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Medienarchiv

DB-Nummer: 477
10.20379/dbvid-0477

Politisches Theater - Filmdokumentation

Dühlmeyer, Charly

Aspekte und Themen politischen Theaters Behandelt werden: Heinar Kipphardt - "In der Sache J. Robert Oppenheimer" Rolf Hochhuth - "Der Stellvertreter" Rolf Hochhuth - "Soldaten" Dramen von Friedrich Schiller ("Kabale und Liebe") Peter Weiss - "Die Ermittlung" Aristophanes - "Der Frieden" Bertolt Brecht - "Mutter Courage und ihre Kinder" ab 7:41: "Die Plebejer proben den Aufstand" von Günter Grass; Ausschnitte aus einer Aufführung Zum Stück wird gesagt, dass Grass dabei um die "künstlerisch-theatralische Form bemüht" sei; hinterfragt wird aber der reale politische Anspruch des Stückes ________ Ab 32:22: Diskussionsrunde mit Peter Karvaš, Friedrich Torberg, Pavel Kohout und Günter Grass, moderiert von Martin Esslin Diskutiert wird u.a. die Rolle des politischen Theaters als Reflexion über die politischen Zustände bzw. als Möglichkeit, die politischen Zustände zu beeinflussen Grass macht diese Frage abhängig davon, wie weit die Begriffe "Politik" und Theater gefasst werden; Aufabge des Theaters sei es nicht, die Politik auf der Bühne widerzuspiegeln; die Wirklichkeit des Theaters sei eine andere als die Wirklichkeit, die dargestellt werden soll. Diese Aussage wiederholt Grass mehrmals. Grass sieht Begriffe wie "politisches Theater", "engagierter Autor", "humanistischer Autor" als Ausdrücke, bei denen man die Adjektive weglassen könne; jeder Autor sei engagiert; zum Dokumentartheater merkt Grass an, dass dabei das Dokumentarische als höherwertig gegenüber der Fiktion verstanden wird; Grass warnt davor, Gerichtsverhandlungen ("Die Ermittlung", "In der Sache J. Robert Oppenheimer") dokumentarisch auf die Bühne zu bringen; bei der "Ermittlung" habe sich ungewollt ein falsches Bild von Auschwitz eingeschlichen; dies sei die Gefahr, wenn man eine Gerichtsverhandlung dokumentarisch und ungebrochen auf die Bühne übertrage. Bei der Frage des Verhältnisses zwischen Bühnenwirklichkeit und politischer Wirklichkeit weist Grass auf das Agitprop-Theater hin, das man eingehend diskutieren müsse. Dieses Theater sei wirkungsvoll, aber gefährlich, da es zur "Bewusstseinsbeeinträchtigung" beitrage und nicht zu Bewusstseinsveränderung. Zu seinem Stück "Die Plebejer proben den Aufstand" sagt Grass, dass es nicht die politische Wirklichkeit darstellen könne. Es sei ihm darauf angekommen, die Beweggründe und Widersprüche des revolutionären Verhaltens darzustellen und mit der Bühnenwirklichkeit zu konfrontieren; er arbeite dabei mit einem vorliegendem Stoff, dem "Coriolan", und setze andere Akzente; den "Coriolan" könne man als reaktionär bezeichnen; reaktionäre Tendenzen versuche der "Chef" in Grass' Theaterstück umzudrehen und werde dabei von der Wirklichkeit widerlegt; es zeige sich die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis bei Revolutionen und revolutionären Versuchen; ein in weitestem Sinne politisches Stück, in dem Form und Inhalt eine Einheit bildeten, sei "Dantons Tod" von Georg Büchner; in Kleists "Zerbrochenen Krug" stehe auch eine Gerichtverhandlung zentral, doch sei diese in die Gesellschaft eingebettet und nicht ein Mittel der Darstellung (im Gegensatz zur "Ermittlung") Zur Diskussion über das Dokumentartheater sagt Grass, das Dokumente die Grundlage für ein Theaterstück sein können; Büchner habe beispielsweise für "Dantons Tod" viel mit Dokumenten gearbeitet; das Dokumentartheater als Alternative zum herkömmlichen fiktiven Theater müsse jedoch kritisch hinterfragt werden - Grass glaubt nicht, dass es sich überhaupt um eine Alternative handelt; eine Bühnenfassung einer Gerichtsverhandlung zu schaffen, mache noch kein Theaterstück aus und verfälsche sogar die Gerichtsverhandlung selbst und die Fakten von Auschwitz Grass hebt außerdem "prägende Theaterstücke" hervor, nach Kriegsende sei dies z.B. "Draußen vor der Tür" gewesen; es sei zwar inzwischen historisch geworden, die Figur des Heimkehrers sei jedoch verbindlich Grass zu Shakespeare: die Charaktere Shakespeares seien "Bündel aus widerstrebenden Meinungen"; sie ließen sich daher in die heutige Zeit übertragen; der Grundgestus des (politischen) Theaters sei die Möglichkeit, gesellschaftliche Übereinkünfte und feste Bilder in Frage zu stellen; dies hat Grass auch bei seinem "Plebeker"-Stück als seine Aufgabe gesehen: der 16./17. Juni sei von beiden Seiten verfälscht worden (Volkserhebung vs. Konterrevolution); Grass hat aufzeigen wollen, dass es sich um einen "isolierten Arbeiterautstand" gehandelt habe; dieser habe kaum Ansätze zur Revolution gehabt; das beste politische Theater sei vielleicht das, welches Politik widersprüchlich auffasse und nicht eine politische Richtung zur Tendenz des Stückes mache; Tendenzstücke könnten zwar Meinungen beeinflussen (im Sinne des Agitprop), aber nicht Meinungen verändern; letzteres ginge nur bei Stücken, in denen Politik mit ihren Widersprüchen offen ausgetragen werde



