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Medienarchiv

DB-Nummer: 521
10.20379/dbaud-0521

Laudatio zur Verleihung der Hermann-Kesten-Medaille an Günter Grass : Gekürzte Radio-Fassung der Rede

Conrady, Karl Otto

Peter Rühmkorf, aus seinen Notizen im Tagebuch vom 24. November 1990: »20.00 mit E. zu Grassens, grüne Suppe und Karpfen. […] Nachts zuhaus: Krümel zu einem GG-Bild zusammengefegt. Die Welt als Tollhaus betrachtet wie Anno Blechtrommel – trotzdem Aufklärer, Mann der kleinen Schritte, Rationalist. [… ] Hat ein Leben lang an zwei Fronten gekämpft: a) gegen die Machtpolitiker und b) gegen die Heilsarmisten. Seine Augen: mal lustig braun – mal ungemütlich finster. Er ist bei den Verfolgten in die Schule gegangen [… ], was man bei einem Welterfolgsautor zeitweilig übersehen hatte. [… ] Förderung hat sich mancher von ihm gefallen lassen – von bleibender Anhänglichkeit der Unterstützten kann nicht die Rede sein. [… ]« Günter Grass, aus dem „Tagebuch einer Schnecke“: »Also gut: über mich. Ich gebe kein Bild ab. Vor allen anderen Blumen gefällt mir die hellgraue, das ganze Jahr über blühende Skepsis. Ich bin nicht konsequent. (Sinnlos, mich auf einen Nenner bringen zu wollen.) […]. Außer Geschichten und Geschichten gegen Geschichten erzählen, kann ich Pausen zwischen halbe Sätze schieben, die Gangart verschieden gearteter Schnecken beschreiben, nicht Radfahren, nicht Klavierspielen, aber Steine (auch Granit) behauen, feuchten Ton formen, mich in einen Wust (Entwicklungspolitik, Sozialpolitik) einarbeiten – und ganz gut kochen [… ]. Ich kann mit Kohle, Feder, Kreide, Blei und Pinsel links- und rechtshändig zeichnen. Daher kommt es, daß ich zärtlich sein kann. Ich kann zuhören, weghören, voraussehen, was gewesen ist, denken, bis es sich aufhebt, und außer beim Aufdröseln von Bindfäden und scholastischen Spekulationen geduldig bleiben. [… ] Ich rauche zu viel, aber regelmäßig. Ich habe Meinungen, die sich ändern lassen. Auf verquere Weise bin ich unkompliziert.« Noch drei kurze Zitatzeilen: »Lieben Sie das Ideale oder das Reale? – Die Diagonale.« »Welchen Rat würden Sie der Frau geben, die Sie lieben? – Mich wiederzulieben.« »Wie denken Sie über die Ehe? – Je nachdem.« Vorsicht! Diese drei Antworten stammen, obwohl durchaus passabel, gar nicht von Günter Grass, auch nicht von Fonty Wuttke, sondern vom verwandten Theodor Fontane selbst. Er hat sie 1891 in ein “Torturbüchlein“, eine Art Gästebuch, geschrieben, lange vor den Fragebogenspielen in den Journalen unserer Tage. In einem Gespräch mit Heinrich Vormweg, dem Verfasser der Rowohlt-Bildmonographie 1986, bekräftigte Günter Grass, ihn würde es nicht reizen, seinem rein persönlichen Lebenslauf nachzugehen. Ihm sei seine eigene Biographie „immer nur dann interessant gewesen, wenn ich sie begriff mit Zeitströmungen, mit Wendemarken, mit Umbrüchen und Brüchen wie 1945“, und auch dann sei es ihm darauf angekommen, das Selbsterlebte „im Verhältnis zu anderen zu sehen, es zu brechen, es auf Personen auszudehnen, aufzuteilen, eigenes Erfahren mit anderen zu mischen, literarische Figuren entstehen zu lassen, die nur ganz selten direkte Porträts sind“ (S.19). So geschieht es in der epischen Weite der Romane. Sogleich sei die Mahnung eingeflochten, die manche Leser und Kritiker immer noch zu mißachten scheinen: den und die Ich-Erzähler nicht mit dem Autor zu verwechseln und Aussagen, Erlebnisse und Wertungen fiktiver Gestalten nicht umgehend als solche des Romanschreibers selbst zu identifizieren. Trotz seiner Distanz zu einer Selberlebensbeschreibung hat Günter Grass an etlichen Stellen seines Werks kenntlich Autobiographisches eingestreut. Insgesamt fällt auf, wie lebhaft und lastend für den im Oktober 1927 Geborenen die Erinnerung an die Jugendzeit im sogenannten Dritten Reich und an das nur allmählich sich vollziehende Erkennen des tatsächlich Geschehenen geblieben ist. Diese frühe Zeiterfahrung und der damit verbundene Prozeß der Selbstaufklärung