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DB-Nummer: 561
10.20379/dbaud-0561

PEN-Kongreß in Moskau - ARD-Tagesthemen : Sind die Dichter das gute Gewissen der Politik? .

Grass definiert die Rolle des Schriftstellers als "Gedächtnis" und "kritischer Denker", fordert eine veränderte Haltung der russischen Regierung gegenüber Tschetschenien und eine demokratische Politik in Russland, wo er erneut die Meinungsfreiheit bedroht sieht. Er will den deutschen Bundeskanzler dazu auffordern, mit Putin darüber zu sprechen, und kritisiert bundesdeutsche Schriftstellerkollegen, die je nach politischen Machtverhältnissen ihr Fähnchen nach dem Wind hängen ("Konvertiten"). Ulrich Wickert im Gespräch mit Günter Grass in den ARD-Tagesthemen zum Moskauer PEN-Kongreß: Sind die Dichter das gute Gewissen der Politik? <Transkription gelöscht>



Urtitel:
PEN-Kongreß in Moskau - ARD-Tagesthemen
Anfang/Ende:
(Anmoderation) Sind die Dichter…vielen Dank, Herr Grass.
Genre/Inhalt:
Politik
Präsentation:
Interview
Historischer Kontext:

67. internationaler PEN-Kongress in Moskau im Jahr 2000; Zweiter Tschetschenien-Krieg (1999-2009) "Nie wieder schweigen" - Rede vor dem PEN in Moskau "Wo sich Schriftsteller zusammenrotten, wann und wo auch immer der PEN-Club regional oder international tagt, jeweils stand oder steht aktuelle Not auf der Tagesordnung ­ so gegenwärtig in Moskau: Wir begegnen einander in einem Land, in dem die Großmacht Russland gegen das kleine Volk der Tschetschenen Krieg führt; und das geschieht zum wiederholten Mal, ohne Einsehen, ohne Erbarmen. Doch bevor davon, dem allerneuesten Kriegsverbrechen, dringlich die Rede sein muss, lade ich zum Rückblick ein. Schließlich sind wir als Schriftsteller nicht nur Zeitgenossen, sondern auch berufsnotorisch im Krebsgang der Vergangenheit hinterdrein. Ein Jahrhundert ging, begleitet von der haushälterischen Angst, ob unsere geheiligten Computersysteme auch nullentauglich seien, zu Ende; ein neues tut sich auf, gibt sich unschuldig, spielt, auf Teufel komm raus, Globalisierung, verheißt Fortschritt und Zukunft und will glauben machen, die Vergangenheit liege hinter uns, sei abgebucht oder ­ wie es nach deutschem Sprachgebrauch heißt ­ ,bewältigt". Wir wissen, dass solche Wünsche und Verheißungen trügen. Noch immer hat uns die Vergangenheit eingeholt; und ihre Siege im Wettlauf mit der Gegenwart verdankt sie, nicht zuletzt, der Literatur. Was auch dem letzten Jahrhundert eigen gewesen ist ­ Kriege und Völkermord, Hunger und Inflation, die lang anhaltende Macht der Ideologien und deren schleichender oder plötzlicher Bankrott ­, jeweils haben Schriftsteller Zeugnis abgelegt: zumeist im Widerspruch zur offiziellen Geschichtsschreibung, manchmal, weil unter Zwang, verschlüsselt und gelegentlich die Zukunft vorwegnehmend. Also lasse ich das vergangene Jahrhundert auf literarischem Laufsteg Revue passieren. Das kann nur in Zeitsprüngen geschehen. Zu viel drängt gleichzeitig in den Vordergrund, will auf die Rampe. Ich muss mich beschränken. Einige Beispiele sollen genug sein. Es geschah während des Ersten Weltkrieges in der Türkei. Hunderttausende armenischer Männer, Frauen und Kinder wurden ermordet, in die Wüste, das heißt in den Tod getrieben. Doch wüssten wir wenig und nicht genug von diesem bis heutzutage von den türkischen Regierungen geleugneten Völkermord an den Armeniern, wenn nicht ein österreichischer Schriftsteller, Franz Werfel, in seinem Roman ,Die vierzig Tage des Musa Dagh" von der planmäßigen Vernichtung Bericht gegeben hätte. Sein Buch überdauerte das Verschweigen. Als es 1933 erschien, stand mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland dem weit umfassenderen Völkermord an Juden und Roma nichts mehr im Wege. Werfel, der wenige Jahre später aus Österreich in die Emigration flüchten musste, wird die anschwellende Barbarei vorausgeahnt haben. Vergleichbar ahnungsvoll hat George Orwell frühzeitig das kommunistische Terrorsystem erkannt. Noch während des Spanischen Bürgerkrieges, auf den eine Vielzahl Autoren aus unterschiedlicher Erfahrung und Sicht reagiert haben, schrieb er seine Anklage ,Mein Katalonien" und legte den Terror der kommunistischen Geheimpolizei GPU offen, gerichtet gegen Anarchisten und Sozialisten. Doch niemand wollte ihm glauben. Und selbst sein Roman "1984", in dem sich faschistische und stalinistische Praxis als zukunftsträchtiges Gemisch erwiesen, wurde nur widerstrebend oder allenfalls als unverbindlicher Horrorroman zur Kenntnis genommen. Jederzeit ­ doch zumeist gegen den Wind gesprochen ­ legten Schriftsteller Zeugnis ab. Eindringlicher, als es jede noch so penible Statistik vermag, haben uns der Italiener Primo Levi und der Ungar Imre Kertesz den Alltag im Konzentrationslager Auschwitz schreibend vor Augen geführt. Mit ,Ist das ein Mensch" und im ,Roman eines Schicksallosen" tragen zwei Überlebende, ein reifer Mann und ein unfertiger Junge, die Last ihrer Erinnerung ab; wie ja auch Alexander Solschenizyn in seiner ersten Erzählung ­ ,Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch" ­ und dann von Buch zu Buch den ,Archipel GULAG" aller Welt kenntlich gemacht hat. Und weitere Autoren sind zu nennen, die dem vergangenen Jahrhundert Stimme, in der Regel Gegenstimme gegeben haben. Thomas Manns Roman ,Doktor Faustus", noch während der so lange andauernden Zeit der Emigration geschrieben, löste im verdrängungssüchtigen Nachkriegsdeutschland überwiegend Ablehnung und bösartige Polemiken aus. Die rückkehrenden Emigranten waren nicht willkommen. Doch nicht nur im von Gewaltherrschaft und ideologischen Zwängen dominierten Europa haben Schriftsteller dem jeweiligen Zeitgeist widersprochen. Ob in Lateinamerika oder Asien, überall dort, wo das Volk unterdrückt und in Armut gehalten wurde, wo die Kolonialherrschaft mittels Waffengewalt andauerte, war dem literarischen Wort, trotz Zensur, kein Verbot gewachsen. Beispielhaft seien der chilenische Poet Pablo Neruda und der indonesische Schriftsteller Pramoedya Ananta Toer genannt; den Letzteren sollten zehn Jahre Haft auf der Gefängnisinsel Buru und bis vor kurzem anhaltender Hausarrest zum Verstummen bringen. Bisher habe ich von Schriftstellern berichtet, die während eines von Gewalt gezeichneten Jahrhunderts den ohnmächtig anmutenden Wortzauber der Literatur erprobt haben, einige erzählend der Tradition folgend, andere bewusst den Stilbruch der Moderne wagend. Aber nur wenige Autoren hat es gegeben, die den eigenen intellektuellen Bereich nach folgenreichen Verfehlungen abgesucht haben. Einen von ihnen, den polnischen Poeten Czeslaw Milosz, will ich nennen, denn sein 1953 erschienenes Buch ,Verführtes Denken" hat mich, den damals jungen, noch seinen Weg suchenden Autor, geprägt. Der Kern dieses Buches besteht aus Kurzbiografien literarisch oder intellektuell bestimmter Personen, die Alpha, Beta, Gamma, Delta genannt sind und jeweils von Ideologie zu Ideologie wechseln, blind gläubig oder aus opportunistischem Kalkül. Exemplarisch bilden sie jenes Verhalten ab, das in Polen, wie in anderen Ländern ­ sei es unter kommunistischer, sei es unter faschistischer Herrschaft, aber auch klerikalen Zwängen folgend ­, für eine Vielzahl von Schriftstellern üblich gewesen ist. Ein Verhalten, das Schule macht. So treten neuerdings in meinem Land