Urtitel:
Charly Dühlmeyer: Politisches Theater - Filmdokumentation und Diskussion
Anfang/Ende:
Politisches Theater. Politisch …Theater ist. Danke.
Genre/Inhalt:
Theater
Präsentation:
Dokumentation
Schlagworte:

Person:
Hochhuth Rolf; Schiller Friedrich; Weiss Peter; Shakespeare William; Büchner Georg; Kleist Heinrich von; Kipphardt Heinar; Aristophanes; Harz Peter
Werke:
Die Plebejer proben den Aufstand; Coriolan; In der Sache Robert J. Oppenheimer; Der Stellvertreter; Soldaten; Kabale und Liebe; Die Ermittlung; Der Frieden; Im Kongo; Dantons Tod; Der zerbrochene Krug; Draußen vor der Tür
Sach:
Theater; Politik; Agitprop
Geo:
Tschechoslowakei; Berlin
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
21.05.1968
Aufnahmeort:
Bremen: Radio Bremen: Fernsehen
Sprachen:
deutsch
Original:

Originallänge:
01:28:00
Original-Tonträger:
MAZ-Beta
Kopie:

Tonträger:
VHS
Herkunft:

Sender / Institution:
Radio Bremen Fernsehen (RB)
Sendereihe:
Forum
Archivnummer:
B90010258
Produktionsnummer:
3010258
Teilnehmende:

Person:
Dühlmeyer, Charly (Autor(in))
Person:
Brecht, Ulrich (Vorredner(in))
Person:
Fleckenstein, Günther (Vorredner(in))
Person:
Reichert, Franz (Vorredner(in))
Person:
Hübner, Kurt (Vorredner(in))
Person:
Barlog, Boleslaw (Vorredner(in))
Person:
Rischbieter, Henning (Vorredner(in))
Person:
Karvaš, Peter (Vorredner(in))
Person:
Torberg, Friedrich (Vorredner(in))
Person:
Kohout, Pavel (Vorredner(in))
Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))
Person:
Esslin, Martin (Vorredner(in))

Zitieren

Zitierform:

Dühlmeyer, Charly: Charly Dühlmeyer: Politisches Theater - Filmdokumentation und Diskussion. Bremen: Radio Bremen: Fernsehen .

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