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DB-Nummer: 550
10.20379/dbaud-0550

Günter Grass - Vom Zeichnen und Schreiben : Eröffung der Ausstellung in der Bremischen Bürgerschaft

Dokumentation zur Eröffnung der Ausstellung "Über das Zeichnen und Schreiben" in der Bremischen Bürgerschaft Ausschnitt aus der Eröffnungsrede von Bürgerschaftspräsident Christian Weber: Erinnerung an 1959 und den Bremer Literaturpreis 1959/1960; Geschichtsvermittlung durch die "Danziger Trilogie"; Humor in der "Blechtrommel" und in "Katz und Maus"; Zugang für junge Leute zu Günter Grass; Behandlung von Grass' Werken in der Schule. Ausschnitt aus der Rede von Joachim Sartorius (Generalsekretär des Goethe-Instituts): Verbindung zwischen Goethe-Institut und Günter Grass seit fast 40 Jahren; aus dieser Verbindung ist auch die dokumentarische Ausstellung hervorgegangen; Wirkung des Nobelpreises, die auch in den Goethe-Instituten spürbar gewesen sei; Dank an Verleger Gerhard Steidl, der zusammen mit Volker Neuhaus die Ausstellung konzipiert hat; die Bildtafeln der Ausstellung werden in vier Sprachen an andere Goethe-Institute verschickt; auch in Ländern ohne eigenes Institut wird die Ausstellung gezeigt; Darstellung von Biographie, literarischem und bildkünstlerischem Werk; Vorbilder für die Doppelbegabung: Ernst Barlach, Oskar Kokoschka, Alfred Kubin, Hans Arp; Seltenheit der Doppelbegabungen; Zitat von Grass. Ausschnitt aus der Rede von Heinz Glässgen (Intendant Radio Bremen): Publikumswirksamkeit von Günter Grass; Hörfunk- und Fernsehfassungen von "Unkenrufe", "Ein weites Feld" und "Mein Jahrhundert" bei Radio Bremen; dadurch Vermittlung des literarischen Wortes; Vorbereitung einer umfangreichen Grass-Audioedition zusammen mit dem Steidl-Verlag; Dokumentation des audiovisuellen Rezeptiosnmaterials in der geplanten Günter Grass Stiftung und Erschließung für ein möglichst großes Publikum; kein deutscher Schriftsteller spiegele vergleichbar mit Grass das intellektuelle und kulturelle Leben in Deutschland; Grass als "Wappentier der Republik" (Horst Krüger); politisches Engagement seit der "Blechtrommel" und dem Protest gegen den Mauerbau 1961; Engagement für die deutsche Kulturnation und für die SPD, Protest in den 80er Jahren gegen die ökologische und atomare Bedrohung, kritische Einwände gegen den Einheitsprozess 1989/90. Ausschnitt aus dem "Round Table"-Gespräch eine Woche vor der Ausstellungseröffnung mit Christan Weber, Professor Volker Neuhaus, Dr. Heinz Glässgen und Dr. Joachim Sartorius Frage: Wie bringt man Grass auf 30 Ausstellungstafeln? Neuhaus: Begünstigung durch bildkünstlerisches Werk, vor allem in den letzten Jahren ("Fundsachen für Nicht-Leser" 1997, "Mein Jahrhundert" 1999); in Abstimmung mit dem Goethe-Institut daher sehr optisch wirksame Ausstellung; begleitender Katalog mit Tabelle und Biographie; Frage: Weltweite Wanderausstellung in den Goethe-Instituten; Grass als Repräsentant deutsche Kultur? Probleme bei der Präsentation im Ausland? Sartorius: keine Probleme bekannt; lange Geschichte der Verbindung von Grass mit den Goethe-Instituten; tausende von Zuhörern bei den Veranstaltungen mit Grass; Grass' Ruhm im Ausland sei größer als in Deutschland gewesen; Frage: Audio-Edition und geplantes Grass-Archiv? Glässgen: betont die Leistungen der Literaturabteilung von Radio Bremen, namentlich von Harro Zimmermann, Jörg Dieter Kogel und Kai Schlüter; ideale Konstruktion und Bremen als gutes Pflaster; Verdienste von Radio Bremen bei der Vermittlung des Werkes von Grass; Frage: Grass-Stiftung in Bremen und Beitrag zum "republikanischen Reizklima" in Bremen? Innovationsgehalt? Weber: Ehre für Bremen und guter