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DB-Nummer: 557
10.20379/dbaud-0557

Der dänische Grass-Übersetzer Per Øhrgaard : Telefoninterview

Das Telefoninterview beginnt mit der Schilderung Øhrgaards, wie er Grass-Übersetzer geworden ist. Der Verlag ist an ihn herangetreten, als "Der Butt" erschien und der alte Übersetzer nicht mehr wollte. Seitdem hat er jedes Buch übersetzt. "Mein Jahrhundert" ist in Dänemark bereits erschienen, rechtzeitig zum Nobelpreis. Das erste Übersetzertreffen organisierte Grass zum Erscheinen von "Der Butt", wo Ohrgaard ihn auch kennenlernte. Nur wenige Übersetzer von damals sind noch dabei. Es geht immer freundschaftlich zu, sachlich und gemütlich. Die früheren Übersetzungen hat Ohrgaard nicht gelesen, sondern Grass auf deutsch gelesen. So hat er seinen eigenen Stil gefunden. Bei den Übersetzer-Treffen kommen Menschen aller Sprachen zusammen. Die Fragen an Grass sind inspirierend. Bei den Skandinaviern herrscht eine besondere Brüderlichkeit. Freundschaften ergeben sich bei den Treffen ebenfalls. Der Übersetzer fühlt sich dem Autor sehr nah. Grass hat zum eigenen Werk ein handwerkliches Verhältnis. Man kann ihn auch um Lesungen bieten, die Betonung ist für Übersetzungen ebenfalls aufschlussreich. Bei Besuchen auf dem dänischen Moen spricht man über Gott und die Welt, etwa die deutschen Zustände. Sowohl Günter Grass als auch Ute Grass kochen gut. Die Verköstigung ist gut, Grass sieht es gern, wenn man einige Tage bleibt.



Urtitel:
Der dänische Grass-Übersetzer Per Øhrgaard
Anfang/Ende:
(Anmoderation) Günter Grass und…schon 'n bisschen dauern.
Genre/Inhalt:
Literatur
Präsentation:
Interview
Historischer Kontext:

