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Medienarchiv

DB-Nummer: 528
10.20379/dbaud-0528

Günter Grass und Wolfgang Thierse bei "Schriftsteller treffen Politiker. Anstiftung zu einem Dialog" : Gespräch nach einer Lesung aus "Mein Jahrhundert"

Günter Grass las zunächst aus seiner Chronik (sic) "Mein Jahrhundert".Im Anschluss diskutierten Günter Grass und Wolfgang Thierse gemeinsam mit Hans Christoph Buch über Kunst und Politik. Wolfgang Thierse über seine Lektüre von "Mein Jahrhundert". Verlauf des Gesprächs: Dokument setzt mittendrin ein. Thierse: Wolfgang Thierse äußert sich zu "Mein Jahrhundert"; er hat das Buch vor der Lesung bereits gelesen und spricht von der gelungenen Anlage des Buches in vielen verschiedenen Perspektiven; Hans-Christoph Buch: Frage an Grass: Wie entsteht ein Buch wie "Mein Jahrhundert"? Grass: zunächst Vorstellung, etwas über das ausgehende Jahrhundert zu schreiben; Einzelperspektive (alte Frau) wurde für nicht ausreichend befunden; Grass habe sich dann selbst aufgeben müssen, um in die Haut von Personen zu kriechen "die mir selbst äußerst unsymphatisch sind", was ihm dann sogar Spaß gemacht hat; Devise des Buches: "Ich, ausgetauscht gegen mich"; manchmal sei das Aquarell oder das Motto der Geschichte zuerst da gewesen, machnmal auch umgekehrt; lange Vorarbeiten, Materialsammlung; Thierse: Beispiel "1937" (Bombardierung von Alcázar); erhellende Einsichten in dem Buch durch "Miniaturen", d.h. kurze Sätze und Hinweise; Erinnerung an Polen und Willy Brandt; Grass: "1937" als Vorwegnahme heutiger Kriege (Golfkriege); überraschende Einsichten beim Einstieg in das Material zum Boxeraufstand ("1900"): neue Waffensysteme der beteiligten Länder; gegenwärtige Kriege als Möglichkeit der Erprobung neuer Waffensysteme; Buch: Nachspielen des Spanischen Bürgerkrieges auf dem Pausenhof; Grass: "Jugendereignis meiner Generation, der Spanische Bürgerkrieg"; Grass ist auch der Krieg des faschistischen Italien 1935 noch sehr präsent (Abessinien-Krieg, auch Italienisch-Äthiopischer Krieg genannt); Thierse: andere Perspektive auf Spanischen Bürgerkrieg im Osten (DDR); Grass: Erläuterungen zum Spanischen Bürgerkrieg; Buch: Frage an Thierse und Grass: Willy Brandts Verhältnis zur Literatur bzw. zur Literatur von Grass; Bedeutung Brandts für Thierse zu DDR-Zeiten; Grass: Brandt habe sehr viel gelesen, aber weniger fiktionale Literatur; Brandt sei anwesend gewesen bei der Uraufführung der "Plebejer" in Berlin, sei von dem Stück beeindruckt gewesen und habe Grass einen Brief dazu geschrieben; zudem Offenheit Brandts gegenüber Schriftstellern und Intellektuellen; Kunst des Zuhörens bei Brandt; Thierse: 1964 Studium in Ost-Berlin; Thierse sei am Grenzübergang Friedrichstraße Zeuge des ersten Passierscheinabkommens gewesen ("Ich wollte mir das ansehen" - Applaus im Publikum); hier sei Thierse klar geworden, was Politik sei: konkretes Engagement für Menschen; Grass: Brandts Erbe für die Gegenwart: Notwendigkeit eine Weltinnenpolitik und einer gerechteren Wirtschaftsordnung; Nord-Süd-Bericht Brandts; Auswirkungen der Versäumnisse heute: Terrorismus; direkte und indirekte Unterstützung des Terrorismus durch die USA; das ist "ein Hinweis darauf, dass wir auf uns zurückweisen müssen, wenn wir anklagen" (Applaus); Thierse: stimmt Grass zu; man müsse aber vorsichtig sein, dass die jetzigen Opfer nicht zu Tätern gemacht würden; Grass: Mitgefühl für amerikanische Bevölkerung ja, aber "niemand kann von mir Mitgefühl für die amerikanische Regierung verlangen" (Applaus); Thierse: Kritik muss geäußert werden dürfen; nicht nur soziale und ökonomische Ursachen für Terrorismus, sondern auch religiöse/ideologische Ursachen (Applaus); Islamismus als Verfälschung des Islam zu einer "Gewaltbegründungsideologie"; Trennung von Kirche und Staat muss diskutiert werden; Globalisierung fordert auch "furchtbare Verlierer", woran gearbeitet werden muss; auch kulturelle Gleichberechtigung muss angestrebt werden; (Applaus); Thierses Erfahrungen im Ausland und der Anschlag vom 11. September haben ihm gezeigt, "dass das Böse existiert"; Reaktionen auf Terrorismus (Innenpolitik) im Vergleich zu Reaktionen auf den bei Grass beschriebenen Boxeraufstand; Frage nach Einschätzung von Grass; Grass: innerhalb des Islam muss der Fundamentalismus diskutiert werden; Islam und Fundamentalismus dürfen nicht gleichgesetzt werden; "das Christentum ist im Verleich zum Islam weit blutiger gewesen"; absolut unversändlich sei, wie ein amerikanischer Präsident "offenbar ohne geschichtliche Kenntnisse" von einem "Kreuzzug" sprechen könne; Grass warnt vor Schwarz-weiß-Denken der Fundamentalisten wie des amerikanischen Präsidenten; Thierse: hat ebenfalls etwas gegen die Aufrüstung der Sprache; deutsche Politiker seien deutlich differenzierter; amerikanische Regierung reagiert "politischer, als wir erwartet haben" und folgt nicht gänzlich dem Präsidenten; Weltinnenpolitik scheint sich jetzt als Allianz mehrerer Staaten zu realisieren; theologische Vokabel des "Bösen" wohl eher eine Hilfskonstruktion für Unbegreifbares; Buch: 11. Semptember ist auch Jahrestag des Putsches in Chile, was kaum ein Kommentator bemerkt habe; in New York sind innerhalb von Minuten doppelt so viele Menschen gestorben wie in Chile; ist es überhaupt möglich, nichts zu tun? Möglichkeiten von Polizei und Interpol? Grass: Möglichkeiten sind schwer abzuschätzen; Anstrengungen zum Dialog müssen gemacht werden, sonst wird Terrorismus sich fortsetzen; Verbindung von Terrorismus mit rechten Kräften wird deutlich und kann zu weiterer Gefahr werden; Buch: Waffenstillstand im Nahen Osten als Chance? Grass: Setzt voraus, dass man Israel klarmachen kann, seine Besatzungspolitik aufzugeben (Applaus); Besatzung- und Siedlungspolitik sind Unrecht; Thierse: Europa muss sich mehr im Nahost-Konflikt engagieren; Joschka Fischer zeige richtige Ansätze; Existenz des Staates Israel werde auch nicht respektiert; Gewaltspirale im Nahen Osten; Zusammenhänge zur jetzigen Situation; zynische Äußerungen und Schadenfreude gegenüber den USA sind unangebracht; Erforderlichkeit eines internationalen Gerichtshofs; Bewusstseinswandel in den USA: Öffnung für internationale Zusammenhänge; Chance für mehr Politik; Buch: Gewaltakte der Taliban, Unterdrückung der Frauen; Sturz der Taliban durch militärische Mittel wäre legitim; Grass: warnt vor Militärschlägen; mit Bekämpfung des Terrorismus seien in der Vergangenheit demokarische Freiheitsrechte eingeschränkt worden; auf diesem Weg sei man auch jetzt; Resultat: Schwächung der Demokratie; unverhältnismäßige Eingriffe in demokratische Freiheitsrechte; Thierse: will vorsichtig sein, da er nicht so viel Sachkenntnisse über Rasterfahndung habe; Grass: Fassen der Terroristen (RAF) waren keine Erfolge der Rasterfahndung; RAF ist an sich selbst gescheitert; Thierse: hat mit der Wiedervereinigung Freiheit erfahren; daher sein Motto: alles was Freiheit fördert, sollte man tun - alles was Freiheit einschränkt, sollte man vermeiden; momentan schwierige Situation; jedes einzelne Instrument gegen Terrorismus muss genau geprüft werden; Grass: bittet Thierse, sich über Rasterfahndung zu informieren, damit dieser "bei der nächsten Gesprächsrunde darüber bescheid weiß"; Buch: Kontrolle und zeitliche Beschränkungen der Mittel; Thierse-Zitat aus einem Aufsatz: Unterscheidung von "Werk und Handeln"; Thierse: Erläuterung des Aufsatzes und des Zitats; Grass: ist froh, "dass wir den Wolfgang Thierse haben"; auch der Bundespräsident habe die richtigen Worte gefunden; in der Literatur seien Antworten auf aktuelle politische Fragen zu finden: "Wenn ihr den Terrorismus bekämpfen wollt, lest Döblin und Dostojewski!"; Schlussworte und Schluss-"Plädoyers" von Thierse und Grass.



