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DB-Nummer: 534
10.20379/dbaud-0534

Nobler Herr im Frack : Harro Zimmermann im Gespräch mit Günter Grass nach der Nobelpreisverleihung

Frage: Wie hat Grass sich bei der Verleihung des Literaturnobelpreises in Stockholm gefühlt? Grass: "merkwürdige Mischung aus Hochspannung und auch Erleichterung"; er sei in Deutschland ein umstrittener Autor, was er oft als anstrengend empfinde; auch nach der Bekanntgabe des Preises habe ihn die Springer-Presse, die FAZ und sogar die Frankfurter Rundschau angefeindet; der Empfang in der Schwedischen Akademie sei sehr angenehm gewesen; er sei überrascht gewesen, wie tiefgreifend man sein literarisches Werk wahrnehme, dies erlebe er in Deutschland selten; dadurch habe er wohl bei der Verleihung glücklich gewirkt; hinzu komme, dass seine Familie dabei gewesen sei; Frage: Grass als Republikaner im Frack hat gelegentlich gegen die Etikette verstoßen... Grass: ist sich dessen nicht bewusst gewesen; der schwedische König habe scheinbar gedankenversunken da gesessen, da habe er ihm zugeprostet; Frage: Grass hat durch den Nobelpreis wieder viel mit der internationalen Presse zu tun gehabt; was wollen ausländische Journalisten im Gegensatz zu den deutschen von ihm wissen? Grass: Im Ausland würden seine Bücher vor allem literarisch gesehen; "Ein weites Feld" habe man in Deutschland nur oberflächlich politisch gelesen, in Europa hingegen literarisch; in Frankreich habe man das Hugenotten-Thema beispielsweise aufmerksam verfolgt, aber auch die erzählerische Konstruktion mit den beiden Hauptfiguren Fonty und Hoftaller, die mit den Figuren Bouvard und Pécuchet bei Flaubert vergleichbar seien; diese literarischen Bezüge würden wahrgenommen, daher sehe die Reaktion auf den Nobelpreis in Frankreich ganz anderes aus als die Reaktion in Deutschland; eine große Literaturzeitschrift habe ihm eine gute Titelgeschichte gewidmet, in Deutschland sei so etwas nicht mehr möglich, hier gebe es nur das schnelllebige Feuilleton, das auch von ausländischen Journalisten mit Befremden so wahrgenommen würde; Grass ist es manchmal peinlich, über die deutsche Literaturkritik Auskunft zu geben; Frage: Den Nobelpreis hat Grass für sein Gesamtwerk erhalten und nicht, wie es in Deutschland teilweise zu lesen war, für "Die Blechtrommel"; auch im Ausland sieht man dies anders... Grass: Der Sekretär der Schwedischen Akademie habe darauf hingewiesen, dass man keine zweite "Blechtrommel" hätte schreiben können; man habe dort sehr genau wahrgenommen, dass Grass sich ab Mitte der 60er Jahre mit "örtlich betäubt" und "Aus dem Tagebuch einer Schnecke" der Gegenwart zugewandt habe und in "Der Butt" nach Danzig zurückgekehrt sei; auch sein Engagement als politischer Bürger würde im Ausland eher verstanden als in Deutschland; Frage: Wie sahen die Reaktionen aus? Welche Politiker haben sich bei Grass gemeldet? Grass: es habe eine Reihe von Glückwunschtelegrammen gewesen, viele aber von Referenten geschrieben; bei Joahnnes Rau oder Wolfgang Thierse seien es aber "Glückwünsche von Lesern" gewesen; aus der CDU habe einzig Kurt Biedenkopf auf angenehme Art und Weise gratuliert; Frage: Grass hat nie zum "Klassiker" werden wollen - besteht nun durch den Nobelpreis die Gefahr, dass er es doch wird? Grass: glaubt dies nicht; der Begriff sei ein "künstlich aufgepfropfter"; es gebe zwar im 20. Jahrhundert Autoren wie Thomas Mann oder Brecht, deren Werk sehr geschlossen sei; sein Lehrer Alfred Döblin habe dagegen bei jedem Buch neu angesetzt; daran hat Grass selbst sich orientiert; Thomas Mann bilde den Abschluss einer bestimmten Erzählweise, Döblin habe dann immer wieder neue Methoden ausprobiert, an sein Werk könne man heute noch anknüpfen; es sei kein Zufall, dass viele Nachkriegsautoren (Koeppen, Arno Schmidt, Rühmkorf) ebenfalls mehr oder weniger an Döblin angeknüpft hätten; Frage: Der "Spiegel" hat auf den Nobelpreis mit einem Aufmacher reagiert über Grass und die deutsche Gegenwartsliteratur. Darin heißt es, Grass rege die junge Schriftstellergeneration an. Kann Grass das bestätigen? Grass: Der Preis werde offenbar überschätzt; im Ausland würden sich einige Autoren offen zu ihm bekennen (Irving, Rushdie), die Erzählweisen von ihm übernommen und weiterentwickelt hätten; bei jungen deutschen Autoren gebe es dies sicher auch; Grass hält es jedoch für eine unsinnige Bevormundung, dass jungen Autoren ein Image aufgedrückt werde; Frage: Bei der Berichterstattung über die Nobelpreisverleihung ist das Wort "Volkschriftsteller" aufgekommen Grass: Hätte dagegen nichts einzuwenden, doch der Begriff entspreche nicht den Tatsachen, da nur eine Minderheit der Bevölkerung sich mit Literatur beschäftige; Frage: Grass versucht, in "Unkenrufe", "Ein weites Feld" und "Mein Jahrhundert" den Leser deutlicher anzusprechen, auch die Umsetzbarkeit der Texte in Lesungen beweist dies Grass: es habe immer eine direkte oder indirekte Ansprache des Lesers gegeben, in der "Blechtrommel" sogar noch stärker; es hänge jedoch vom Buch ab; "Unkenrufe" sei natürlich leichter zugänglich, "Ein weites Feld" dagegen eher als Zumutung konzipiert; bei letzterem sei der Leser gezwungen, sich darauf einzulassen und mit dem historischen Stoff und auch mit Fontane auseinanderzusetzen; "Mein Jahrhundert" greife dagegen auf die Form der Kalendergeschichte zurück, was sehr viel eingängiger sei als "Ein weites Feld"; Frage: Grass spricht in seiner Dankrede für den Nobelpreis von der Geschichte der Poesie, in einer anderen Preisrede in Spanien von der "Subversivität" der Bücher. Worin liegt für Grass die Überlebenfähigkeit der Bücher, der Literatur? Grass: Literatur gehe von dem ursprünglichen Bedürfnis zu erzählen aus, hier liege der orale Ursprung; daher sei es ihm wichtig, die Sätze, die er schreibe, vorher auch zu sprechen.



