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Medienarchiv

DB-Nummer: 531
10.20379/dbaud-0531

Die Zeit der Sprechblasen ist vorbei : Günter Grass im RADIO-BREMEN-Gespräch über die ersten 100 Tage der rot-grünen Regierung mit Jörg-Dieter Kogel und Harro Zimmermann

Frage: Wie fällt Grass' Bilanz zu den ersten 100 Tagen rot-grüner Bundesregierung unter Kanzler Gerhard Schröder aus? Grass: ist froh, dass die Ära Kohl vorbei ist; die neue Regierung sei sofort von Rechts und von Links angegriffen worden, was Grass als unfair empfindet; ein paar "unsinnige und unsoziale Beschlüsse" der alten Regierung seien bereits rückgängig gemacht worden (z.B. Lohnfortzahlung im Krankheitsfall oder Schlechtwettergeld); sehr wichtig sei, dass die Regierung besonders heikle Themen wie den Atomausstieg oder die Finanzreform angesprochen habe; dies sei auf Widerstände gestoßen, Politiker wie Jürgen Trttin oder Oskar Lafontaine würden sich davon aber nicht beeinflussen lassen; im Bundeskanzleramt gebe es aber noch Schwierigkeiten bei der Koordination; auf von Innenminister Schily hat Grass mehr erwartet, insbesondere in der Asylfrage; die Praxis der Abschiebung von Asylbewerbern sei nicht hinzunehmen und Grass hofft, dass Schily daran etwas ändern wird Frage: Otto Schily hat eine Vorlage für eine Novelle zum Staatsbürgergesetz eingereicht, die CDU hat darauf mit einer bundesweiten Unterschriftenaktion reagiert Grass: die Aktion der CDU sei eine Ohrfeige für Helmut Kohl, dessen Leistungen Grass in der Europapolitik sieht; die Unterschriftenaktion, die zudem die Rechtsradikalen in ihrer Position bestärke, sei dagegen europafeindlich; wenn man nicht in der Lage sei, sieben Millionen Ausländer, die inzwischen integriert seien, als gleichbereichtige Bürger anzuerkenne, sei dies "ein erbärmliches Zeugnis" Frage: Die intellektuelle Selbstdarstellung der Bundesregierung bleibt blass, wenn Gerhard Schröder in Bezug auf das Holocaust-Mahnmal davon spricht, dass es "Spaß" machen müsse, dieses zu betreten. Bestehen in diesem Punkt Defizite bzw. Diskussionbedarf? Grass: Schröder habe gute Akzente damit gesetzt, Michael Naumann als Minister für Kultur in sein Kabinett aufzunehmen. Dies sei eine Sensation gewesen; das Thema Kultur habe zum ersten Mal bis in die Schlussphase des Wahlkampfes eine Rolle gespielt; Naumann habe seine Meinung gegenüber einem Holocaust-Mahnmal geändert und mit dem Architekten Eisenman ein neues Konzept entwickelt; Grass wünscht sich, dass damit die Diskussion um das Mahnmal aufhört; man dürfe aber nicht nur der Juden gedenken, dies habe auch Ignatz Bubis angemerkt; auch andere Opfer der "verbrecherischen Politik" des Nationalsozialismus müssten einbezogen werden: Sinti und Roma, Homosexuelle, Polen, Russen und politische Häftlinge; man habe dafür zu sorgen, dass die junge Generation über diese Verbrechen aufgeklärt sei; ein reines Mahnmal würde jedoch nicht ausreichen, es müsse auch ein Haus mit Ausstellungen, Bibliotheken, Tagungen und Informationsmöglichkeiten zum Holocaust geben Frage: Hat die Walser-Bubis-Debatte einen Einfluss darauf gehabt, dass die Fronten bei der Debatte um das Holocaust-Mahnmal nicht mehr so verhärtet sind? Grass: Neben den Missverständnissen habe die Walser-Rede bewirkt, dass das von Walser empfohlene "Wegsehen" nicht zulässig sei; Walser habe den Fehler gemacht, seinen Wunsch nach "Wegsehen", der für Grass nachvollziehnbar ist, öffentlich gemacht zu haben; diesen Wunsch nach "Normalität" hätte er konjunktivischer und als Wunschvorstellung formulieren müssen; das Bedürfnis nach "Normalität" habe es seit den 1950er Jahren immer wieder gegeben; doch u.a. die Nachkriegsliteratur habe sich dagegen gewehrt; dies sei ein Verdienst der Literatur; auch jüngere Generationen hätten die Verantwortung begriffen; Grass hofft, dass die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit auch als Gewinn verstanden werde Frage: Die neue Bundesregierung setzt sich in großen Teilen aus der 68er-Generation zusammen; stört es Grass, dass man vom "Spaß" am Regieren spricht? Grass: Der unverkrampfte und mutige Ton sei überraschend, Joschka Fischer sei mit Mut und "Grazie" in das Amt des Außenministers "hineingehüpft" und habe seinen Vorgänger schnell vergessen gemacht; der neue Ton sei nicht aus Naivität entstanden, sondern aus dem Bewusstsein über das Herkommen, die Revolte in der Jugend und den Lernprozessen, die danach eingesetzt hätten; die 68er würden jetzt tagtäglich erleben, welche Widersprüche in der Wirklichkeit herrschten Frage: Die Bundesregierung hat erinnerungspolitische Aufgaben, über die viel geredet wird; müssen den Worten jetzt Taten folgen (Entschädigung der Zwangsarbeiter, der Sinti und Roma, der Juden)? Grass: Die Regierung müsse in erster Linie die Opferseite vertreten und nicht die deutsche Industrie vor übersteigerten Entschädigungsansprüchen schützen; in der Bundeswehr gebe es unter einem sozialdemokratischen Verteidigungsminister die Möglichkeit, eine Sturkturreform zu beginnen, angefangen von den Bibliotheken der Bundeswehr (für die Grass in den 60er Jahren gespendet hat) bis hin zur Benennung der Kasernen; letzteres habe auch der Minister für Kultur angesprochen, es gebe immer noch Kasernen, die nach Nazi-Generälen benannt seien; statt dessen solle man auf Namen von deutschen Offizieren und Soldaten des Zweiten Weltkriegs zurückgreifen, die Mordbefehle verweigert hätten Frage: Bei Grass Beurteilung der neuen Bundesregierung fällt viel Sympathie und Lob auf, was für viele überraschend ist Grass: eingeschränktes Lob hinsichtlich des Innenministers und des Bundeskanzleramts; er scheue sich auch nicht, Lob zu äußern; ein Schriftsteller oder Intellektueller müsse sich nicht auf das "dagegen" beschränken