Standort, passend für die politische Landschaft; man solle aber nach dem Nobelpreis kein Denkmal errichten; vielmehr müsse Grass wieder mehr in den Schulen gelesen werden; positive Bedeutung für Webers Generation für die politische Orientierung; Geschichtsvermittlung durch Literatur; der Plan, ein Grass-Archiv aufzubauen, werde auch in Danzig sehr begrüßt; Frage: Spezifische Bedeutung für die politische Kultur in Deutschland? Unterschiede in der Generationen? Neuhaus: Grass sei auch in der Lehre an der Universtität Köln sehr gegenwärtig; viele Lesungen in Köln; Grass habe betont, wie schön es sei, nun schon die dritte Studentengeneration zu erleben; seine jungen Leser würden Grass beglücken; noch mehr als für die politische Kultur sei Grass für die literarische Welt bedeutsam; man neige dazu, die deutsche Literatur innerhalb der Weltliteratur zu überschätzen; es gebe aber nur wenige Autoren, die weltweit gelesen würden neben Thomas Mann und Heinrich Böll; Grass werde auch weltweit nachgeahmt (Rushdie, Irving); ein englischer Kritiker habe schon früh formuliert, dass mit Grass die deutsche Literatur wieder "im Konzert der Weltliteratur" mitspiele; Frage: Erfahrungen mit der Aufnahme von Grass im Ausland? Sartorius: Zahlreiche Auftritte in Goethe-Instituten mit Lesungen und Diskussionen; Wahrnehmung als Weltautor; mehr als alles anderen Autoren habe Grass die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts in seinen Büchern verarbeitet; große Resonanz auch an ausländischen Universitäten; Frage: Gesprochenes Wort als konstitutives Element für Grass' Werk; Radio Bremen arbeitet auch technischer Ebene an einer Überlieferung dieses Wortes und somit auch Tradierung von Literaturgeschichte; können die Sender auch in Zukunft dieser Rolle nachkommen? Glässgen: Vorreiterrolle von Radio Bremen; Form der Grass-Stiftung, die beispielhaft sein könnte; Frage: Streitbare Position von Grass - ist Grass eine passende "Ikone" für eine Stadtkultur? Weber: "Ikone" würde Grass ablehnen; Streitbarkeit und Provokationen gehören zu Grass dazu; Austritte aus dem Schriftstellerverband und aus der SPD; Vorbildfunktion für die Zeit; lohnenswerte Auseinandersetzung mit Grass; Frage: Kritische Annäherung an den kritischen Autor auch in der Ausstellung? Neuhaus: verneint, die Ausstellung sei sonst überfordert; Grass werde als Politiker in seiner Entwicklung von der Innenpolitik zur Weltinnenpolitik vorgestellt; persönlicher Zugang zur Politik über Willy Brandt; Rückzug von der Innenpolitik nach der Ära Brandt; im Gefolge der Nord-Süd-Kommission von Willy Brandt auch Öffnung für die Weltinnenpolitik; hierzu vor allem äußere sich Grass in letzter Zeit (Asylfrage, Kalkutta); Frage: Besondere Aufgabe als Medium als Distanzierungsinstrument gegenüber dem Werk und Wirken von Grass... Glässgen: Vermittlungsfunktion, beispielsweise über 3Sat; Spannungen beim Autor, aber auch beim Medium; Kooperationen von Radio Bremen mit der Stadt Bremen, dem Steidl Verlag, dem Goethe-Institut; Frage: Vorstellung von Grass als Spannungsreiche Figur auch im Ausland? Sartorius: kontroverse Figuren bevorzugt; nach dem Nobelpreis erneut ansteigendes Interesse an Grass; bei der Ausstellung überwiege aber das Informatorische; Verhältnis von Text und Bild: Ein Wissenschaftler bevorzuge wohl Texte… Neuhaus: In der Planung zunächst mehr Bilder, dann aber in Abstimmung mit dem Goethe-Institut Reduzierung der Bilder auf die Hälfte; dazu aber ein 32seitiger Katalog in vier Sprachen; Frage: Schwerpunkte der weltweiten Grass-Bewunderung? Neuhaus: der Durchbruch von Grass weltweit sei über die USA gelaufen; durch die USA sei die Epik des 20. Jahrhunderts bestimmt