und des historischen Begreifens können nicht ernst genug genommen werden. Nirgends auch nur der Anhauch einer nachträglichen Beschönigung der frühen Jahre. Hitlerjunge, Luftwaffenhelfer, siebzehnjähriger Panzerschütze, als Achtzehnjähriger aus amerikanischer Gefangenschaft entlassen. „Jetzt erst war ich erwachsen. Jetzt erst, nein, vielmehr nach und nach wurde mir deutlich, was man [... ] mit meiner Jugend angestellt hatte. Jetzt erst, und Jahre später in immer erschreckenderem Maße, begriff ich, welch unfaßliche Verbrechen im Namen der Zukunft meiner Generation begangen worden waren“ (in: Über das Selbstverständliche, 1968, S.114). Und in der Frankfurter Vorlesung von 1990: „Mit Glaubenssätzen dummgehalten und entsprechend auf idealistische Zielsetzungen getrimmt, so hatte das Dritte Reich mich und viele meiner Generation aus seinen Treuegelöbnissen entlassen. 'Die Fahne ist mehr als der Tod', hieß eine dieser lebensfeindlichen Gewißheiten“ (in: Gegen die verstreichende Zeit, 1991, S.42f.). Dabei bleibt er sich der „Zufälligkeit des Jahrgangs“,erst 1927 geboren zu sein, wohl bewußt: „Drei Jahre früher geboren, vier Jahre früher geboren, hätte ich unter Umständen in verbrecherische Vorgänge tätig hineinverwickelt sein können; Ich kann nicht dafür garantieren, ob ich da Abwehrkräfte genug gehabt hätte“ (in: Vormweg, G.Grass, S.15). Im Buch „Kopfgeburten“ läßt er im 2. Kapitel gar versuchsweise seine Biographie zehn Jahre früher beginnen, um sich selbst probeweise hineinzuverstricken in die Ruchlosigkeiten jener Zeit. Nichts (oder nur Gewünschtes) spräche „gegen meine zielstrebige Entwicklung zum überzeugten Nationalsozialisten“. Solche Reflexion stimmt überein mit jener großen und beklemmenden Passage Franz Fühmanns in seinem ungarischen Tagebuch „Zweiundzwanzig Tage oder die Hälfte des Lebens“, wo er sich und seine Wandlung radikal befragt und die beginnt: „Gesetzt, du wärest nach Auschwitz kommandiert worden, was hättest du dort getan? Nein, sage nicht, die Frage sei unsinnig, da du ja eben nicht dort gewesen bist.“ Sehend geworden, sich selbst suchend und findend, beginnt der junge Günter Grass, mit außerordentlichen Fähigkeiten künstlerischen und dichtenden Gestaltens begabt, den Versuch, mit dem Geschehenen – salopp gesagt – fertigzuwerden, es in kritische Nahsicht zu holen und des vielschichtigen Gemenges der jüngeren Vergangenheit und der von ihr mitgezeichneten Gegenwart mit Worten sozusagen habhaft zu werden. Fast wie ein Motto lassen sich die beiden ersten Gedichtzeilen seiner allerersten Veröffentlichung in den „Akzenten“ 1955 zitieren: „Zwischen den Lilien aus Schlaf / Müht sich des Wachenden Schritt.“ Was sich ihm aufdrängte und was er gestaltete, war die vielperspektivisch gesehene und geformte Vielfalt des Daseins, das Leiden und die Lust des Lebens, immer im Bewußtsein, daß Verfolgung und Unterdrückung, Verhöhnung und Quälen des Individuums Mensch oder diffamierter Menschengruppen nicht sein dürfen. Die prallen, überbordenden Szenen vitalen Sichauslebens in Grassens Werk: sie sind genährt von jener nicht angebotenen, sondern persönlich-historisch erworbenen Überzeugung, daß Verfolgung nicht herrschen darf, vielmehr Leben sein soll. Wie zeichenhaft die Sequenz, die den Blechtrommel-Film eröffnet: ein Verfolgter auf fahlem Feld, Zuflucht unter weiten kaschubischen Röcken, und neues Leben wird gezeugt! Auschwitz ist die Chiffre für die ungeheure Entlebendigung, „keinem Schuldgeständnis zugänglich, unfaßbar geblieben“. Noch die Frankfurter Poetik-Vorlesung von 1990 betitelt ihr Autor „Schreiben nach Auschwitz“ (in: Gegen die verstreichende Zeit, 1991, S.44). Zwar ist da auf Adornos Diktum angespielt: „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben ist barbarisch.