Logo der Günter Grass Stiftung Bremen

Webdatenbank

Medienarchiv

DB-Nummer: 522
10.20379/dbaud-0522

Gespräch mit Günter Grass und Per Øhrgaard : Anlässlich des Übersetzertreffens zu "Mein Jahrhundert"

Harro Zimmermann sprach mit Günter Grass und dem Übersetzer des Grass'schen Werkes ins Dänische, Per Øhrgaard, anlässlich des Übersetzertreffens zu 'Mein Jahrhundert' im Frühjahr 1999 in Göttingen. Literatur kann durch die Übersetzung geschwächt werden. Die puristische Reaktion ist, dass nicht übersetzt werden darf, was Grass nicht so sieht. In seinen Anfangsjahren ist er mit viel negativer Rückmeldung auf seine übersetzten Bücher konfrontiert worden, Ungenauigkeiten und Fehler, doch das war stets zu spät. Nach Veröffentlichung ändert kein Verlag mehr etwas. Mitte der Siebziger Jahre konnte Grass bei Fertigstellung von "Der Butt" Bedingungen an den Luchterhand Verlag stellen. Für die Übersetzer sollte ein Arbeitstreffen stattfinden. Das wurde fortgesetzt bis zum neuen Buch "Mein Jahrhundert". Einige sind dabei, die bereits beim ersten Treffen teilnahmen und damals gemeinsam gekegelt haben. Regelrechte Freundschaften sind entstanden. Übersetzer sind bescheidene Menschen. Dem Ansehen und Selbstbewusstsein der Übersetzer war das hoffentlich zuträglich. Per Ohrgaard sitzt gerade an der Übersetzung von "Mein Jahrhundert". Bei der Übertragung eines großen Autors hat man immer das Gefühl, dass etwas verloren geht. Nur weniges kann wettgemacht werden. Übersetzungen sind aber notwendig. Auch die deutschen Romantiker, die immer die Unmöglichkeit von Übersetzungen behauptet haben, waren selbst fleißige Übersetzer. Ohrgaard war bei allen Übersetzertreffen von Grass dabei. Dadurch entstehen bessere Übersetzungen. Grass hat ein handwerkliches Verhältnis zum Werk. Andere Autoren wollen mit ihrem Werk nach Veröffentlichung nichts mehr zu tun haben. Die Zielsprache kann durch Übersetzungen gewinnen. Übersetzt werden sollte aber nur das, was das eigene Land nicht hat. Dies ist bei "Mein Jahrhundert" der Fall. Grass selbst hält die Frage des "ob" für müßig. Sein Leben wurde durch etwa die große russische Literatur bereichert. Auch die Shakespear-Adaption von Tieck und Schlegel war zwar voller Fehler, aber zum Teil wundervoller Fehler. Bei den Treffen ermuntert Grass die Übersetzer immer, nicht linear zu übersetzen, sondern das Buch zu einem Werk der Zielsprache zu machen. Der Titel "Der Erlkönig", so Ohrgaard, geht auf einen Übersetzungsfehler zurück. Die Übertragung soll möglichst nicht kommentieren, sondern möglichst wörtlich sein. Dies ist im Dänischen möglich, problematisch ist der Satzbau. Fachwissen ist hilfreich. "Aus dem Tagebuch einer Schnecke" und "Mein Jahrhundert" ist ohne geschichtlichen Hintergrund nicht verständlich. Aber auch die deutschen Leser wissen ja nicht alles. Grass versuchte bei diesem Treffen anfangs immer den Mittelpunkt der Geschichte zu erklären. Ohrgaard weist auf die Auswirkungen hin, die deutsches Handeln im 20. Jahrhundert weltweit verursacht hat. Dies ist überall verständlich. Anderes bereichert. Auch Grass erinnert sich an seine Überraschung, als die Schilderung der Provinz Danzig solch ein weltweites Echo erfahren hat. Bezüglich "Mein Jahrhundert" habe er festgestellt, dass die erste Hälfte des Jahrhunderts von den Deutschen bestimmt worden sei, in der anderen Hälfte habe Deutschland wiederum reagieren müssen, etwa bezüglich des Vietnam-Krieges oder der atomaren Bedrohung. In Deutschland ist Übersetzungsrezension unterentwickelt bis nicht vorhanden. Dies ist in anderen Ländern anders. Skandinavische Länder waren immer auf Übersetzungen angewiesen, so dass es heute in Rezensionen zumindest kurze Übersetzungskritik gibt. Auch die Übersetzer reden zunehmend mehr miteinander. Dies ist auch ein Vorteil der Übersetzungstreffen von Grass. Ein Kollege von Ohrgaard sagte einmal, auf den Romantitel solle man Autor und Übersetzer gleich groß schreiben, auch zum Schutz des Autors.



Urtitel:
Kranich 15/19 / Lesezeichen - Journal für Literatur
Anfang/Ende:
Herr Grass, Sie…die gemacht hat.
Genre/Inhalt:
Literatur
Präsentation:
Gespräch
Schlagworte:

Person:
Øhrgaard Per; Shakespeare William; Tieck Dorothea; Tieck Ludwig; Schlegel August Wilhelm
Werke:
Mein Jahrhundert; Der Butt; Aus dem Tagebuch einer Schnecke
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
04.04.1999
Sprachen:
deutsch
Original:

Originallänge:
00:15:40
Kopie:

Länge der Kopie:
00:15:48
Tonträger:
DAT
Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Herkunft:

Sender / Institution:
Radio Bremen (RB)
Sendereihe:
Lesezeichen - Journal für Literatur
Archivnummer:
393396
Teilnehmende:

Person:
Zimmermann, Harro (Interviewpartner)
Person:
Zimmermann, Harro (Redaktion)
Person:
Grass, Günter (Beitragende(r))
Person:
Øhrgaard, Per (Beitragende(r))
Person:
Scherf, Henning (Beitragende(r))

Zitieren

Zitierform:

Kranich 15/19 / Lesezeichen - Journal für Literatur.

Rechte

Nutzung und Vervielfältigung:
Alle Rechte vorbehalten

Export