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DB-Nummer: 778

Fußball oder Literatur? : Lesung am Millerntor beim F.C. St. Pauli Hamburg

Günter Grass beim FC St. Pauli Kunst-Kick auf weitem Feld Von Daniel Haas Deutschlands Literatur-Libero und Hamburgs FC St. Pauli - was für eine Mannschaft! Der legendäre Kiez-Verein bat Nobelpreisträger Grass zur Lesung ins Millerntorstadion und bescherte seinen Fans zwei herrlich literarische Halbzeiten. AP Nobelpreisträger Grass: Sportlich durch zwei literarische Halbzeiten Am Ende kriegt er einen Fan-Schal umgehängt und man weiß nicht mehr so genau, wer hier wem die Reverenz erweist: der Club dem Nobelpreisträger oder umgekehrt. Günter Grass hatte im Hamburger Millerntorstadion gelesen, zweimal 45 Minuten lang, inklusive Verlängerung (drei Gedichte) - für den Dichter ein Heimspiel und für den FC St. Pauli sowieso. Kein anderer Club hat derart treue Fans, man übt sich in der Kunst des Aufstiegs, wo man doch eigentlich Absturzvirtuose ist: Binnen nur drei Spielzeiten kickte sich der Kiez-Verein von der Bundesliga an den Oberliga-Abgrund. Deshalb musste der Dichter ran. St.-Pauli-Präsident Corny Littmann, Chef der berühmten Reeperbahn-Bühne "Schmidt's Tivoli", und seine Mannschaft dribbeln nicht das erste Mal geschickt zwischen Kunst und Kommerz, um den Club vor der Katastrophe zu bewahren. Legendär die Retter-Aktion, als der Verkauf bedruckter T-Shirts das finanzielle Aus verhindern konnte. Und jetzt Grass, der Libero der deutschen Autoren, ein Stürmer, ein Mahner im politischen Strafraum, auf kleiner, aber eindrucksvoll ins Grün platzierter Bühne, lesend aus dem Erzählband "Mein Jahrhundert". Den Fan-Schal gab es also nicht umsonst, zwei Halbzeiten lang musste der Dichterfürst aufspielen. Er tat es gern, las enthusiastisch-souverän, Dialekte imitierend, Lieder anstimmend, mal raunend, mal deklamierend. Ganz klar, er ist literarisch der erste Mann am Platz, auch wenn die "Mein Jahrhundert"-Texte ein wenig das Fluidum der Geschichtsstunde verströmten. Das Publikum - rund 1000 waren gekommen - war jung, die Generation Grass unterrepräsentiert. Die Anmerkung von Stadionsprecher Rainer Wulf bei der Begrüßung, er habe als Pennäler die "Blechtrommel" lesen dürfen, erntete einen verhaltenen Lacher - der Grass'sche Großroman, wer weiß es nicht aus Schulzeiten, ist kein postmodernes Lektürehäppchen, sondern, fußballfern gesprochen, großes Tennis. Historisches also, für die Generation Golf allemal, aber mit wunderbarer Verve intoniert. Während der ersten Halbzeit durchmaß der 76-Jährige das weite Feld der Jahre 1903 bis 1930; sportlich nicht nur der Duktus des Lesenden, sondern auch die Themen: Von der Altonaer Fußball-WM zu Beginn des Jahrhunderts übers Berliner Sechs-Tage Rennen anno 1909 bis zu den legendären Fights von Max Schmeling führte der Leseparcours. Sichtlich von der eigenen Rolle amüsiert, pfiff der Meister nach rund 45 Minuten ab, kurze Pause, dann weiter im Spiel. Littmann bat schuldirektorenhaft die Literatur-Eleven zur Fortsetzung der Lesestunde ("Kommt ihr bitte, wir machen weiter"), und dann folgte ein warmgelaufener Grass mit allem, was erzählerischer Realismus zu bieten hat: Spannende Szenen (WM-Finale '54), tolle Porträts (die Dassler-Brüder im Clinch), wechselnde Perspektiven (Kanzlerspion Guillaume in schizoider Zerrissenheit), subtile Kritik (ein Deutsche-Bank-Vorstand verkommt zum Punk) und viel Humor. REUTERS Tanzfan Grass: Gute Worte für Hamburgs liebsten Absteiger Zum Schluss des Lese-Matches drei Gedichte; das Finale bildete der "Tango Nocturno" aus der späten Gedichtsammlung "Letzte Tänze". Standing Ovations waren Pflicht und Ehrensache, vom Zirkuszelt am Nebenplatz wehte sinnigerweise "We Are the Champions" heran - ein Omen vielleicht, denn, so weiß der Pauli-Fan, die Hoffnung stirbt zuletzt. Nein, sie habe noch kein Buch von ihm gelesen, aber die Verfilmung der "Blechtrommel" gesehen, erklärt eine Studentin, das frisch signierte Paperback unterm Arm. Aber fasziniert sei sie gewesen, angeregt für weitere Lektüre. In der Warteschlange hoch zum Podest, wo der Autor geduldig Werke signierte, war sie dann - nach Abwanderung einiger Thirtysomethings - wieder paritätisch vertreten: die Generation Grass und die Generation Golf, die hippen Szene-Girls und die hanseatischen Bildungsbürger, die Totenkopf-Shirt gewandten Alt-Fans und die Neuzugänge in edlem Tweed. Der Autor selbst, nicht nur Wortkünstler, sondern auch Medienroutinier, begab sich nach getaner Signierarbeit gelassen aufs Arte-Podest zum Interview. Die Moderatorin besprach die Garderobe: Passt mein Schal farblich? Wie gut, dass man den Dichter dieses Problems gleich zu Beginn enthoben hatte.



