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DB-Nummer: 558
10.20379/dbaud-0558

Günter Grass und seine Übersetzer : Art und Weise - Funkhaus Europa (Spezial)

O-Ton Grass: er sei immer ein "lebenslustiger Pessimist" gewesen; seit der "Blechtrommel" komme seine Art einer verzweifelten Komik zum Tragen. Der glückliche Sisyphos Grass galt als ewiger Kandidat für den Nobelpreis und hat ihn jetzt zugesprochen bekommen. Die Dokumentation stellt den Schriftsteller, aber auch seine Übersetzer vor. Nach Bekanntgabe des Nobelpreises für Grass wurde die Sitzung des Danziger Stadtrates unterbrochen zugunsten einer kleinen Feier; im kommunistischen Polen hatten die Werke von Grass als "umstürzlerisch" gegalten und waren verboten gewesen; jetzt freuen sich die Polen mit Grass. Sławomir Błau (polnischer Grass-Übersetzer) zum Nobelpreis für Günter Grass: hat seit langem auf den Preis gehofft. Sławomir Błau ist der einzige noch lebende Übersetzer von Grass, der schon "Die Blechtrommel" übersetzt hat; zum ersten Mal getroffen hat er ihn 1970, als Grass Willy Brandt nach Warschau zur Unterzeichnung der Ost-Verträge begleitet hat; erst 1977 bei einem Übersetzerseminar in Göttingen hat er Grass wiedergetroffen. Sławomir Błau: Kurz nach Erscheinen von "Der Butt" sei Grass durch Deutschland gereist; er selbst habe sich damals nicht getraut, sich ein Buch signieren zu lassen, weil er beschämt gewesen sei, dass Grass' Bücher nicht in Polen erscheinen konnten. Anfang der 70er Jahre war die Übersetzung der "Blechtrommel" fast fertig gewesen, kurz vor dem geplanten Erscheinungstermin ist die Veröffentlichung aber verhindert worden. Sławomir Błau: bei der Fahnenkorrektur sei die Veröffentlichung gestoppt worden, darüber sei er sehr verbittert gewesen. Ende der 70er Jahre erschein "Die Blechtrommel" dann im Untergrund anonym und ohne den Namen des Übersetzers Sławomir Błau; an den Übersetzertreffen mit Grass seit 1977 könnte Sławomir Błau nur selten teilnehmen, weil er keine Reisegenehmigung bekommen hatte; bei den Übersetzungen zur "Die Rättin" und "Hundejahre" war er dann beteiligt. Sławomir Błau: Grass sei ein offener, freundlicher und sehr geduldiger Mensch, der sich nicht von den Fragen der Übersetzer belästigt fühle; es liege ihm viel daran, dass seine Gedanken und sein Stil präzise widergegeben würden; als Übersetzer müsse er selbst sich immer wieder an das Buch anpassen; "Die Blechtrommel" würde in Polen viel gelesen und sei in Buchhandlungen sehr gefragt. Grass wird in Polen sehr verehrt, er wird als Danziger gesehen; "Mein Jahrhundert" empfindet Sławomir Błau als das deutscheste Buch von allen. Ute Grass, die zweite Frau von Günter Grass, gilt als schärfste Kritikerin des Schriftstellers; sie ist die erste, die die Werke hört und liest, dann der Verlag, dann die Übersetzer; "Mein Jahrhundert" wird schnell in so viele Sprachen übersetzt werden wie nie zuvor. Grass: würde es begrüßen, wenn auch andere Autoren sich an einer "Bibliothek dieses Jahrhunderts" beteiligen würden. "Mein Jahrhundert" umfasst hundert Geschichten, die von hundert Erzählern erzählt werden; schon vor Abschluss des Buches waren die Lizenzen für 20 Übersetzungen vergeben; Grass: die Deutschen hätten auf verhängnisvolle Weise