“ Aber zu Recht macht Grass geltend, daß Adornos Zuspitzungen „im Umfeld ihrer vor- und nachgestellten Reflexionen zu entdecken“ und „nicht als Verbot, sondern als Maßstab zu begreifen“ seien. In solchem Sinn behält das Menetekelwort Auschwitz seine Kraft als Mahnung und Maßstab auch in der formal vollzogenen neuen deutschen Einheit: „Wer [... ] über Deutschland nachdenkt und Antworten auf die deutsche Frage sucht, muß Auschwitz mitdenken“ (in: Ein Schnäppchen namens DDR, dtv 1993, S.13). Mit der „Blechtrommel“ 1959 war der Ruhm gekommen, Auseinandersetzungen inclusive. Die gewaltige „Danziger Trilogie“ (mit „Katz und Maus“ 1961 und den „Hundejahren“ 1963) festigte ihn weltweit. Wie Paul Fleming aus der Schar der ihm so vertrauten Barockpoeten hätte auch Günter Grass sich die Zeilen zueignen können: „Frei, meine, konnte mich aus meinen Mitteln nähren, / Mein Schall floh überweit, kein Landsmann sang mir gleich.“ Indes will ich auf etwas anderes hinaus. Die Schreibanstrengung jener Jahre ist für ihren Autor ein Prozeß des Sich-Freischreibens von den Lasten und Lemuren der Zeit des 'Dritten Reichs' und der Nachkriegsjahre gewesen. Es trifft wohl zu, was Heinrich Vormweg summiert: „Als Grass sich schreibend von den Monstern der Erinnerung freigeschwommen hatte, da hat er versucht, sich auf die Zeit, in der er lebte, fordernd einzulassen. Da hat er versucht, nach seinen Kräften und entsprechend seinen Erfahrungen und Überzeugungen der Gesellschaft ein Stück weiter von dem Abgrund wegzuhelfen, über dessen Rand sie mühsam wieder hochgekrochen war. Er sah darin eine Aufgabe, eine Pflicht“ (Vormweg, G.Grass, S.81). Eigentlich verständlich und doch vielfach verkannt oder mißdeutet, daß sich damit auch andere Schreibweisen als vorher ausbildeten, wenngleich später dann wieder die großen Romane „Der Butt“, „Die Rättin“, „Ein weites Feld“ die umfangreichen Panoramen Grasscher Zeit- und Weltfülle präsentierten. Der sich ins politische Alltagsgeschäft einmischende Schriftsteller, der seinen Ruhm bewußt als „Begrüßgustav“ anklopfen und die Türen öffnen ließ: er agiert nach Prinzipien, die der hier verliehenen Medaille würdig sind, – ganz unabhängig davon, ob die jeweiligen Standpunkte des streitbaren Autors kritische Gegenargumentationen auslösen. Das Fundament jener Prinzipien ist deutlich zu erkennen und kann gleich noch auf einen Begriff gebracht werden. Immer geht der Einsatz um Freiräume, um solche der Meinungsäußerung, des gesellschaftlichen Handelns, der Entwürfe für Zukünftiges. Und immer ist der Versuch miteinbeschlossen, bei alldem bewußt zu halten oder, wenn nötig, bewußt zu machen, welche Verantwortung uns unsere Geschichte aufbürdet, die wir nicht einfach in Archiven ablagern können. Zwar ist der Geschichte insgesamt kein bestimmter Entwicklungssinn eingepflanzt; Menschen treiben ihr Spiel, und Absurdes inszeniert manchmal ein groteskes Theater. Aber wir können nicht anders, als trotz allem auf die Möglichkeiten von Vernunft zu setzen und den Funken Hoffnung nicht verglimmen zu lassen. Wer dem zustimmmt – und so sehe ich es bei Günter Grass -, der kann nicht revolutionärer Gewalt das Wort reden, im Gegenteil. Glasklar der Beginn seiner Rede auf dem Belgrader Schriftstellerkongreß 1969: „Um es vornweg zu sagen: Ich bin ein Gegner der Revolution. Ich scheue Opfer, die jeweils in ihrem Namen gebracht werden müssen. Ich scheue ihre übermenschlichen Zielsetzungen, ihre absoluten Ansprüche, ihre inhumane Intoleranz“ (in: Werke, Bd.9, S.411). In einem Offenen Brief an Pavel Kohout 1967: „Damit will ich nicht sagen, daß die Französische Revolution wie die Oktoberrevolution nicht notwendig gewesen seien. Beide Revolutionen haben die Welt grundsätzlich verändert; beide Revolutionen verfielen allerdings [...] der Mechanik der Revolution“ (in: Grass/Kohout, Briefe über die Grenze, 1968, S.44f.). Da wird wieder das Fundament sichtbar: Beschädigungen des Lebens sollen nicht sein; immer ist an die Opfer zu denken, die menschliches Handeln verursachen kann. Daran hat der auf geduldige Reformen Hoffende und dafür in der politischen Arena Werbende und Streitende festgehalten. Eigentlich selbstverständlich (oder doch nicht?), daß er die