Urtitel:
Kulturjournal: Lesung am Millerntor beim F.C. St. Pauli Hamburg
Anfang/Ende:
(Trailer, Anmoderation) Es ist ein…Seiten ein bißchen, ne. (Trailer)
Genre/Inhalt:
Kultur
Präsentation:
Feature
Historischer Kontext:

Nachdenkliche Worte wie ein Treffer ins Toreck Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass wird bei seiner Lesung im Millerntorstadion gefeiert und verzichtet auf Gage - "In der nächsten Saison tauche ich auch bei einem Spiel auf" von Carsten Germann Mit braun-weißem Schal um die Schultern saß Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass (76) im Presseraum des FC St. Pauli und zündete sich genüsslich seine Pfeife an. In den 90 Minuten zuvor hatte der Schriftsteller einen ungewöhnlichen Auftritt. Beim Kultursommer des Nord-Regionalligisten FC St. Pauli, einer abwechslungsreichen Melange aus Fußball, Kunst und Kultur, hatte Grass rund 1000 Fußball- und Literaturfans auf der Haupttribüne des Millerntorstadions mit seinen Texten begeistert. Es gab stehende Ovationen. Die Fans, die zum Teil im Fußball-Outfit erschienen waren, durften vorab zu Recht gespannt sein: Eine Autorenlesung in einem Fußballstadion hatte es hier zu Lande zuvor noch nicht gegeben. "Dies ist ein großer Tag für den FC St. Pauli und ein einzigartiges Ereignis in der deutschen Fußballgeschichte", stellte Pauli-Präsident Corny Littmann in einer kurzen Eröffnungsrede fest. Günter Grass hatte seinen Zuhörern insgesamt 14 ausgewählte Kurzgeschichten aus seinem 1999 erschienenen Buch "Mein Jahrhundert" mitgebracht. Im selben Jahr wurde Grass, bekennender Fan des SC Freiburg, mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. "Die vorgetragenen Texte habe ich ausgewählt, weil sie auch mit Sport und insbesondere mit dem Fußball zu tun haben", erläuterte Grass später. Seine Stimme ölte er abwechselnd mit australischem Rotwein und Mineralwasser, trug amüsante, aber auch nachdenkliche Episoden aus dem zurückliegenden Jahrhundert vor. Dazu gehörte etwa die fiktive Schilderung einer Radioübertragung der Olympischen Spiele in Berlin 1936 im NS-Straflager Sachsenhausen. Auch die Begeisterung von Schriftstellerkollegen wie Bertolt Brecht oder Friedrich Dürrenmatt für Box-Idol Max Schmeling wurde satirisch abgehandelt. Unmittelbaren Fußball-Bezug hatten drei der Kurzgeschichten. Grass schreibt bewundernd über das erste Finale um die deutsche Fußballmeisterschaft zwischen Leipzig und Prag im Jahr 1903 in Hamburg. "Von da an", stellte Grass zur Erheiterung seiner Zuhörer fest, ,,ging es mit dem deutschen Fußball nur noch bergauf." In einer anderen Episode setzte sich Grass teils kritisch, teils ironisch mit der 1954 urplötzlich über die "Helden von Bern" hereingebrochenen Kommerzialisierung auseinander. Die von Fritz Walter ausgeschlagene Millionen-Offerte von Atlético Madrid kommentierte der Erzähler so: ,,Der Mann mit dem Geldkoffer reiste wieder ab. Fritz Walter wollte in der Pfalz König sein. Dort und nur dort." Ungewöhnlich schildert Grass die Fußball-Weltmeisterschaft 1974 in Deutschland - aus der Sicht des wenige Wochen zuvor enttarnten DDR-Spions