die erste Hälfte des Jahrhunderts bestimmt; die zweite Hälfte sei eine Reaktion darauf, man habe immer noch mit den Folgen zu kämpfen. Im Frühjahr hat Grass seine Übersetzer eine Woche lang getroffen und Probleme der Übersetzung geklärt. Grass: Hat bei "Der Butt" erstmalig seine Übersetzer getroffen und dies bis zum neusten Buch beibehalten; es sei sehr anstrengend für ihn, mit 16 bis 20 Übersetzern zusammenzusitzen und das Buch Zeile für Zeile durchzugehen; die Übersetzer seien die genauesten Leser, aber es sei dennoch ein Vergnügen; er arbeite viel mit Umgangssprache, Dialekten und deutschen Sprichwörtern; Sprichwörter könne man nicht linear in eine andere Sprache übersetzen, die Übersetzer müssten dies in ihren Sprachbereich übertragen; jeder Leser lese etwas anderes und dürfe auch etwas anderes lesen; wenn das Buch an die Leser weitergegeben werde, beginne die "Enteignung" des Autors, das Buch mache sich selbstständig, jeder Leser lese etwas anderes; dies sei manchmal schmerzhaft; bei epischen Werken seien es vier bis fünf Jahre einsame Arbeit, dann gehöre das Buch auf einmal Vielen; Übersetzer seien sehr bescheiden und nachdenklich, manchmal fühle er sich durch ihre Bescheidenheit provoziert; die Übersetzertreffen seien nie verlorene Tage. Grass hat aus "Mein Jahrhundert" inzwischen in den Niederlanden gelesen; er trifft dort auf Menschen, die das Buch als deutsches Geschichtsbuch verstehen; Grass: die Stoffmasse sei sein Anreiz gewesen, in einer neuen Form der Kurzgeschichte, in der Art von Kalendergeschichten, zu schreiben; es empöre ihn, wenn ein Buch in Misskredit gerate, aus dem man etwas lernen könne; dies widerspreche dem Gedanken der Aufklärung; die Vermittlung von Wissen und Erinnerung führe im Feuilleton offenbar zum Naserümpfen; es sei Aufgabe der Literatur, nachzufragen und den Finger in die Wunde zu legen: In "Mein Jahrhundert" widmet Grass mit der Behandlung des spanichen Bürgerkrieges diesem Land ausdrücklich ein Kapitel; der spanische Übersetzer Miguel Saez ist von Hause aus Jurist, hat aber als Übersetzer zunächst für die Vereinten Nationen, dann im Dienst von Schriftstellern und Verlagen gearbeitet Saez: In Spanien gebe es schon immer einen Mangel an Lektoren; seine erste Übersetzung sei ein Buch von Peter Handtke gewesen, die zweite dann "Der Butt" von Günter Grass; nach der Übersetzung von "Der Butt" habe er dann richtig Deutsch gekonnt Saez hat zweieinhalb Jahre an der Übersetzung von "Der Butt" gearbeitet und dabei auch Grass persönlich in Madrid kennengelernt Saez: erinnert sich an ein Treffen deutscher und spanischer Schriftsteller; Grass habe dabei vom Engagement der Schriftsteller gesprochen; an Grass sei vor allem seine Direktheit interessant, er sage immer, was er für richtig und gerecht halte; Grass spiele auf seine ganz eigene Weise mit der deutschen Sprache, fordere aber nicht, dass sie linear übersetzt würden; vielmehr rege er die Übersetzer an, die Sprachspiele in ihre eigene Sprache zu übertragen; dies sei bei "Mein Jahrhundert" sehr notwendig, es sei ein sehr deutsches Buch; dies sei die größte Schwierigkeit für den Übersetzer; das Interessante an einer Übersetzung sei, dass man seine Sprache an jemanden ausleihe, der eine ganz andere