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DB-Nummer: 588
10.20379/dbaud-0588

Grass in Rom : Internationales Literaturfestival und die Ausstellung "In gemischter Gesellschaft"

Kreisselmeier, Philipp

Bericht über Grass' Besuch in Rom im Rahmen eines international besetzten Literaturfestivals 2002; Grass liest in der Maxentiusbasilika aus "Mein Jahrhundert" vor über 1000 Zuhörern; in der Casa di Goethe sind bildkünstlerische Werke von Grass zu sehen, u.a. die Aquarelle aus "Mein Jahrhundert"; im Gespräch mit italienischen und deutschen Journalisten äußert sich Grass auch zu Eindrücken von anderen Reisen, vor allem seinen Reisen nach Indien; dort habe er die Spätfolgen des Kolonialismus sowie den Neo-Kolonialismus erlebt; O-Ton Grass: Willy Brandt nicht nur Kanzler, der die deutsche Einheit vorbereitet hat, sondern der Mitte der 70er Jahre als Vorsitzender der Nord-Süd-Komission die Probleme (Nord-Süd-Konflikt) vorhergesagt hat; Brandt hatte eine Weltinnenpolitik und eine neue Weltwirtschaftsordnung gefordert; Grass wurde auch um eine Stellungnahme zu der aktuellen Debatte um Martin Walsers Buch "Tod eines Kritikers" gebeten; dabei ist Grass der Ansicht, dass dem Schriftstellerkollegen Unrecht angetan werde und dass dieser kein Antisemit sei; O-Ton Grass: zu große Nähe zwischen Suhrkamp-Verlag, der FAZ und Marcel Reich-Ranicki hat die Debatte verschärft; interne Feuilleton-Schlacht, die vorbei am Publikum geführt wird. Weiteres Thema: O-Ton Grass: demagogischer Vorgang in der FDP: Jürgen Möllemann am rechten Rand, um Stimmen für die bevorstehende Bundestagswahl zu bekommen; gefährliche Entwicklung, dass National-Liberalismus wieder aufkommt; zur Situation in Italien: Grass kritisiert die Verbindung von Berlusconis Medienmacht mit dem politischen Amt; in Deutschland müsse dies verhindert werden, daher engagiere er sich für Rot-Grün; O-Ton Grass: Edmund Stoiber hat freundschaftliches Verhältnis zu Jörg Haider und hat Berlusconi im Wahlkampf geholfen.



Urtitel:
Anfang/Ende:
(Anmoderation) Bei einem erstmals…Philipp Kreisselmeier, Rom.
Genre/Inhalt:
Kultur
Präsentation:
Dokumentation
Historischer Kontext:

