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DB-Nummer: 736

Schriftstellerdemonstration gegen Raketenstationierung



Urtitel:
Tagesschau: Schriftstellerdemonstration gegen Raketenstationierung
Genre/Inhalt:
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Präsentation:
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Historischer Kontext:

Marsch auf Bonn Im Kampf gegen die Stationierung von Mittelstreckenraketen sorgte die Friedensbewegung vor 20 Jahren für Schlagzeilen Was waren das für Zeiten! 22. Oktober 1983. Das verträumte Bonn am Rhein, vom wirklichen Leben abgeschotteter Sitz der Politeliten, wird in einem Friedensfeldzug genommen. Über eine halbe Million Menschen aus allen Teilen der Bundesrepublik waren mit 50 Sonderzügen und unzähligen Bussen in die westdeutsche Verlegenheitshauptstadt gekommen und strapazierten die Hofgartenwiese wie die Nerven der Regierung Helmut Kohl. Weil der Hofgarten sich als zu klein erwies, wurde die mächtigste Kundgebung in der Geschichte der Bundesrepublik über Lautsprecher in die gesamte Bonner Innenstadt übertragen. Das Ereignis war der Höhepunkt einer Aktionswoche, an der sich rund drei Millionen Menschen beteiligt hatten, und wurde begleitet von einer knapp 100 Kilometer langen Menschenkette von Stuttgart bis Neu-Ulm. Auslöser dieser Proteste bisher ungekannten Ausmaßes war der sogenannte NATO-Doppelbeschluß von 1979. Der damalige SPD-Bundeskanzler Helmut Schmidt hatte bereits 1977 ost-westliche Rüstungsungleichgewichte ausgemacht und damit »das Argument des Militärs und der Industrie von einer ›Abschreckungslücke‹ (respektive Marktlücke für neue Waffen) bestätigt« (Der Spiegel). Der Kern des »Doppelbeschlusses« bestand in der Stationierung von 572 bodengestützten atomaren Mittelstreckenraketen in Westeuropa, einen Großteil davon in der BRD. Der zweite Teil und Namensgeber der NATO-Entscheidung bildete den doppelten Boden: Es handelte sich um ein Angebot an die Sowjetunion, in Genf über die Raketen zu verhandeln und – abhängig vom Ergebnis – gegebenenfalls auf die Stationierung zu verzichten. Diese Scheinverhandlungen charakterisierte Der Spiegel im November 1983 treffend mit der Bemerkung, daß das Pentagon stärker daran interessiert sei, seine eigenen Waffen in Europa aufzustellen, als die sowjetischen Waffen zu reduzieren. In der Bundesrepublik fand sich jedoch neben Kanzler Helmut Schmidt und seinem Nachfolger Helmut Kohl nur eine Minderheit von Leuten, die Lust verspürte, auf einem atomaren Pulverfaß zu sitzen. Die abstruse Logik der angeblich unvermeidlichen »Nach«rüstung, also das Schaffen der Möglichkeit, die Welt nicht zehn-, sondern elfmal in atomare Asche zu verwandeln, entzog sich immer mehr dem Verständnis der Bevölkerung. Den Ruf »Die Russen kommen«, glaubte kaum noch wer. Es war auch die hohe Zeit der Grünen, bei denen Friedenskämpfer sogar in der Führung noch die Mehrheit stellten. Daran ändert auch die Tatsache nichts, daß Joseph Fischer als Bundestagsabgeordneter schon damals die SPD anbaggerte, um dereinst mit ihr zusammen wieder Kriege von deutschem Boden aus zu führen. Doch 1983 hieß der SPD-Chef noch Willy Brandt und war einer der offiziellen Redner auf der Hofgarten-Demo. Zwar lavierte er und weigerte sich, die vom Koordinationsausschuß der Friedensbewegung vorgegebene Formulierung »ein Nein ohne Wenn und Aber« zur Raketenstationierung auszusprechen. Aber ein »Nein zu immer neuen Atomraketen« kam denn doch über seine Lippen. Damit kippte die Stimmung sogar in der SPD-Bundestagsfraktion, die Befürworter des NATO-Raketenbeschlusses gerieten in die Minderheit, und im November votierte ein SPD-Sonderparteitag klar dagegen. »Was passiert denn nun mit uns, wenn die Mehrheit in der SPD gegen die Stationierung ist«, fragte der Bundestagsabgeordnete und Rüstungsanhänger Manfred Schulte aus Unna. Worauf ein als links geltender Fraktionskollege namens Gerhard Schröder antwortete: »Sicherlich werden wir mit ihnen konzilianter umgehen als die bisher mit uns.« Wie sich die Zeiten ändern. Neben anderen Intellektuellen - Architekten, Ärzten, Richtern und Staatsanwälten - fühlten sich Schriftsteller für den Frieden verantwortlich. Heinrich Böll sprach im Hofgarten, Bernt Engelmann, der Vorsitzende des Schriftstellerverbandes, demonstrierte in Mutlangen, einem Stationierungsort. Günter Grass erklärte: »Sollte es also zur Aufstellung von Mittelstreckenraketen auf deutschem Boden kommen, kann nur noch Widerstand helfen.« Es gab Widerstand, massenhaft und ungeachtet des permanenten Vorwurfs, »moskaugesteuert« zu sein. Millionen unterschrieben den Krefelder Appell gegen die Raketenstationierung. Zwei Drittel der Bundesbürger kritisierten in Umfragen die atomare Hochrüstung, Millionen engagierten sich in rund 4000 Friedensgruppen. Zwar wurden die Raketen trotzdem stationiert - in einer bürgerlichen Demokratie entscheidet nun mal nicht die Mehrheit -, doch Grass hat recht behalten: Geholfen hat der Widerstand: Die SPD mußte sich bewegen, und vier Jahre später verschwanden die Raketen wieder.

Schlagworte:

Person:
Böll Heinrich
Sach:
Proteste; Aufrüstung; Stationierung
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
17.12.1983
Sprachen:
deutsch
Original:

Originallänge:
00:13:52
Herkunft:

Sender / Institution:
Norddeutscher Rundfunk (NDR)
Archivnummer:
0171283
Teilnehmende:

Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))

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Zitierform:

Tagesschau: Schriftstellerdemonstration gegen Raketenstationierung.

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