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Medienarchiv

DB-Nummer: 584
10.20379/dbaud-0584

Mein Jahrhundert - Auszüge : Text- und Toncollage

Grass, Günter

Mein Jahrhundert" in hundert Minuten das geht nicht mal im Schnelldurchlauf. Günter Grass und Günter "Baby" Sommer haben sich aus Grass' Rückblick bedient für eine Text- und Toncollage, die das vergangene Dezennium auf ganz eigene Weise Revue passieren läßt. Zeitgeschichte, die ganz große und die im menschlichen Maßstab, verdichtet sich, umspielt von von den organischen Klängen verschiedener Schlaginstrumente, zu einem literarisch-geschichtlichen Bilderbogen vom zwanzigsten Jahrhundert. (Pressetext) CD 1 enthält 6 Ids mit einer Länge von 47'12'' 1. 1927 (08'07'') 2. 1931 (07'19'') 3. 1933 (09'35'') 4. 1946 (06'32'') 5. 1953 (07'54'') 6. 1962 (07'43'') CD 2 enthält 5 Ids. Länge: 47'15'' 7. 1970 (07'57'') 8. 1974 (09'26'') 9. 1988 (08'20'') 10. 1995 (10'22'') 11. 1999 (11'10'') Ausschnitt aus der Dissertation von Anselm Weyer: "Günter Grass und die Musik": "Mir ging es auch darum, in diesen Geschichten die Verquickung von Sport, Kommerz und Politik aufzuzeigen", beschrieb Grass seine Textauswahl“ bei der musiklosen Benefiz-Lesung aus "Mein Jahrhundert" für den FC St. Pauli. Andere Schwerpunkte setzt er bei anderen Auftritten und beim Programm mit Günter Baby Sommer, das noch vor der Uraufführung, nämlich vom 14. bis 16. Mai 2001 im Sendesaal von Radio Bremen aufgenommen wurde und schließlich Ende 2004 in die Läden kam. Der Text dieses "Jahrhundert-Programms" von Grass und Sommer umfasst dann im Gegensatz zum Buch, das auch entlegenere Bereiche der umfassten hundert Jahre betont, „ausgewählte, markante Kreuzpunkte jüngster Vergangenheit – weniger die Pausen dazwischen“ . Kommen einmal weltgeschichtlich weniger relevant erscheinende Jahre dem Publikum zu Gehör, dann hat dies durchweg mit der persönlichen Biographie des Autors und Rezitators zu tun: Das Buch ist nicht umsonst angekündigt als "Mein Jahrhundert". Das gilt für alle Geschichten“ Es scheint sich also bei diesem Programm um eine nochmalige Akzentuierung der persönlichen Bezüge des Autors zu handeln, der im Buchtitel ausgerechnet mit diesem besitzanzeigenden Fürwort die literarische Treuhand auf das Saeculum legt. Schon rein zeitlich umspannt das Programm die Lebenszeit des Autors, beginnt in seinem Geburtsjahr (MJ 1927, S. 111) 1927, um nach insgesamt elf Stationen im aktuellsten der im Buch vorkommenden Jahre, also im Jahr 1999, zu enden. Das Possessivpronomen des Titels kommt in der Lesung mit Musik noch mehr zur Geltung, es ist noch mehr das persönliche Jahrhundert des Autors, das in dieser Strichfassung präsentiert wird, von der wenig goldenen Zwischenkriegszeit über die Nachkriegszeit mit ihren Ost-West-Konflikten bis zur Ökologischen Krise: In dem Sinne also „schlüssig begann Grass seine Lesung mit 1927, dem Jahr seiner Geburt, im "goldenen Oktober" (MJ 1927, S. 111). Schon am Anfang steht dadurch der hier auch als Erzählerfigur fungierende Schriftsteller, beziehungsweise seine Mutter Helene im Jahr der Geburt des später berühmten Sohnes, im Zentrum der Aufmerksamkeit. Im weiteren Verlauf mag es dann zwar scheinen, Grass spare „Autobiografisches weitgehend aus“ , doch ist dies bei dem Buch mit dem anmaßend erscheinenden Titel wohl kaum möglich. Nächstes Kapitel der Lesung ist das Jahr 1931, in dem vielstimmig das Aufkommen des Nationalsozialismus behandelt wird, wie es auch Grass in seiner Jugend erlebt hat. Dieses Thema wird fortgeführt mit dem Kapitel 1933, das „die Nachricht von der Ernennung“ behandelt. In diesem wird eine Haltung Hitler gegenüber bezogen, die jener konträr entgegengesetzt ist, welche der junge Grass und seine Umgebung damals eingenommen haben: Von der so genannten Machtübernahme, Hitlers Ernennung zum Reichskanzler, und dem legendären Fackelzug durchs Brandenburger Tor am Abend des 30. Januar 1933 berichtet ein homosexueller Galerist, der das Spektakel an der Seite Liebermanns vom Dach des Liebermann-Hauses am Pariser Platz miterlebt. Die Kriegszeit selbst kommt dann in der Lesung zur Musik nur indirekt zur Sprache, nämlich im Jahr 1946. „Über das Ende des Krieges lässt er eine Trümmerfrau räsonieren“ , also eine derer, welche die Konsequenzen des Krieges zu tragen haben, den