vormalige Hohepriester der reinen linken Lehre nunmehr rechtsgewickelt als Marktschreier des Kapitalismus auf. ,Verführtes Denken", wie es Czeslaw Milosz analysiert hat, trifft auch auf die Konvertiten unserer Tage zu und deren Kehrtwendungen in jedwede Richtung, die eine Doktrin verheißt; wobei der Neoliberalismus derzeit die marktgängigsten Angebote bietet. Und doch wage ich ­ in Kenntnis aller Verfehlungen der literarischen Zunft ­ zu behaupten, dass es allen voran Schriftsteller gewesen sind ­ ich nannte einige beispielhaft ­, die den wechselnden ideologischen Verführungen imVerlauf des 20. Jahrhunderts widerstanden haben. Sie erlaubten sich, mit kunstvoll gedrechselten Frechheiten der offiziell verkündeten einzigen Wahrheit mit der Vielzahl ihrer Wahrheiten zu antworten. Sie haben den Verlauf der Geschichte, bevor und nachdem er von Staats wegen in die Schulbücher fand, gegen den Strich gebürstet. Ihre Vorstellung von Harmonie erprobte sich in Dissonanzen. Ihr Mut verstand sich darauf, den Menschenrechten das Recht auf Angst hinzuzufügen. Denn Grund zur Angst gab und gibt es allemal; so gegenwärtig verbreitet im restlichen Volk der Tschetschenen. Sie, deren Eltern und Großeltern unter Stalins Herrschaft ermordet oder nach Sibirien und andernorts zwangsumgesiedelt wurden, sind abermals der Gewalt ausgesetzt. Zwar gibt es Proteste, aber die östlichen wie westlichen Regierungen sind offenbar bereit, den neuerlichen Terror, verübt an einem kleinen Volk, hinzunehmen, wie man jahrelang den serbischen und kroatischen Terror gegenüber Minderheiten hingenommen hat, um dann, als es zu spät war, mit militärischer Gewalt zum Schutz der Kosovo-Albaner zu intervenieren. Dabei hat sich, wie wir inzwischen wissen, das amerikanische Oberkommando erlaubt, uranhaltige Sprengköpfe zu verwenden und die serbischen Kriegsverbrechen mit einem Verbrechen zu beantworten, das nunmehr alle Nato-Staaten mitschuldig macht. Während des Zweiten Weltkrieges haben die Deutschen dem russischen Volk viel Leid zugefügt. Eine Schuld, die immer noch auf uns lastet. Das russische und das deutsche Volk sind durch Kriegserfahrung und deren traumatischen Nachwirkungen verbunden. Daraus gilt es, Lehren zu ziehen: Zu hoffen ist, dass die auf diesem internationalen PEN-Kongress anwesenden Schriftsteller sich bewusst sind, welcher Tradition sie verpflichtet bleiben. Wir müssen ein Ende des Krieges gegen das Volk der Tschetschenen fordern. Desgleichen eine von den UN zu gewährleistende Untersuchung aller von beiden Seiten begangenen Kriegsverbrechen. Sollte das nicht geschehen, wird dennoch eines Tages ­ ich bin sicher ­ wenn nicht ein tschetschenischer, dann stellvertretend ein russischer Schriftsteller vom Leid der Tschetschenen Bericht geben, wie einst Franz Werfel über die Ermordung der in der Türkei verfolgten Armenier geschrieben hat. Das immerhin leistet die Literatur: Sie schaut nicht weg, sie vergisst nicht, sie bricht das Schweigen

Schlagworte:

Person:
Putin Vladimir
Werke:
Nie wieder schweigen
Sach:
Rolle des Schriftstellers; Meinungsfreiheit; Zensur; PEN; Opportunismus
Geo:
Tschetschenien; Russland
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
23.04.2000
Sprachen:
deutsch
Kopie:

Länge der Kopie:
00:03:51
Tonträger:
DAT
Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Herkunft:

Sender / Institution:
Radio Bremen (RB)
Sendereihe:
ARD-Tagesthemen
Teilnehmende:

Person:
Wickert, Ulrich (Interviewpartner)
Person:
Grass, Günter (Beitragende(r))

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Zitierform:

PEN-Kongreß in Moskau - ARD-Tagesthemen.

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