Urtitel:
Anfang/Ende:
Herr Grass, Sie…habe, warum nicht.
Genre/Inhalt:
Politik
Präsentation:
Gespräch
Historischer Kontext:

100 Tage rot-grüne Bundesregierung unter Kanzler Gerhard Schröder

Schlagworte:

Person:
Kohl Helmut; Schröder Gerhard; Trittin Jürgen; Lafontaine Oskar; Naumann Michael; Rosh Lea; Walser Martin; Fischer Joschka; Schily Otto; Bubis Ignatz; Eisenman Peter
Sach:
Bundestagswahlkampf; Rot-Grün; Rechtsradikalismus; Europa; Deutsche Sprache; Kultur; Wirtschaft; Asyl; CDU; Holocaust-Mahnmal; Lohnfortzahlung im Krankheitsfall; Schlechtwettergeld; Finanzreform; Atomenergie; Geldpolitik; Staatsbürgergesetz; Europapolitik
Geo:
Europa
Zeit:
1968; 1960er Jahre
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
28.01.1999
Sprachen:
deutsch
Kopie:

Länge der Kopie:
00:20:17
Tonträger:
DAT
Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Teilnehmende:

Person:
Kogel, Jörg-Dieter (Interviewpartner)
Person:
Zimmermann, Harro (Interviewpartner)
Person:
Grass, Günter (Beitragende(r))

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