Mentalität habe Saez hat "Mein Jahrhundert" innerhalb von fünf Monaten übersetzen müssen; Grass war gerade der spanische Prinz-von-Asturien-Preis zugesprochen worden; der spanische Verleger hat das Buch vor der Preisverleihung auf den Markt gebracht; auch der Nobelpreis für Grass hat die Verkaufszahlen hochschnellen lassen; laut Saez beschränkt sich die Zahl der Leser, die Grass wirklich gelesen haben, in Spanien aber auf ein paar Tausend -------------------------------- Telefoninterview mit dem dänischen Grass-Übersetzer Per Øhrgaard: Frage: Gehen die Übersetzer, die Grass übersetzen wollen, auf den Verlag zu oder umgekehrt? Øhrgaard: in seinem Fall ist der Verlag auf ihn zugegangen; bei Grass sei er nicht von Anfang an dabei gewesen; erst bei Erscheinen von "Der Butt" sei er gefragt worden, als begeisterter Grass-Leser habe er sofort zugestimmt Frage: Hat Øhrgaard gefeiert, als er als Grass-Übersetzer für die nächsten Jahre bestimmt worden ist? Øhrgaard: bejaht und freut sich auf weitere Werke; "Mein Jahrhundert" ist bereits auf Dänisch erschienen Frage: Eindrücke vom ersten Kennenlernen mit Grass? Øhrgaard: hat Grass zuvor bei Lesungen erlebt; Kennenlernen beim ersten Übersetzertreffen zu "Der Butt" in Frankfurt; nur sehr wenige Übersetzer seien nach wie vor bei den Treffen dabei; die Treffen seien sachlich, gemütlich und freundschaftlich Frage: Schaut sich Øhrgaard die Übersetzungen seiner Vorgänger an? Passt er sich an? Hat er seinen eigenen Stil? Øhrgaard: setzt seinen Stil durch; die früheren Übersetzungen habe er nicht gelesen; man müsse seinen eigenen Stil finden Frage: Grass charakterisiert seine Übersetzer als bescheiden, nachdenklich und klug; fühlt sich Øhrgaard richtig beschrieben? Øhrgaard: vielleicht nicht ganz so bescheiden; um Klugheit bemühe man sich, nachdenklich sei man in jedem Fall. Frage: Wie funktioniert der Austausch bei den Übersetzertreffen? Øhrgaard: in erster Linie über die Fragen an Grass; unter den Skandinaviern herrsche eine besondere "Brüderlichtkeit" aufgrund der Sprachnähe. Frage: Ergeben sich Freundschaften oder langjährige Kontakte? Øhrgaard: bestätigt; bei den Treffen sei es sehr freundschaftlich. Frage: Fühlt man sich Grass nahe? Øhrgaard: bestätigt; die Treffen seien sehr offen, Grass liefere viele Antworten; bei den Treffen werde Grass auch oft gebeten, etwas vorzulesen; man erhalte dann durch die Betonung auch wichtige Hinweise. Frage: Øhrgaard hat Grass oft besucht in seinem Haus auf Møn - über was wird dort gesprochen? Øhrgaard: über "Gott und die Welt", aber auch über die Arbeit; Grass arbeite dort auch und habe ihm aus "Mein Jahrhundert" beispielsweise vorgelesen. Frage: Geht man dabei am Strand spazieren? Øhrgaard: bestätigt; der Ort sei sehr schön und Grass fühle sich in Dänemark sehr wohl; das dänische Publikum frage ihn bei Lesungen sehr viel, beispielsweise auch zur Deutschen Einheit und Grass' Ansichten zu dieser. Frage: Im Hause Grass gibt es offenbar oft Suppe - Form von Grassscher Gastfreundschaft? Øhrgaard: Grass und seine Frau würden beide sehr viel kochen, vor allem Fisch; Grass beschreibe das Kochen oft in seinen Büchern. ------------------------------- Lesung aus "Mein Jahrhundert", O-Ton Grass, Kapitel 1901 (WA 9, S. 10f)



