebe es einen Rückfall in die Barbarei; aber auch am Prozess der Aufklärung selbst müsse man den Zweifel anwenden; bei Fontane sei eine der hervorstechendsten Merkmale, dass er die großen Ereignisse der Geschichte nur am Rande miterzähle. Wickert: Zweifel und Schuld als "weites Feld"; unterschiedliche Positionen zur Frage der Schuld im Roman; welche ist Grass' Position zur Schuld? Grass: Bei Theo Wuttkes Ansicht zur Schuld stehe politische Erfahrung dahinter (das Entsehen zweier deutscher Staaten); die beiden deutschen Staaten seinen gegeinander entstanden, jeder hätte sich jeweils als Sieger gefühlt; jegliche Einigungsversuche seien gescheitert, und das nicht nur an der DDR; es sei eine Benachteiligung für die DDR-Bürger gewesen, sich nach dem Krieg nicht so frei entfalten zu können wie die Menschen ist Westdeutschland. Rosenbauer: Ist Grass überrascht gewesen, dass Kollegen von ihm mit der Stasi kooperiert haben? Grass: ist von dem Ausmaß überrascht gewesen; Grass erinnert sich an Lesungen in Ost-Berlin; seine Besuche in der DDR seien immer von der Stasi beobachtet worden, damals habe man darüber gescherzt; das Misstrauen sei jedoch "eingepflanzt" gewesen; die große Zahl der Stasi-Verbindungen haben ihn dann aber letztlich doch überrascht; aus seinen sicheren Verhältnissen heraus wolle er darüber aber kein Urteil fällen. Ausschnitt aus "Ein weites Feld" (O-Ton Grass), WA 8 (2007), S. 94 (mit Bildern von den Montagsdemonstrationen; wiederum Auslassungen im gelesenen Text) Rosenbauer: Buchenwald, Sachsenhause u.a. als Teil der deutschen Geschichte? Grass: stimmt zu; Fonty will jedoch aufgrund persönlicher Erfahrungen weg aus Deutschland, nach England oder Frankreich. Wickert: Grass ist aus Dänemark zu diesem Gespräch erschienen; braucht er die Entfernung von Deutschland? Grass: braucht zunehmend die Entfernung; er brauche die Distanz auch für sein Schreiben; auch von der Häme und der Missgunst in Deutschland müsse er sich beizeiten erholen; dann könne er aber bekräftig zurückkehren. Rosenbauer: Unsterblichkeit als Thema des Buches Grass: Das Thema werde im Buch ironisch behandelt; mit dem Begriff könne man nicht mehr so umgehen wie noch im 19. Jahrhundert; heute gebe es Methoden und Möglichkeiten, die gesamte Menschheit zu vernichten; dadurch werde der Begriff der "Unendlichkeit" [Anmerkung: nicht "Unsterblichkeit"] relativiert; für ihn selbst habe das bedeutet, dass er Anfang der 1980er Jahre eine Schreibpause habe einlegen müssen; erst dann habe der "Die Rättin" schreiben können; Literatur könne nur noch Bestand haben, wenn sie den Zustand der Endlichkeit wahrnehme. Rosenbauer: Grass müsste eigentlich Optimist sein… Grass: es gehöre zum Zweifel und zur Aufklärung dazu, den gegenwärtigen Zustand zu erkennen; erst dann könne man darüber nachdenken, was man ändern könne; da man aber selbst in kleinen Dingen wie der Deutschen Einheit Fehler nicht erkenne und zu revidiere, stagniere man; wenn erkannte Fehler nicht revidiert würden, sei dies immer der Anfang vom Ende; diese Befürchtung habe er.



Urtitel:
Dieter Hens: Trommler und Schnecke - Günter Grass im Gespräch mit Hansjürgen Rosenbauer und Ulrich Wickert
Anfang/Ende:
(Setzt abrupt ein) …zwingt Tallhover Fonty…vielen Dank, Herr Grass. (Abspann)
Genre/Inhalt:
Literatur
Präsentation:
Gespräch
Historischer Kontext:

Veröffentlichung von "Ein weites Feld"

Schlagworte:

Person:
Fontane Theodor; Gorbatschow Michail
Werke:
Ein weites Feld; Die Rättin; Die Blechtrommel; Hundejahre; Der Butt
Sach:
Deutsche Einheit; Roman; Erzählperspektive; Verfassung; Föderalismus; Solidarnosc; Treuhand; Demokratie; Diktatur; Aufklärung; Zweifel; Unsterblichkeit
Geo:
Wewelsfleth; DDR; England; Frankreich; Dänemark; Neuruppin; Schottland
Zeit:
1870/71; 19. Jahrhundert; 1848; 1989; 18. Jahrhundert; Vormärz; Gründerzeit
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
24.08.1995
Sprachen:
deutsch
Original:

Originallänge:
00:45:00
Kopie:

Länge der Kopie:
00:43:37
Tonträger:
DVD
Datenformat Sichtung:
MPEG 1
Herkunft:

Sender / Institution:
Radio Bremen Fernsehen (RB)
Archivnummer:
AVM-DK33.0215-3126
Teilnehmende:

Person:
Rosenbauer, Hansjürgen (Interviewpartner)
Person:
Wickert, Ulrich (Interviewpartner)
Person:
Hens, Dieter (Autor(in))
Person:
Grass, Günter (Beitragende(r))

Zitieren

Zitierform:

Hens, Dieter: Dieter Hens: Trommler und Schnecke - Günter Grass im Gespräch mit Hansjürgen Rosenbauer und Ulrich Wickert.

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