Logo der Günter Grass Stiftung Bremen

Webdatenbank

Medienarchiv

DB-Nummer: 601
10.20379/dbaud-0601

Grass in Jemen : Auf literarischer Mission

Bloch, Werner

Günter Grass war zwölf Tage zu Gast im Jemen. Dort traf er mit arabischen Schriftstellern der Region zu einem Dialog der Kulturen zusammen - unter dem optimistischen Titel "Am Anfang war der Dialog." Günter Grass ist begeistert. In Jemen erlebt der Schriftsteller regelrechte Glücksmomente: "Diese Mischung aus wunderbarer Landschaft und Einöde und dann wieder fruchtbare Täler. Überall Reste alter und erhaltene Kultur. Und dann die Menschen, die Offenheit in den Gesichtern, die Individualität in den Gesichtern, das sind ja alles Dinge gegen unsere Vorstellungen, die wir von den Fundamentalisten übernommen haben - als sei das eine feindliche Masse, als finde ein Kampf der Kulturen statt. Das ist absolut nicht der Fall," schwärmt Grass. Allah und Günter Grass Mit dem Jemen hat sich Grass kein einfaches Land ausgesucht: Das arabische Land zählt zu den zehn ärmsten der Welt. Günter Grass mit seinem Namen für den guten Ruf des Jemen einsetzen. Nicht einfach, denn der Jemen gilt als Operationszentrum des Terrornetzwerkes Al Quaida. Doch Grass will den Austausch. Und so hat man ihn noch nie gesehen: begeistert, geradezu euphorisch, tanzt er in Jemens Hauptstadt Sana'a. "Im Namen Allahs - willkommen sei Günter Grass", tönt es aus einer Moschee. Und wie der allerhöchste Staatsgast wird Grass hofiert und mit allen erdenklichen Ehren überschüttet. Einsatz für die Meinungsfreiheit Doch es gibt einen kleinen Eklat: Der Gastgeber, Staatspräsident Ali Abdallah Saleh, will ihm den höchsten Orden der Republik Jemen an die Brust heften. Doch Grass durchbricht alle Vorschriften des Protokolls. Er fällt dem Staatspräsidenten ins Wort - und setzt sich für einen Autor ein, der den Jemen verlassen hat, weil er sich bedroht fühlt: "Ich weiß, es gibt ein Gerichtsurteil gegen diesen Autor und gegen dieses Buch. Aber, Herr Präsident, Gerichtsurteile sind eine Sache. Die Literatur hat auf Dauer gesehen den längeren Atem." Grass brüskiert seine Gastgeber - und kommt doch mit seiner schonungslosen Offenheit gut an. Als Gast kann er die Dinge aussprechen, die die Künstler vor Ort so nicht sagen können. Der politisch engagierte Schriftsteller spricht aus Erfahrung: "Ich habe das früher in den Ostblockländern erlebt. Wenn ich eingeladen war, habe ich Dinge ausgesprochen, die sie nicht aussprechen konnten. Aber die wurden dann gesagt." Tabuthemen in der Diskussion Doch manche arabische Schriftsteller begreifen das Vorgehen der angereisten deutschen Delegation allerdings als Bevormundung und Schulmeisterei. Drei Tage lang diskutierte Grass mit arabischen Autoren, darunter auch mit bekennenden Islamisten. Als Grass erklärt, man könne sowohl Freund der Araber als auch ein Freund Israels sein, erhebt sich feindliches Zischeln und wütender Protest. Der Anti-Zionismus gehörten zu den festen Riten der arabischen Rhetorik, auch und gerade unter den Intellektuellen. Grass fordert ebenso die Trennung von Kirche und Staat und eine offene Diskussion über Erotik und Sexualität. Er will offen über den Körper diskutieren, über Pornographie und Blasphemie - und stößt auf Widerspruch. So springt die Diskussion hin und her. Und doch: der Dialog gelingt und hat fruchtbare Konsequenzen: Jemenitische und deutsche Schriftsteller werden in kürze einen Austausch beginnen, über das Literarische Kolloquium in Berlin. Rückkehr garantiert Günter Grass möchte wieder in den Jemen zurückkehren - zu einem Kongress über die Probleme wiedervereinigter Länder. Denn auch der Jemen hat 1990 seine Wiedervereinigung erlebt. Bis dahin war er in einen Nord- und einen Südteil gespalten. In mancher Hinsicht, so erklärt man Grass, sei die Einheit dort heute besser verwirklicht als in Deutschland. Eins aber hat sich auf dieser Reise mit Sicherheit gezeigt: der Jemen ist nicht allein der Staat ohne Recht und Gesetz, als der er zuweilen dargestellt wird. Es ist vielmehr ein zauberhaftes, großartiges Reiseland, mit einer alten Kultur, in der Bauwerke geschaffen wurden, die zu den sieben Weltwundern der Antike gehörten. Der Staat Jemen lässt sich nicht auf die Basis für Al Quaida Kämpfer reduzieren. Und Günter Grass will von nun an die Trommel rühren, damit der Westen das Land endlich zur Kenntnis nimmt. Werner Bloch



Urtitel:
Genre/Inhalt:
--
Präsentation:
--
Historischer Kontext:

Vom 10. bis 17. Januar bereiste der Literaturpreisträger aus Deutschland den Jemen. In der Hauptstadt Sana'a nahm er gemeinsam mit seinen jungen Schriftstellerkollegen Judith Hermann, Katrin Röggla und Ingo Schulze sowie einigen Arabisten und Orientalisten an einem deutsch-arabischen Schriftstellertreffen teil. In Tarim eröffnete Grass ein nach ihm benanntes Zentrum zur Förderung der jeminitischen Lehmbauweise. Die Bauweise hat u.a. die weltberühmten, 500 Jahre alten Hochhausbauten aus Lehm in Shibam hervorgebracht.

Aufnahme:

Datum Erstsendung:
26.12.2002
Sprachen:
deutsch
Kopie:

Tonträger:
MC
Teilnehmende:

Person:
Bloch, Werner (Autor(in))
Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))

Zitieren

Zitierform:

Bloch, Werner:

Rechte

Nutzung und Vervielfältigung:
Alle Rechte vorbehalten

Export