Deformation der sozialistischen Idee in den real existierenden Systemen, die sich darauf beriefen, anprangerte. Freilich nicht vom Hochsitz einer Überheblichkeit aus, die in der Anmaßung des 'Wir sind wieder wer' das bei uns und in den westlichen Demokratien Erreichte von kritischer Nachprüfung verschonte. Der Brief an Anna Seghers und das (auch von Wolfdietrich Schnurre unterzeichnete) Schreiben an den Schriftstellerverband der DDR nach dem Bau der Mauer im August 1961 sind zitierwürdige historische Dokumente. „Es komme später keiner und sage, er sei immer gegen die gewaltsame Schließung der Grenzen gewesen, aber man habe ihn nicht zu Wort kommen lassen. Wer den Beruf des Schriftstellers wählt, muß zu Wort kommen, und sei es nur durch ein lautes Verkünden, er werde am Sprechen gehindert“ (Werke, Bd.9, S.35). Aber in diesem an den DDR-Autorenverband appellierenden Brief auch der mit Beispielen illustrierte Hinweis, wie westdeutsche Autoren gegen Unzuträglichkeiten und drohende Gefahren in der eigenen Bundesrepublik anreden und anschreiben. Wenn dem so ist, „dann haben Sie genauso die Pflicht, das Unrecht vom 13. August beim Namen zu nennen. [... ] Wer schweigt, wird schuldig.“ Hier wird öffentlich eingefordert, was in der Charta des Internationalen P.E.N. als Verpflichtung besiegelt ist. Doch konnte das nicht zur Folge haben, daß mit denen, die in der Öde des Kalten Kriegs nicht sprechen konnten oder in ihren von Zukunftsträumen aufgeschönten Ideologieentwürfen verharrten, Kontakte prinzipiell ausgeschlossen wurden. Denn nur in beharrlicher Diskussion kann Strittiges zergliedert, können Kanten vielleicht abgeschliffen, kann Dasein erleichtert und vermag vor allem für Zustände geworben zu werden, in denen Beschädigungen der Lebenswirklichkeit vermieden, gelindert sind. In der Sprachlosigkeit erstickt jede Hoffnung und wird auch der Schneckengang reformierenden Fortschreitens unmöglich. Auch wenn in den epischen Szenarien und Reflexionen der Bücher „Die Rättin“, „Zunge zeigen“, „Totes Holz“ und anderer Publikationen die Katastrophenschatten des Untergangs riesig wachsen, wo atomare Selbstvernichtung der Menschheit, das Elend der Dritten Welt und globale Umweltzerstörung drohen: immer noch beharrt der Zeitdiagnostiker auf dem Quentchen Vernunft, das uns gegeben ist, mag ihm auch angesichts von Exzessen menschlichen Wahnwitzes Aufklärung nur noch „als Aberglaube“ vorkommen (Zunge zeigen, 1988, S.40). Ich habe nun doch einige wohlfeile Floskeln nicht vermeiden können. Vernunft, Freiheit, Gewalt: diese und andere Begriffe verlangten nach differenzierender Erläuterung. Die Forderung nach Meinungsfreiheit beispielsweise kann ja nicht einschließen ein Plädoyer für die Freiheit von Meinungen, die erklärtermaßen gegen die Freiheiten anderer und gegen menschliche Entfaltungsmöglichkeiten agitieren: rassistische, antisemitische, kriegsverherrlichende, kritisches Denken strangulierende. Und die Warnung vor revolutionärer Gewaltanwendung kann nicht absehen von historischen Situationen, in denen nur noch die Anwendung von Gewalt gegen die Unterdrückung von Lebensrechten Hoffnung verhieß. Deshalb bei Grass die Erkenntnis, daß jedenfalls in einer parlamentarisch strukturierten demokratischen Ordnung die Verheißung von Gewaltrevolution widersinnig und lebensverachtend ist. Aber auch eine der Verfassung nach freiheitliche Gesellschaft ist immer erst auf der Suche nach dem Zuträglichen und immer in der Gefahr, ihre eigenen Widersprüche nicht zu erkennen oder gar schönzureden. Darum jener Satz von 1980, der für Grass in allen Phasen gilt: es sei nicht Aufgabe des Schriftstellers, „Dinge zu bestätigen, sondern ein Schriftsteller muß in Frage stellen, er muß zu schnell verheilende, vernarbende Wunden wieder aufreißen, damit kein Krankheitsherd zurückbleibt, und damit steht er natürlich oft im Gegensatz zu den herrschenden Meinungen, zu der herrschenden Politik, zu den Politikern“ (in: Werke, Bd.10, S.226). Der Impetus der Aufklärung