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DB-Nummer: 610
10.20379/dbaud-0610

Des Knaben Wunderhorn oder die andere Wahrheit

Brentano, Clemens; von Arnim, Achim; Grass, Günter

"Des Knaben Wunderhorn oder Die andere Wahrheit" - ein literarisch-musikalischer Abend Günter Grass, seine Tochter Helene, Schauspielerin in Zürich, und der Musiker Stephan Meier, Leiter des "Neuen Ensembles" in Hannover, haben unter der Regie von Anna Hartwich (NDR) Texte und Gedichte aus der Sammlung "Des Knaben Wunderhorn" von Clemens Brentano und Achim von Arnim mit Auszügen aus dem "Butt" und Musik zu einem vielschichtigen, reizvollen Programm verwoben. Eine Produktion des NDR. Auszug aus Anselm Weyer: Günter Grass und die Musik: Bei dem von Günter und Helene Grass – später auch von Anna Hartwich – während der „Sommerferien in Dänemark entwickelt[en]“ Programm Des Knaben Wunderhorn oder Die andere Wahrheit wird Günter Grass bei seinen Rezitationen zu Musik nun auch von seiner Tochter, der Schauspielerin Helene, unterstützt, musikalisch begeleitet von Stephan Meier. Die am 28. Juni 1974 „nach einer Kaiserschnittoperation aus prekärer Steißlage (und in Gegenwart des Vaters) in Hamburg“ geborene Helene Grass ist an der Otto-Falckenberg-Schule in München ausgebildete Schauspielerin. Nach einem ersten Engagement am Staatstheater Braunschweig, mit Rollen etwa in Lessings Minna von Barnhelm, ist sie von 1999 bis 2003 festes Ensemblemitglied des Theaters Neumarkt in Zürich. Des weiteren war sie bei zahlreichen Lesungen im Radio zu hören: Helene Grass besitzt eine jener Hörspielstimmen, die flüchtige Zuhörer zu andächtigen Lauschern werden lässt. […] Für den RBB liest sie immer mal wieder den „Ohrenbären“, die literarische Sendung für Kinder, „weil ich ihn früher gern gehört habe“. Auf CD im Handel zu erwerben ist etwa das Goethe-Programm West-östlicher Divan, die Inszenierung des Briefwechsels zwischen Lotte Lenya und Kurt Weill Ohne dich macht mir überhaupt nichts Spaß sowie das Erich-Kästner-Programm Es gibt nichts Gutes außer man tut es. Bei diesen drei Projekten, besonders natürlich bei der Lenya/Weill-Lesung, übernimmt die Musik eine nicht unerhebliche Rolle. Auch in Film und Fernsehen ist Helene Grass zu sehen. Bereits 1995 spielte Helene Grass in Bernd Eichingers Neuverfilmung von Das Mädchen Rosemarie, 1997 wirkte sie nach anfänglichem Zögern als „Lichtblick im Lichtspiel“ in der Rolle der Katja in Martin Buchhorns Verfilmung des Grass-Romans Die Rättin mit. Stephan Meier ist gebürtiger Lübecker und studierte Schlagzeug und Klavier in Hannover und Den Haag. Ebenso wie Günter Baby Sommer jedoch erweiterte er sein Instrumentarium, etwa um eine Singende Säge, das javanische Gamelan und das indische Tabla. Diese Vielfalt bringt er auch in das gemeinsame Programm ein, das die zu der Zeit 28 Jahre alte Schauspielerin am 30. Januar 2003 im Kleinen Sendesaal des NDR-Funkhauses Hannover erstmals zusammen mit ihrem 75-jährigen Vater und Stephan Meier öffentlich vorträgt. Ein Programm über Des Knaben Wunderhorn im Duo vorzutragen, erscheint sinnig, denn der Dialog von Liebenden ist eine Grundform im Volkslied, deshalb kann man Volkslieder wie dies aus „Des Knaben Wunderhorn“ besser zu zweit vortragen als allein. Sind die Vortragenden Vater und Tochter, dann wirkt das zugleich befremdlich, jedenfalls für den, der nicht davon absieht, dass es sich um Vater und Tochter handelt. Der Zeitpunkt für die familiäre Zusammenarbeit ist anscheinend wohlbedacht, jedenfalls sagt der Vater im Interview: Wissen Sie, als sie vor zwei Jahren aus der Schauspielschule raus war, hätte ich das noch nicht machen wollen. Aber jetzt ist sie gefestigt und auch selbstbewusster in ihrem Beruf – jetzt geht das. Ähnlich klingt das aus dem Munde seines zweitjüngsten Kindes: Vor fünf Jahren hätte dieses Projekt noch nicht stattfinden können. „Das hat schon Zeit gebraucht“, sagt Helene Grass. Angst vor dem großen Schatten des Vaters? „Ich empfinde meinen Vater nicht als Schatten. Da gibt es nichts, an das man sich heran- oder woran man sich abarbeiten musste“, widerspricht sie der Vermutung. Jetzt sei eben genau der richtige Zeitpunkt. „Es überwog einfach die Lust, etwas zusammen zu machen und sich nicht um die anderen zu scheren.“ Somit stand dem Auftritt „im Glanz der Tochter, deren Zurückhaltung er war“ , nichts im Wege, bei der Vater und Tochter Grass rege Freude an inzestuösen Anspielungen ausleben konnten. An anderer Stelle entstand „Heiterkeit im Saale, als im Hin und Her der Neckereien die Rede nicht mehr von Krebsleinschrittlein ist, sondern Grass von seiner Tochter fordert: ‚Mußt du deine Mutter geben/ Als Jungfrau mir zum Weibe’“ . Doch die familiären Bande der Ausführenden stehen nicht im Mittelpunkt des Werkes. Der Pressetext des NDR beschreibt die laut Kritik „pädagogisch wertvolle Einführung in die Entstehung der Liedsammlung, gefällig zu hören und zu sehen“ : „Und ich muß nun schreiben und schreiben.