"In gemischter Gesellschaft": Mit einer Grass-Ausstellung feiert die römische Casa di Goethe ihren fünften Geburtstag Henning Klüver Rom sei, so schrieb Goethe 1787 an Frau von Stein, "der einzige Ort auf der Welt für den Künstler und ich bin doch einmal nichts anders." Auf diesen Spuren zu wandeln ist auch für einen Nobelpreisträger wie Günter Grass, der im Herbst seinen 75. Geburtstag feiert, nicht ohne Reiz. So hat er die Einladung der römischen Casa di Goethe angenommen, in der Via del Corso einen Teil seiner Arbeiten als bildender Künstler zu zeigen. Die Ausstellung von Grafiken, Bildern und Plastiken, die von ersten Skizzen für den 1956 erschienenen Lyrikband "Die Vorzüge der Windhühner" über den legendären "Pariser Koffer" mit einem signierten und datierten Typoskript einer frühen Fassung der Blechtrommel (Leihgabe Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg) bis zu großformatigen Aquarellen für "Mein Jahrhundert" reicht, ist aus den Beständen des neu gegründeten Lübecker Grass-Hauses zusammengestellt worden. Das ist gleichsam eine Generalprobe auf fremder Bühne, denn das Grass-Haus wird als Forum für Literatur und bildende Kunst erst im Oktober in Lübeck eingeweiht. "In gemischter Gesellschaft" lautet der Titel der Grass-Ausstellung, die am 30. Mai von Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin und dem römischen Bürgermeister Walter Veltroni eröffnet wurde und noch bis zum 9. September zu sehen ist. Der Nobelpreisträger selbst kam zu einer Lesung am 11. Juni nach Rom. Mit diesen Veranstaltungen feiert die Casa di Goethe, das einzige deutsche Museum außerhalb der Bundesrepublik, ihr fünfjähriges Bestehen. Nachdem es bereits in den siebziger Jahren zeitweilig ein vom Frankfurter Freien Deutschen Hochstift betreutes Museum im selben Gebäude gegeben hatte, konnte die Wohnung, in der Goethe von 1786 bis 1788 bei seinem Malerfreund Tischbein gelebt hatte, mit Hilfe der damaligen Daimler-Benz AG von der Bundesrepublik erworben und restauriert werden. In einer Zeit, in der man sonst nur über Kürzungen der Finanzmittel oder gar über die Schließung von öffentlichen Einrichtungen diskutiert, war das ein ungewöhnlich ermutigender Vorgang. Unter der Leitung der Historikerin Ursula Bongaerts hat sich die Casa die Goethe auf nur 600 Quadratmetern dann sogar zu einem kleinen Treffpunkt europäischer Kultur entwickeln können. Die Dauerausstellung von Bildern, Büchern und Objekten zum Romaufenthalt Goethes und zur Werkrezeption zieht jährlich rund 22.000 Besucher an, davon fast die Hälfte Italiener. Die Bibliothek (auf der Basis der Sammlung Dorn) mit Erstausgaben und reicher Sekundärliteratur, die inzwischen auf 10.000 Bände angewachsen ist, gibt die Möglichkeit zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung - und sprengt bereits die Räumlichkeiten. Eine Stipendiatenstelle, die alle halbe Jahre neu vergeben wird (u.a. genutzt von dem Fotografen Martin Zeller, der Illustratorin Siglint Kessler, dem Autor F. C. Delius oder dem Redakteur Jürg Dieter Kogel, der auch die Grass-Ausstellung initiiert hat), sorgt für interdisziplinären Umgang mit dem Erbe Goethes. Vielleicht am wichtigsten aber sind neben den üblichen Lesungen, Vorträgen, Konzerten und Tagungen die wechselnden Ausstellungen aus der bildenden Kunst (zuletzt Katharina Sieverding), der Fotografie (Fridhelm Volk), des Comics (Papan) oder der Literaturgeschichte (Marie Luise Kaschnitz). So ist diese Casa di Goethe - unter der Trägerschaft des Arbeitskreises selbständiger Kultur-Institute (AsKI) - mit einem frischen Programm von Anfang der Falle entgangen, als museale Stätte der Goethe-Verehrung Langeweile zu verbreiten. Und wenn Ursula Bongaerts einen Wunsch frei hätte, dann wäre das neben weiteren Räumen für die Bibliothek der Ankauf eines kleinen Ladens im Erdgeschoss. Da ließe sich denn eine Art Goethe-Shop einrichten, wo man mitten in Rom für die deutsche Kultur werben und den "Werther" verkaufen könnte - und dann und wann auch eine "Blechtrommel" Günter Grass. In gemischter Gesellschaft Eine Ausstellung der Casa di Goethe, Rom und des Günter Grass-Hauses Lübeck in Zusammenarbeit mit der Günter Grass Stiftung Bremen und Radio Bremen Kurator der Ausstellung: Kai Artinger Leihgeber: Günter Grass, Lübeck; Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg; Stiftung Archiv der Akademie der Künste, Berlin; Stiftung Deutsche Kinemathek, Berlin Eine zweisprachige Publikation (88 S., zahlreiche Farbabb.) kann über die Casa di Goethe zum Preis von 11,- EUR erworben werden. Rom, Casa di Goethe 31.5. - 9.9.2002 Günter Grass Stiftung Bremen, Stadtwaage 29.9. -15.12.2002 (in veränderter Form)

Schlagworte:

Person:
Brandt Willy; Walser Martin; Reich-Ranicki Marcel; Möllemann Jürgen; Berlusconi Silvio; Stoiber Edmund; Haider Jörg
Werke:
Mein Jahrhundert; Tod eines Kritikers
Sach:
Aquarell; Aquadichte; Nord-Süd-Konflikt; FAZ; Feuilleton; FDP; Liberalismus; Kolonialismus; Weltinnenpolitik; Weltwirtschaft
Geo:
Italien; Indien; Rom
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
25.06.2002
Sprachen:
deutsch
Kopie:

Länge der Kopie:
00:05:22
Tonträger:
DAT
Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Teilnehmende:

Person:
Kreisselmeier, Philipp (Autor(in))
Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))

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Zitierform:

Kreisselmeier, Philipp:

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