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DB-Nummer: 574
10.20379/dbaud-0574

Die Wiedervereinigung als andauernde Aufgabe (Erfahrungen aus der deutschen Wiedervereinigung) : Zu Gast im Goethe Institut in Seoul

Grass, Günter

Die Chung Ang Universität in Seoul hat in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, mit Erfahrungswerten und neuen Erkenntnissen aus der Deutschen Wiedervereinigung, Thesen zur Wiedervereinigung in Korea zu erarbeiten. Hierzu wurden namhafte koreanische Schriftsteller und Persönlichkeiten von der Chung Ang Universität, und in Deutschland vom Goethe-Institut, kontaktiert und eingeladen. Günter Grass war Ende Mai in Korea und hatte einen voll bepackten Terminplan, der ihm nur wenig Freiraum ließ. Trotzdem fand er Zeit, im Goethe-Institut eine Lesung zu halten. Er las das erste Kapitel aus "Im Krebsgang" vor. Am 24. und 25. Mai 2002 hielt Grass einen Vortrag im Rahmen eines Symposiums in der Chung Ang Universität. Im Anschluss gab es eine offene Diskussion, bei der sich die Zuhörer rege beteiligt hatten. Die Studierenden kennen die Entspannungspolitik der deutschen Politiker Walter Scheel und Willy Brandt. Ein Vorbild scheint hier in Korea Brandt zu sein, der als Wegbereiter der Wiedervereinigung in Deutschland mit seinem Leitsatz "Wandel durch Annäherung" gilt. Grass hat den Satz von Brandt erweitert, indem er die Wiedervereinigung als andauernde Aufgabe betrachtet. Die Wiedervereinigung in Deutschland ist vollzogen und trotzdem unvollendet. Es gibt noch viel zu tun, um die Mauer in den Köpfen abzubauen. Rückblickend stellt sich nach Grass das Ganze als Sisyphus-Arbeit dar. Nie bleibt der Stein oben liegen. Immer wieder wartet er im Tal und will aufwärts bewegt werden. Und solch eine Sisyphus-Arbeit steht nun den beiden koreanischen Staaten bevor. Grass fragt sich selber, ob der eine, in Deutschland noch nicht abgeschlossene Vorgang, mit dem sich nun in Korea anbahnenden Prozess vergleichbar ist. Die Deutschen hatten die Chance zur Wiedervereinigung, die ohne vorangegangene Ereignisse, wie der Prager Frühling Mitte der 60er Jahre, später die polnische Solidarnosc-Bewegung und die aktiven Proteste der Ostdeutschen nicht möglich gewesen wäre. Wichtig waren Gorbatschows Glasnost- und Perestroika-Politik, die diese Chance eröffnet, unterstützt und schließlich geduldet hat. Die Deutschen hatten die Sowjetunion und die USA im Rücken. Aber wer unterstützt die Koreaner? Etwa ein gewisser Herr Bush, der Nordkorea, eines der ärmsten Länder der Erde zu den Schurkenstaaten und der Achse des Bösen erklärt hat? In Grass' Augen benötigt auch Korea eine Großmacht, die hilft, damit beide Teile wieder zueinander finden. Beim Besuch der JSA in Panmunjeom kam ihm der Gedanke, ob statt Großmächten, neutrale Vertreter von Staaten, wie beispielsweise die Schweden und die Schweizer, die bereits in der JSA stationiert sind und Erfahrung mit den Koreanern haben, bei der koreanischen Wiedervereinigung helfen könnten. Die westdeutsche Verfassung hatte im Schlussartikel des Grundgesetzes zwingend vorgeschrieben, dass im Fall einer Wiedervereinigung dem gesamten deutschen Volk eine neue demokratische Verfassung gegeben werden müsse. Aber dieses Gebot wurde missachtet, die Chance vertan. Einzig der Beitrittsartikel blieb wirksam. So ist die Möglichkeit einer Verfassungsdiskussion, an der sich die Bürger beider Staaten hätten beteiligen können, nicht genutzt worden. Bevor man sich einig war, stand die Einheit auf dem Papier. In den 60er und 70er Jahren fuhr Grass mit anderen Schriftstellern aus dem Westen nach Ostberlin und traf sich dort mit Schriftstellern aus der DDR. In Privatwohnungen fanden sie sich in Kreisen ein, um sich gegenseitig Werke aus beiden Teilen Deutschlands vorzulesen. Es kam zu einem Austausch. Die Gefahr, entdeckt zu werden, war immer in greifbarer Nähe. Jedoch kam es trotzdem dazu, dass sich der Kreis regelmäßig traf. Man traf sich aber nicht nur in Ostberlin. Man verabredet sich auch in der BRD. Die Schriftsteller und Liedermacher aus der DDR erhielten zwar nie ein Reisevisum für die BRD, und wenn überhaupt, dann einige Tage zu spät, nach Verstreichen des Termins, aber das ist eine andere Geschichte. Im Laufe der Zeit wurde es der Staatssicherheit zu bunt. Sie wiesen einige DDR-Schriftsteller in den Westen aus. Für Grass war das ein sehr wichtiger Erfahrungswert. Denn entgegen allen ideologischen und ökonomischen Zwängen hat sich die Kultur noch immer als grenzüberschreitend bewiesen, zumal in einem Land, deren Bürger eine Sprache sprechen. Grass, der 1999 den Nobelpreis für Literatur verliehen bekam, stellt in seinem Roman "Ein weites Feld" (1995) Ost-West-Mentalitäten gegenüber und beschreibt ein Stück deutsche Vergangenheit, die Folgen der Wiedervereinigung und auch die Zeit der Reichsgründung 1871. "Ein weites Feld" ist als eine Art Kritik an den Westen zu verstehen, der als "Gewinner" der Wiedervereinigung hervorgegangen ist. Grass erzählt aus der Perspektive Der von der Wiedervereinigung betroffenen Ostdeutschen, die zwar vierzig Jahre Diktatur hinter sich hatten, aber doch meinten, sich nicht als Verlierer der Geschichte und - aus westdeutscher Sicht - Besiegte an der Wiedervereinigung erfreuen zu dürfen. "Ein weites Feld" erntete beim Erscheinen nicht nur Kritik, sondern auch bis zur Wut gesteigerte Ablehnung.