Urtitel:
Günter Grass und seine Übersetzer
Anfang/Ende:
Funkhaus Europa (Trailer) Ich bin immer…zwinkerte mir zu. (Musik) …(Nachrichten)
Genre/Inhalt:
Literatur
Präsentation:
Dokumentation
Historischer Kontext:

Verleihung des Literaturnobelpreises 1999 Artikel: Im Bergwald der Sprache - Günter Grass und seine Übersetzer haben in Göttingen getagt Von Harro Zimmermann Den wortkrähenden Es-Pe-De-Hahn aus den späten sechziger Jahren kann man in dieser Trefflichkeit nicht ins Chinesische übertragen, das ist Hongjun Cai sofort klar. Und was Heideggers 'Geworfenheit' inmitten jenes kryptisch raunenden Seins- und Wesensvokabulars angeht, so sieht er nicht weniger Schwierigkeiten auf sich zukommen. Überhaupt, was hat es mit dem Margarine-Ersatz namens 'Bratolin' aus dem Deutschland der zwanziger Jahre auf sich, oder mit dem damals so ersehnten wie gescholtenen 'Rentenmarkkapital'? Wie soll man einem ausländischen Leser bloß die Fama von den sog. 'Erfüllungspolitikern' Erzberger und Rathenau, das 'Herrenreiterum' eines Ernst Jünger, das Flanier- und Tanzvergnügen mit 'Schiebermütze', die in Lodenmäntel gewandete krachlederne Mentalität des völkisch-deutschen Geistestums vor und nach der 'Machtergreifung', dann jene vermeintliche 'Stunde Null' von 1945, den maritimen Schunkelruf 'Heidewitzka', oder den wirtschaftswunderlichen Fußballpatriarchen der Deutschen, den 'Bundes-Sepp' Herberger, nahe bringen? Es war immer wieder Günter Grass, der die achtzehn anwesenden Übersetzer, freilich nicht ohne Insistenz auf solidem ästhetischen Eigensinn, forsch zum Selbsterfinden animierte. Machen Sie ein koreanisches, ein japanisches, ein italienisches, ein spanisches Buch aus 'Mein Jahrhundert', forderte er die emsig nachfragenden und diskutierenden Fachleute aus aller Welt auf. Doch keiner der anwesenden wagte das ernsthaft auf die leichte Schulter zu nehmen. Denn eines war nur zu deutlich: dieses neue Schreibwerk des berühmten deutschen Dichters, das im kommenden Juli gleichzeitig in einer Lesefassung und in einer großformatigen Bild-Text-Version herauskommen wird, ist ein von Grund auf deutsches und grassisches Erfahrungs- und Erzählbuch. Der Boxeraufstand, das proletarische Massenvergnügen Fußball, die ersten Zeppelinflüge, die Erfindung des Radios, apokalyptische Stimmungsbilder und Menetekel des ersten Weltkriegs, Psychogramme von Tätern und Geschundenen im Zeichen von 1933, Szenerien aus der aggressiven Noblesse deutscher Kriegsästhetik à la Jünger, Auftritte von Belehrten und Unbelehrbaren, von Wissenden und Hilflosen inmitten der Mentalitätsgeschichte von Nazitum und Nachkriegsära, Ulkiges und Fatales, Verqueres und Ermutigendes aus der langwierigen deutschen Wiederaufbau- und Wiederfindungsphase zwischen Trizonesien, Kaltem-Kriegs-Antagonismus und neuer Schnäppchen-Einheit von 1989. Dazwischen authentisch immer wieder der Schriftsteller Grass als Staats- und Zeitbürger in seinem Jahrhundert: 'Ich, ausgetauscht gegen mich, bin Jahr für Jahr dabei gewesen'. Und dennoch ist dies kein Buch mit dem großen Deutungsanspruch, kein opus magnum des praeceptors germaniae, kein didaktisches Kanonwerk des universellen Bescheidwissens, wie man argwöhnen könnte. Die sinn-bildenden und zeit-strukturierenden Themenarrangemenets, die Grass seinem Jahrhundertverständnis zugrundelegt (unter Mithilfe eines Historikers sorgfältig recherchiert), halten sich sehr wohl an das Vertraute und landläufig Anerkannte. Nicht die problemsichtende Disposition ist es, die dem Buch seine besondere literarische Kraft vermittelt, sondern es sind seine erzählerischen Überraschungsmomente, es ist das sprühend launige und federnd wendige Erzähltemperament in diesen einhundert kleinen Geschichten über ein monströses Jahrhundert. Das vertraut Allgemeine, wie es Historiker womöglich ähnlich zur Summa dieses Säkulums zusammenfügen würden, wird in den geradezu physiognomisch nachvollziehbaren Sprachmühen und -volten, in den Schwadronaden und Parlandos, in den Verstellungspirouetten und Aufrichtigskeitstiraden dieser vielen Erzählhelden von unten auf wahrhaft erfrischende Weise sichtbar und spürbar. Was den Übersetzern des Buches vor allem Schwierigkeiten bereitet, ist Grassens Versuch, den klischierten und verkrusteten Verständnistopiken am Ende dieses Jahrhunderts eine hoch anspielungsreiche und