worden (Faulkner, Dos Passos, Nabokov); 1963, bei Erscheinen der "Blechtrommel" in den USA, sei Grass in allen großen Zeitungen in den USA besprochen worden; in einer von ihnen habe gestanden "of course, that's nobel prize stuff"; in den 60er Jahren sei die amerikanische Auflage der "Blechtrommel" höher gewesen als die deutsche; dies sei außergewöhnlich gewesen; auch in Spanien werde Grass hochverehrt und mit Preisen ausgezeichnet; als erster nicht-spanischer Autor hat Grass dort den Prinz-von-Asturien-Preis bekommen; Zimmermann: Rolle der Tageskritik in Deutschland; Tageskritik vs. Wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Grass, die weltweit sehr groß ist - Grund dafür? Neuhaus: man habe wohl noch nicht begriffen, dass Grass in einer Welt-Liga spiele, in der Böll nicht gespielt habe; Grass werde von Umberto Eco, von Gabriel Garcia Marquez und anderen gelesen und sich nie mit einem Werk wiederholt habe; Grass beobachte auch die Werke seiner Kollegen weltweit und stehe mit diesen im Austausch; ein Werk wie "Ein weites Feld", an dem Grass insgesamt 8 Jahre gearbeitet habe, könne nicht von einem Kritiker diagonal gelesen und mit einem Schnellschuss kritisiert werden [gemeint ist wohl Marcel Reich-Ranicki]; es habe nur eine einzige Rezension gegeben, die auf das Kernproblem von "Ein weites Feld" eingegangen sei. Ab 40:47 min.: Interview mit Bürgermeister Henning Scherf Frage: Wie hat Scherf Grass kennengelernt, wie hat sich die Bekanntschaft entwickelt? Scherf: Persönliches Kennenlernen über Karsten Froch (?) und Freimut Duwe; gemeinsamer Wahlkampf für Willy Brandt; beim ersten Danzig-Besuch in den 70er Jahren habe er die "Blechtrommel" wie einen Stadtführer benutzt; "Die Blechtrommel" eigne sich sehr gut für diesen Zweck; Frage: Grass als politischer "Störenfried" mit spannungsreichem Verhältnis zu SPD; ist dies störend oder befremdlich für Scherf gewesen? Scherf: hat Verständnis dafür; seine Austritte seien Einladungen "zum qualifizierten Mitdiskutieren" gewesen; auch seine kritische Haltung gegenüber der Wiedervereinigung sei richtig gewesen; Frage: Heutiges Spannungsverhältnis zwischen Intellektuellen und Politikern? Ist Politik noch fruchtbar für Diskussionen mit Intellektuellen? Scherf: Andere Verhältnisse,vgl. Walsers Friedenspreis-Rede; Walser sei wohl erschrocken gewesen und habe in Bremen dann zurückgerudert; Scherf hat die Diskussion über Walser als spannende Aufarbeitung verstanden; auch die Laudatio von Möller auf Nolte [gemeint sind der Historiker Horst Möller und Ernst Nolte, siehe Kontext] sei "gepfeffert" gewesen; auch dieses Thema sei hochpolitisch gewesen; man müsse das Land auch mit Kontroversen "belasten"; Frage: Verhältnis Bremen-Grass, das nicht immer besonders glücklich war, nun aber auch ein "Happy End" zustrebe; Scherf: Grass genieße inzwischen, dass der Senat sich damals so blamiert habe; Radio Bremen engagiere sich sehr für Grass; Scherf ist froh, dass Grass nicht nachtragend ist und dass Radio Bremen solche Konstanz zeigt; das Dokumentationsmaterial könnte die Pausen zwischen den Bremen-Besuchen von Grass überbrücken; Frage: Erwartungen hinsichtlich des kulturellen Reizklimas in Bremen? Scherf: Grass sei ein typischer Nordeuropäer, fast ein Norddeutscher, und passe daher gut zu Bremen, aber auch zu Danzig; die Hansestädte seien durch eine Reihe von Geschichten verbunden; mit dem Danziger Bürgermeister habe er darüber gesprochen, wie man Grass' Geburtshaus "aufmöbeln" könne; Grass sei kein "Salon-Literat" wie Proust; Grass habe mit seinen Texten ein sehr breites Publikum; die Leser würden sich freuen, Grass als "Teil der Bremischen Gesellschaft zu erleben".