Urtitel:
Anfang/Ende:
(Setzt abrupt ein) Dank, meine Damen…Veranstaltung. Vielen Dank. (BEIFALL)
Genre/Inhalt:
Politik
Präsentation:
Rede
Historischer Kontext:

Reise von Grass nach Korea, Symposion 29.-30. Mai 2002 in Seoul (ausgerichtet vom Goethe-Institut und einer grossen Universität) Teilnehmer: Günter Grass; Nak-Chung Paik (Prof.); Chung-Ho Choe (Prof.); Kogel-Jörg-Dieter (RB); Hoon-Hwan Kim (Prof.); Uwe Kolbe (Schriftsteller); Seok-Yeong Hwang (Schriftsteller)

Schlagworte:

Person:
Brandt Willy
Werke:
Im Krebsgang
Sach:
Wiedervereinigung; Goethe-Institut; Universität; Prager Frühling
Geo:
Südkorea; Seoul; Nordkorea
Zeit:
1960er Jahre; 1970er Jahre
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
29.05.2002
Aufnahmeort:
Seoul: Goethe-Institut
Sprachen:
deutsch
Original:

Originallänge:
00:26:52
Kopie:

Länge der Kopie:
00:26:19
Tonträger:
CD
Datenformat Sichtung:
MPEG 1
Datenformat Archiv:
WAV
Teilnehmende:

Person:
Grass, Günter (Autor(in))
Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))

Zitieren

Zitierform:

Grass, Günter: Seoul: Goethe-Institut .

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