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Medienarchiv

DB-Nummer: 571
10.20379/dbaud-0571

Ohne die Tinte zu wechseln : Günter Grass anläßlich der Eröffnung des Günter-Grass-Hauses am 20. Oktober 2002 im Großen Haus des Theaters Lübeck

Beginn: 14.00 Uhr 1. Begrüßung: Ulrich Meygenburg (Kultursenator der Hansestadt Lübeck) 2. Grußwort: Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin (Staatsminister beim Bundeskanzler, Beauftragter für die Angelegenheiten der Kultur und der Medien, "BKM") 3. Grußwort: Heide Simonis (Ministerpräsidentin Schleswig-Holstein) 4. Vortrag: Dr. Hans Wißkirchen (Leiter der Kulturstifung Hansestadt Lübeck) "Das Günter-Haus in Lübeck" 5. Rede und Lesung: Günter Grass: "Bin ich nun Schreiber oder Zeichner?": Als ich kürzlich eine Erzählung schrieb, in deren Verlauf sich gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges zwei Dutzend barocke Schriftsteller versammeln, um einander aus ihren Manuskripten vorzulesen, suchte ich nach einem Ausdruck ihrer verzweifelten Lage, fand ihn zuerst im Bild - eine aus Steingeröll ragende, noch immer die Schreibfeder führende Hand -, bevor ich ihn in Worte fassen und meiner Erzählung einfügen konnte. Das gezeichnete Bild, eine Radierung, wurde zum Buchumschlag. Die geschriebene Metapher findet sich beiläufig im erzählenden Text. Auf zweierlei Weise versuchte ich, die barocke Tradition der Emblematik aufzunehmen. Wenn der zeichnerische Einfall voranging, löste der Schreibprozeß zeichnerische Varianten aus. Beide Disziplinen befruchteten einander zwittrig. Der Gegensatz zwischen Zeichnen und Schreiben hob sich bei der Gestaltung einer Bildvorstellung auf, die, ins Wort gesetzt, zeichenhaft wirkt, die, als Zeichen, wörtlich zu nehmen ist. Nicht nur, weil Schrift und zeichnerische Linie gleichermaßen grafisch sind, sondern auch aus Gründen der Bildhaftigkeit stehen Zeichnen und Schreiben zueinander in Wechselbeziehung: In Praxis überschreitet die zeichenhafte Vorstellung die Grenzen künstlerischer Gattungsbestimmung, so irritierend verschieden jeweils das Handwerk und seine Materialien sind. Vielleicht sind es die Ursprünge der Kunst, von der Bildersprache zur Bilderschrift, die daran erinnern, daß unsere klassische Einteilung und Abgrenzung der Künste jüngeren Datums und einzig vom akademischen Zwang geleitet ist. Deshalb sind mir Publikumsfragen wie "Sind Sie nun zuallererst Schriftsteller oder Grafiker?" so verständlich wie lächerlich. Meine Antwort kann deshalb nur spielerisch, das heißt abseits vom ernsthaften "Entwederoder" ihre Widersprüche entwickeln. Ich zeichne immer, auch wenn ich nicht zeichne, weil ich gerade schreibe oder konzentriert nichts tue. Und auch beim Zeichnen schreiben sich Sätze fort, die angefangen auf anderem Papier stehen. Das Schreiben hebt raffend oder verschleppend die Zeit auf. Beim Zeichnen findet sich der knappere Ausdruck. Lange bevor ich siebenhundert Seiten lang das Märchen vom Butt als Roman schrieb, habe ich den großen Plattfisch mit dem Pinsel, mit der Rohrfeder, mit spröder Kohle und mit weichem Blei gezeichnet. Und als dann der Butt als sprechender Fisch zu Wort kam und die ersten Kapitel in Entwürfen den Stoff einkreisten, als die chronologische Zeitfolge aufgehoben und in erzählte Zeit umgesetzt wurde, entstanden Radierungen in verschiedener Technik (Ätzung, Kaltnadel), die jeweils, ohne Illustration zu sein, der Thematik des epischen Stoffes zugehörten oder sie bis in jene Bereiche erweiterten, die der erzählenden Prosa unzugänglich und nur der Lyrik offen sind. Gedichte und Grafiken entwickeln sich, stehen zueinander in Wechselbeziehung. Oft sind die Grafiken gezeichnete Gedichte; und viele Gedichte umschreiben Konturen, stufen Grautöne ab. Wie der lyrische Vers Distanzen kürzt und dehnt oder der kurzen Erhellung Dauer sichert, so hält die Zeichnung kaum merkliche Überschneidungen fest: Mit gleichmütiger Linie hebt sie Fremdheiten auf, sie bettet Gegensätzliches unter einer Schraffur, sie widerlegt - wie das Gedicht - die Gewohnheit, sie macht das Niegehörte sichtbar. Die Konfrontation des Gegenständlichen ist mein Thema. Auf Stangen gespießt sind sich der Fischkopf und der alte Schuh feindselig verwandt. Das Märchenmotiv: Ilsebill küßt den Fisch - führt grafisch zur Anverwandlung der Physiognomie. Für den Zyklus "Liebe geprüft" entstanden Gedichte und Radierungen gleichzeitig und lösten andernorts Prosakapitel aus, die ihrerseits der Grafik als Prüfstein bedurften. Sie ist genauer. Sie lässt sich nicht durch Wortklang verführen. Mehr als die eindeutige Linie ist der Vers durch das Geschwätz beliebiger Deutungen gefährdet. Erst ins grafische Bild übersetzt beweist die Wortmetapher, ob sie Bestand hat. Seht, sagt die Zeichnung, wie wenige Wörter ich brauche; hört, sagt das Gedicht, was zwischen den Linien ist. Und weil sich bei mir im Schreiben das Zeichen fortsetzt, weil aus der zeichnerischen Struktur epische Perioden als Satzgefälle abzuleiten sind, hat mich die Frage "Bist du nun Schreiber oder Zeichner zuallererst?" nie kümmern können. Wörtlich oder zeichnerisch genommen: Es sind die Grauwerte, die unsere Wirklichkeit tönen, stufen, eintrüben, transparent machen. Weiß ist nur das Papier. Es muß befleckt, mit harter oder brüchiger Kontur belebt oder mit Wörtern besiedelt werden, die die Wahrheit immer neu und jedesmal anders erzählen. Ein schreibender Zeichner ist jemand, der die Tinte nicht wechselt. (bis 01:13:00) Lesung aus "Ein weites Feld", 28. Kapitel. Besuch des Fontane-Denkmals in Neuruppin.