Urtitel:
Anfang/Ende:
(Anmoderation) Am Mikrofon begrüsst…zum nächsten Mal. (Abmoderation)
Genre/Inhalt:
Kultur
Präsentation:
Dokumentation
Historischer Kontext:

Professor Dr. Volker Neuhaus, der Herausgeber der Grass-Werkausgabe, erarbeitete im Auftrag des Goethe-Instituts eine Ausstellung über Günter Grass. Auf 30 Tafeln zeigt sie in Bild und Text Leben und Werk des Nobelpreisträgers von der Kindheit in Danzig über den Welterfolg "Die Blechtrommel" bis zum Literaturnobelpreis. In Bremen, im Haus der Bremischen Bürgerschaft, erlebte die Ausstellung im September 2000 ihre Weltpremiere: Bei der Eröffnung sprachen Christian Weber (Präsident der Bürgerschaft), Joachim Sartorius (Generalsekretär des Goethe-Instituts), Heinz Glässgen (Intendant Radio Bremen) und Volker Neuhaus (Ausstellungsmacher). Von Bremen aus wandert die Ausstellung durch die Goethe-Institute in aller Welt. Am Tag der Ausstellungseröffnung diskutierten Christian Weber, Joachim Satorius, Volker Neuhaus und Heinz Glässgen über die Ausstellung und die Bedeutung von Grass im In- und Ausland. Angesprochene wissenschaftliche Kontroverse um den Historiker Horst Möller: Dass Möller am 4. Juni 2000 die Laudatio auf den mit dem Konrad-Adenauer-Preis der Deutschland-Stiftung ausgezeichneten Ernst Nolte hielt, trug ihm von verschiedener Seite Kritik ein. Nolte hatte sich unter den deutschen Geschichtswissenschaftlern seit dem Historikerstreit zunehmend isoliert. In seiner Festrede distanzierte sich Möller zwar von den umstrittensten Thesen Noltes, bezeichnete ihn aber insgesamt als „Geschichtsdenker in der Tradition der dialektischen Geschichtsphilosophie Hegels und der begriffenen Geschichte Kants“ und lobte ausdrücklich dessen „Lebenswerk von hohem Rang und unverwechselbarer Eigenart“. Heinrich August Winkler forderte daraufhin Möller zum Rücktritt auf. Dem schlossen sich mit Jürgen Kocka und Hans-Ulrich Wehler zwei weitere Größen der liberalen Geschichtswissenschaft an. Für Widerspruch sorgte auch eine Publikation in Herausgeberschaft Horst Möllers mit dem Titel "Der rote Holocaust und die Deutschen", die dem Verfechter der Totalitarismustheorie Möller 2000 den Vorwurf einbrachte, die Verbrechen des Nationalsozialismus und des Kommunismus nicht nur zu vergleichen, sondern gleichzusetzen.

Aufnahme:

Datum Erstsendung:
02.09.2000
Sprachen:
deutsch
Original:

Originallänge:
00:53:54
Kopie:

Länge der Kopie:
00:54:03
Tonträger:
DAT
Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Teilnehmende:

Person:
Zimmermann, Harro (Beitragende(r))
Person:
Sartorius, Joachim (Beitragende(r))
Person:
Weber, Christian (Beitragende(r))
Person:
Glässgen, Heinz (Beitragende(r))
Person:
Neuhaus, Volker (Beitragende(r))
Person:
Scherf, Henning (Beitragende(r))

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