“ – Im Schlußsatz des Kapitels "Die andere Wahrheit" seines Romans „Der Butt“ stellt sich Günter Grass explizit in die Tradition der deutschen Romantiker um Clemens Brentano und Achim von Arnim. Sie waren es, die das Vorhaben, ein „wohlfeiles Volksliederbuch“ zu sammeln und herauszugeben, Anfang des 19. Jahrhunderts über Jahre hin betrieben und für die deutsche Literatur einen Schatz hoben, der sich in vielerlei Formen weiter entwickelte. Vor allem in der Musik, im Volks- wie im Kunstlied kann man seine Spur bis heute verfolgen. In „Die andere Wahrheit“ treffen sich die Romantiker um Arnim und Brentano, um den zweiten Band des „Wunderhorn“ zu debattieren. In vielen Briefen aus der Zeit um 1806 bis 1808 setzen sich die Herausgeber der Sammlung selbst auseinander. Günter Grass, der Nobelpreisträger des Jahres 2001 [sic!], seine Tochter Helene, Schauspielerin in Zürich[,] und der Musiker Stephan Meier, Leiter des „Neuen Ensembles“ in Hannover, haben diese Texte aus verschiedenen Epochen sowie zahlreiche Gedichte aus dem „Wunderhorn“ mit viel Musik zu einem vielschichtigen, reizvollen Abend verwoben. Nach der Premiere folgen zahlreiche andere Aufführungen dieses Abends. Am 14. April 2003 präsentierte das Trio das Programm in der Musikhochschule zu Lübeck, und am 25. sowie 26. Juni 2003 gastieren sie im Theater Neumarkt. Letzteres ist natürlich nur halb Gastspiel zu nennen, ist doch Helene Grass dort Ensemblemitglied. Am 22. September 2003 spielen sie zum Abschluss des Dritten internationalen Literaturfestivals im Berliner Ensemble, wo auch die Aufnahme entstand, die seit Ende 2004 auf zwei CDs zu hören ist. Tags darauf, am 23. September 2003, gastieren sie im Hamburger Thalia-Theater. Im folgenden Jahr spielen sie unter anderem im Kölner Schauspielhaus, 2. März 2004, und am 5. März 2004 im Schauspielhaus des Staatstheaters Stuttgart. Anlässlich der Uraufführung der Oper Das Treffen in Telgte von Eckehard Mayer ist Des Knaben Wunderhorn oder Die andere Wahrheit am 7. März im Dortmunder Opernhaus, tags darauf, 8. März, im Bochumer Schauspielhaus, der Vater stets „in klassischer Lesepose am Vortragspult stehend, hinweg über ein Glas Wein (für sich) und ein Glas Wasser (für sie) und auch etwas hinauf, sie ist nämlich einen blonden Kopf größer als er“ . Wieder spielt die Musik eine Hauptrolle, und für manche ist „Stephan Meier […] die größte Entdeckung dieses Abends. Wie fein und originell er Stimmungen trifft, ohne die Vergangenheit zu beschwören, ist ein Genuss“ . „Die dritte Erzählstimme“ nennt Helene Grass die Interpretationen des Hannoveraners Stephan Meier. Seine Kompositionen haben nichts mit den bekannten Kunstliedvertonungen von Mahler gemein – Meier schwört wie seine beiden Sprecher aufs Einfache, „weil wir das einfachste Lied, das Volkslied zeigen wollen“, so [Helene] Grass . Bei der Aufführung sieht dies dann so aus: Vor dem blauen Bühnenhintergrund stehen zwei Pulte. Vor einem großen chinesischen Gong – ein sonderbarer Vertreter der symphonischen Spätromantik? – ist des Knaben Instrumentalkiste ausgeleert: Trommel, Pfeife Drehleier, Maultrommel, Mundharmonika, Akkordeon und eine große Lyra vom Dschingerassabum. Daraus bedient sich der musikalische Zeremonienmeister Stephan Meier. Er lässt Motivfetzen in die Texte hinein wehen. War das aus „Bald gras ich am Neckar“? Das klang nach „Die Gedanken sind frei“. Oder nach „Wenn ich ein Vöglein wär“. Die Musik setzt also die Texte in verschiedene Liedkontexte und zieht dadurch ein beträchtliches Maß Aufmerksamkeit auf sich: Das eigentliche Spektakel aber spielt sich am rechten Rand der Bühne ab, wo Stephan Meier die Volksliedweisen mit einem Sammelsurium europäischer und außereuropäischer Instrumente in den Vortrag der Grassens hineinsummt, -drehleiert, -gongt und –trommelt; am besten alles zugleich. Dafür ernennt ihn das begeisterte Publikum zum Ehren-Grass. Intro 0:14 Vorspiel 3:47 An den Meistbietenden gegen gleich baare Bezahlung 3:16 Das vierte Gebot 1:19 Wenn die Kinder ihre heiße Suppe rühren 2:46 Ammen-Uhr 3:55 Des Antonius von Padua Fischpredigt 0:40 Tanzreime 1:32 Wenn ich ein Vöglein war 4:07 Lied des Verfolgten im Thurm 3:22 Großmutters Schlangenköchin 2:29 Die widerspenstige Braut 2:56 Kerbholz und Knotenstock 2:18 Die andere Wahrheit 5:34 Schnützelputz-Häusel 2:36 Verspätung 4:06 Das Mädchen und die Hasel Gesamtspielzeit 46:22 Die andere Wahrheit (Fortsetzung) 6:24 Erdtoffeln mit Rippenstückchen 4:16 Laß rauschen Lieb, laß rauschen 5:30 Ehestand der Freude 3:13 Kriegslied gegen Karl V. 1:07 Keuzlein 3:10 Kinderpredigt 0:32 Das bucklige Männlein 6:30 Der beständige Freyer 2:14 Erndtelied 3:02 Kehraus mit Pastorale 2:12 Annchen von Tharau 3:16 Räthsel um Räthsel 2:16 Gesamtspielzeit 43:51