Wiederaufbau betreiben, während die Männer noch traumatisiert der Vergangenheit nachhängen. Wieder eindeutig autobiographisch gibt sich das Jahr 1953. In diesem tritt Grass selbst abermals als Erzähler auf und schildert, was er gemeinsam mit seiner Gattin Anna "am 17. Juni 1953 vom Potsdamer Platz aus gesehen hatte und was erst zwölf Jahre später ein Theaterstück, 'Die Plebejer proben den Aufstand', auslöste" (5Jz 20), nämlich das, was nachher "auf den 17. Juni datiert, zur Volkserhebung verfälscht und zu Feiertag erklärt wurde" (MJ 1953). Hier kommt nochmals besonders deutlich zum Ausdruck, was auch den Rest des Buches und auch insbesondere der Lesung mit Musik kennzeichnet, nämlich die subjektiv erzählte Weltgeschichte, historische Daten, vom Autor selektiert und aus verschiedenen bestimmten Erzählperspektive vermittelt. Der Eichmann-Prozess 1962 wird dann aus dem Blickwinkel eines aus Deutschland geflohenen Juden erzählt, es „berichtet der aus Nürnberg entkommene Glaser, der bis auf einen Bruder seine gesamte Verwandtschaft im Holocaust verloren und jetzt den Schutzkasten für den angeklagten ‚Transportleiter’ gebaut hat“ . Dieses Kapitel fällt vielleicht bezüglich der persönlichen Anbindung des Autors an das Ereignis am weitesten aus dem Programm heraus. Die für die Jahre 1970 beziehungsweise 1974 ausgesuchten Ereignisse hätte Grass dafür wieder aus der eigenen Perspektive schildern können. Er hat es auch bereits früher, beispielsweise zeitnah in seinem Politischen Tagebuch (EuR II 80-82) und auch an entlegener Stelle (Willy Brandt im Warschauer Ghetto, EuR III 422-424), getan. Dies liegt nahe, schließlich war er mit Willy Brandt persönlich befreundet und hatte ihn „auf diesem schwierigen Staatsbesuch zur Unterzeichnung des Warschauer Vertrages begleite[t]“ , Grass „war dabei, als Willy Brandt dort, wo einst das Warschauer Ghetto gewesen ist, auf die Knie ging“ (EuR III 422). Der Autor entscheidet sich allerdings wieder aus guten Gründen für die Rollenprosa, um zunächst „Willy Brandts Kniefall 1970 an der Gedenkstätte für das Warschauer Ghetto“ zu schildern. Formal ist es die „Hasstirade eines Journalisten“ , denn „gestaltet wird dieses Ereignis im Inneren Monolog eines journalistischen Brandt-Gegners und zynischen Sozi-Fressers, der wider Willen seine Faszination verrät“ . Der „deutschnationale Reporter, der bei Willy Brandts Kniefall in Wahrschau zähneknirschend danebenstand“ muss nicht zuletzt im Schlusssatz eingestehen: „Aber gekonnt war das schon, einfach so auf die Knie“ (MJ 1970, S. 287). Das Jahr 1974 birgt anschließend ein weiteres Prunkstück des Buches, eine Textpassage, die ebenso gut in ein niveauvolles Kabarett gepasst hätte: Der Kanzler-Spion Günther Guillaume sieht in der Untersuchungshaft das legendäre Fußballspiel Deutschland gegen Deutschland im Rahmen der Weltmeisterschaft 1974, in dem das eine Deutschland über das andere siegt, das andere aber letztlich Weltmeister wird – und der als Westdeutscher verkleidete, aber inzwischen enttarnte Ostdeutsche Guillaume weiß nicht, mit welchem Deutschland er jubeln soll. Es folgt ein großer Sprung ins Jahr 1988, das wieder aus der Warte des Autors Günter Grass geschrieben ist, der über die Entstehung seines Buches Totes Holz (vgl. EuR III 278-283, 324f.) berichtet. Besondere Aktualität in Grass’ Leben hat das Buch zur Zeit der Aufführung des Programms, weil eine Neuveröffentlichung gerade anstand, sozusagen ein Upgrade „in einer neuen Ausgabe, in größerem Format und anspruchsvollerer Wiedergabetechnik, im noblen Leinenband: ‚Totes Holz’ lebt“ . Das Thema Umweltzerstörung, das Grass hier behandelt und das ihm generell sehr am Herzen liegt, wird anschließend in der Lesung weitergeführt, in der „Reportage eines Medienmannes 1995 über die Loveparade“ . 1999 bildet dann das abschließende Kapitel, das wiederum, wie das Eingangskapitel nicht des Buches aber der Lesung, den Schwerpunkt auf Helene Grass legt, „die kaschubische Mutter, die der Autor noch einmal ins Leben holt“ und die ja – so die Eingangsidee des Buches – anfangs als Erzählinstanz des gesamten Werkes geplant war. Die Textfassung der Lesung mit Musik bietet somit eine Akzentuierung des ersten Bestandteiles des Buchtitels, lässt die persönliche Perspektive des Autors auf das Jahrhundert noch konturierter erscheinen.



