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Medienarchiv

DB-Nummer: 529
10.20379/dbaud-0529

Fritz J. Raddatz - 70. Geburtstag : Eine Veranstaltung des Literaturhauses Hamburg

Rezension der Veranstaltung in Die Welt vom 29. September 2001: Streitlustig wie eh und je Fritz J. Raddatz feierte seinen 70. Geburtstag im Literaturhaus "Ein neuer Fritz J. ist nicht unter Euch!" Günter Grass sprach diesen Satz als Geburtstagsredner zum Siebzigsten von Fritz J. Raddatz im Literaturhaus und musterte dabei mit altväterlicher Strenge die vielen Vertreter der Zunft, zu der auch das Geburtstagskind gehört. Hätte noch gefehlt, dass Grass seinem Diktum ein "Wahrlich, ich sage Euch!" vorangestellt hätte. So schön kann es sein, wenn zwei Titanen des deutschen Literaturbetriebs und der jüngeren deutschen Geistesgeschichte zusammentreffen: Da wird geraunt und gestaunt, auch wenn die Spaßgesellschaft von Geistesgrößen sonst kaum noch Notiz nimmt. Im restlos ausverkauften Literaturhaus freute sich Raddatz über die Laudatio von Grass und über die gesungenen Tucholsky-Interpretationen der Schauspieler Angelika Thomas und Andreas Pietschmann. Liebevoll charakterisierte der Laudator Grass dann den Agent provocateur Raddatz, der die Kultur immer von exponierter Warte aus als geistigen Erregungszustand begriff - in der Verlagsleitung von Rowohlt etwa oder als Feuilletonchef der "Zeit". Das kulturelle Kraftwerk Raddatz: Als Biograf, Essayist, Literaturwissenschaftler und Romancier meldet sich der frankophile Exzentriker immer wieder zu Wort. Der Nobelpreisträger Grass würdigte den gelegentlich auch immer noch zornigen alten Mann, als wäre dieser eine seiner schillerndsten Romanfiguren. Wie treffend Grass mit wenigen Skizzen die Charakterisierung gelang, bewies der Jubilar höchstselbst, als er einen Einblick in seine unveröffentlichten Tagebücher gewährte, in denen er sich nicht lange mit Harmlosigkeiten aufhält: Der Schöngeist schwadroniert scharfzüngig und feingeistig sowohl über Puffbesuche, vermeintliche sexuelle Orientierungen und Obsessionen von Kollegen, als auch über die Vermögensverhältnisse des Medienmanagements. Über den "Flegeljournalismus" des "Spiegel" zieht er her, und auch das Verhalten der Standeskollegen bei der Beerdigung der Verlegerlegende Bucerius bietet ihm Stoff für einen Rundumschlag gegen das Establishment. Nach dieser Kostprobe dürfen wir auf die Veröffentlichung der Tagebücher gespannt sein, die dem Vernehmen nach geplant ist. Dieses Tagebuch könnte sich als ein wahrer Giftschrank entpuppen. Kostprobe: Rolf Hochhuths klammheimliche Faszination für die Großen der Geschichte ist in Raddatz' Augen ein Indiz für "nicht angefasste Schwänze". Rudolf Augstein, Uwe Johnson, Peter Rühmkorf - vor diesem Tagebuch ist niemand sicher. Alle angesprochen Anwesenden nahmen die Anmerkungen jedoch mit Humor. Tsc



Urtitel:
Anfang/Ende:
(Anmoderation) Guten Abend und…verschaffen. Vielen Dank. (BEIFALL)
Genre/Inhalt:
Biographie
Präsentation:
Rede
Historischer Kontext:

Ankündigung der Veranstaltung: Romancier, Kritiker, Wissenschaftler Fritz J. Raddatz zum 70. Geburtstag 27.9. 20.00 Uhr Literaturhaus, Schwanenwik 38 Eintritt: 20.-/15.- DM. Die "unvergleichliche Kohabition von Paradiesvogel und Provokateur, Polemiker und Exzentriker, Connaisseur und Moralist, Selbstdarsteller und Querdenker, engagiertem Intellektuellem und Dandy" (Ursula Keller), die sich da in einer Person zu einem fröhlichen Aufstand gegen das Mittelmaß, gegen das Kleine und Alltägliche zusammenfinden, hat manchen Skandal provoziert und ist bis heute Sand im Getriebe des auf Konsens abbonierten Literaturbetriebs. Seine Buchveröffentlichungen, insgesamt weit über 20 Bände, umfassen Biographien, Essays, Gespräche, Portraits, Romane und Erzählungen, dazu kommen zahllose Feuilletons. In den 70er und 80er Jahren war er einer der einflussreichsten Literaturkritiker der Bundesrepublik, einer "der ganz großen Feuilletonchefs der deutschen Zeitungsgeschichte" (Frank Schirrmacher). Dass Fritz J. Raddatz, der Kritiker und Wissenschaftler, dann auch noch als Schriftsteller erfolgreich war, wollte man ihm hierzulande anfänglich kaum verziehen. Doch sein inzwischen umfangreiches Prosawerk, das vorwiegend von dem vom Faschismus geprägten Deutschland erzählt, spricht für sich: die als Entwicklungsgeschichte angelegte, international erfolgreiche Romantrilogie "Kuhauge" (1984), "Wolkentrinker" (1987) und "Abtreibung" (1991), der Roman "Gestörte Balance" (1996) und schließlich die Erzählung "Ich habe dich anders gedacht", die in diesen Wochen erschienen ist. Fritz J. Raddatz wird in diesem Herbst sicher auch in Hamburg noch aus seinem neuen Buch lesen, doch vorher darf gefeiert werden: zum 70. Geburtstag gratuliert im Literaturhaus Günter Grass, der Texte des Jubilars lesen und über ihn sprechen wird, Fritz J. Raddatz liest aus unveröffentlichten Tagebüchern, und Angelika Thomas und Andreas Pietschmann singen und sprechen Texte von Tucholsky, begleitet am Klavier von Michael Jan Haase.

Schlagworte:

Person:
Raddatz Fritz J.
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
27.09.2001
Aufnahmeort:
Hamburg: Literaturhaus
Sprachen:
deutsch
Anmerkung Qualität:
Beginn sehr leise, fast unverständlich.
Kopie:

Länge der Kopie:
01:40:31
Tonträger:
DAT
Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Teilnehmende:

Person:
NN, (Beitragende(r))
Person:
Raddatz, Fritz J. (Beitragende(r))
Person:
Grass, Günter (Beitragende(r))
Person:
Thomas, Angelika (Beitragende(r))
Person:
Pietschmann, Andreas (Beitragende(r))

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Zitierform:

Hamburg: Literaturhaus .

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