Urtitel:
Festakt zur Eröffnung des Günter-Grass-Hauses Lübeck - Grass liest aus "Ein weites Feld"
Anfang/Ende:
(BEIFALL) Herzlichen Dank. Sehr…seiner Laune auszufüllen. (BEIFALL)
Genre/Inhalt:
Kultur
Präsentation:
Rede
Historischer Kontext:

Sonntag, 20. 10., ab 17 Uhr, Günter Grass-Haus Eröffnung des Günter Grass-Hauses Das neu gegründete Günter Grass-Haus, Forum für Literatur und bildende Kunst, öffnet erstmalig seine Pforten für die Öffentlichkeit. Den Besuchern bietet sich die Möglichkeit zur Besichtigung der Eröffnungsausstellung und des Skulpturengartens, die nicht zuletzt eine überraschende Sicht auf das eng mit dem bildkünstlerischen Oeuvre verzahnte schriftstellerische Werk des Literaturnobelpreisträgers zulassen. Eintritt frei!

Schlagworte:

Person:
Fontane Theodor
Werke:
Das Treffen in Telgte; Ein weites Feld; Bin ich nun Schreiber oder Zeichner; Der Butt; Liebe geprüft
Sach:
Dreißigjähriger Krieg; Bild; Radierung; Buchumschlag; Zeichnen; Schreiben; Kunst; Pinsel; Kohle; Blei; Illus; Kaltnadel; Ätzung; Rohrfeder; Bilderschrift; Bildersprache; Handwerk; Bildhaftigkeit; Emblematik; geschriebene Metapher; Manuskripte
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
20.10.2002
Aufnahmeort:
Lübeck: Großes Haus des Theaters
Sprachen:
deutsch
Kopie:

Länge der Kopie:
01:28:01
Tonträger:
DAT
Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Teilnehmende:

Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))

Zitieren

Zitierform:

Festakt zur Eröffnung des Günter-Grass-Hauses Lübeck - Grass liest aus "Ein weites Feld". Lübeck: Großes Haus des Theaters .

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