zugleich widerstreitende, immer freilich aus genuin deutscher Historie und deutscher Geistmaterie Atem schöpfende Sinn-Welt-Aromatik entgegenzufabeln. Geschichte, so hofft Grass, kann sich hier im Aggregatzustand erzählerischer, also interpretativer Zurichtungen vergegenwärtigen, die immer wieder die Frage nach ihrer allgemeinen Begreifbarkeit, nach ihrem Gegenwartshorizont in die Schwebe bringen, Ideologiepanzer gleichsam durch spekulative Sinnlichkeit aufweichen möchten. Es geht in 'Mein Jahrhundert' daher nicht um die plane Eins-zu-eins-Beschreibung von historischen Weltlagen, sondern viel eher um die erzählerische Reflexion der Bedingungen der Möglichkeit und der Risiken von geschichtlicher Erfahrungsbildung schlechthin. Diskursiv ist das Angebot auch dieses Buches wieder. Kein Wunder also, dass in diesem workshop der Übersetzer, die sich vier Tage lang im Steidl Verlag versammelt hatten, so unendlich viel (Sprach-, Wort-, Motiv- und Sach-)Verständnis-Arbeit geleistet werden mußte, daß weitläufige semantische Felder auszumessen, subtile Bedeutungshöfe zu ertasten, umständliche Geschehensbezüge zu rekonstruieren waren. Und jeder beteiligte konnte leicht einsehen, wie notwendig die Vorarbeit mit den Übersetzern ist, um einem solchen Werk die von Grass befürchtete 'Schwächung' durch Übertragung zu ersparen. Seit dem 'Butt' (1977) sind derartige Übersetzertagungen für Grass Vertragsbestandteil. Unendlich viele (Verständnis-)Fehler dürften seitdem vermieden worden sein. Bestätigt worden ist Grass zum Beispiel durch die wissenschaftliche Kritik, die ein schwedischer Germanist schon vor Jahren von der Erstübersetzung der 'Blechtrommel' angefertigt hat: der Band mit den penibel registrierten Übertragungsfehlern schwoll fast auf den Umfang des Dichtungsoriginals an. Die Arbeit des Dichters, so hat Walter Benjamin einmal gesagt, sei eine 'naive, erste, anschauliche', die des Übersetzers dagegen eine 'abgeleitete, letzte, ideenhafte Intention'. Denn die Übersetzung, so Benjamin weiter, 'sieht sich nicht wie die Dichtung gleichsam im inneren Bergwald der Sprache selbst, sondern außerhalb desselben, ihm gegenüber und ohne ihn zu betreten, ruft sie in das Original hinein, an demjenigen einzigen Ort hinein, wo jeweils das Echo in der eigenen den Widerhall eines Werks der fremden Sprache zu geben vermag'. Betont handwerklich und sachlich verliefen denn auch die Erkundungen und Debatten auf dem Göttinger Übersetzertreffen: keine Poetisierung der Übertragunsleistung war im Schwange, kein genialisches Nachschaffen des Originalwerkes lag in der Luft, kein 'gefolterter Autor und betrogener Leser' (Vladimir Nabokov) dürften sich über 'Mein Jahrhundert' jemals leidvoll die Hände zu reichen haben, sondern diese Übersetzer-crew wird dem 'Echo' des Originalwerks mit dem denkbar verständigsten Ethos der Werktreue folgen. Der Übersetzer bringt keine originäre Welterfahrung, sondern Sprache zur Sprache, implementiert ein Eigenes in das Andere. Darüber gab es unter den Textexperten in Göttingen keinen Dissens. Und dennoch, jeder Übersetzer fordert den eigenen Verstehenskosmos vermittels der fremden Vorstellungs- und Wort-Welten auch immer wieder heraus. Er setzt wechselweise Verständigungs- und Frageimpulse in Gang zwischen dem Poesie-Original und dem Faszinosum seiner unabschließbaren Bedeutungsfortschreibung. Das deutsche Erfahrungsbuch 'Mein Jahrhundert', schon in diesem Jahr werden achtzehn Übersetzungen herauskommen (vier weitere folgen 2000) – könnte es zu einem Weltbuch werden? © beim Autor. In gekürzter Fassung zuerst erschienen in: 'Die Zeit' Nr. 16/1999

Schlagworte:

Person:
Brandt Willy; Brandt Willy; Grass Ute
Werke:
Die Blechtrommel; Der Butt; Mein Jahrhundert
Sach:
Übersetzer; Übersetzung; Übersetzertreffen; Nobelpreis; Kochen
Geo:
Polen; Danzig; Spanien; Madrid; Møn; Dänemark
Zeit:
1970er Jahre; 1977; 1970
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
05.10.1999
Sprachen:
deutsch
Anmerkung Qualität:
Enthält Musik
Kopie:

Länge der Kopie:
00:56:44
Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Herkunft:

Sender / Institution:
Radio Bremen (RB)
Sendereihe:
Art und Weise - Funkhaus Europa

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Zitierform:

Günter Grass und seine Übersetzer.

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