Urtitel:
Mein Jahrhundert - Premaster
Anfang/Ende:
Track 1: Ich, ausgetauscht gegen…gelächelt hat, bisschen. Track 2: 1963, 1964, 1965…und dann überall.
Genre/Inhalt:
Erzählung
Präsentation:
Lesung
Historischer Kontext:

Mein Jahrhundert, eine von Grass und Sommer am 4. Juni 2001 im Schauspielhaus Dresden uraufgeführte Szenische Lesung mit Musik und Projektionen, somit der Rezitation und der Musik noch einen optischen Reiz hinzufügend. Diese CD kam Ende 2004 auf den Markt. Der optische Aspekt, der bereits die großformatige Ausgabe des Buches in Form jener „repräsentative[n] Ikonen ganzer Jahre“ mitprägt, wird allerdings weder in der letztlichen CD-Veröffentlichung, noch bei der Aufführung – „Günter Grass hinterm Lesepult, Günter Sommer am Schlagwerk“ – zusätzlich forciert. Dies bemängelt Mathias Bäumel in seiner Rezension für die ‚Dresdener Neuesten Nachrichten’ einleitend: „Szenische Lesung mit Musik und Projektionen“, stand auf dem Programm-Flyer, und da die Projektionen aus simplen Farbzeichnungen bestanden, zu jedem der elf Texte eine, die die gesamte Zeit stehen blieb, entstand die Frage, wohin denn die künstlerische Dimension der „Projektionen“ verkümmert ist, wenn das Ganze ohne erwähnenswerte Wirkungsverluste auch als einfaches Hörstück auf CD funktionieren würde. In der Rezension von Karin Großmann für die ‚Sächsische Zeitung’ fehlt dementsprechend jeder Hinweis auf die Projektionen ganz. Ebenso wird auf diesen Aspekt ganz verzichtet bei der Ankündigung der Veranstaltung „Günter & Günter machen was für Kinder- und Frauenrechte“, einer Benefizveranstaltung am 8. Oktober, 19.30 Uhr, im Audimax der TU-Dresden, zugunsten der Akrifa (Aktionsgemeinschaft für Kinder- und Frauenrechte e.V.), bei der Günter Grass seit 2003 Ehrenmitglied ist. Auch dort las Grass aus Mein Jahrhundert. (Aus: Anselm Weyer, Günter Grass und die Musik)

Schlagworte:

Person:
Brandt Willy; Hitler Adolf; Liebermann Max; Grass Helene
Werke:
Mein Jahrhundert
Sach:
Lesung
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
15.05.2001
Aufnahmeort:
Bremen: Radio Bremen: Sendesaal
Sprachen:
deutsch
Original:

Analog/Digital:
born digital
Original-Tonträger:
CD
Kopie:

Länge der Kopie:
01:34:27
Tonträger:
CD-ROM
Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Teilnehmende:

Person:
Grass, Günter (Autor(in))
Person:
Antonow, Maria (Übersetzer(in))
Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))
Person:
Sommer, Günter "Baby" (Vorredner(in))
Person:
Grass, Günter (Beitragende(r))
Person:
Sommer, Günter "Baby" (Beitragende(r))

Zitieren

Zitierform:

Grass, Günter: Mein Jahrhundert - Premaster. Bremen: Radio Bremen: Sendesaal .

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