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Medienarchiv

DB-Nummer: 542
10.20379/dbaud-0542

Über das Zeichnen und Schreiben - Eine Dokumentationsausstellung des Goethe-Instituts in der Bremischen Bürgerschaft : Podiumsdiskussion

Diskussionsrunde mit Christian Weber (Präsident der Bremischen Bürgerschaft), Professor Dr. Volker Neuhaus (Universität zu Köln, Herausgeber der Werkausgabe von Günter Grass), Dr. Heinz Glässgen (Intendant Radio Bremen), Joachim Sartorius (Generalsekretär des Goethe-Instituts). Zimmermann: "Weltprämiere": Grass-Ausstellung in der Bremischen Bürgerschaft in Kooperation der Stadt Bremen, Radio Bremens und der Bremer Universitäten mit dem Goethe-Institut; Bremen als neues Grass-Zentrum; Zimmermann an Weber: Hat Christian Weber neue Eindrücke durch die Ausstellung gewonnen? Weber: Auffrischung alter Eindrücke; Erinnerung an die 60er und 70er Jahre, in denen er neuen Grass-Büchern entgegengefiebert habe; Weber ist glücklich, die Ausstellung in der Bürgerschaft zeigen zu können; Zimmermann an Neuhaus: Wie ist Grass als weltweit anerkannter Autor, bildender Künstler und politischer Redner in einer Ausstellung auf 30 Tafeln unterzubringen? Neuhaus: in den "Fundsachen für Grass-Leser" (1997) und "Mein Jahrhundert" habe Grass "fast intime autobiographische Zeugnisse" in seinen Aquarellen geliefert; man habe daher eine daher bildkünstlerische Ausstellung konzipiert, begleitende Texte seien im Katalog zur Ausstellung nachzulesen; es können somit auf den 30 Tafeln ein Eindruck vermittelt werden, der die Möglichkeit gebe, etwas Neues über Grass zu lernen; Zimmermann an Sartorius: die Bremer Ausstellung ist eine Wanderausstellung, die die Goethe-Institute weltweit zeigen werden; Grass ist jedoch kein Repräsentant deutsche Kultur - Probleme, Grass im Ausland zu präsentieren? Sartorius: sieht keine Probleme; Zusammenarbeit mit Grass seit über 40 Jahren; bei Veranstaltungen und Lesungen weltweit seien dabei tausende Zuhörer gekommen; der Ruhm von Grass im Ausland sei sogar größer als in Deutschland; Zimmermann an Glässgen: Engagement von Radio Bremen bei der Ausstellung u.a. für das in Aussicht stehende Grass-Archiv für eine Audioedition; Profilierung des Literatur- und Kulturprogramms von Radio Bremen? Glässgen: lobt die Literaturabteilung von Radio Bremen, namentlich Jörg Dieter Kogel und Kai Schlüter; diese hätten Grass und Radio Bremen zusammengebracht; wichtige Funktion von Radio Bremen für die Rezeption von Grass im In- und Ausland; Zimmermann an Weber: mögliche Grass-Stiftung in Bremen als neue Form des Umgangs mit Grass und als neuer Einfluss auf das politische Klima in Bremen? Innovationskraft? Weber: die geplante Stiftung sei eine Ehre für Bremen; es sei ein guter und richtiger Standort; nach einem Preis wie dem Nobelpreis sei man immer schnell dabei, ein Denkmal zu errichten; Grass sollte wieder mehr in Schulen gelesen werden und Jugendlichen vermittelt werden; für Webers Generation sei Grass' Werk sehr positiv gewesen; für Weber selbst ist Grass eine erste politische Orientierung in seiner Jugend gewesen; er habe die Geschichte des Zweiten Weltkriegs durch Grass' Werke "Blechtrommel" und "Katz und Maus" erlebt; durch Grass könnten auch heute noch junge Menschen eine gesellschaftspolitische Orientierung bekommen; Weber bekennt sich als großer Verehrer von Grass und hat jahrelang darauf gewartet, dass Grass den Nobelpreis bekommt; in Danzig sei die Meldung, dass man in Bremen ein Grass-Archiv aufbaue, sehr begrüßt worden; Zimmermann an Neuhaus: Bedeutung von Grass für die politische und literarische Kultur in Deutschland? Unterschiedliche Bedeutungen für die verschiedenen Generationen? Neuhaus: behandelt Grass an seinem Lehrstuhl in Köln hat Grass wiederholt zu Lesungen nach Köln einladen können; in den letzten Jahren habe Grass begrüßt, dass er schon die dritte Studentengeneration erlebe, die sich für ihn und seine Werke interessierten; bei den Lesungen in Köln seien zwei Drittel der Anwesenden Studenten; dies erfreue Grass; noch mehr als für die politische Kultur habe Grass für die literarische Kultur eine hohe Bedeutung; die Deutschen würden dazu neigen, ihre Literatur im Weltvergleich stark zu überschätzen; es gebe dagegen nur wenige deutsche Autoren, die weltweit gelesen würden; Grass gehöre wie Thomas Mann und Heinrich Böll dazu und werde zudem weltweit auch nachgeahmt und von Kollegen weltweit geschätzt und beachtet (Salman Rushdie, John Irving); ein englischer Kritiker habe richtigerweise schon sehr früh formuliert, dass mit Grass die deutsche Literatur ins Konzert der Weltliteratur zurückgekehrt sei; Zimmermann an Sartorius: Weltweite Geldung vs. Nationale Geltung; Welche Erfahrungen hat Sartorius gemacht hinsichtlich der Polarisierung von Grass in Deutschland? Sartorius: Grass ist oft im Ausland in Goethe-Instituten aufgetreten, nicht nur zu Lesungen, sondern auch zu Diskussionen über deutsche politische Kultur und deutsche Geschichte; Grass werde als Weltautor wahrgenommen und als Deutscher, der Geschichte des 20. Jahrhunderts in seinen Büchern verarbeitet habe; dies sei auch für den Auftrag des Goethe-Instituts wichtig; auch an ausländischen Universitäten werde