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Medienarchiv

DB-Nummer: 464
10.20379/dbaud-0464

Feder & Flöte - Dreizehn Gedichte wie Stegreifkompositionen : Geburtstagsständchen - Willy Brandt

Grass, Günter

Auf der ersten Seite: 1. Brandmauern (Gedichte und Kurzprosa 57) 2. Gasag (GuK 39) 3. [Nächtliches] Stadion (GuK 38) 4. Prophetenkost (GuK 39) 5. Der Dichter (GuK 80) 6. Die Nonnen (GuK 87) 7. Blutkörperchen (GuK 119) 8. Geflügel auf dem Zentralfriedhof (GuK 94) Auf der zweiten Seite: 9. Kurzschluß (GuK 109) 10. Askese (GuK 90) 11. Pan Kiehot (GuK 89) 12. Annabel Lee (GuK 120) 13. Kinderlied (GuK 59)



Urtitel:
Feder und Flöte: Gedichte und Stehgreifkompositionen - Günter Grass spricht und Horst Geldmacher flötet
Anfang/Ende:
Brandmauern. Ich grüße...ohne Grund verstorben. (Flötenspiel)
Genre/Inhalt:
Lyrik
Präsentation:
Lesung
Historischer Kontext:

Grass hat sich, was zwar heute oftmals übergangen wird, aber früher in fast jedem längeren Artikel über Grass zur Sprache kam, in jüngeren Jahren in Düsseldorf an Schlagzeug und Waschbrett in einer dortigen Jazzband hervorgetan. Mit dieser dreiköpfigen Jazzformation trat Grass, der "mit Fingerhüten und blechernem Waschbrett Rhythmen beisteuerte" (5Jz 12), in den fünfziger Jahren dreimal wöchentlich in der Düsseldorfer Altstadt auf, beispielsweise im Bobbys oder im Dixieland oder eben auch "im Czikos" (Hj 562), diesem ungarischen Etablissement in der Andreasstraße, das sich selbst allerdings Csikós’ schreibt. Diese Erfahrung als Waschbrett-Rhythmiker und Begleiter des Graphikers und Blockflöten-Solisten Horst Geldmacher (in der "Blechtrommel": Egon Münzer, genannt Klepp) hat eine Entsprechung in der autobiographisch durchsetzten Blechtrommel nieder, in welcher der Blechtrommler Oskar Matzerath in Düsseldorf gleichfalls "Schlagzeuger einer Jazzband" (Bt 669) namens "The Rhine River Three" (Bt 684) wird und für seine Darbietungen als Blechtrommelvirtuose stürmischen Beifall im sogenannten "Zwiebelkeller" (Hj 562) erntet. Auch ergab sich in Düsseldorf angeblich ein heute eher überraschendes Zusammenspiel, nämlich von Günter Grass und seinen Partnern sowie jenem "heisere[n] Trompeter" (LT 46) 'Satchmo' Louis Armstrong. Letzterem soll, als er einmal als Gast im Lokal war, gefallen haben, was sie spielten, denn er ließ per Taxi aus dem Hotel seine Trompete holen und dann gab es eine Dixieland-Jamsession. Womöglich ist dies der Ursprung solcher heute eher überraschenden Sätze, wie: Grass "kommt vom Jazz her". Diese kühn anmutende Behauptung stellt jedenfalls Joachim-Ernst Berendt, der spätere Herausgeber der von Gert Westphal gelesenen Reihe Jazz und Lyrik, im Nachwort des inzwischen raren Jazzbilderbuches "O Susanna" auf, einem Gesamtkunstwerk aus Texten, Musik, Illustrationen, Kalligraphien und graphischer Notengestaltung. Zu diesem steuerte nicht nur Grass' "detailversessener Freund Geldmacher" (EuR II 328), Vorbild des flötespielenden Klepp der Blechtrommel und als 'Flötchen' jahrelang eine liebenswürdige Attraktion des Altstadt-Lebens in Düsseldorf, die Bilder bei. Zudem wirkte auch Günter Grass als Übersetzer der enthaltenen amerikanischen Blues- und Spiritual-Klassiker mit, jener von Grass