Urtitel:
Nach der Verleihung des Literaturnobelpreises - Gespräch mit Günter Grass
Anfang/Ende:
Herr Grass, wer…Hinsicht Bestand versprechen.
Genre/Inhalt:
Biographie
Präsentation:
Gespräch
Historischer Kontext:

Die Schwedische Akademie Der ständige Sekretär Pressemitteilung 30. September 1999 Der Nobelpreis in Literatur 1999 Günter Grass "Weil er in munterschwarzen Fabeln das vergessene Gesicht der Geschichte gezeichnet hat" Als Günter Grass 1959 "Die Blechtrommel" herausgab, war es, als wäre der deutschen Literatur nach Jahrzehnten sprachlicher und moralischer Zerstörung ein neuer Anfang vergönnt worden. Auf den Seiten dieses seinen ersten Romans wurde eine verlorene Welt wiedererschaffen, die der Nährboden seines schriftstellerischen Werkes gewesen war, die Heimatstadt Danzig, wie sie Grass aus seinen frühen Jahren vor der Katastrophe des Krieges erinnerte. Hier nahm er sich der großen Aufgabe an, die Geschichte seiner Zeit dadurch zu revidieren, daß er das Verleugnete und Vergessene wieder heraufbeschwor: die Opfer, die Verlierer und die Lügen, die das Volk vergessen wollte, weil es einmal daran geglaubt hatte. Gleichzeitig sprengt das Buch dadurch den Rahmen des Realismus, daß es Hauptgestalt und Erzähler eine teuflische Intelligenz in dem Körper eines Dreijährigen sein läßt, ein Monstrum, das sich der Menschlichkeit mit Hilfe einer Spielzeugtrommel bezwingend nähert. Der unvergeßliche Oskar Matzerath ist ein Intellektueller mit der Kindlichkeit als kritischer Methode, ein Einmannkarneval, der Dadaismus, der im Alltag der deutschen Provinz in dem Augenblick durchgeführt wird, als die kleine Welt in den Wahnsinn der großen Welt hineingezogen wird. Man wagt die Vermutung, daß "Die Blechtrommel" zu den bleibenden literarischen Werken des zwanzigsten Jahrhunderts gehören wird. Günter Grass hat sich als "Spätaufklärer" bekannt in einer Zeit, die der Vernunft müde geworden ist. Er fabuliert und hält gelehrte Vorträge, er fängt Stimmen auf und monologisiert dreist, er ahmt nach und schafft gleichzeitig eine ironische Mundart, die nur er beherrscht. Durch seine Macht über die deutsche Syntax und seine Bereitschaft, ihre labyrinthischen Feinheiten zu nutzen, erinnert er an Thomas Mann. Sein schriftstellerisches Werk ist ein Dialog mit dem großen Erbe deutscher Bildung, der mit sehr strenger Liebe geführt wird. Nach der "Blechtrommel" kehrte Grass in zwei untereinander sehr unterschiedlichen Werken zum Thema Danzig zurück. Die straffe Erzählung "Katz und Maus" zeigt, wie die magische Freundschaft der Knabenjahre untergeht, als die Kriegsspiele auf den wirklichen Krieg treffen. Die "Hundejahre" sind Grass' modernistischstes Werk, ein Text ohne bestimmbares Zentrum, ein Raum für Stimmen und ein Treffpunkt für Fieberträume, die, wie sich zeigt, mit dem Leben zusammenfallen. In anderen Romanen wählte Grass eine eher diskursive Linie und plädierte für den Zweifel und den guten Willen. In der öffentlichen