Grass mit Begeisterung aufgenommen, auch als deutscher Repräsentant; Zimmermann an Gläsgen: Bedeutung des gesprochenen Wortes für das Werk von Grass; Rolle Radio Bremens für die Tradierung von Literaturgeschichte mit modernen, technologischen Mitteln Glässgen: es sollte beispielhaft ein Versuch in dieser Hinsicht unternommen werden; vielleicht gelinge es in Bremen, eine Grass-Stiftung zu gründen, die dieser Aufgabe nachkommt; auch die Schulen könnten dabei einbezogen werden; Zimmermann an Weber: der streitbarer Günter Grass kann nicht vor jeden politischen Karren gespannt werden, da Grass auch viel widerspreche; ist Grass eine geeignete Ikone für eine Stadtkultur? Weber: Grass würde es wohl ablehnen, eine Ikone zu sein; Grass wolle streitbar sein und provokante, aktuelle Themen aufgreifen, was er in den letzten zehn Jahren auch getan habe; dies sei gut und vorbildhaft und trage Positives für die Gesellschaft bei; es sei unverständlich, dass man Grass nicht lese; die Auseinandersetzung mit Grass sei lohnenswert; Weber ist froh, dass Radio Bremen und die Stadt Bremen sich dieser Aufgabe annehmen und ein Grass-Archiv gründen; auch dass dies gerade in Bremen geschehe, begrüßt Weber, da man noch etwas gut zu machen habe [gemeint ist der Bremer Literaturpreis 1960, den Grass nach Einschreiten des Bremer Senats nicht erhalten hatte]; Zimmermann an Neuhaus: Wie ist der kritische Autor Grass in das Ausstellungskonzept eingegangen? Wird Grass auch in Distanz oder zur Diskussion gestellt? Neuhaus: verneint; eine Ausstellung auf 30 Tafeln, die über Grass informieren wolle, könne dies nicht leisten; es werde der Politiker Grass vorgestellt in seiner Ausrichtung "von der Innenpolitik zur Weltinnenpolitik" im Gefolge von Willy Brandt; Grass habe einen persönlichen Zugang zur Politik und hat Wahlkämpfe mit Willy Brandt gemacht; nach dem Rücktritt von Brandt habe Grass sich aus der bundesrepublikanischen Politik weitgehend zurückgezogen und habe sich mit Brandt zusammen der Weltinnenpolitik zugewandt; in diesen Dingen (u.a. Asylantenfrage) äußere Grass sich nun; dies werde u.a. an seinem Kalkutta-Aufenthalt deutlich, der ebenfalls in der Ausstellung dokumentiert ist; Zimmermann an Glässgen: Zusammenarbeit von Medien und Wissenschaft, von distanzierter Reflexion und sachlichen Hintergrundinformationen als besondere Aufgabe? Glässgen: facettenreiches Programm, in dem eine Ebene die Vermittlung sei; bei der Vermittlung von Büchern und Autoren entstehe eine Spannung zum Bücherlesen; über Sender wie 3Sat werde Grass aber beispielsweise nach ganz Europa hin vermittelt; die Spannungen würden beim Autor und bei den Möglichkeiten des Mediums liegen; Radio Bremen bleibe aber nicht alleine sondern suche Kooperationen mit der Stadt, mit dem Verlag, mit dem Goethe-Institut; Zimmermann an Sartorius: Gilt es auch im Ausland, Grass als spannungsreiche Figur vorzustellen? Sartorius: kontroverse, streitbare Figuren zeige man lieber; nach dem Nobelpreis hätten die Goethe-Institute weltweit ein ansteigendes Interesse an Grass verbucht; der Wunsch nach mehr Informationen über Grass sei auch Grundlage der Ausstellung gewesen; daher sei die Ausstellung auch in erster Linie eine Informationsausstellung für Menschen im Ausland, die keine Grass-Experten sind; Problematik des Bild-Text-Verhältnisses; Neuhaus dazu: hatte anfänglich mehr Bilder geplant, dann habe man die Zahl der Bilder reduziert und die Ausstellung so plakativer gemacht; für die tiefere Beschäftigung erscheine ein 32seitiger Katalog in 4 Sprachen; eine Ausstellung über den Nobelpreisträger Grass führe die Öffentlichkeit aber auch an den Maler und Bildhauer Grass heran; Zimmermann an Neuhaus: Internationale Wirkung von Grass - Schwerpunkte? Neuhaus: der Durchbruch von Grass weltweit sei über die USA gelaufen; durch die USA sei die Epik des 20. Jahrhunderts bestimmt worden (Faulkner, Dos Passos, Nabokov); 1963, bei Erscheinen der "Blechtrommel" in den USA, sei Grass in allen großen Zeitungen in den USA besprochen worden; in einer von ihnen habe gestanden "of course, that's nobel prize stuff"; in den 60er Jahren sei die amerikanische Auflage der "Blechtrommel" höher gewesen als die deutsche; dies sei außergewöhnlich gewesen; auch in Spanien werde Grass hochverehrt und mit Preisen ausgezeichnet; als erster nicht-spanischer Autor hat Grass dort den Prinz-von-Asturien-Preis bekommen; Zimmermann: Rolle der Tageskritik in Deutschland; Tageskritik vs. Wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Grass, die weltweit sehr groß ist - Grund dafür? Neuhaus: man habe wohl noch nicht begriffen, dass Grass in einer Welt-Liga spiele, in der Böll nicht gespielt habe; Grass werde von Umberto Eco, von Gabriel Garcia Marquez und anderen gelesen und sich nie mit einem Werk wiederholt habe; Grass beobachte auch die Werke seiner Kollegen weltweit und stehe mit diesen im Austausch; ein Werk wie "Ein weites Feld", an dem Grass insgesamt 8 Jahre gearbeitet habe, könne nicht von einem Kritiker diagonal gelesen und mit einem Schnellschuss kritisiert werden [gemeint ist wohl Marcel Reich-Ranicki]; es habe nur eine einzige Rezension gegeben, die auf das Kernproblem von "Ein weites Feld" eingegangen sei.