so geliebten Musikrichtung, die "flußabwärts am Mississippi begann" (LT 18) und "einst kam übers große Wasser/ schallplattenrund und mit Jubel verziert" (LT 46). (…) Erstmals kann die Kunstform der Rezitation zu Musik im Werk von Grass auf einer äußerst raren Platte nachgewiesen werden, die bei Karl Hoste in Berlin gepresst wurde. Sie ist nirgendwo in der Grass-Forschung aufgelistet, befindet sich aber glücklicherweise in der Privatsammlung von Volker Neuhaus sowie im Archiv der Berliner Akademie der Künste. Im Rahmen des Wahlkampfes und anlässlich des Geburtstages von Willy Brandt aufgenommen, ist auf der etwa 14 Minuten langen EP-Schallplatte "Feder und Flöte" zu hören, wie Günter Grass zu Flötenimprovisationen von Horst Geldmacher Gedichte liest. Die Ausstattung ist sehr einfach, das Cover besteht aus braunem Packpapier, auf das vorne die von Maria Rama fotografierten Silhouetten von Geldmacher und Grass gedruckt sind. Wann genau sie aufgenommen und veröffentlicht wurde, bleibt strittig. Die Hüllengraphik Horst Geldmachers wird auf dem Cover auf 1963 datiert. Veröffentlicht wurde sie aber wohl erst 1964, vielleicht auch erst dann aufgenommen. Einerseits lässt sich vermuten, dass dieses Geschenk dem 50. Geburtstag des am 18. Dezember 1913 geborenen Willy Brandt galt, der zudem, nachdem Erich Ollenhauer am 14. Dezember 1963 gestorben war, am 16. Februar 1964 in Bad Godesberg zum neuen SPD-Vorsitzenden gewählt wurde. Andererseits war auch der folgende Geburtstag bedeutsam, standen doch im September 1965 Bundestagswahlen an, in die der Regierende Bürgermeister von Berlin Willy Brandt als Spitzenkandidat ging. Grass liest die später bei Novemberland wieder auftauchende Unglückszahl von dreizehn Gedichten aus den Gedichtbänden Die Vorzüge der Windhühner und Gleisdreieck, die auch auf der Rückseite des Covers verzeichnet sind: 1. Brandmauern (GuK 57) 2. Gasag (GuK 39) 3. [Nächtliches] Stadion (GuK 38) 4. Prophetenkost (GuK 39) 5. Der Dichter (GuK 80) 6. Die Nonnen (GuK 87) 7. Blutkörperchen (GuK 119) 8. Geflügel auf dem Zentralfriedhof (GuK 94) Auf der zweiten Seite: 9. Kurzschluß (GuK 109) 10. Askese (GuK 90) 11. Pan Kiehot (GuK 89) 12. Annabel Lee (GuK 120) 13. Kinderlied (GuK 59) Eingeleitet wird das Ständchen sinnigerweise mit einer Reminiszenz an den seinerzeit Berlin regierenden Jubiliar, dem solistisch von Grass vorgetragenen „Begrüßungsgedicht für Berlin“ Brandmauern. Es folgen dank der Blockflötenbegleitung, deren Grad an Improvisiertheit kaum zu überprüfen, jedoch zu hinterfragen ist, keine separat vorgetragenen Gedichte. Nachdem Geldmacher bei dem Eröffnungstext noch aussetzt, spielt er im Anschluss eine kurze von Achtelläufen geprägte Überleitung zu Gasag, das ebenfalls wieder solistisch rezitiert wird, bevor die Flöte ein Triller-Motiv spielt, das noch häufiger wiederholt werden wird. Im Folgenden erklingen Stimme und Flöte zwar zuweilen noch separiert, beispielsweise wird Der Dichter sinnigerweise solistisch vom Dichter gelesen. Häufiger allerdings hört man Grass und Geldmacher gleichzeitig, also parallel. Das führt dazu, dass ein Kontinuum entsteht, in welchem die Übergänge fließend sind. Bei Geldmachers Klangnachahmung des Pfiffes