Im Bergwald der Sprache - Günter Grass und seine Übersetzer haben in Göttingen getagt Von Harro Zimmermann Den wortkrähenden Es-Pe-De-Hahn aus den späten sechziger Jahren kann man in dieser Trefflichkeit nicht ins Chinesische übertragen, das ist Hongjun Cai sofort klar. Und was Heideggers 'Geworfenheit' inmitten jenes kryptisch raunenden Seins- und Wesensvokabulars angeht, so sieht er nicht weniger Schwierigkeiten auf sich zukommen. Überhaupt, was hat es mit dem Margarine-Ersatz namens 'Bratolin' aus dem Deutschland der zwanziger Jahre auf sich, oder mit dem damals so ersehnten wie gescholtenen 'Rentenmarkkapital'? Wie soll man einem ausländischen Leser bloß die Fama von den sog. 'Erfüllungspolitikern' Erzberger und Rathenau, das 'Herrenreiterum' eines Ernst Jünger, das Flanier- und Tanzvergnügen mit 'Schiebermütze', die in Lodenmäntel gewandete krachlederne Mentalität des völkisch-deutschen Geistestums vor und nach der 'Machtergreifung', dann jene vermeintliche 'Stunde Null' von 1945, den maritimen Schunkelruf 'Heidewitzka', oder den wirtschaftswunderlichen Fußballpatriarchen der Deutschen, den 'Bundes-Sepp' Herberger, nahe bringen? Es war immer wieder Günter Grass, der die achtzehn anwesenden Übersetzer, freilich nicht ohne Insistenz auf solidem ästhetischen Eigensinn, forsch zum Selbsterfinden animierte. Machen Sie ein koreanisches, ein japanisches, ein italienisches, ein spanisches Buch aus 'Mein Jahrhundert', forderte er die emsig nachfragenden und diskutierenden Fachleute aus aller Welt auf. Doch keiner der anwesenden wagte das ernsthaft auf die leichte Schulter zu nehmen. Denn eines war nur zu deutlich: dieses neue Schreibwerk des berühmten deutschen Dichters, das im kommenden Juli gleichzeitig in einer Lesefassung und in einer großformatigen Bild-Text-Version herauskommen wird, ist ein von Grund auf deutsches und grassisches Erfahrungs- und Erzählbuch. Der Boxeraufstand, das proletarische Massenvergnügen Fußball, die ersten Zeppelinflüge, die Erfindung des Radios, apokalyptische Stimmungsbilder und Menetekel des ersten Weltkriegs, Psychogramme von Tätern und Geschundenen im Zeichen von 1933, Szenerien aus der aggressiven Noblesse deutscher Kriegsästhetik à la Jünger, Auftritte von Belehrten und Unbelehrbaren, von Wissenden und Hilflosen inmitten der Mentalitätsgeschichte von Nazitum und Nachkriegsära, Ulkiges und Fatales, Verqueres und Ermutigendes aus der langwierigen deutschen Wiederaufbau- und Wiederfindungsphase zwischen Trizonesien, Kaltem-Kriegs-Antagonismus und neuer Schnäppchen-Einheit von 1989. Dazwischen authentisch immer wieder der Schriftsteller Grass als Staats- und Zeitbürger in seinem Jahrhundert: 'Ich, ausgetauscht gegen mich, bin Jahr für Jahr dabei gewesen'. Und dennoch ist dies kein Buch mit dem großen Deutungsanspruch, kein opus magnum des praeceptors germaniae, kein didaktisches Kanonwerk des universellen Bescheidwissens, wie man argwöhnen könnte. Die sinn-bildenden und zeit-strukturierenden Themenarrangemenets, die Grass seinem Jahrhundertverständnis zugrundelegt (unter Mithilfe eines Historikers sorgfältig recherchiert), halten sich sehr wohl an das Vertraute und landläufig Anerkannte. Nicht die problemsichtende Disposition ist es, die dem Buch seine besondere literarische Kraft vermittelt, sondern es sind seine erzählerischen Überraschungsmomente, es ist das sprühend launige und federnd wendige Erzähltemperament in diesen einhundert kleinen Geschichten über ein monströses Jahrhundert. Das vertraut Allgemeine, wie es Historiker womöglich ähnlich zur Summa dieses Säkulums zusammenfügen würden, wird in den geradezu physiognomisch nachvollziehbaren Sprachmühen und -volten, in den Schwadronaden und Parlandos, in den Verstellungspirouetten und Aufrichtigskeitstiraden dieser vielen Erzählhelden von unten auf wahrhaft erfrischende Weise sichtbar und spürbar. Was den Übersetzern des Buches vor allem Schwierigkeiten bereitet, ist Grassens Versuch, den klischierten und verkrusteten Verständnistopiken am Ende dieses Jahrhunderts eine hoch anspielungsreiche und zugleich widerstreitende, immer