Günter Guillaume. Der inhaftierte Ex-Referent von Bundeskanzler Willy Brandt verfolgt in seiner Zelle den Fußball-Bruderkampf der Bundesrepublik gegen die DDR im Hamburger Volksparkstadion. "Mir ging es auch darum, in diesen Geschichten die Verquickung von Sport, Kommerz und Politik aufzuzeigen", beschrieb Grass seine Textauswahl. So sollte die vorgetragene Geschichte über Armin Hary, 1960 in Rom Olympiasieger über 100 Meter ,,darstellen, wie der Sprinter zwischen die Mühlsteine mächtiger Ausrüsterfirmen geriet und regelrecht kaputt gemacht wurde". In der "Nachspielzeit" trug er dann noch drei Gedichte aus seinem aktuellen Werk "Letzte Tänze" vor. Seine simple Begründung: "Das Tanzen ist die einzige sportliche Disziplin, die ich wirklich beherrsche." Angesprochen auf den aktuellen Zustand von Fußball und Literatur in Deutschland befand Grass knapp: "Beide dümpeln etwas vor sich hin." Laut eigenen Angaben konnte der FC St. Pauli Günter Grass für seinen Kultursommer "Die Kunst des Aufstiegs" unentgeltlich gewinnen - nicht nur wegen der Fußball-Leidenschaft des Schriftstellers. Stattdessen konnten die Besucher Grass' Werke und auch aktuelle Fußball-Literatur in der "Halbzeitpause" hinter der Tribüne erwerben. "Die Idee, Günter Grass für eine derartige Veranstaltung zu gewinnen, erschien anfangs absolut utopisch", unterstrich Corny Littmann, "aber weil sein Sohn Bruno ein Fan des FC St. Pauli ist, konnte er seinen Vater schließlich überreden. Das macht uns sehr stolz." Günter Grass betonte, dass ihm beim FC St. Pauli "vor allem die ironische Schlagfertigkeit und die Leidensfähigkeit der Fans" imponieren. "In der kommenden Saison werde ich auch einmal bei einem Spiel am Millerntor auftauchen," versprach Grass, der in der Nähe von Lübeck lebt und für Freiburgs georgischen Mittelfeldstar Alexander Iashvili schwärmt. Für die bevorstehende Europameisterschaft in Portugal setzt der Erfolgsautor ausnahmsweise nicht auf die von ihm so geliebten "Underdogs", sondern vertraut diesmal auf die Fußball-Künste der favorisierten Gastgeber: "Die Portugiesen schaffen das." (Artikel erschienen in Die Welt am 8. Juni 2004)

Schlagworte:

Werke:
Mein Jahrhundert; Nächtliches Stadion; Letzte Tänze; Früh gelernt
Sach:
Sport; Fußball; St. Pauli; Bundesliga; Benefiz
Geo:
St. Pauli
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
06.06.2004
Datum Erstsendung:
07.06.2004
Aufnahmeort:
Hamburg, Millerntor-Stadion
Sprachen:
deutsch
Anmerkung Qualität:
schlechte Ton-Qualtät, permantes Surren
Original:

Originallänge:
00:03:45
Analog/Digital:
reformatted digital
Original-Tonträger:
VHS
Datenformat:
nicht zutreffend
Kopie:

Länge der Kopie:
00:03:44
Tonträger:
DVD
Datenformat Sichtung:
MPEG 1
Datenformat Archiv:
nicht zutreffend
Herkunft:

Sender / Institution:
Radio Bremen (RB)
Sendereihe:
Kulturjournal
Teilnehmende:

Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))
Person:
Miosga, Carmen (Vorredner(in))

Zitieren

Zitierform:

Kulturjournal: Lesung am Millerntor beim F.C. St. Pauli Hamburg. Hamburg, Millerntor-Stadion .

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