Urtitel:
Anfang/Ende:
Wir sind nicht…unterstützen. Danke schön. (BEIFALL, ATMO)
Genre/Inhalt:
Literatur
Präsentation:
Diskussion
Historischer Kontext:

"Schriftsteller treffen Politiker. Anstiftung zu einem Dialog" Veranstaltung der Autorenbuchhandlung Berlin aus Anlass ihres 25jährigen Bestehens am Sonntag, 7. Oktober 2001, 11.30 Uhr, im Studio der Berliner Akademie der Künste.

Schlagworte:

Person:
Brandt Willy; Fischer Joschka; Döblin Alfred; Dostojewski Fjodor
Werke:
Mein Jahrhundert; Die Plebejer proben den Aufstand
Sach:
Erzählperspektive; Golfkrieg; Spanischer Bürgerkrieg; Terrorismus; Kirche; Globalisierung; Fundamentalismus; Christentum; Wiedervereinigung; Demokratie; Rasterfahndung; RAF; Taliban; Nahost-Konflikt; 11. September; Staat; Islamismus; Nord-Süd-Bericht
Geo:
Polen; Spanien; Italien; DDR; USA; Chile; New York; Israel; Alcázar; Grenzübergang Friedrichstraße Berlin
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
07.10.2001
Aufnahmeort:
Berlin: Akademie der Künste
Sprachen:
deutsch
Anmerkung Qualität:
Aufnahme läuft zu langsam
Kopie:

Länge der Kopie:
01:17:43
Tonträger:
DAT
Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Teilnehmende:

Person:
Thierse, Wolfgang (Beitragende(r))
Person:
Buch, Hans-Christoph (Beitragende(r))
Person:
Grass, Günter (Beitragende(r))

Zitieren

Zitierform:

Berlin: Akademie der Künste .

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