ist in solcher Aussage bewahrt. Sich einmischen, Fragen stellen, angestrengt aufs Ganze und aufs einzelne Konkrete hinsehen, Vorschläge machen: wie nötig ist das in einer „profitmanischen Gesellschaft“, die „darauf besteht: Vernünftig ist, was rentiert“, so Max Frisch (in: M.F., Schweiz als Heimat?, 1990, S.465), in einer Republik, in der sich die Kluft zwischen Arm und Reich wie naturgesetzlich ständig vergrößert, auch die zwischen Arbeithabenden und Arbeitslosen und wo jene Diagnose, die Grass im Mai 1990 auf dem Leipziger „Platz der Angeschmierten“ bitter ironisierte, nicht widerlegt ist: „Ich wünschte, es dürfte sich der Kinderglaube an das marktwirtschaftliche Bilderbuch aus Ludwig Erhards Zeiten erfüllen, doch sprechen Erfahrung und bloßer Augenschein dagegen“ (in: Gegen verstreichende Zeit, 1991, S.82). Das alles heißt nicht, das allein Richtige zu wissen und zu behaupten. Auch Leser und Zuhörer verhielten sich falsch, wenn sie einen Schriftsteller zum Wahrsager erhöhten. Aber was er vorbringt, ist ernstzunehmen, muß Anlaß zum Disput, auch zur streitenden Auseinandersetzung sein. So füllen Hunderte von Seiten die Gespräche, Reden, Offenen Briefe von Günter Grass. Wer aufzuklären versucht, gibt sich mit jeweils Bestehendem nicht zufrieden, sondern fragt nach dessen Geltung; aufklärende Vernunft beruhigt sich nicht bei festgeschriebener Legalität von Strukturen und Vorgängen, sondern fragt nach deren Legitimität. Solches kritische Vorgehen verlangt seinerseits eine plausible Begründungsbasis. Und hier kann ich nun jene Grundsubstanz, der ich bei unserm Autor nachspürte, auf einen Begriff bringen: Es ist die Ermöglichung des Daseins und des ihm zugehörigen Entfaltungsraums, was Handeln und Schreiben des heute mit der Kesten-Medaille Gewürdigten motiviert und legitimiert. „Ermöglichung des Daseins“: damit spiele ich auf eine Formulierung Georg Büchners an, und das um so lieber, als in dem allerersten Text des Werkbandes „Gespräche mit Günter Grass“ zu lesen ist, datiert auf Februar 1958: „Sie fragen mich nach meinen geistigen Ahnen: Büchner, Büchner, immer wieder Georg Büchner! Von ihm kommt alles her“ (Werke, Bd.10, S.6). So der damals Dreißigjährige. In Büchners Novelle „Lenz“ steht der Satz: „Ich verlange in allem Leben, Möglichkeit des Daseins, und dann ist's gut.“ Der Versuch der Aufklärung ist strapaziöse Mühsal; im Alltagsjargon: Sisyphosarbeit. Grass jedoch hat vom „heiteren Steinwälzer“ berichtet. Wünschen wir ihm und uns, daß er weiterhin von der Lust des Steinewälzens nicht ablassen kann, wie er es im Buch „Kopfgeburten“ (5.Kap.) erzählt hat: Als mir [... ] der Begriff des Absurden zur Person wurde, als ich (angeekelt vom christlich-marxistischen Hoffnungsquark) den heiteren Steinwälzer als jemanden verstand, der zum vergeblichen Steinewälzen, zum Spott auf Fluch und Strafe einlud, suchte ich meinen Stein und wurde glücklich mit ihm. Der gibt mir Sinn. Der ist, was er ist. Kein Gott, keine Götter nehmen mir den; es sei denn, sie kapitulierten vor Sisyphos und ließen den Stein auf dem Berg. Langweilig wäre das und keinen Wunsch wert Was aber ist mein Stein? Die Mühsal der nicht ausgehenden Wörter? Das Buch das dem Buch das dem Buch folgt? Oder die deutsche Fron, das bißchen Freiheit für Steinewälzer (und ähnlich absurde Narren) immer wieder bergauf zu sichern? Oder die Liebe samt ihrer Fallsucht? Oder der Kampf um Gerechtigkeit gar, dieser so mühsam berggängige, dieser so leichthin talsüchtige Brocken? Das alles macht meinen Stein rund und eckig. Ich sehe ihn auf der Kippe, bin seinem Abstieg in Gedanken voraus. Er enttäuscht mich nie. Er will von mir nicht, ich will von ihm nicht erlöst werden. Menschlich ist er, mir angemessen und auch mein Gott, der ohne mich nichts ist. Kein himmlisch Jerusalem kann sein Tauschwert sein, kein irdisches Paradies ihn unnütz machen. Deshalb verlache ich jede Idee, die mir die letzte Ankunft, die endliche Ruhe des Steins auf dem Gipfel verspricht.