Urtitel:
Anfang/Ende:
(Vorbereitung der Aufbahme, Anmoderation) Wir erleben ja…schönen Dank, meine Herren. (Abmoderation, ATMO)
Genre/Inhalt:
Kultur
Präsentation:
Diskussion
Historischer Kontext:

Prof. Dr. Volker Neuhaus, der Herausgeber der Grass-Werkausgabe, erarbeitete im Auftrag des Goethe-Instituts eine Ausstellung über Günter Grass. Auf 30 Tafeln zeigt sie in Bild und Text Leben und Werk des Nobelpreisträgers von der Kindheit in Danzig über den Welterfolg "Die Blechtrommel" bis zum Literaturnobelpreis. In Bremen, im Haus der Bremischen Bürgerschaft, erlebte die Ausstellung im September 2000 ihre Weltpremiere: Bei der Eröffnung sprachen Christian Weber (Präsident der Bürgerschaft), Joachim Sartorius (Generalsekretär des Goethe-Instituts), Heinz Glässgen (Intendant Radio Bremen) und Volker Neuhaus (Ausstellungsmacher). Von Bremen aus wandert die Ausstellung durch die Goethe-Institute in aller Welt. Am Tag der Ausstellungseröffnung diskutierten Christian Weber, Joachim Satorius, Volker Neuhaus und Heinz Glässgen über die Ausstellung und die Bedeutung von Grass im In- und Ausland. _____ Bremen und Danzig sind Partnerstädte

Schlagworte:

Person:
Rushdie Salman; Irving John; Mann Thomas; Böll Heinrich; Brandt Willy; Marquez Gabriel Garcia; Faulkner William; Dos Passos John; Eco Umberto
Werke:
Die Blechtrommel; Midnight's Children; Hundejahre; Katz und Maus; Mein Jahrhundert; Fundsachen für Grass-Leser; Ein weites Feld
Sach:
Ausstellung; Goethe-Institut; Ausland; Radio; Lesung; Archiv; Stiftung; Politik; Medien; Nobelpreis; Kritik; Literaturkritik; Weltliteratur; Literaturpreis; Bürgerschaft; Audioedition; Wissenschaft
Geo:
Bremen; Kalkutta; USA; Europa
Zeit:
1960er Jahre; 1970er Jahre; 20. Jahrhundert
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
31.08.2000
Datum Erstsendung:
02.09.2000
Aufnahmeort:
Bremen: Bürgerschaft: Festsaal
Sprachen:
deutsch
Kopie:

Länge der Kopie:
00:27:47
Tonträger:
DAT
Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Herkunft:

Sendereihe:
Studio Bremen
Archivnummer:
403234
Teilnehmende:

Person:
Zimmermann, Harro (Redaktion)
Person:
Zimmermann, Harro (Vorredner(in))
Person:
Neuhaus, Volker (Vorredner(in))
Person:
Sartorius, Joachim (Vorredner(in))
Person:
Glässgen, Heinz (Vorredner(in))
Person:
Weber, Christian (Vorredner(in))

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Zitierform:

Bremen: Bürgerschaft: Festsaal .

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