in Stadion gehen erstmals die Sphären von Sprache und Musik eindeutig aufeinander ein. Das daraufhin gespielte Triller-Motiv, zuvor als Überleitung gespielt, wird von Grass übersprochen und zu einer Untermalung umfunktioniert, in welcher das Zirpen der Prophetenkost durchschimmern mag. Dieses allerdings wird sogleich in mit arabischen Tonleitern arbeitende Motive übergeleitet, so dass auch dieser orientalische Kontext des Gedichtes im wahrsten Sinne des Wortes anklingt. Ebenso klingen im Anschluss an das Gedicht Der Dichter die Kinder bei Geldmacher in einem an ein Kinderlied erinnernden Motiv an. Unter Die Nonnen legt Geldmacher eine Hymnusmelodie, bevor das sehr subjektive Gedicht Blutkörperchen, in dem die erste Person singular sich mit einem Du auseinandersetzt, wieder allein von Grass vorgetragen wird. Als Ausklang des Gedichtes allerdings fällt Geldmacher wieder mit einem Tanzmotiv ein, das wohl die Musik für das im Gedicht angesprochene Ballett sein könnte. Beim Abschluss der ersten Plattenseite erklingen Grass und Geldmacher wieder vereint bei einem Gedicht, allerdings seriell, also hintereinander. Geldmacher scheint die von Grass ausgeführten Handlungen des Geflügel[s] auf dem Zentralfriedhof zu illustrieren. Der die zweite Seite einleitende Kurzschluß kommt im fortissimo und der Fülle des Unwohllauts der ansonsten so harmonischen Flötenlinien und –töne zum Ausdruck. Dieser Charakter ändert sich sofort wieder, wenn Grass die Befehle der Katze vorliest, die in dem Befehl Askese gipfeln. Nach jeder Strophe flötet Geldmacher hier in Variation, zuweilen verziert, zuweilen oktaviert, immer wieder eine abfallende Linie, die an den Abschluss eines Kinderliedes erinnert. Auf den Rhythmus legt Geldmacher beim anschließenden Gedicht Pan Kiehot den Akzent, wodurch die Melodie seines wie ein irisches Volkslied klingenden Solos nach Annabell Lee umso wirkungsvoller hervortritt. Unter jede Strophe des Kinderlieds legt Geldmacher dann eine wieder in Variation wiederkehrende Melodie, die als Vorschlag für eine Gesangsfassung des Gedichtes genommen werden kann. (Aus: Anselm Weyer: Grass und die Musik)

Schlagworte:

Person:
Geldmacher Horst; Brandt Willy
Werke:
Brandmauern; Nächtliches Stadion; Der Dichter; Blutkörperchen; Kurzschluß; Askese; Pan Kiehot; Annabell Lee; Kinderlied; Die Vorzüge der Windhühner; Gleisdreieck; Gasag; Prophetenkost; Die Nonnen; Geflügel auf dem Zentralfriedhof
Sach:
Musik; Melodram; Konzertmelodram
Aufnahme:

Datumszusatz:
Nur Aufnahmejahr 1963 bekannt.
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Mono
Anmerkung Qualität:
Plattenrauschen
Kopie:

Länge der Kopie:
00:14:08
Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Herkunft:

Sender / Institution:
Radio Bremen Fernsehen (RB)
Archivnummer:
AVM-DK30.0415-6276
Produktionsnummer:
BNB W4001ef
Teilnehmende:

Person:
Hammer, Konrad Jule (Regie)
Person:
Grass, Günter (Autor(in))
Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))
Person:
Geldmacher, Horst (Beitragende(r))

Zitieren

Zitierform:

Grass, Günter: Feder und Flöte: Gedichte und Stehgreifkompositionen - Günter Grass spricht und Horst Geldmacher flötet.

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