Debatte seines Heimatlands ist er Kraftquell und Fels des Ärgernisses, aber für literarische Größen draußen in der Welt wie García Márquez, Rushdie, Gordimer, Lobo Antunes und Kenzaburo Oe ein bewunderter Vorgänger. Der Roman "Der Butt" bedeutete die Rückkehr des großen Stils in sein schriftstellerisches Werk in Form einer Weltgeschichte, die vollgestopft ist mit wahren Schnurren und hitzigen ideologischen Diskussionen. Grass stellt die Entwicklung der Zivilisation dar als einen Kampf zwischen verheerenden männlichen Träumen von Größe und weiblicher Kompetenz. Der Ausgang ist ungewiß. Der sprechende Butt, den Gebrüdern Grimm abgeworben, ist in seiner Eigenschaft als Ratgeber der Frauen ein Weltgeist, wie Hegel sich ihn nie hätte vorstellen können. Der Erzähler selbst bleibt dagegen eine notorisch unzuverlässige Mannsperson und rettet den Spielraum für Unartigkeiten, ohne den die Kunst stirbt. Die beiden Hauptgestalten in "Ein weites Feld", der ewige Humanist und der ewige Spitzel, setzen vor dem Hintergrund des wilhelminischen Deutschland und der heutigen Bundesrepublik das Verhältnis der künstlerischen Phantasie zur Staatsmacht in Szene. Das Buch war ein Zankapfel der deutschen Literaturkritik, aber befestigte die Stellung des Schriftstellers als desjenigen, der die großen Fragen an die Geschichte unseres Jahrhunderts stellt. Sein letztes Buch "Mein Jahrhundert" ist ein Kommentar, der das zwanzigste Jahrhundert fortlaufend begleitet und einen besonderen Scharfblick für den verdummenden Enthusiasmus zeigt. Der Spatenstich des Günter Grass in die Vergangenheit gräbt tiefer als der der meisten, und er findet, wie die Wurzeln des Guten und Bösen miteinander verschlungen liegen. Wie in den "Hundejahren" festgestellt wird: "Als Gott noch zur Schule ging, fiel ihm auf dem himmlischen Pausenhof ein, mit seinem Schulfreund, dem kleinen begabten Teufel, die Welt zu erschaffen."

Schlagworte:

Person:
Mann Thomas; Flaubert Gustave; Rau Johannes; Thierse Wolfgang; Biedenkopf Kurt; Brecht Bertolt; Döblin Alfred; Koeppen Wolfgang; Rühmkorf Peter; Irving John; Rushdie Salman; König Gustav; Schmid Arno
Werke:
Ein weites Feld; Die Blechtrommel; örtlich betäubt; Aus dem Tagebuch einer Schnecke; Der Butt; Unkenrufe; Fortsetzung folgt
Sach:
Springer-Presse; FAZ; Frankfurter Rundschau; Nobelpreis; Nobelpreis für Literatur; Hugenotten; Dreißigjähriger Krieg; Feuilleton; Schwedische Akademie; Nobelpreisträger; Frack; Republikaner; Etikette; Preußen
Geo:
Stockholm; Frankreich; Spanien; Skandinavien
Aufnahme:

Sprachen:
deutsch
Kopie:

Länge der Kopie:
00:18:54
Tonträger:
DAT
Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Teilnehmende:

Person:
Zimmermann, Harro (Interviewpartner)
Person:
Grass, Günter (Beitragende(r))

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Zitierform:

Nach der Verleihung des Literaturnobelpreises - Gespräch mit Günter Grass.

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