Urtitel:
Des Knaben Wunderhorn oder die andere Wahrheit
Anfang/Ende:
(BEIFALL, Musik) Lieber Schatz. Wohl…um deines herum. (Musik, BEIFALL)
Genre/Inhalt:
Literatur
Präsentation:
Adaption
Historischer Kontext:

1805 veröffentlichten Clemens Brentano und Achim von Arnim "Des Knaben Wunderhorn", eine Sammlung "alter deutscher Lieder". Die Romantiker sahen die Volkslieder als etwas Bewahrenswertes an. Günter Grass, seine Tochter Helene und der Musiker Stephan Meier haben eine spannende und unterhaltsame Revue über die Entstehungsgeschichte der Volksliedsammlung geschaffen. Nachzulesen sind alle Texte im beiliegenden Booklet.

Schlagworte:

Person:
Arnim Achim von; Arnim Bettina von; Brentano Clemens; Runge Otto Philipp; Brentano Bettina
Werke:
Der Butt; Die andere Wahrheit
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
22.09.2003
Datumszusatz:
Am 30.1.2003 im Funkhaus Hannover uraufgeführt.
Aufnahmeort:
Berlin, Berliner Ensemble
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Stereo
Original:

Originallänge:
03:20:00
Original-Tonträger:
CD
Kopie:

Länge der Kopie:
01:33:30
Tonträger:
CD
Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Herkunft:

Sender / Institution:
Hessischer Rundfunk (HR)
Produktionsnummer:
ISBN: 3-86521-501-7
Teilnehmende:

Person:
Brentano, Clemens (Autor(in))
Person:
von Arnim, Achim (Autor(in))
Person:
Grass, Günter (Autor(in))
Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))
Person:
Grass, Helene (Vorredner(in))
Person:
Meier, Stephan (Beitragende(r))

Zitieren

Zitierform:

Brentano, Clemens / von Arnim, Achim / Grass, Günter: Des Knaben Wunderhorn oder die andere Wahrheit. Berlin, Berliner Ensemble .

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