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DB-Nummer: 652

Ballett: die ruhelose Kunst

Grass, Günter; Geitel, Klaus

Einführung in die Geschichte des Balletts. Am Ende ein Interview von Klaus Geitel mit Günter Grass über seine Arbeit als Librettist von bisher zwei Balletten. Die Vogelscheuchen sind bislang nicht aufgeführt.



Urtitel:
Ballett: die ruhelose Kunst F: 1
Genre/Inhalt:
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Präsentation:
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Historischer Kontext:

Die ganze Welt ist Musik Der Großkritiker als Zeitzeuge: Zum 80. Geburtstag von Klaus Geitel von Eckhard Fuhr Feuilletonchefs können sich nicht immer davor drücken, Grundsätzliches über das Feuilleton zu sagen. Wechselnde Chefredakteure wollen blattmacherische Visionen, die Kulturkritik beginnt an sich selbst zu kauen, wenn sie sonst nichts zu beißen hat, die Verteilungskämpfe um den Honorar- und Reiseetat sind regelmäßig verbunden mit fundamentalistischem Kampfgeschrei zwischen Feuilleton-Weltanschauungen - wie viel "Rezensionsfeuilleton", wie viel "Debattenfeuilleton" soll sein? - und dann gibt es auch noch Konferenzen über die Zukunft des Feuilletons. Bei all diesen Anlässen hebt der Feuilletonchef üblicherweise zu einem Räsonnement an, das schnell ins Ungefähre führt und sich hart am Fragwürdigkeits-Abgrund der eigenen professionellen Existenz bewegt. Den traurigen Mut zu solchem Tun bringt der Feuilleton-Chef auf, weil er weiß, dass es Leute gibt, die vollkommen unberührt vom Ausgang solcher Erörterungen Feuilleton machen. Klaus Geitel ist so einer. Er ist einer der Großen des Kultur-Journalismus alter Prägung. Er setzt seine Kennerschaft und seinen Enthusiasmus für Musik und Tanz und vieles darüber hinaus als Katalysator ein, der die Begegnung zwischen Künstler und Publikum intensiviert, ja die Wärme und Licht erzeugende kulturelle Reaktion erst möglich macht. In aller Bescheidenheit füllt er diese Schlüsselposition aus. Wer wissen will, wie Leser an ein Blatt "gebunden" werden und wie ein Blatt erkennbar bleibt über die Umbrüche in der Zeitungsbranche hinweg, der muss sich die journalistische Lebensleistung eines Mannes wie Klaus Geitel anschauen. Über Jahrzehnte hin war er die musikkritische Stimme der WELT und der "Berliner Morgenpost". Und auch jetzt, da mit seinem 80. Geburtstag so etwas Ähnliches wie Ruhestand eintreten soll, wird seine Stimme nicht gänzlich verstummen. Aber etwas weniger in die Pflicht genommen darf sich der Pflichtmensch Geitel fühlen. Klaus Geitel als Vorbild zu preisen hat natürlich etwas Vermessenes. Nicht weil er irgend eine Art von "Übergröße" erreicht hätte, sondern weil er aus einem biografischen Holz geschnitzt ist, das heute nicht mehr wächst. Er ist ein Preuße mit einem abenteuerlichen Herzen, ein Bürger und ein Bohemien, ein Weltenbummler zwischen Karlshorst und Wilmersdorf. Dazwischen war Krieg, da trug er, ein Foto zeugt davon, ein Gewehr und zwei Handgranaten im Gürtel. Als er heim kam, sang er vor dem Fenster, bis seine Mutter ihn erkannte. 1950 schon war er in Paris als einer der ersten deutschen Nachkriegsstudenten an der Sorbonne. Bei allen philologischen und kunsthistorischen Studien, die er dort und in Berlin und Halle trieb, war von Kindheit an die Musik die Leidenschaft seines Lebens. Und sie wurde ihm, nach Jahren der Liebhaberei, schließlich auch zu Profession. Ein Schlüsseljahr muss 1958 gewesen sein. Da begann die Tätigkeit für die WELT, in dieses Jahr fiel aber auch die Begegnung mit Krzyszstof Penderecki in Warschau. Seitdem knüpfte Geitel im Netzwerk des europäischen Kulturlebens Knoten um Knoten. Seine Texte leben aus dem täglichen persönlichen Umgang mit den Künstlern. Journalistisch kommt Geitel aus einer Zeit, als noch nicht Pressestellen und PR-Agenturen das Feld beherrschten. Die Liste derer, die er kannte, mit denen er befreundet war, ist Ehrfurcht gebietend. Wer hat schon in Luchino Viscontis römischem Palazzo Polenta gegessen, mit Hans-Werner Henze und Ingeborg Bachmann Sommernachmittage verplaudert? Die Begegnung mit dem jungen Günter Grass 1959 in Essen - sie hatten etwas Zeit vor der Premiere eines Balletts von Aribert Reimann und plauderten in einer Kneipe - ließ Geitel auch zur literarischen Figur werden, als "Kläuschen Geitel" in den "Hundejahren". Immer wieder hat Klaus Geitel aus dem Schatz solcher Begegnungen geschöpft. Er hat viele Geschichten über sich erzählt. Jetzt wartet das Publikum, jetzt warten auch die Kollegen darauf, dass aus "Geitels Geschichten" Geitels Geschichte werde. Er arbeitet daran, hört man. (Artikel erschienen in Die Welt am Sa, 14. August 2004)

Schlagworte:

Person:
Geitel Klaus; Grass Anna; Reimann Aribert; Luipart Marcel
Werke:
Hundejahre; Die Gans und die fünf Köche; Stoffreste; Fünf Köche; Die Vogelscheuchen
Sach:
politisches Ballett; Tanz; Libretto; Frau und Kinder
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
07.04.1969
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Mono
Original:

Originallänge:
00:28:39
Analog/Digital:
reformatted digital
Original-Tonträger:
Band
Datenformat:
nicht zutreffend
Kopie:

Tonträger:
VHS
Herkunft:

Sender / Institution:
Hessischer Rundfunk (HR)
Sendereihe:
Ballett: die ruhelose Kunst
Archivnummer:
1024752
Produktionsnummer:
1024752
Teilnehmende:

Person:
Geitel, Klaus (Interviewpartner)
Person:
Grass, Günter (Autor(in))
Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))
Person:
Hellwig, Horst (Regie)
Person:
Hagen, Rainer (Redaktion)
Person:
Geitel, Klaus (Autor(in))

Zitieren

Zitierform:

Grass, Günter / Geitel, Klaus: Ballett: die ruhelose Kunst F: 1.

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