freilich aus genuin deutscher Historie und deutscher Geistmaterie Atem schöpfende Sinn-Welt-Aromatik entgegenzufabeln. Geschichte, so hofft Grass, kann sich hier im Aggregatzustand erzählerischer, also interpretativer Zurichtungen vergegenwärtigen, die immer wieder die Frage nach ihrer allgemeinen Begreifbarkeit, nach ihrem Gegenwartshorizont in die Schwebe bringen, Ideologiepanzer gleichsam durch spekulative Sinnlichkeit aufweichen möchten. Es geht in 'Mein Jahrhundert' daher nicht um die plane Eins-zu-eins-Beschreibung von historischen Weltlagen, sondern viel eher um die erzählerische Reflexion der Bedingungen der Möglichkeit und der Risiken von geschichtlicher Erfahrungsbildung schlechthin. Diskursiv ist das Angebot auch dieses Buches wieder. Kein Wunder also, dass in diesem workshop der Übersetzer, die sich vier Tage lang im Steidl Verlag versammelt hatten, so unendlich viel (Sprach-, Wort-, Motiv- und Sach-)Verständnis-Arbeit geleistet werden mußte, daß weitläufige semantische Felder auszumessen, subtile Bedeutungshöfe zu ertasten, umständliche Geschehensbezüge zu rekonstruieren waren. Und jeder beteiligte konnte leicht einsehen, wie notwendig die Vorarbeit mit den Übersetzern ist, um einem solchen Werk die von Grass befürchtete 'Schwächung' durch Übertragung zu ersparen. Seit dem 'Butt' (1977) sind derartige Übersetzertagungen für Grass Vertragsbestandteil. Unendlich viele (Verständnis-)Fehler dürften seitdem vermieden worden sein. Bestätigt worden ist Grass zum Beispiel durch die wissenschaftliche Kritik, die ein schwedischer Germanist schon vor Jahren von der Erstübersetzung der 'Blechtrommel' angefertigt hat: der Band mit den penibel registrierten Übertragungsfehlern schwoll fast auf den Umfang des Dichtungsoriginals an. Die Arbeit des Dichters, so hat Walter Benjamin einmal gesagt, sei eine 'naive, erste, anschauliche', die des Übersetzers dagegen eine 'abgeleitete, letzte, ideenhafte Intention'. Denn die Übersetzung, so Benjamin weiter, 'sieht sich nicht wie die Dichtung gleichsam im inneren Bergwald der Sprache selbst, sondern außerhalb desselben, ihm gegenüber und ohne ihn zu betreten, ruft sie in das Original hinein, an demjenigen einzigen Ort hinein, wo jeweils das Echo in der eigenen den Widerhall eines Werks der fremden Sprache zu geben vermag'. Betont handwerklich und sachlich verliefen denn auch die Erkundungen und Debatten auf dem Göttinger Übersetzertreffen: keine Poetisierung der Übertragunsleistung war im Schwange, kein genialisches Nachschaffen des Originalwerkes lag in der Luft, kein 'gefolterter Autor und betrogener Leser' (Vladimir Nabokov) dürften sich über 'Mein Jahrhundert' jemals leidvoll die Hände zu reichen haben, sondern diese Übersetzer-crew wird dem 'Echo' des Originalwerks mit dem denkbar verständigsten Ethos der Werktreue folgen. Der Übersetzer bringt keine originäre Welterfahrung, sondern Sprache zur Sprache, implementiert ein Eigenes in das Andere. Darüber gab es unter den Textexperten in Göttingen keinen Dissens. Und dennoch, jeder Übersetzer fordert den eigenen Verstehenskosmos vermittels der fremden Vorstellungs- und Wort-Welten auch immer wieder heraus. Er setzt wechselweise Verständigungs- und Frageimpulse in Gang zwischen dem Poesie-Original und dem Faszinosum seiner unabschließbaren Bedeutungsfortschreibung. Das deutsche Erfahrungsbuch 'Mein Jahrhundert', schon in diesem Jahr werden achtzehn Übersetzungen herauskommen (vier weitere folgen 2000) – könnte es zu einem Weltbuch werden? © beim Autor. In gekürzter Fassung zuerst erschienen in: 'Die Zeit' Nr. 16/1999

Schlagworte:

Person:
Grass Ute; Øhrgaard Per
Werke:
Der Butt; Mein Jahrhundert
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
05.10.1999
Sprachen:
deutsch
Kopie:

Länge der Kopie:
00:08:11
Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Teilnehmende:

Person:
Siebert, Matthias (Interviewpartner)
Person:
Øhrgaard, Per (Beitragende(r))

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Zitierform:

Der dänische Grass-Übersetzer Per Øhrgaard.

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