Urtitel:
Karl Otto Conrady: Günter Grass - Porträt
Anfang/Ende:
Peter Rühmkorf, aus … dem Gipfel verspricht.
Genre/Inhalt:
Biographie
Präsentation:
Rede
Historischer Kontext:

Die Hermann-Kesten-Medaille wird seit 1985 vom deutschen P.E.N.-Zentrum für besondere Verdienste in der Arbeit für verfolgte Autoren verliehen. 1995 erhielt Günter Grass die Auszeichnung. Die Laudatio auf den Preisträger hielt Karl Otto Conrady.

Schlagworte:

Person:
Rühmkorf Peter; Vormweg Heinrich; Fontane Theodor; Führmann Franz; Adorno Theodor W.; Fleming Paul; Kohout Pavel; Seghers Anna; Frisch Max; Erhard Ludwig; Büchner Georg; Schnurre Wolfdietrich
Werke:
Die Blechtrommel; Aus dem Tagebuch einer Schnecke; Über das Selbstverständliche; Schreiben nach Auschwitz; Lilien aus Schlaf; Kopfgeburten oder Die Deutschen sterben aus; Katz und Maus; Hundejahre; Der Butt; Die Rättin; Ein weites Feld; Zunge zeigen; Totes Holz; Ein Schnäppchen namens DDR; Danziger Trilogie; Briefe über die Grenzen
Sach:
Essen; Geschichte; Entwicklungspolitik; Kochen; Zeichnen; Biographie; Rowohlt-Bildmonographie; Hermann-Kesten-Medaille; Torturbüchlein; PEN-Zentrum; Pinsel; Kreide; Blei; Kohle; Feder; Sozialpolitik; Heilsarmisten; Machtpolitiker; Rationalist; Aufklärer
Aufnahme:

Sprachen:
deutsch
Kopie:

Länge der Kopie:
00:25:09
Tonträger:
DAT
Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Herkunft:

Sender / Institution:
Westdeutscher Rundfunk (WDR)
Archivnummer:
384399
Teilnehmende:

Person:
Kogel, Jörg-Dieter (Redaktion)
Person:
Conrady, Karl Otto (Autor(in))
Person:
Conrady, Karl Otto (Vorredner(in))

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Zitierform:

Conrady, Karl Otto: Karl Otto Conrady: Günter Grass - Porträt.

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